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Jüdische Wochenschau · 1968-06-28 · 2274 (28.6.1968) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
29 (1968)
Issue
2274 (28.6.1968)
Date
1968-06-28
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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ÿieraeti, 28 de Juni« de 1968 SEMANA ISRAELITA Ai:« XXIX. — N* 2174 — 5 Das war Jakob Steinhardt von SCHALOM BEN CHORIN Jakob Steinhardt wurde am 27. Mai 1887 in. Czerkow in der Provinz Posen geboten und starb am 11. Fe bruar 1968 in Naharia in Is tael. jlie beiden Orte Czerkow *nl Naharia, Anfangs- und Endstation dieses langen and reichen Kiinstlerlebens tind aber nicht entscheidend für Werden und Wirken von Jakob Steinhardt Es sind zwei andere, grosse re Städte, die seinem Lehenswerk das Profil gaben, die die Dialektik seiner Existenz andeuten; Berlin und Jerusalem. Schon in früher Jugend, im Jahre 1896 kam er in die Grosstadt Berlin, wo er die Schule besuchte und 1907 am berliner Kunstgewerbe- Museum die ersten Schritte akademischer Ausbildung unternahm. In den Ferien aber fährt der kleine Jakob 7i;m Grossvater nach Czer kcw, und wir haben noch heute das Bild des alten Mannes, das der Enkel mit Liebe in Oel gemalt hat. Das Ahnenporträt von eigener Hand hing immer im Atelier Jakob Steinhardts Czerkow war wohl noch ein jüdisches „Städtl“, aber doch in der preussischen Provinz Posen, sodass die deutsche Kultur bereits die jüdische bei weitem über wog. Und, da Jakob Stein-, hardt ja bereits mit neun Jahren ein Berliner wurde blieb das jüdische Erbe von Czerkow nur ein Fundus im Unterbewusstsein. Der junge Kunstschüler fand in dem genialen Im pressionisten Lovis Corinth seinen ersten wirklichen Lehrer, der ihm Vorbild und Meister wurde. Anschaulich konnte Steinhardt schildern, wie der vitale Meister Lovis Corinth mit halb zugekniffenen Augen vor der Schöpfung seines Kunsteleven stand und anerkennend murmelte: „Da ist was drin...“ nach einer kurzen Atempause aber fügte er hinzu: ,,... und das muss raus“. Auch bei Jakob Steinhardt musste viel ausgeräum' werden, bis das Wesentliche zum Durchbruch kam. Und da war es ein jüdischer Meister, der später Steinhardt nach Israel vorausgegangen war, der Steinhardt auf seine eigentliche künstlerische Bahn verwies: Hermann Struck. Struck war ein Meister der Radielung. Er führte Steinhardt in diese graphische Kuns. ein. die aber für Jakob Steinhardt nur die Vorstufe zu dem künstlerischen Me dium seines Lebens wurde den Holzschnitt. 1S09 geht Steinhardt nach Paris, wo er sozusagen die höheren Weihen graphischer Präzision durch Henri Matisse erhält, und 1911 weilt er in Ita ien, um dort die al- *en Meister in Rom, Florenz und Venedig zu studieren. 1912 finden wir ihn wieder in Berlin, nun bereits ein in sich gefestigter Künstler, der zusammen mit Gleichgesinnten, meist jüdischen Künstlern, die Expressionistengruppe „Die Pathetiker“ gründet- Zu sammen mit Ludwig Meid ner stellt er dort im November 1912 aus. Der Katalog, den die expressionistische Wochenschrift „Der Sturm“ veröffentlichte, zeigte fast nur biblische Themen: Tanz ums Goldene Kalb, Ueber-?ang übers Rote Meer, Lots Flucht. An den Wassern Babels, Kain, Jeremias. Da mit ist (auch inhaltlich* schon die Wegrichtung Jakob Steinhardts bestimmt Wenn 1963 sein Buch „Propheten“ erscheint, so stell*, •fas sozusagen ein Fazit seines Lebens dar. Die Prophe tie, Ausdruck seines höchsten Pathos, blieb für Steinhardt die Faszination seines künstlerischen und jüdischen Lebens. Mose und Je remia kehren immer wieder in seinen Gemälden und Holzschnitten, aber am tiefsten gelang ihm die Deutung des widerspenstigen Propheten Jona. In einer kostbaren Ausgabe der „Jewish Publication Society of America“ hat er 1953 das Buch Jona in he bröischer und englischer Ausgabe mit wundervollen Holzschnitten illustriert, de ren einer den Umschlag meines Buches „Die Antwort des Jona“ (1956) schmückt. Auch einer der Prophetenköpfe erscheint auf dem Umschlag meiner Gedichtsammlung „Aus Tie fen rufe ich“ (1966). Ich habe es immer als Auszeichnung empfunden, dass sich Meister Steinhardt so mit meiner Arbeit verbunden hat. Ni eh ersten Veröffentli chungen und weitertn Aus Stellungen wurde Steimtard 1914 