Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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J^SL — 40 — lockt, und wir verstehen, wenn zarter Dichtersinn wie zu einem Freunde, zu einem Genossen und Tröster der Schmerzen zu ihm ausschaut. Es giebt kalte Seelen, die von alledem nichts wissen und keck behaupten, was in ihrer Empfindung nicht lebe, das existire überhaupt nicht; ja es kommt vor, daß solche Leute umfangreiche Bücher schreiben, den Mangel an sanften Seelenregungen vor aller Welt bloß stellen und so thun, als sei ihre Stumpfheit ein Vorzug, als plagten sich die Anderen mit Werken der Einbildung. Wer kann mit ihnen rechten, wer kann mit den Blinden von den Farben reden; wir müssen abwarten, bis die Hülle von ihren Augen genommen wird, wir aber werden darum nicht aufhvren, unser Naturgefühl zu erziehen und zu pflegen und wie die Blume ihren Kelch öffnet, daß des Windes belebender Hauch, daß der Sonne Strahl in ihre Tiefe tauche, so werden auch wir unsere Seelen erschließen, daß die Natur ihr göttliches Sie gel aus die Tafeln unseres Herzens präge. Aber der Mensch ist nicht daran gebunden, daß er nur an den gegenwärtigen Bildern der Natur sich erbaue. Noch gewaltiger erregt ihn das Schicksal des eigenen Geschlechts in Freud und Leid; ihm ist es gegeben die entfernten Zeiten zu verknüpfen mit dem gegenwärtigen Moment und was die Vergangenheit Großes geboren, das umfaßt noch heut wie ein Lebendiges unsere empfängliche Seele; die großen Männer, die ihre Völker zur Erkenntnis;, zum Recht, zum Ruhm und zur Ehre geführt haben, wir geleiten sie im Geiste auf ihren oft so steile »Wegen, wir zittern für sie, wenn sie auf jähen Abhängen, wenn sie durch dunkle Schluchten wandeln, wir jauchzen, wenn sie nach überwundener Gefahr auf ebener Bahn dahinschreiten; unser Herz wallt auf iu Lust und Zorn, in Schmerz und Wonne bei allen ihren mannigfachen Schicksalen; wir vergessen dabei fast, daß sie längst todt sind, daß ihr Geschick längst beschlossen ist; spottet nicht des leidenschaftlichen Gefühls, das in Bewunderung oder Abscheu aufflammt über längst hingegaitgene geschichtliche Gestalten.