Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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29 ke nntniß liegt schon die Sühne. Wie viele giebt es in Israel, die für die Religion das ganze Jahr hindurch keine Zeit haben; das einemal ist für die Religion kein Raum, weil der Beruf an die Thür pocht; das andere mal muß sie zurücttreten, weil die Geselligkeit uns verlangt; man hat dafür den sonderbaren Ausdruck: ״gesellige Pflichten" geformt, während doch im Ernste nur von Freuden der Geselligkeit gesprochen werden sollte; ein drittes mal soll sie weichen, weil die Wissenschaften den Vortritt begehren, da doch die Religion die Krone alles Wissens ist. So viel Tage das Jahr hat, so viel Ausflüchte hat der, dem die Religion beschwerlich ist. Sollte nun wirklich solch ein Mann nicht nöthig haben zu sprechen: ich habe gesündigt, oder sollte er nicht vielmehr, wenn er seine Wege durchfurcht und durchforscht, es herausfinden, daß er alle Götzen des Tages mehr geehrt als Gott, daß einen hochgestellten Gönner vielleicht zu verletzen ihm gefährlicher schien, als den Höchsten gering zu achten, von dem alle Gunst und alle Gnade kommt? Das ist das Ziel des heiligen Tages, daß die Felle des Hochmuths wankt und zusammcnstürzt. Ein alter Lehrer sprach einst zu seinen Schülern: wenn ich nicht wüßte, daß ihr Sünder seid, würde ich euch vor etwas warnen, was schlimmer als die Sünde; nämlich vor dem Hochmuth. Also schon der Hochmuth, der mit Grund auf seine Unschuld pocht, ist so tadelnswerth; um wie viel schmählicher ist der Hochmuth, der nur auf eine eingebildete Unschuld stolz ist, der alle seine Sünde dem Schicksal oder seinen Nebenmenschen aufwülzt, der, weil er nicht die Triebfedern der Thaten untersucht, sich zu gut für das Bekenntniß hält: ich habe gesündigt. An ihm geht dann dieser Tag der Versöhnung spurlos vorüber, denn nicht der Tag sühnt, er gleicht den andern in des Jahres rollendem Lauf; er heißt nur deswegen ein Tag der Gnade, weil an ihm die Menschen durch das Bekenntniß der Schuld sich der Gnade Gottes besonders würdig machen sollen. Gott der Sühne! Gott der Gnade! Vor dir bekennen