zum Kriegsdienst ein gezogen, kam an die Ost front und lernte nun erst wirkliches Ostjudentum, Volksjudentum kennen. Er ,ebnisse dieser Art sind für eine ganze Genera“ion deut. scher Juden entscheidend geworden Erlebnisse dieser Art finden wir bei dem jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, bei dem zionistischen Schriftsteller Sam my Gronemann und bei den Graphikern Struck und Jakob Steinhardt. Das Erlebnis des Ostjudentums, der chassidischen Mystik und Innigkeit, hat Steinhardt nie mehr verlassen; es wurde später überrundet vom Er- ’ebnis Jerusalem Steinhardt spürte friihzei tig, dass seine jüdische Kunstorientierung, die sich in Illustrationen zur Bibel und zur Haggada, zu Erzählungen os'jüdisch« r Lichter «usdriiekte, nach Israel weist. 1925 unternimmt er daher seine erste Reise nach Erez Israel, noch nicht ahnend, dass ihn schon acht Jahre später sein Lebensweg dorthin führen wird 1933 wartete Steinhardt nicht lange. Er wusste dass Berlin keine Lebensluft mehr für jüdische Künstler tot. Der Kompass des Herzens zeigte nach Jerusalem, wo er sesshaft wurde und als Leiter der graphischen Abteilung der Bezalelschule einen grossen Kreis vor. Schülern heranzog. War Steinhardt ein guter Lehrer? Ich fürchte, er war ein zu guter Lehrer, sodass Washington. — Dr. Isaac Franck, der amtierende Vizepräsident des Jüdischen Gemeinderates von Washington, der von einem Besuch bei den Juden in Russ land zurückgekehrt ist, berichtete, dass zu dem von der Regierung dirigierten Programm zur Abwürgung des religiösen und kul turellen jüdischen Lebens auch noch der offene Antisemitismus getreten ist. Er urteilte, dass „wenn dieser Prozess für ein oder zwei Jahrzehnte anhält, die Gefahr besteht, dass die 3 Millionen Juden in der Sowjet Union zum Verschwinden verurteilt sind.“ Nach Dr. Francks Aussage „wissen die meisten Nichtjuden in Russland nicht, was mit der jüdischen Gemeinschaft geschieht, und es interessiert sie auch nicht, Die jüdische Gemeinschaft ist durch die kommunistischen Spitzel in ihren eigenen Reihen eingeschiich tert, und niemand wagt, den Mund aufzumachen.“ Als Paradoxon bezeichnete Dr. Franck die Beobachtung, eine Zeitlang zu vie*e kleine Steinhardts entstanden, die es schwer hatten, im Schat ten ihres Meisters zu eigener künstlerischer Individuation zu gelangen. In den jerusalemer Jahren gelangte Steinhardt selbst zur letzten Reife seiner Künstlerschaft Das Licht Israels weckte in ihm auch Wieder den Maler, der in leuchtenden Farben Landschaften schuf und Szenen von eigenster Wirkkraft. Man erkennt die Handschrift seines Pinsels in den späten Werken nicht weniger deutlich als eben diese Handschrift im Holzschnitt. Ein Schicksal besonderer Art hatte das Gemälde „Der Prophet“ (1913) in kubi stisch - expressionistischer Manier. In ihm kündigt sich bereits der Untergang an. die apokalyptische Stimmung, am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Das Ge mälde wurde von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erworben, verschwand dann unier den Nazis, war lange Zeit in Bayern versteckt und kehrte auf abenteuerUchen Wegen nach Ber in zurück, wo es heute wieder d?n Saal des Gemeindehau dass die junge Generation von Juden, die in der Unkenntnis ihrer Erbschaft erzogen wurde, „irgendwie einen Weg der Rückkehr zu ihrer jüdischen .Identität sucht.“ Verschiedentlich hörte Dr. Franck, dass angesehene Akademiker und Staatsbe amte plötzlich gerade dann arbeitslos wurden, wenn sie sich als Juden zu erkennen gaben. 95 Prozent der jüdischen Familien haben heute Angst, ihre Söhne beschneiden zu lassen. Er berichtete ferner, dass der Kreml schrittweise die Geschichte fälscht, damit die Russen vergessen sollen, dass das grösste Verbrechen der Na zis die Ausrottung der Juden gewesen ist. Die russischen Juden geben sich der Hoffnung hin, dass die in den USA erhobenen Proteste zur Erleichterung ihres Schicksals bei tragen könnten, versicherte Dr. Franck. Auf seiner Russlandreise besuchte er Moskau, Leningrad und Wilno. (ITA) sps schmückt. Das Bild heisst: „Der Prophet“ und ist ein prophetisches Bild. Die Bombennächte in Berlin sind hier visionär vorausgeschen. Künstler und Propher begegnen einander in dieser tchöpfung. Nach den Jahren des Zweiten Weltkrieges und der Verfolgungen erschloss sich “Steinhardt wiederum die Weite der Kulturwelt, aber bereits 1939 wurde ihm der IBM - Kunstpreis in New York zuerkannt. 