Mannheim
Compact Memory

Jüdische Wochenschau · 1968-07-19 · 2277 (19.7.1968) · p. [Seite 5]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
29 (1968)
Issue
2277 (19.7.1968)
Date
1968-07-19
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9616703-9616177-9616407--5288-9616412
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

12 entity mentions

Kongress iff Jerusalem Der Antisemitismus in Polen Bei einem interview, das Aussenminister Abba Eban einem Repräsentanten der österreichischen Zeitung ..Die Presse“ gewährte, s ei te der .Journalist die Frage, wie der israelische Auesenmini«1er die antisemitischen Vorgange in Polen und den „anti-zionistischen“ Kurs der dortigen Regierung beurteile. Eban formulierte seine Antwort wie fo'gl: „Die antijüdischc Politik der Regierung Polens ict ieines der traurigsten Ereignisse unserer Zeit. Dass sieh dies gerade in Polen zuträgt, übersteigt die Grenzen der Vors'ellung. Von Millionen Juden, die vor dem Zweiten We tkrieg in Polen lebten, sind heute nicht mehr als 30.000 übrig. Selbst wenn sie Zionisten gewesen wären — und sie sind es bestimmt nicht —. so existiert keine Regierung, welche zu derart unbegründeten und schwachen Mitteln greif" und eine so unbedeutende Minorität w'ie die jüdische als Gefahr betrachten könnte. Was in Wahrheit heute in Polen besteht, ist ein interner Kampf innerhalb der Regierung, die in zwei oder drei Gruppen in der Parteiführung geteilt ist. Diese Gruppen wo len eine die andere übertrumpfen und führen einen Feldzug gegen die Juden, indem sie sich des noch latenten Antisemitismus der polnischen Bevölkerung bedienen. Dieses Streben nach der Macht auf Kos'en der Juden ist keine neue Methode in Osteuropa. Der Tag wird kommen, an dem die Jugend und die Intelligenz Polens sich ihrer politischen Führung sch;1 men werden. Und vielleicht schämen sie sich ihrer heute schon.“ H. Sw.: — Der äussere Üahmen des 27. Zionisten- Kongresses in Jerusalem war besonders schön und würdig. Der Ablauf des Kongresses befand sich in mancher Hinsicht im Gegensatz hierzu. Schwere Probleme waren zur Debatte gestellt, die sich vor allen Dingen auf die Arbeit der Zionistischen Organisation und auf die Lösung der ihr gestellten Aufgaben erstreckten. Im Mittelpunkt der Beratungen stand die Frage der ■Verwirklichung der zionistischen Ziele durch eine grosse Alijah (Einwanderung), um neue Menschen nach Israel zu bringen, nachdem in den ersten Jahren des Bestehens des jüdischen Staates grosse Massen ins Land gekommen waren und in den letzten Jahren die Zahl der Einwanderer sehr stark gesunken ist. Immerhin waren noch zw-ischen 20—30.000 Juden nach Israel gekommen, eine Zahl, die allerdings nicht ausreicht, um die Pläne der Besiedlung und des Aufbaues des Landes in ihrem vollen und den Notwendigkeiten entsprechenden Umfang durchzuführen. PROBLEME — te Position in freien Ländern aufgibt, um in Israel zu leben, sucht nicht den status des Pioniers, sondern erwartet, dass seine Einordnung in das Leben des Landes und vor allen Dingen in seine Wirtschaft nicht auf solche Schwierigkeiten stösst, die Opfer verlangen. Mit dieser menschlichen und seelischen Disposition der neuen Einwanderer aus freien Ländern muss nicht nur die Z O , sondern auch der Staat Israel rechnen. Um eine leichtere und bessere Lösung dieser Schwierigkeiten herbeizuführen, hat die Regierung Israels die Sorge um die Einord- — SCHWIERIGKESTEN hang berichtet worden). Während man vor dem Kongress häufig davon hörte, dass die Z.O. mit der Erreichung der Staatsgründung ihre Aufgabe erfüllt ha'be, ist dieses Argument in den Debatten nicht mehr vorgetragen worden, da alle davon überzeugt waren, dass vielleicht stärker als jemals die Notwendigkeit einer planmässigen gründlichen und zielbewussten Tätigkeit der Z O erforderlich ist. Die israelische Presse gab vor dem Kongiess eine in Israel