Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9616701-9617735-9617736--1731-9617775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
spräche ansdrückcn; der eine, in Ehrfurcht vor altem Brauche erzogen, wird selbst moderne Ideen und Einrichtungen gern in überlieferte Formen hineinsügen, der andere wird den alten Wein in neue Schläuche gießen wollen; die Jungen lind die Alten werden in Worten und Werken oft auseinandergehen. Das schließt nicht aus, daß sie zum Feste zu einer מקרא הורש, zu einer heiligen Bolksbernsung, sich zusammen finden. .,Gott weilt überall, wo Israeliten in frommem Sinn zusammen kommen." Ist es möglich, daß eine solche Gemeinschaft nicht gute Früchte trage? Einer, den Gott gesegnet hat mit Geld und Gut und er ist im heiligen Hause und er läßt seine Blicke schweifen über so viele Gefährten, mit denen er sonst nicht in Berkehr tritt, und von denen ein großer Theil nur mühselig den Bedarf des Lebens erschwingt, muß nicht schon das Zusammensein mit diesen geplagten Brenschen, die niedergedrückt werden von Mühsal und Arbeit, in ihm gute Entschlüsse wecken, muß es in ihm nicht den Gedanken wecken, ein Wohlthüter seiner Brüder zu werden und dadurch seinem Herzen die Wohlthat zu verschaffen, die nur der Begüterte sich bereiten kann. Ein Mann, dem feine höhere Bildung ein Quell ständigen Genusses ist, und der, weil er gewöhnlich nur mit seines Gleichen verkehrt, sich des besondern Segens, der ihm dadurch geworden, garnicht recht bewußt wird, kommt zum Feste hier mit so Vielen zusammen, die den heißen Drang nach Wissen entweder nicht empffnden, oder nicht befriedigen können; sollte er da nicht der ernsten Verpflichtung inne werden, den Strom seines Wissens auch zu denen zu lenken, deren Geist arm und öde ist. Der wahrhaft erleuchtete Mann wird nicht den Ehrgeiz haben, Andere durch sein Wissen zu verdunkeln, sondern den edlen Trieb, sie durch sein Wissen zu erhellen. Dieser edle Trieb wird am lebhaftesten erwachen, wenn er im Gotteshause diejenigen, die ihm geistig fern stehen, an seiner Seite sieht. Hier an dieser Stätte steht sogar der Sünder zusammen mit dem, der durch Tugend ausgezeichnet ist; dies Haus ist keinem verschlossen; hier 3*