Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 3 (1877)
- Issue
- 1 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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69 troffen werden können. Mit einer tiefen Gelehrsamkeit verband er eine vielseitige Praxis, mit einer reichen Lehrthätigkeit, die er in Wort und Schrift entfaltete, eine hohe politische Wirksamkeit. Er hat dem öffentlichen Leben wie seiner Berufsphäre kraft seines Wissens, kraft des ihm eigenen organisatorischen Talentes das Gepräge seines Geistes in reichem Maße aufgedrückt. An ihm bewährte sich so glänzend, was die Alten von der Kraft des Wissens rühmen לימוד ״ גדול שהלמוד מביא לידי מעשהGroß ist die Bedeutung des Wissens, denn das Wissen bringt zur That." Und wie umfassend war das Wissen dieses Mannes! Es ist kaum zu begreifen, wie er in einem einzigen Menschenleben so viele Wissensgebiete hat durchforschen können. Heimisch auf dem ganzen so ausgedehnten Gebiete der jüdischen Wissenschaft verband er mit der gründlichsten Fachbildung eine das gewöhnliche Maß weit überragende allgemeine Bildung. Geradezu staunenerregend war die Gründlichkeit seiner classischen Bildüng neben der umfassendsten Kenntniß des biblischen und rabbinischem Schriftthums, das ihn: bis in seine letzten Ausläufer bekannt war. Ja, es gab wohl kaum ein Wissensgebiet, von dem er sich nicht das Wissenswürdigste angeeignet, und doch wohl kein Blättchen der jüdischen Theologie, von dem-er nicht Kenntniß genommen. Was ihn aber besonders charakterisirt, das ist die harmonische Durchdringung der verschiedeneu Wissensfächer. In seinen Tagen wurde ja das Bedürfniß nach classtscher Bildung schon allgemein empfunden. Gar Mancher aber ward von dem Anblick hellenischer Kunst, von dem Hochgenuß, den hellenische Dichtungen dem Leser darbteten, so sehr berauscht, daß er sich der eigenen Mutter, dem Judenthum, mehr und mehr entfremdete. Frankel aber ging so wenig, wie die Hellenen selbst ihre Eigenart fremden Einflüssen opferten, mit seinem Denken und Fühlen in einer fremden Literatur auf. Er verstand es, das Fremde so in sich aufzunehmen, daß es seinen eigensten Besitz, die jüdische Welt- und Lebensanschauung, nicht nur nicht zerstörte, sondern noch hob. Während Andere sich unselbstständig vor dem Götzen