selbst stark verbreitete Auffassung in zahlreichen Artikeln wieder, dass die Z O heute überflüssig sei. Im Wider Spruch zu dieser Auffassung stand bereits das ungewöhnlich grosse Interesse, das der Kongress in Israel ausgelöst hat. Die verschiedenen Darstellungen über die Situation der Judenhoite*> in der Diaspora haben ihren Eindruck nicht verfeh t. Dass es schliesslich nicht zur Wahl eines Präsidenten gekommen ist, hat weniger seine Ursache in einer Schwäche der Z O als in der besonderen Problematik des Verhältnisses zwischen Israel und der Galut überhaupt. Diese Frage ist von einer so en,scheidenden Bedeutung, dass sie in einem weiteren Artikel zur Darstellung kommen soll. i Der Bericht wird fortgesetzt. ) C. W.: — Mit Hermann Cohen, geb. am 4. Juli 1842 zu Coswig (Anhalt), gestor ben zu Berlin am 4. Apri 3918, war einer der grössten Sohne der jüdischen AufkUirungsepoche in der west:ichen Welt dahingegangen. Gewiss war dieser grosse Philosoph einer „der deutschesten unter den deutschen Juden“, wenn man so sagen darf, aber er hatte auch erkannt, dass dieses damalige deutsche Judentum einen lebensdurstigen, geistesmächtigen Nachschub, das „Ostjudentum“, besass, und so war Hermann Cohen in seinen letzten Lebensjahren wahrem, des Ersten Weltkrieges mit zw'ei hinreissenden Aufsätzen an die Oeffentlichkeit getreten über „Den polnischen Juden“ und „Grenzsperre“, die gegen ostjudenfeindliche Massnahmen der deutschen Regierung jener Epoche gerichtet waren Dieser grosse Gelehrte, der im Königreich Preussen keine ordent.iche Universitäts - Professur erlangen konnte und deshalb in das etwas liberalere Grossherzogtums Hessen gegangen war, hat 36 Jahre hindurch an der Marburger Universität Philosophie gelehrt, wo er als Neukantianer die sogenannte „Marburger Schule“ begründete. Seine Hauptwerke werden noch oft von fachkundiger Seite aus betör seine mitunter von grosser Gelehrsamkeit getragenen Ausführungen m der ihm eigenen leicht verständlichen Form vorträgt. Inzwischen ist ein weiteres Buch eines jüdischen Gelehrten, des Professors der Hebräischen Universität David Flusser „Jesus“ erschienen, der auf die Arbeit von Schalom Ben Chorin hinweist, was als eine Auszeichnung für Ben Chorin angesehen werden muss. Diese ist auch in jeder Weise gerechtfertigt, da dieses Buch Ben Chorins zugleich auch die Nähe des Heiligen Landes und des Schauplatzes des historischen Geschehens durch die Darstellungskunst des Autors erlühlen lässt. — M. S. Arnom; Rights and Wrongs in the Arab-Israeli Conflict, Introduction by D F. Fleming, erschienen 1967. Library of Congress, catalog card number 68-18700. — Eine hervorragende Studie über die Probleme des arabisch-israelischen Konfliktes mit einer Fülle von Tatsachenmaterial und zahlreichen, eindrucksvollen Illustrationen, wichtig für jeden, der sich anhand objektiven Materials und sachlicher Dokumentation informieren und ein eigenes Urteil bilden will. trachtet und analysiert werden. Hier soll nur ganz allgemein über den berühmten jüdischen Wissenschaft er gesprochen werden. Viele jüdische Denker bemühten sich, einen Ausgleich zwischen der allgemeinen Forschung und dem Judentum zu suchen; zuweilen gelang es ihnen, ein kleines Quantum fremder Philosophie dem starken Organismus des Judentums zuzuführen. Hermann Cohen jedoch verlangte mehr als diese äussere Versöhnung zwischen G'auben und Forschung. Er kam von der Philosophie her zum Juden tum und nicht umgekehrt Seine Weltbetrachtungsmetbode, seine ethische Forderung a s Grundidee, hatten ihn zur Lehre Israels geführt, und diesen Geist des Judentums erh-'b er zu einem System, das er in die Philosophie eingliedern wollte. So bahnte er den jüdischen Ideen neue Wege. Eine seiner Biographen sagt trefflich: „Hermann Cohen bildet den Ausgangspunkt einer philosophischen Schule der jüdischen Ethik“. In dieser Bedeutung dürfte er