Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 1 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 225)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9616701-9617473-9617474--1646-9617694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
212 unsere Leidenschaften die Wahrheit unverhüllt und ungeschrnückt gesagt wird; zuerst meinen wir, diese häßliche dunkle Zeichnung^ sei unwahr; aber der Spiegel ist unerbittlich, und erbarmungslos ist die Wahrheit, wir müssen uns zu ihr bekennen. Nur das Gesetz, die eiserne Nothwendigkeit, so lehrt R. Chanina, hält die Völker in Ordnung; nur die Furcht vor Strafe^ vor Schande schützt das Gefüge des Staates vor dem Verbrechen. Wenn diese Furcht schwände, so würde Einer den Andern lebendig verschlingen. Wenn wir einen Wassertropfen durch ein Mikroscop betrachten, so sind wir erstaunt, wie viel. Thiere in diesem scheinbar so stillen Tropfen sich aufhalten und wie sie sich mit einer Leidenschaft zu befehden und zu verschlingen trachten, fast als mären sie — Menschen; so glauben wir auch im Allgemeinen, daß die Menschen unschuldig und harmlos neben einander hergehen; aber die dem Weisen mögliche mikroskopische Betrachtung ihres Gemüths zeigt, wie die Allermeisten den wilden Thieren gleich auf einanderstürzen möchten, wenn nicht die Furcht wäre, wenn nicht eine harte Hand die Wilden und Erregten auseinander hielte. Zu leicht sind wir geneigt, dasjenige, was ist, als nothwendig anzusehen; wer lange Jahre im Neichthum gelebt hat, der denkt, das muß so sein, der sieht in diesem Segen keine besondere glückliche Fügung des Schicksals; so sehen wir in einem wohlgeordneten Staate die Saaten des Guten und Schönen üppig sprießen; das Eigenthum ist gesichert vor böswilliger Schädigung; unser Leben, unsere Ehre ist vor Unbill geschützt; an den Grenzen unseres Landes wacht eine mächtige Hut; dem Gewerbe, dem Handel, jeder Art von Kunstfertigkeit wird die Bahn geebnet, der Verkehr der Bewohner erleichtert und gefördert, Wissenschaft und Bildung durch die mannigfachsten Kanäle in alle Schichten des Volkes hinabgeleitet; selten jedoch tritt vor den einfachen Mann, der sich aller dieser Genüsse erfreut, die Erwägung, daß er all diesen Segen dem Staate, einem erstaunlichen, vielverschlungenen und sehr empfindlichen Gefüge, verdanke; daß dieser allein ihm den