Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 29 (1968)
- Issue
- 2260 (22.3.1968)
- Date
- 1968-03-22
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PUEYRREDON 2190 — 1? izq. Jûz.JkMUiK&JsJiüëlita T. E. 83 - 2613 Ano XXIX BUENOS AIRES, VIERNES 22 DE MARZO DE 1968 hE 2260 Eine Welt aus i. Im Laufe der Geschichte haben immer wieder mach tige Reiche ihr Zeitalter be stimmt und die Führung der übrigen Nationen mit und ohne deren Widerstand übernommen. Sie alle sind un tergegangen, lösten einan der ab, verschwanden und Hessen ihre mehr oder minder sichtbaren Spuren zurück. Neue Weltmächte sind entstanden, und der Gang der Ereignisse wiederholte sich. Wir selbst wurden Zeugen, wie neue Kräfte entstanden, die unserer Zeit ihi-en Charakter aufprägen und welche die Mit- oder Alleinherrschaft über die Erde an sich zu reissen versuchen. Unter den dezidierenden Kräften hat als eine Weltmacht nur die Kirche die Zeiten überdauert, wenn auch ihr Einfluss den Wechselfällen der Geschichte un teworfen war. Aber sie blieb immer ein Faktor, mit dem die Völker und die Machthaber rechnen mussten, selbs* dann noch, ale die Päpste einst — vorübergehend — ins Exil gehen mussten. Selbst die grosse Spaltungsbewegung, die man Reformation nennt, vermochte die Position der Kirche nur zu erschüttern, die aus diesen Auseinandersetzungen letztlich noch einflussreicher hervorgegangen ist. Das 20. Jahrhundert hat aus mehrfachen Gründen gewaltige Veränderungen auf allen Lebensgebieten der Menschheit mit sich gebracht. Eine revolutionäre Bewegung hat alle Nationen mitergriffen und keineswegs nur das politische Kräfte Verhältnis geändert. Jeder Mensch empfindet und weis«: davon, dass dieser Umwälzungsprozess noch nicht abgeschlossen ist, möglicherweise in steigendem Mass van JEHUDA GOTTHFAMER den kranken und zitternden Leib der Menschheit und ih re noch nicht erforschte See le geistigen, seelischen, moralischen, politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftli sende Wandlung der nationalen wie internationalen Leben sbedingungen und menschlichen Beziehungen Als sichtbare Folge dieser Beobachtungen sind die Be Schwere Kaempfe Gestern früh sollen nach den Nachrichten verschiedener Radiostationen Israel eine militärische Ak tion gegen Transjordanien eingeleitet und transjorda nisches Gebiet besetzt haben. Wie die arabischen Sen der erklärten, seien die israelischen Truppen unter grossen Verlusten zurückgeschlagen und einige israelische Flugzeuge abgeschosuen worden. Israel habe grossen Schaden an Menschen und Material erlitten. Nach der Mitteilung einer anderen Radiostation hat Ministerpräsident Eshkol diese Meldungen demen tiert, insbesondere die Behauptung über den Verlust israelischer Flugzeuge. Die bisher vorliegenden Meldungen widersprechen sich, so dass ein klares Bild noch nicht zu gewinnen ist. Kairo teilt mit, dass der russische Botschafter ir Aegypten nach Moskau zu Beratungen gereist sei, während Radio Amman die Nachrieht verbreitet, dev König Hussein habe die arabischen Staatsführer zu einer eiligen Besprechung zusammengerufen. Radio Beirut gab eine syrische Erklärung wieder, dass es sich um einen geplanten Angriff handele, der der zio nistischen und imperialistischen Expansionspolitik entsprechen würde. Israel meldet, es habe sich um eine Strafexpedi tion gegen die Terroristen und Saboteure gehandelt, die sich auf der transjordanischen Seite des Jordan konzentriert haben und offerwichtlich einen