Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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105 Wohl sind es nur Wenige, die tu gottdurchranschten Klängen von der Frühlingsherrlichkeit zu uns reden, denen die Kraft inne wohnt, die Gefühle, die ihr Herz bewegen, auszntönen in feierlichen Rythmen, in jenem edlen Gleichmaß der Worte und Gedanken, welches uns gleichsam die ewige Schön׳ heit der Natur selbst in! treuen Spiegel zeigt. Aber wie traurig wäre es, wenn nur wenige Auserkorene das erst langsam und dann immer mächtiger aufwogende Freiheitsregen der wiedererwachenden Gottesschöpfung mitempsänden, wenn nur einem kleinen Kreise verständlich wäre die welterlösende Frühlingsspräche, welche jeder anfkeimende Grashalm, jede anfbrcchende Knospe, welche Wald und Flur mit) Himmelszelt so schön und rührend zu dem Kundigen redet. O nein! auch wir andern Alle, die wir nicht in sonnigen Worten, in lichter Rede von den Wonneschauern zeugen können, in welchen unsere Seele zittert beim Frühlingsnahcn, auch wir fühlen es, wie eine neue Schöpfung, wie eine Gottesoffcnbarung, wenn der gefesselte Strom seiner Bande ledig wird, wenn der in Erdesnacht gefangene Keim zum Lichte tritt, wenn die Bögelschaar, der es zur Herbsteszeit bange wurde in dem kalten, sturmdurchfegten Lande, wiederkehrt zum heimischen Nest. Nur am entlegenen Pol verharrt die Erde in Eisesstarrheit, wenn die leuchtende Sonne mit stärkerem Feuer zu ihr, der Licht verlangenden, niederstrahlt. Und so giebt es auch nicht gar viele Menschenherzen, die so hart und starr geworden sind, daß nicht Frühlingswehen die Eiseskruste sprengte, daß sic nicht, wo Alles blüht, mit Blüthen sich schmücken möchten. Der Dichter spricht es ans, aber wenn wir Anderen ihm begeistert lauschen, wenn er unseren Sinn gefangen nimmt, wenn unser Herz sich ihm hingiebt, wenn wir dem Dichter des Ruhmes schönste Palme reichen, geschieht dies etwa deshalb, weil er uns Fremdes, Niegeahntes kündet, und nicht vielmehr deswegen, weil sein Wort wie ein Erlösungswerk aus uns wirkt, weil er sagt, was wir fühlen, was anszusprechen uns unwiderstehlich drängt und was dennoch unausgesprochen bleiben muß und das Gehege unserer Zähne nicht überschreiten kann.