1958 erhält er in San Francisco den Preis für sein Holzschnitt werk, 1961 zeichnet ihn die erste internationale Biennale für Religiöse Kunst in Venedig mit dem Preis „Arte S< cra“ aus, nachdem er schon auf der allgemeinen Biennale in Venedig 1959 den Preis der „Arte Liturgi ca“ erhalten hat. Steinhardt hatte Jerusalem schon mit der Seele gesucht, als er noch in Berlin lebte. In Jerusalem lebte er dort, wo es ganz Jerusalem ist. In einem Hof, wie auf einem Holzschnitt von Stein ha-dt, steht im Schatten alter Bäume Jerusalems einzige Atelier Wohnung, er baut von Professor Borris Schatz, dem Gründer der Bezalelschule und des Bezalelmuseums. Wand an Wand mit Schule und Museum wölbt sich dieser Atelierbau. Es entsprach gleichsam einer höheren Logik, dass Steinhardt hier einzog und hier lebte, lehrte und arbeitete. Dieses Haus, aber auch dieser Hof, waren durch vie le Jahre hindurch ein geselliger Mittelpunkt. Konzerte fanden unter diesen Bäumen statt, ernste Gespräche wurden in der biiderrei chen Klause des Meisters geführt, aber auch der hei. teren Ausgelassenheit stand hier die Pforte offen. Steinhardt war nicht nur ein Meister in der Kunst des Holzschnitts, sondern auch in der Kunst des Zuhörens, und das machte ihn zum echten Dialogiker. Viele Stunden aber waren auch mit dem stillen Gespräch des Schachspiels erfüllt und im Schachspiel, im königlichen Spiel, wurde, von einem höheren Spieler, seine eigene Seele vom Schachbrett des Lebens genom men. Das Haus Steinhardt kann nicht erwähnt werden, ohne dass man der Hausfrau gedenkt, Frau Minnie Steinhardt, geborene Gumpert. Schwester des nun leider auch schon dahingegangenen bedeutenden Schriftstel lers Martin Gumpert (1897 bis 1955). Man darf, man m. ss es sagen, dass Steinhardt in ihr seine getreueste Mitarbeiterin fand. Sie war sozusagen seine Verbindung zur Aussenwelt, zu Tial Steinhardt mit fortschreitendem Alter mehr und mehr zur Introversion neigte, sich auf die Weit seiner inneren Schau, seiner Vision beschränkend. Steinhardt war kein Abstrakter, aber die Aussen velt war für ihn eigentlich nur das Motiv, das dann erst in der individuellen Gertaltung der eigenen Sicht Wirklichkeit, Ueberwirklichkeit gewann. Das ist typisch für die Haltung des geborenen Expressionisten. Im Spiel von Licht und Schatten wachsen in seinen Holzschnitten Gestalten, Berge, Bäume, Bauwerke ins Ueberdimensionale, nicht selten ins Dämonische. Jakob Steinhardt ist der iüdische Künstler par excellence. Nicht nur weil so vie* -C seiner Themen aus dem Umkreise des Judentums entnommen sind. Das ist noch kein Beweis. Auch Gustave Doré und Schnorr von Carolsfeld illustrierten die ganze Bibel, ohne einen Hauch des Hebräertums verspürt zu haben. Nicht das Thema allein macht den jüdischen Künstler aus, ob wohl die Wahl so vieler jüdischer Themen bei Steinhardt natürlich kein Zufall ist. Es ist auch kein Zu-fail, dars ihn der Weg nach Is rael führte, und dass er hier verblieb, aber das Judentum in der Kunst Steinhardts liegt tiefer. Die Frage: Gibt es eine jüdische Kunst? kann es eine jüdische Kunst geben? bleibe hier unerörtert. Fraglos gibt es jüdische Künstler. Zu ihnen gehörte ■n der ersten .in der Ehrenicihe Jakob Steinhardt. Das Jüdische in seiner Kunst scheint mir in der Entmachtung der Wirk'ichkeU zu liegen. Die 'Wirklichkeit wird nicht ignoriert, aber d e Idee, das innere Bild ist Härker als die äussere Rea- Tlät. Es ist wie bei der Muschel und der Per.e. «jh’ie das Sandkorn von aussen entsteht die Perle nicht im Inte in der Muschel. A c was ist das Sandkorn, tu messen am Wert der Perle0 (Ex UNIVERSO) COOPERATIVA DE SEGUROS LIMITADA ASEGURA EN TODOS LOS RAMOS A 14.000 SOCIOS QUE OBTIENEN LOS BENEFICIOS DE SUS SERVICIOS INTEGRE UD. TAMBIEN EL UNIVERSO DE LA GRAN FAMILIA DE OLAM ETICA Y MORAL SOCIETARIA LLAMENOS PARA ASESORARLO CORRIENTES 2115 45-0668/0852/1085/9965 46-8803/9130 49-2723/2785/2879/3784 Bei den Jaden in Russland Aus Jakob Steinhardts Serie „Biblische Holzschnitte“: Moses blickt vom Berge Nebo auf das Gelobte Land.

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