Angriff gegen Israel planten. Israel habe 15 Tote und eine Anzahl von Verwundeten zu beklagen. Nach Zerstörung der Widerstandsnester und militärischer Anlagen der Transjordanier zogen sich die israelischen Truppen nach erfolgreicher Aktion wieder auf ihre Ausgangspunkte zurück. — Weitere Nachrichten lagen bei Redaktionsschluss nicht vor. Chen und vielleicht auch physischen Aenderungen zu treibt. Die zu allen Zeiten klugen und scharf beobachtenden Lenker der Katholischer Kirche erkannten die wach- Dajatt erlitt einen Unfall Jerusalem. — Verteidigungsminister Mosche Da jan, Held zweier Kriege gegen die Araber, brach sich bei einem Unfall mehrere Rippen und Wirbelknochen. General Dajan nahm an archäologischen Ausgrabungen teil, die seine Lieblingsbeschäftigung sind, als er durch einen Erdrutsch fast verschüttet wurde. Zwei in der Nähe befindliche Personen retteten ihn. Dajan wurde in das Tel Haschomer-Hospital in der Nähe von Tel Aviv gebracht. Professor Chaim Scheba, der Direktor des Krankenhauses, erklärte das? sein Zustand nicht besorgniserregend sei, „denn Dajan pflegt sich von seinen Wunden viel schneller zu erholen als andere Menschen“ Der Arzt glaubte dass Dajan zwei bis drei Wochen interniert bleiben müsse, fügte jedoch hinzu, er nehme an, dass sich Dajan nich^ an die ärztlichen Ratschläge halten werde. Der Unfall ereignete sich gerade zu einer Zeit in der die Spannung zwischen Israel und Transjordanieu im Steigen begriffen ist. Man nimmt daher an, dass Premiermnister Levi Eshkol möglicherweise eine , Stellvertretenden Verteidigungsminister ernennen dürfte, ln Parlamentskreisen wurde vorgeschlagen, dass General Jigal Allon, der gegenwärtige Arbeits' minister, die Lücke ausfüllen könnte, obzwar von an derer Seite versichert wurde, dass eine solche Mass nähme „völlig unnötig“ sei. Schon in der Nacht des gleichen Tages wurde mitgeteilt, dass es Dajan „viel besser“ gehe und er sich „mit Freunden und Familienangehörigen unterhalten habe.“ Prof. Scheba versicherte, dass Dajan selbst sehr zuversichtlich sei. Bis Redaktionsschluss lagen neue Nachrichten nicht vor. Der Gesundheitszustand des Verteidigungsministers General Dajan hat sich weiter gebessert. Er verfolgt die Aktionen an der transjordanischen Grenze von seinem Krankenbett aus, wie Radio Jerusalem meldet, — mühungen des Papstes Johannes XXIII. aufzufassen, der den Versuch machte, in den unaufhaltsam erscheinenden Prozess zwangsweiser Entwicklungen einzugreifen, eine Bemühung, die durchaus nicht ohne deutliche Konsequenzen geblieben ist, wenn auch ihre Ver- I wirklichung ausserordent- [ liehen Schwierigkeiten be gegnete. Jedenfalls war die Stel lung der Katholischen Kir che wieder von einer zentralen Bedeutung geworden, sodass die aus vielen Gründen vorher zu registrierende Schwächung der kirchli chen Pesition als überwun den angesehen wurde. Nur ganz vereinzelte Stimmen wagten zu behaupten, dass diese neue Linie nicht der Stärke, sondern der Krise erwuchs, in der sich die Kir che befand, die weder den positiven noch den viel stärker hervortretenden negat;- ven Erscheinungen unserer Epoche letztenendes gewachsen war. Diese kritischen Bemerkungen wurden geflissentlich überhört, besonders in jüdischen Krei sen, die sich damit begnügten, den guten Willen gewiss wichtiger und führender kirchlicher Kreise zur Ueberwindung des alten Spannungsverhältnisses zu den Juden und zum Juden tum hervorzuheben, der im übrigen von niemandem bestritten wurde. Dennoch