einzig dastehen, denn Spinoza stand ausserhalb der Grenzen der jüdischen Gedankenwelt, und, wo?r diese berührte, griff er sie an. Man tadelt gewöhnlich die Schwere im Stil der Schriften Cohens, wobei man vielleicht, wie manche Gelehrte meinen, den Zauber seiner Art zu schreiben übersieht Cohens Stil setzt sich aus dem Tiefsten und Höchsen in der Sprache zusammen entsprechend der Tiefe seiner Gedanken. Immer prüft er jedes Wort, ob es dem jenigen Zwecke entspricht, für den es gedacht ist. Zehn Jahre nach dem Erscheinen von Leo! aecks „Wesen des Judentums“ (1905) bereitete der schon 73jährige Hermann Cohen seinen Anhängern eine Ueberraschung, indem er — nach all deivorangegangenen Büchern über Kant und „Logik der reinen Erkenntnis“ u.a.m. mit seinem Werke über den „Begriff der Religion im System der Philosophie“ an die Oeffentlichkeit trat. Er schuf hiermit der Religion ihren Platz in der Philosophie. Nicht die „Einheit der Vernunft“ soll von der Religion gesprengt werden sondern diese soll auf ihre Weise zur Vernunft hinzutreten. Hermann Cohens religiöse Auffassung bricht der Philosophie nicht die Treue, weil er selbst der Religion die Treue bewahrt. Für ihn gehört beiden die Zukunft: Der Religion und der Vernunft, und so ist seine „Religion der Vernunft“ die Bestätigung seines jüdischen Bewusstsein» Während in den ersten Jahren jüdische Massen in Ländern ihrer Verfolgung auf ihre Auswanderung warteten und gerettet werden mussten, ist heute die Auswanderung aus den Ländern des kommunistischen Machtbereichs gedrosselt und die Einwanderung aus den westlichen Ländern relativ gering. Hatte man es bisher mit einer zwangsweisen Auswanderung zu tun, die durch die Not der jüdischen Massen und deren Verfolgung in ihren Wohn ländern bedingt war, so richtete sich der Ruf Israels nach neuen Menschen aus westlichen Ländern insbe sondere an eine Jugend, für die ein Auswanderungszwang nicht vorhanden ist. Die besondere Aufgabe der Z O besteht also darin, die Juden und die jüdische Jugend vorzubereiten, damit sie dem Ruf Israels aus eigener Entschliessung und ohne äusseren Druck Folge leisten. Das setzt eine Verstärkung der erzieherischen, kulturellen und politischen Schulung voraus, für die allein die Z.O. wirksam sein kann. Auf der anderen Seite sind Probleme der Einordnung derjenigen aufgetreten, die aus den westlichen Ländern nach Israel gekommen sind und deren Absorption in Israel häufig auf Schwierigkeiten gestosssen ist. Während die Verfolgten sich in ein Schicksal fügten und glücklich darüber waren, in Israel in Freiheit leben zu können, sind die freiwilligen Einwanderer nach Israel Picht ohne weiteres bereit, dieselben Opfer zu bringen, die jene Pioniere auf sich genommen haben, die einst in Verwirklichung des zip Bistischen Ideals alle Strapazen und Entbehrungen ertrugen, um der Verwirklichung des zionistischen Zieles zu dienen. Wer eine gu Kulturaustausch Paris. — Zwischen der in Paris weilenden israelischen Kultur-Delegation und dem französischen Kulturminister André Malraux wurde ein Abkommen über den verstärkte!» Kulturaustausch unter beiden Ländern getroffen. Im Petit Palais, das als Ausstellungsgeibäude dient, eröffnete Minister Malraux eine „Israel durch die Zeiten“ betitelte Schau, die bis lum Monat September ge zeigt werden soll. Der Eröffnungsfeier wohnte Israels Botschafter in Frankreich, Walter Eytan, bei. (ITA) ...... .. . •ÄSiiiSC ■yyyyy. ÿ^f^^^^ÿÿyyÿÿyy: Ein tägliches Bild an der Jordan-Grenze: Rückkehr ctrab;scher Flüchtlinge, die sich mit ihren Familien vereinigen wollen. nung der neuen Einwanderer der Z O. abgenommen und ein besonderes Ministerium geschaffen, das sich ausschliesslich der Lösung der mit der neuen Einwanderung und Einordnung verbundenen Probleme widmen wird. In den zu einem grossen Teil heftigen Debatten, die sich sowohl im Plenum des Kongresses wie auch in