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Jüdische Wochenschau · 1968-11-22 · 2295 (22.11.1968) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
29 (1968)
Issue
2295 (22.11.1968)
Date
1968-11-22
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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Kiste® 7 Kis'e* g pie* i Kiste* NACHRICHTEN AUS ALLER WELT Niederlassung in Israel Haita. — Ladislaw Grossinan, der 47jiihrige Autor des Buche? ..Der Laden in der Hauptstrasse“ dessen Filmversion den ersten Oscar für die tschechische Filmindustrie gewann, kam in Israel an und lernt in einem Ulpan bei Haifa Hebräisch. Er verliess die CSR legal mit Frau und Sohn kurz nach der russischen Invasion und geiangte über Wien nach Israel. Gegenwärtig arbeitet er an dem Drehbuch eines zweiten Films, ,,Die Braut“, der ebenfalls das tragische Schicksal der slowakischen Juden zur Zeit der Massendeportationen in die Todeslager beschreibt. (JCNS) Der „Dialog“ Rom. — Papst Paul VI. ermahnte die Mitglieder des vor 4 Jahren gegründeten Sekretariats für Nichtchristen, das zu einer kurzen ,,Studientagung“ zusammentrat, sich vor ,.falschen Ideen“ bei einem Dialog mit den Nichtchristen zu hüten, und forderte sie auf. ihre Arbeit fortzusetzen, da ein Zwiegespräch „dringend für die Kirche geboten ist“. Der Dialog, dessen Ziel die Stärkung der brüderlichen Eintracht unter cen Menschen ist, müsse im Geist von „Loyalität und Glauben“ an die eigene Religion und in einem Geist der „Achtung und Wertschätzung“ für die Moral und geistigen Werte anderer Religionen geführt werden, so betonte der Papst. (JCNS) Auswanderung nach Israel New York. — Die Monatszeitung „Jiddische Schriften“, die in Polen gedruckt wird, hat ihr Erscheinen eingestellt, und ihr Herausgeber, Dr. David Sfard, ist entlassen worden, wie das newyorker jiddische Linksblatt „Freiheit“ mitteilte. Die Nachrieht war in einem Brief eines polnisch-jüdischen Kommunisten aus Wien enthalten, der dort auf seine Weiterreise nach Israel wartet. Er erwähnte, ferner, dass zwei frühere Mitglieder des Redaktionsstabs der warschauer „ Folksstimme Arnold Slutzky und Mosche Sklar, sich ebenfalls auf ihrem Weg nach Israel in Wien befinden. (J.CNS) „Gegen den Zionismus“ London. — Juri Ivanow, der zahlreiche antizionistische Artikel in der Sowjetpresse veröffentlicht hat, hat jetzt ein Buch geschrieben, das den Titel „Gegen den Zionismus" trägt. Es wird vom Staatsverlag für politische Literatur in einer Auflage von 75.000 Exemplaren gedruckt und soll Anfang 1969 erscheinen, wie im Bulletin „Neue Bücher in der Sowjetunion“ angehiindigt wurde. Die Wahl des Verlages weist darauf hin, dass das Buch von einer der Abteilungen des Zentralcomites der KP genehmigt worden ist. (JCNS) Formeller Besuch in Frankreich Jerusalem. — Eine aus 10 Knesset-Mitgliedern bestehende Delegation der Knesset reist auf Einladung der Französischen Nationalversommlung unter Führung des Knesset-Sprechers Kaddisch Luz nach Frankreich, um die Visite zu erwidern, welche französische Parlamentarier Israel im Mai 19M «^gestattet haben. Hardi Swarsensky: Pogrom über Deutschland (Zu den Ereignissen im November 1938) (3. Fortsetzung) Auf dem Lande und in kleinen Ortschaften war der Boykott ein Erfolg, in grösseren Städten ein Schauspiel, ein trauriges Schauspiel, aber ein Schauspiel. Zu Tätlichkeiten und Plünderungen ist es nur in Ausnahir.efällen gekommen, zumal viele Geschäftsinhaber sich entschlossen hatten, ihre Läden vorzeitig zu schliessen. In den grossen Städten, vor allem in Berlin, hat sich das Publikum in zahlreichen Fällen von den SA-Leuten nicht stören lassen und machte seine Einkäufe wie gewöhnlich in den Geschäften, in denen es zu kaufen pflegte. Vereinzelt kam es in Berlin sogar zu Protesten gegen das Vorgehen der SA-Leute, die sich