wurde es mit der Zeit allmählich deutlicher, das»; der gute Willen der Führungsspitze nicht aus reichte, um die alten Gegensätze und Vorurteile der christlichen Welt, die in bei nahe zweitausend Jahren verbreitet und vertieft wor den waren, wirkungsvoll zu beseitigen. Der Widerstand weiter Kreise innerhalb der Katholischen Kirche gegen die „moderne“ Richtung, wie sie auf uem Konzil zu tage getreten war, versteifte sich zusehends, was durch aus nicht nur für die Reso lution über die Juden zu sa gen ist. Das gilt auch für andere vom Konzil geplante Reformen. Jetzt erhob sich die Stirn me eines angesehenen ka tholisehen Schriftstellers, der den Mut hatte, u. a. die felgenden Feststellungen zu treffe« und Warnungen aus zu sprechen-, „In welchen Strukturen und Farben auch immer man die Vision des 2L. Jahrhunderts oder des dritten Jahrtausends seit dem beth lchemischen Beginn des Er eignisses Christentum ent werfen mag: die Römisch- Katholische Kirche wird da*- in gerade dann nicht wie derzuerkennen sein, wenr. sie ihrer Sendung treu bleibt. Oeffnet sie sich, so wird sie sich wandeln; ver schliesst sie mch, so wird sie zu einem Anachronismus zusammenschrumpfen.“ — Diese Analyse und Prognose wurde nur aus einem ein zigen Grunde angeführtnicht um das Problem oder die Position der Kirche dar zustellen und kritisch zu be leuchten, sondern um uns selbst zum Bewusstsein zu bringen dass die Revolution dieses, unseres 20. Jahrhun derts die Grundlagen der menschlichen Existenz er schlittert und wandelt, also auch uns selbst in diesen Strudel hineinzieht, unsere Lage ständig ändert und un* dazu zwingen sollte, wieder und wieder unsere eigene Lage zu überprüfen und zu überdenken. II. Dass sich die Lage des jüdischen Volkes und jedes einzelnen Juden seit dem Beginn des 20 Jahrhunderts fundamental geändert hat, braucht nicht hervorgehober. zu werden. Obwohl die Um weit die jüdische Intelligenz allgemein — lobend oder ta delnd — hervorhebt, dürfte es angebracht sein, wenn wir gerade in dieser Hinsicht eine bitter notwendige Selbstkritik üben. Die Mehr heit der Juden hat, von einzelnen erlauchten Gei stern abgesehen, bis heute nicht gelernt, die eigene Situation richtig abzuwägen von SEM FRA/VKEISSTEI!S Die letzten kommunistischen Gipfelkonferenzen haben mit grosser Klarheit die erheblichen Schwierigkeiten hervortreten lasser», die durch die Meinungsverschiedenheiten und die Sonderwünsche einzelner Satellitenstaaten in Europa der Moskauer Zentrale erwachsen sind. Bisher hat die Deutsche Demokratische Republik (DDR), auch Ostdeutschland genannt, keine grösseren Probleme geschaffen und sich als ein getreuer Vasall der Moskauer Herren gezeigt. Schon auf einen flüchtigen Blick ist es klar, dass der Unterschied zwischen dem Wunder-Wirtschafts-Wohlstands-Staat Westdeutschland (genannt Bundesrepublik) und der „Zone“ oder dem „Pankow-Regime“, wie man in Bonn spöttisch-kritisch die Ostdeutschen betitelt, noch sehr erheblich ist, dass aber auch Ostdeutschland eine Vorwärtsentwicklung zur ökonomischen Stabilisierung hinter sich hat. Das war offensichtlich der Lohn oder der Preis) dafür, dass das Ulbricht System nach dem missglückten Arbeiteraufstand in O^tberlin vor einigen Jahren keine weiteren Schwierigkeiten dem Kreml bereitet hat. Aber diese ostdeutsche Politik führte zur permanen ten Belastung der westdeutschen Bemühungen, die alte deutsche Weltposition wiederherzustellen, was nicht gelingen kann, da die Welt «ich inzwischen