Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 2 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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152 nen )elfter gerächt. Was ihnen Anfangs als Geschenk in den Schooß geworfen wurde, was man ihnen freiwillig anftot, zu dessen Annahme sie fast gebeten wurden, es aber verschmähten und verachteten, dafür mußte man später das Schwert ergreifen, das mußte man dann mit Keulenschlägen in die Köpfe der Menschen schlagen, dafür mußte der Eine zum Mörder an dem Andern werden. So ist es ja oft mit den Menschen. Was ihnen nicht handgreiflichen Vortheil bietet, dessen äugenblicklichen Nutzen sie nicht einsehen, das hat für sie keinen Werth, das verschmähen, verachten sie. Die Zeit aber reift auch in den Köpfen der Menschen den Werth des früher Verachteten. Mari wünscht dann, was man verschmäht, man liebt, was man gehaßt, man setzt seine ganze Kraft daran, um das zu erreichen, was sich früher von selbst angeboten. Wollt ihr die Thora, wollt ihr einen Gott, der bloß Geist, wollt ihr Gedanken in eure Andacht bringen? so frug man die Völker. Wie ein schallendes Gelächter klingt die Antwort: Laß uns mit dem Geiste, laß uns mit den Gedanken in Ruh', die sind gut für Israel, ״ תן תורתך לעמךgieb die Lehre deinem Volke." So bekannte Israel diesen Gott, der blos Geist ist, so nahm es die Thora mit ihren Gedanken an. Aber Gedanken lassen sich nicht binden, der Geist läßt sich nicht in Fesseln schlagen — dieser, wie jene fliegen in allen Lüften umher, umschwirren so lange die Köpfe, bis sie endlich begriffen, verstanden werden, und ״ אותיות פורחות באוירjene Geistesbuchstaben flogen in allen Lüften umher", umschwirrten so lange die Köpfe der Menschen, bis in ihnen endlich die Ahnung, die Dämmerung aufstieg. Dann lachten die Völker nicht mehr, dann .brachen viele Herzen, dann flössen viele Thränen, dann floß viel Blut. Die Gedanken verhärteten sich gleichsam zu Pfeilen, die Buchstaben zu Schwertern. Der Glaube wurde nicht mehr angeboten, sondern aufgezwungen, man frug nicht mehr: Willst du? man sagte: Du mußt. Was Israel am Sinai freiwillig angenommen, das mußten die Völker viele Jahrhunderte später in erweiterter, veränderter Form annehmen, was sich bei Israel auf friedlichem Wege