Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 4 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 281 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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281 Schranken niederreißt, welche durch Gewalt oder Vorurtheil den Menschen vom Menschen geschieden. — Ist es doch die hochherzige, ewig denkwürdige That grade unseres Jahrhunderts, welche jenseits des Oceans die Ketten zum Thiere Erniedrigter gesprengt, welche den Sclaven wieder in seine Menschenrechte eingesetzt hat, ist es doch unsere Zeit, die, wenn auch allmälich, uns zu entschädigen sucht für die lang erlittenen Unbillen, auch unsere Rechte an den Staat und der Gesammtheit geltend macht. Ja, wir können es ohne Selbst- Überhebung aussprechen, es ist eine Zeit, welche Recht und Gerechtigkeit erstrebt. — Und doch hat wiederum, m. A., dieses edle Ringen und Kämpfen nach Gleichheit aller Stände Fragen aufgeworfen, die wie jener Knoten nicht gelöst, sondern nur durchhauen werden könnten, Grundsätze aufgestellt, bei deren Durchführung der Staaten Feste erschüttert und eine unselige Umgestaltung in all' unfern Verhältnissen herbeigeführt werden würde. Und woher — so höre ich Euch fragen — eine so unergiebige Ernte nach so reicher Aussaat, und warum erwarteten wir Trauben, und siehe da, es reiften Heerlinge? Nun, m. A., aus keinem anderen Grunde, als weil unsere Zeit einem tosenden Gebirgsstrom gleicht, der in rasendem Lauf über Stein und Geröll dahinbraust, überschwemmend Wiese und Feld, alles zerstörend und vernichtend und nicht gleicht dem Bache, der langsam dahinfließt und sich aufsucht ein tieferes Bette, immer vermeidend die Hindernisse der Natur und hierdurch allein beseeligenden Frieden bringt in die grünenden Thäler. Weil unsere Zeit, unbekümniert um die unverrückbaren Naturgesetze nur ihre Grundsätze, nur ihr Ziel im Auge behält und nicht bedenkt, daß der Herr es gesprochen, und in'der Schöpfung sein Echo wiederhallt: ״Meine Gedanken sind nicht ihre Gedanken und ihre Wege sind nicht die meinen." (Jesaias 55, 8) Weil unsere Zeit nur das Recht ihrer Schützlinge erstrebt, aber nie oder doch selten von deren Pflichten spricht, welche sie Anderen schulden, weil wir endlich in stolzer Selbstüberhebung entbehren zu