in Debatten Luft machten. In den Nachmittagsstunden, mit dem allgemeinen Geschäftsschluss, hörte der Spuk auf. Die Situation beruhigte sich wieder. Das Leben nahm seine normaleren Formen an, soweit man damals von „normal“ sprechen konnte. Was war geschehen? In einer bis ins Letzte organisierten Aktion wurde innerhalb eines Landes, das bis dahin als ein wichtiger Träger der Kultur und Zivilisation galt, ein rohes Attentat gegen einen bestimmten Kreis seiner Bürger, gegen die Juden, verübt, das von der Mehrheit der Bevölkerung zwar eindeutig noch nicht mitgemacht, aber ebenso eindeutig geduldet worden ist, da die vereinzelten Proteste nicht ins Gewicht fielen. Das Ausland reagierte sehr unterschiedlich, meist in schwacher und keinesfalls in wirksamer Form. Die Naziregierung hatte eine erste Kraftprobe unternommen, war aber vorsichtig genug, um zu erkennen, dass die Zeit für offene Pogrom-Massnahmen noch nicht gekommen war, weil die deutsche Bevölkerung entweder protestierte oder aber passiv blieb und diesen rüden antisemitischen Kurs nicht billigte. Das deutsche Volk war für diese Judenpolitik noch nicht vorbereitet, noch nicht reif, noch nicht eingeschüchtert, obwohl die Mehrheit unverkennbar nichts dagegen hatte, dass die angebliche Vormachtstellung der Juden in der Wirtschaft und gewissen Berufszweigen eingeschränkt werde. Die Nazis konnten aber auch lernen, dass das Ausland, vor dem sie sich anfangs fürchteten, keineswegs mit der notwendigen Schärfe und mit den erwarteten Konsequenzen reagierte. Alle machten ihre Geschäfte mit dem Dritten Reich, das bald ein begehrter Partner und kreditwürdiger Kunde werden sollte. Man verabscheute zwar die Exzesse gegen Juden und andere Gruppen oder Gegner, aber man sass überall zusam men und verhandelte und sprach, nur nicht über jene unlieb samen Vorgänge, die besser unerwähnt blieben. Was sich am 1. April 1933 ereignet hatte, war kein Ueberfall in der Finsternis der Nacht. Tage vorher angekündigt, in der ganzen Presse verbreitet, vollzog sich dieser schändliche Vorgang der Diffamierung der Juden in aller Oeffenthchkeit. Alle haben gesehen, was vor sich ging. Niemand konnte daran zweifeln, wozu die Nazis fähig sind. Keine deutsche Stimme wagte öffentlich gegen dieses Vorgehen zu protestieren. Schon schwiegen sie alle, die hätten sprechen sollen: die Armee, die Kirchen, die geistigen Führer der Nation. Nicht durch die miserablen Aktionen der zu Totschlägern herangebildeten SA-Leute und des Gangs, auf den Hitler seine Macht stützte, wurden die Nazis ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen, sondern durch die Gleichgültigkeit und das schmunzelnde Einvernehmen jener Kreise, die sich in ihren Privatzirkeln von den Aktionen der Gasse zu distanzieren versuchten, aber weder die Zivilcourage noch ein wirkliches Interesse daran hatten,diesem verbrecherischen Treiben entgegenzutreten. Nicht unerwähnt bleiben soll eine andere Nazi-Aktion, die am Tage vor dem Boykott gegen die Juden in der Justiz gericTitet war. Zu einer festgeiegten Stunde drangen in alle Gerichte — ebenfalls nach festgeiegten Plänen — wilde Horden ein, die meist nicht uniformiert und nur mit Stöcken, Gummischläuchen und anderen harten Gegenständen bewaffnet waren und „Juden ’raus“ brüllten, was zum Abbruch der Verhandlungen und vorzeitigem GerichtssehJuss führte. Nur in seltenen Fällen setzte ein Richter den Eindringlingen Widerstand entgegen. Wo er es tat, hatte er Erfolg. Beim Berliner Kammergericht gab es einen einzigen mutigen Mann, der sich dem Mob widersetzte. Die deutsche Justiz war eines der willigen Opfer des NS-Systems, auf deren Schuldkonto, zu einem guten Teil, der Untergang der Republik zu buchen ist. Der 1. April 1933 war der Stichtag gewesen an dem der erste Angriff gegen das deutsche Judentum lanziert worden