Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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20 deiner Thore weilet, damit sie hören, damit sie lernen, und fürchten den Ewigen Euren Gott und wohl beachten, alle die Worte dieser Thora zu üben." Zu dieser Vereinigung wurden nicht nur die Vornehmen, nicht nur die Fürsten und Stammesältesten geladen, nicht nur die Weisen wurden berufen, sondern alle Männer sollten erscheinen, denn die Thora war nicht die Sache einer bestimmten Klasse, einer besondern Kaste, sondern die Religion war die Angelegenheit des ganzen Volkes. Israel hatte mit Allem gebrochen, was an Aegyptens Priesterthum erinnerte; in unserer Mitte haben die Priester nie eine weltliche Herrschaft ausgeübt; das hatte Moseh weise verhindert, da er den Priestern die Erwerbung von Grundbesitz verwehrte. Die Vorrechte der Priester begannen erst an der Schwelle des Heiligthums; draußen im Leben gab es keine Schranken zwischen Geistlichen und Laien, jeder galt so viel als er wußte und als er übte, der Geist, der Charakter gab Vorrechte, und einem, der im jüdischen Schriftthum lebt, dem sind alle die Forderungen der Neuzeit, die, außer den durch die Natur gesetzten geistigen und körperlichen Unterschieden, keine andern will gellen lassen, etwas Altes und Wohlvertrautes. Alle Männer sind berufen; dadurch wächst auch die Verantwortung der Einzelnen in religiösen Dingen; weil Keiner ein Vorrecht hat, soll Keiner zurückstehen, weil Jeder lehren kann, soll Jeder lernen. Ein Israelit kann nicht, wenn er um eine Satzung seiner Religion gefragt wird, mit Grund sagen: ich bin ein Laie, deshalb habe ich keine Veranlassung mich mit der religiösen Satzung zu beschäftigen, denn es giebt keine geweihten Priester, die das profane Volk fern halten. Ein Israelit kann nicht, wenn sein Gewissen belastet ist, von einem andern sündigen Mitmenschen Verzeihung der Sünde erbitten und sich der Hoffnung hingeben, daß dieses Wort seines Nebenmenschen ihm Erlaß der Schuld spendet; sondern er muß den schweren Kampf mit sich durchkämpfen, bis er sich von dem eigenen Gewissen geläutert hat; hier