Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 2 (1875-1876)
- Issue
- 4-5 (1.1876) Januar-Februar
- Date
- 1876-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 von der Perle, die ihr ungekannt, ungewartet in euerem Innern heget. Tretet ihm nur unverzagt näher, diesem als vergilbt, als mumienhaft ausgeschrieenen Judenthume, und seine ewig jungen Züge werden euer Vorurtheil besiegen und euer Vertrauen gewinnen. Es bleibt dabei: Niemand ist ein wahrer Jehudi, der nicht das Judenthum kennt, der nicht wenigstens ernstlich bemüht ist, es immer besser zu erkennen; denn was das Erkennen betrifft, wer kann sich rühmen, in seine Weiten gedrungen zu sein und seinen meerestiefen Boden geschaut zu haben! Die erste Stufe auf der Leiter religiöser Vortrefflichkeit, das ist das Wissen vom Judenthum: ich sage, die erste, nicht die höchste, denn die wird nur von der That, von dem gottgefälligen Handeln erflogen: ״ לא המדרש עקר אלא המעשהNicht das Studium ist die Hauptsache, sondern das verdienstliche Handeln". (Aboth I, 17.) Allein zu dieser höchsten Stufe bildet das Wissen die nothwendige Vorbedingung. Schon der Menschheit schulden wir Wiffen vom Judenthum, denn ihr gegenüber stehen wir da als die verantwortlichen Träger jenes hohen Geistesgutes. Dieser Quell jüdischen Wissens schwebt aber heute in der Gefahr völligen Austrocknens und Versandens. Was früher ein gesellschastlicher Adelsbrief war für seinen Träger, das ist jetzt so tief an Würdigung gesunken, daß es nahezu an ihm zu einer unliebsamen Auszeichnung, einer levis nota maculae, geworden. Und solche Geistesschätze leichtfertig zu verlieren, wisset ihr, was das zu bedeuten hat? Ich will es euch sagen, selbst auf die Gefahr hin, der lästigsten Klaffe von Bußpredigern beigezählt zu werden. Ohne jüdische Weisheit giebt es keine jüdische Tugend, ohne Wissen keine Ehre, keine Macht, keine Freiheit, keinen irgend haltbaren geistigen noch irdischen Besitz. Glaubt es den Lehrern der Volkswirthschaft, wenn ihr den Lehrern der Religion keinen Glauben schenket: ärmer ist der Reiche, welcher verarmt, als der Arme, der Besitzthum niemals sein eigen genannt hat. Wie, sollte nicht schon der beim Israeliten sonst so rege Sinn für Unabhängigkeit euch bewegen, bei Zeiten der geistigen Bedrückung zu wehren, welche den Schlummerseligen und Unthätigen früher oder später gewiß umgarnen wird? Oder wiffet chr wirklich nicht daß die einreißende Unwissenheiten Schriftthum und Satzung einer