war, sowohl durch den Boykott wie durch die 1. Anordnung, mit der die Juden als solche aus einer bestimmten Berufsgruppe (Notare) ausgeschaltet worden sind. Das war der erste offene Verfassungsbruch. Bereits am 7. April 1933 wurde ein tiefer Eingriff in die Bürgerrechte der Juden und eine unerhörte Verletzung der Verfassung durch ein Reichsgesetz vorgenommen, das sich „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ nannte, eine Bezeichnung, die irreführend war. Das Gesetz bestimmte den Ausschluss aller jüdischen Beamten aus ihren Stellungen, wobei einige Ausnahmen gemacht wurden. Der entscheidende Paragraph 3 lautete: „Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhe, stand zu versetzen“. Ausgenommen waren Beamte, die bereits vor dem 1. August 1914 im Amt waren oder die am Krieg als Frontkämpfer teilgenommen haben, sowie diejenigen, deren Väter oder Söhne im Krieg gefallen waren... Diese „Vorzugsbestimmungen“ wurden später beseitigt. Wenige Tage danach folgte eine Erste Verordnung zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (11.4.1933), die* erstmalig definierte, was die Naziregierung unter Jude oder Nichtarier verstanden wissen wollte. Dort heisst es: „Als nicht arisch gilt, wer von nicht arischen, insbesondere jüdischen BOYKOTT-TAG: 1. April 1933 * U* s« •** Eltern oder Grosseltern abstammt. Eis genügt, wenn ein Elternteil oder Grosselternteil nicht arisch ist. Dies ist insbesondere dann anzunehmen, wenn ein Elternteil oder Grosselternteil der jüdischen Religion angehört hat.“ Damit war der Begriff des Abstammungsjuden und des Halb- und des Vierteljuden geschaffen. Ob der betreffende Niehtarier sich als Jude fühlte oder noch der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte, war gleichgültig Es genügte die Abstammung. Diese Vorschrift setzte auch fest: „Ist die arische Abstammung zweifelhaft, so ist ein Gutachten des beim Reichsministerium des Inneren bestellten Sachverständigen für Rasseforschung einzuholen.“ Es wurde also dafür gesorgt, dass niemand seinem Schicksal entgehen konnte. III. Die ersten fünf Jahre Im April 1933 hatte der Angriff der deutschen Reichsregierung auf die Juden begonnen. In diesem Monat waren allein 15 verschiedene antijüdische Bestimmungen erlassen worden, die sich gegen Juden als Berufsbeamte, Aerzte, Rechtsanwälte, Patentanwälte, Lehrer und Universitätsprofessoren, sowie in anderen geistigen Berufen gewandt hatten. Ausser diesen Verordnungen sind zwei weitere ergangen, die das Schächtverbot einführten. Gegen die Tätigkeit und Beteiligung der Juden in der Wirtschaft hatten die Nazis keine Schritte am Beginn ihres Feldzuges gegen die Juden eingeleitet, nachdem sich die einflussreichen Wirtschaftskreise hiergegen gewehrt hatten, weil sie eine für Deutschland vernichtende Rückwirkung befürchteten. Bereits in den ersten Phasen des nazistischen Kampfes begann sich das deutsche Judentum neu zu formieren. Die bis dahin das jüdische Leben beherrschende Kontroverse zwischen den „Deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens“, die ohne Zweifel die Mehrheit des deutschen Judentums darstellten und in ihrem Centralverein eine bewusst-jüdische und durchaus würdige Vertretung hatten, und den Zionisten war ebenso gegenstandslos geworden wie etwa religiöse Diffe enzierungen, die bis dahin eine Rolle gespielt haben. Die bisher auf innere Auseinandersetzungen verwandten Energien wurden jetzt zur Abwehr der allen Juden unterschiedslos drohenden Gefahren konzentriert. Alle jüdischen Gruppen und Pnrteien verfügten über ausgezeichnete Köpfe, die bis dahin ihr Wissen und Können vorwiegend den deutschen Aufgaben gewidmet hatten, sich aber nunmehr bedingungslos der eigenen jüdischen Sache zur Verfügung stellten. wird fortgeselzt)

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