Kommissions-Sitzungen abspielten, wurden die praktischen Arbeiten der Z.O erörtert, Kritiken geübt und auch Vorschläge unterbreitet. Interessant in diesem Zusammenhang war die Reaktion der Jugendlichen und deren Repräsentanten auf dem Kongress. Es war die Zeit der grossen Studentenunruhen in Paris und in anderen Metropolen. Offenbar wollte die Jugend, die am Kongress teilnahm, sich auch in der allgemeinen Stimmung der Rebellion bemerkbar machen, wenn es auch in einer einigermassen zivilisierten Form vor sich ging; Langer und lauter Beifall, wenn ein jugendlicher Sprecher auftrat und mehr Rechte für die Jugend innerhalb der Zionistischen Organisation verlangte. Auf alle diese mitunter ein wenig deplazierten Interventionen der Jugendliehen antwortete am besten der aus Argentinien stammende Offizier der israelischen Armee und Arzt Dr. Perelman, ein Mann von ungefähr 30 Jahren, dass Israel ein Land der Jugend sei und die Jugend nur ins Land zu kommen, mitzuarbeiten und mitzukämpfen brauche, der Platz in der Führung sei immer gesichert. (Ueber die Rede des Dr. Perelman ist bereits in einem anderen Zusammen- NEUE BUECHER Jacob Jacobson: Jüdische Trauungen in Berlin, 1759— 1813, erschienen im Verlag Walter de Gruyter & Co. in Berlin 1968. — Dieses umfangreiche Werk, das mehr als 650 Seiten umfasst, wurde als Band 28 der Veröffentlichungen der Historischen Kommission (Band 4 der Quellenwerke) von Jacob Jacobson mit einem interessanten Geleitwort von Prof. Dr. Hans Herzfeld, dem Vorsitzenden der Historischen Kommission herausgebeben. Wichtige und lehrreiche Bilddokumente ergänzen den Textteil. Jacobsohn, vor wenigen Wochen verstorben, hat ‘bereits 1962 „Die Judenbücher der Stadt Berlin 1809 bis 1851“ vorgelegt und damit für die Forschung der Geschichte der Berliner Juden wesentliche Arbeit geleistet, die — auch nach der Meinung Herzfelds — sich als heute unentbehrlich erwiesen haben. (Dieser erste Band wurde seinerzeit hier besprochen). Mit einem erstaunlichen Fleiss und mit einer strengen wissenschaftlichen Gründlichkeit legt der Autor nun diesen Band der jüdischen Trauungen vor, der nicht nur Tatsachen registriert, sondern gleichzeitig das Schicksal dieser in Berlin getrauten Familien verfolgt und damit ein getreues Spiegelbild einer Gemeinde und Gemeinschaft liefert, deren Schicksal vom Wechsel politischer Konstellationen und der jeweiligen Einstellung der Herrscher über Berlin abhängig war. In den nüchternen Dokumenten ist Tragödie, Hoffnung und Kampf der damals in Berlin lebenden Juden um ihre Rechte um ihr Leben, um ihre Zukunft eingeschlossen. Dieses erstaunliche Werk, das auch vom verlegerischen Standpunkt eine grosse Leistung ist, dürfte nichr nur den Historiker und den Fachmann interessieren, sondern jeden, der sich selbst über die Vergangenheit und das Werden seiner engeren Gemeinschaft informieren und beiehren lassen will. — Schalom Ben Chorin: Bruder Jesus, Der Nazarener in jüdischer Sicht, Paul List Verlag, 1967. — Die aussergewöhnlich umfangreiche Jesus-Literatur ist ohne Zweifel durch das Buch von Schalom Ben Chorin bereichert worden, der die Persönlichkeit des Nazareners aus jüdischer Sicht schildert, erläutert und kritisch betrachtet. Das Bonmot „Der Glaube Jesu einigt uns, der Glaube an Jesus trennt uns“, das Ben Chorin häufig einer christlicher Hörerschaft gegenüber äussert, könnte als das Motto der Untersuchungen und Betrachtungen Ben Chorins bezeichnet werden. Mit einer erstaunlichen Sachkenntnis, aber auch mit Würde stellt Ben Chorin seine Thesen auf und ver sucht, die historische Erscheinung des Rabbi Jeschua von Nazaret aus den Quellen, den christologischen Darstellungen und der Legende herauszuarbeiten. Das Buch liest sich trotz seiner wissenschaftlichen Darstellung wie eine unterhaltende Studie, da der Au- DEBATTEN

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.