Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 2 (1875-1876)
- Issue
- 8-9 (5.1876) Mai-Juni
- Date
- 1876-05-01
- Page
- Seite 256 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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256 doch das Weltenall, welches er auf den Wink seines Willens in einem Augenblicke hätte schaffen können, in 6 Tagen fortschreitender Arbeit in's Dasein gerufen. Und in der That ist der Mensch, seit er die ersten Stufen der Bildung und Gesittung erreicht, strebsam und thätig gewesen, thätig, nicht nur um die Bedürfnisse des Augenblicks zu befriedigen, nicht nur, um die Frage zu beantworten: ״ מאין לי בשיWoher sollte ich sonst Fleisch haben?" sondern er hat auch gestrebt und gearbeitet in Rücksicht auf die Zukunft. Der hochbetagte Greis, er pflanzt junge Reiser, welche erst kommenden Geschlechtern werden Vortheil gewähren können. Der Mann des Erwerbs, mit den Lebensbedürfnissen vielleicht für alle Zeit versehen, er strebt und arbeitet rastlos weiter; denn der Zukunft ist sein Händewerk geweiht. Der tiefe Denker, der gelehrte Forscher, sie Alle arbeiten mit unermüdlicher Ausdauer bis in ihr spätestes Alter; denn das Wohl der Zukunft, das Heil der Menschheit haben sie im Auge. •״ לכל־־תכלה ראיתיZweck und Bestimmung eines jeden Gegenstandes möchte ich erkennen" (Ps. 119, 96) — rufen sie aus — und ihre Arbeit kennet keinen Ruhepunkt. Und. was folgt hieraus für die Bescheidenheit? Wir sollen bescheiden sein, aber wie? Nur in der Art, daß die Bescheidenheit den Trieb zur Thätigkeit in keiner Weise beengt und beschränkt. Bescheidenheit und Thätigkeit — in inniger Vereinigung müssen sie sich bei uns vorfinden. Denn nur so kann die Bescheidenheit wahrhaft ersprießlich, nur so segensreich für uns werden. Wenn die Bescheidenheit der Thätigkeit vorausgeht, wenn sie mit besonnener Ruhe und prüfender Ueberzeugung genau den Kreis zieht, innerhalb dessen unsere Thätigkeit sich bewegen und entwickeln soll, wenn sie uns bei etwaigen Ausschreitungen zurust: ״Wenn dir der Trieb zur Thätigkeit heilig ist, o Mensch, dann unterlaß diese schwierige Arbeit, denn sie übersteigt deine Kräfte, übersteigt deine Leistungsfähigkeit! Wende dich vielmehr jener seichteren zu, welcher du vollkommen gewachsen bist!" — Wenn wir uns diese Bescheidenheit zu eigen gemacht: dann frommet uns Bescheidenheit, dann sind wir in gehöriger Art und in richtiger Weise bescheiden. Hören wir, welche Lehre unsere Texesworte nach dieser Richtung hin einprägen! Sie rühmen unserem Lehrer Mose nach. ״Und der Mann Mose war allerdings bescheiden, sehr bescheiden, — aber in welcher Weise?" Ueberließ er sich etwa der Bescheidenheit ganz und gar, büßte er vielleicht den