Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 1 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 219)
- Language
- German
- Belongs to
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206 befreit und die Trägheit, welche knechtet. Keiner kann den Kopf hoch tragen, der nicht die Hand fleißig regt; erwerben ist nicht leicht, aber oft eine Gunst des Glückes; erhalten ist ungleich schwerer, denn das Glück hat einen ungleich geringern Antheil daran als wir selbst. Völker nun sind in vieler Beziehung denselben Gesetzen unterworfen als Individuen; auch für sie gilt: Nur die Hand der Fleißigen herrscht. Sechs Jahre sind vorübergegangen seit jener großen Entscheidung, welche um das Haupt unseres Fürsten den ewig frischen Lorbeer und um unser Volk das einende Band geschlungen hat. Und wie mächtig und gefürchtet auch Deutschland dasteht, der Horizont unseres Vaterlandes ist dennoch von mancher Wolke umdüstert, die Folgezeit hat nicht ganz gehalten, was jener sonnige Tag versprachen hat. War diese Entscheidung ein Werk des Zufalls, eine unverdiente Gunst des Glückes? Nimmermehr, wohl erheben wir alle dankend die Hand zmn Himmel, daß er das Sinnen und Planen der Leiter, das Ringen und Mühen des Volkes so sichtbar gesegnet hat; aber man kann sagen: selten hat sich die Gnade des Herrn einem Werke zugewandt, bei dem menschliche Weisheit und Tüchtigkeit so hervorragend sich kund gethan haben. Zwei Jahrhunderte hat das große Fürstenhaus der Hohenzollern diesem Ziele fast unbewußt und wie von einer Naturgewalt getrieben zugestrebt, bis dieses Ziel in unseren Tagen als die ihm von der Vorsehung gewordene Aufgabe erkannt worden ist; zwei Jahrhunderte hat unser Fürstengeschlecht die Entscheidung vorbereitet durch weise Waltung im engeren Vaterlands, durch strenge Schulung in Wehr und Wissen; niemals stand an der Spitze eines gewaltigen Heeres ein Mann, der so planmäßig und vorausrechnend, so genial und so besonnen wie eine Wissenschaft den Krieg betrieben hat, als der große Kriegsmeister dieser Tage; und wie selten finden sich die Tugenden des Staatsmannes in so hohem Grade in einer Persönlichkeit vereinigt, als in dem, für dessen Bedeutung die schwärmerische Verehrung und der glühende Haß in gleicher Weise zeugt.