Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 1 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Rede am Grabe eines Jünglings. Des einzigen Kindes seiner Ettern. (beehrte Trauerversammlnng! Werthe Leidtragende! Es ist ein Schicksal schlimmer fast als der Tod, wenn unserem Leben Ziel und Inhalt geraubt wird, wenn unserer Arbeit der Sporn, die treibende Kraft fehlt, wenn wir arbeiten und nicht nnssen, für wen wir schassen und uns miihen. Da ist es, als sei die Seele, die Wärme des Lebens aus unseren (Gliedern entflohen, als führten wir nur ein Dasein des Scheins und wandelten dahin wie Schatten und Schemen. Was ist der Falter, wenn der Blüthenschmelz von seinen Flügeln gestreift wird, was die Blpme, die welk und ge senkten Hauptes im Garten steht, was ein Elternpaar, dem die frisch ansblühende Fugend von der Seite gerissen wird? Das ist ein Schmerz, zu groß fast und zu schwer für die Klage; so lastet der Druck, daß der befreiende Ton der Klage sich kaum lösen kann von der beschwerten Seele. Als einst die Noemi aus der Fremde heimkehrte, der Kinder beraubt lind den Gram im Herzen und auf dem Antlitz, da sprach sie: ״nennet mich nicht Noemi, die Anmuthige, nennet mich Mara, die Bittere, denn Gott hat mir bitter wehgetha»; reich bin ich von dannen gegangen, und leer hat der Herr mich zurückgesührt. Warum nennt ihr mich Noemi, die Liebliche, da Gott mich gebeugt hat und der AlU »nichtige mich heimgesncht hat." Und so scheint das treffendste Wort, das in diesen Tagen, wo dieser Schlag so oft der Gegenstand unserer Gespräche war, darüber vernommen worden ist, dies zu sein: Wir haben eine Frau ans die Neise geleitet, die war jngendsrisch und heiter, jung in ihrem ganzen Grabpredigten. 1