Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 2 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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109 begeistert schwungvoll und hoffnungsreich reden? Oder war Israel nicht — um eines Dichters Wort zu gebrauchen — ״noch ־ in Banden frei? — Die Freiheit ist des Menschen höchstes Gut. Die Freiheit gleicht der n)cmnßtt belebenden Sonne, die alles Starre löset, das Verborgene aus dunklem Schooße emporblühen macht; der Druck, die Knechtung aber ist wie die frostige Nacht, unter deren eisigem Hauch alles Blühende erstarrt und alles Schöne zerfällt. Wer die echte Freiheit im Herzen trägt, der trägt Gottes Abbild im Herzen. — Dies, meine Lieben, war bei uns Israeliten gar oft zu greifbarer Wahrheit geworden. Denn wenn man uns in einem Staate menschlich und freundlich behandelte, wie einige Zeit in Spanien, später in Holland und zuletzt in Deutschland, dann erwachten Männer von gewaltigem Geist, die den Glanz des Judenthums weithin leuchten ließen, so daß man den Gottesstempel an ihrer Stirn deutlich erkennen konnte. Das war der Segen der Freiheit und freundlichen Behandlung, die man dem Judenthume zu Theil werden ließ. Das ist nun auch der Gedanke, meine Lieben, von dem, wie ich in der Einleitung angedeutet habe, unser Text geleitet wird, indem er als den ersten und bedeutsamsten den Monat Nissan, die Zeit der Freiheit, an die Spitze des Kalenders stellt, was soviel sagen will, daß יציאת מצרים, die Befreiung aus dem Druck, für einen Menschen mehr bedeutet und auf sein sittliches Leben einen wohlthütigern Einfluß übt, als selbst die Offenbarung der edelsten Gesetze und Vorschriften, ja, selbst als die Versöhnung mit Gott, weil ja der freie, unabhängige Zustand des Menschen die erste Bedingung ist seiner Entfaltung an Herz und Geist und seiner religiösen Erhebung zu Gott. — Wir können ja das im Leben gar oft bemerken. Der Mensch, der unter dem schweren Druck der Armuth lebt, der sich von allen Seiten beengt und beschränkt sieht, der jeden Tag und jede Stunde für seine Erhaltung zu ringen hat, und immer nur auf Schranken und Hemmnisse stößt, an den tritt die Versuchung zur Verletzung von Recht und Gesetz gewaltsamer und dringender heran als an den, der sich durch