gründlich verändert hat. Ohne Zweifel hat gerade die Bundesrepublik bewiesen, dass bürgerlicher Wohlstand allein durchaus nicht genügt, um zu innerem Frieden zu gelangen. Es sind nicht Arme oder Arbeitslose, die dort demonstrieren, sondern wirtschaftlich Arrivierte, die mit sich und ihrer Umgebung nicht „fertig“ werden und eher gesellschaftlich und sozial als ökonomisch deklassiert sind oder sich zurückgesetzt und schlecht behandelt fühlen. Die Armee der Unzufriedenen ist im Wachsen begriffen, was der Anstieg der NPD deutlich zeigt, die sicherlich nicht einheitlich zusammengesetzt ist, aber doch aus zahlreichen ehemaligen Nazis besteht, die (politische) Morgenluft wittern. Diese jedem Beobachter sichtbare Situation haben die Sowjets schon einmal zum Anlass genommen, um der Bundesrepublik mit Nachdruck vor Augen zu führen» dass Russland zu den Besatzungsmächten gehört, die vorläufig noch über die deutschen Verhältnisse das letzte Wort zu sprechen haben. Moskau hatte in einer langen Note auf zweifellos vorhandene Missentwicklungen (NPD, Soldatenzeitung u. ä.) hingewiesen, die von Bonn bestritten wurden. Die deutsche Regierung gab der Angelegenheit ein ausschliesslich politisches Gepräge, das sie auch hatte, bestritt im übrigen den russischen Saehvortrag, was ebenso einfach wie unrichtig war, denn die von den Sowjets behaupteten Fakten bestehen . . In einer weiteren Note lenken die Russen erneut die internationale Aufmerksamkeit auf diese Tatsachen: Die NPD habe sich in ein Zentrum verwandelt, um das sich die „von einer Revanche um den verlorenen Krieg träumenden, eingefleischten Anhänger der faschistischen Ideologie“ scharen. Bundesregierung und auch Amerikaner wie Engländer — die Franzosen werden vom Kreml nicht genannt .. — begünstigen diese Entwicklung, sagt die Note, weil sich die Tendenzen der NPD in der bandesdeutschen, von den Amerikanern und Engländern unterstützten Politik widerspiegeln. Der von Bonn gemachte Einwand, es handele sich bei diesen Noten um eine „Einmischung in interne Angelegenheiten“, könne nicht durchgreifen, „wenn es darum geht, die Völker Europas vor einer neuen faschistischen Gefahr zu schützen“ Die Russen haben die Lage richtig beurteilt, sind aber leider Träger einer furchtbaren faschistischen Gefahr für alle Völker der Welt, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. SABOTAGE Tel Aviv — Der Kibbuz Achdot Jaakow konnte an der allgemeinen Purimfreude nicht teilneh men sondern musste um den Tod seines dritten Insassen trauern, der von Saboteuren ermordet wurde. Der Israeli fand den Tod, als sein Trak tor auf eine Mine stiess. während er das Feld bearbeitete. Der Ort des Zwischenfalls liegt einen Kilometer von der Gren ze mit Transjordanieu entfernt, und die Spuret» von drei Männern wurden in Richtung zur Grenze gefunden. (ITA) Der Untergang eines gro ssen Teiles unseres Volkes ist auch auf den mangeln den Sinn für die Realitäten und politischen Gegebenhei ten zurückzpführen, auf jene beinahe für uns typische Eigenschaft, die rauhe Wirk lichkeit zu verkennen und sich mit einem oltmals nichf begründeten Optimismus der Hoffnung hinzugeben, dass die schwarzen Wolken am jüdischen Horizont vorbei ziehen werden. Die jüdischen Notabein und mit ihnen die breite Masse des jüdischen Volkes in allen europäischen Ländern haben die politische»’ Probleme ihrer Gegenwart während aller Jahrzehnte dieses Säkulums verkannt, rieht richtig eingeschätzt und damit die gestaltender Kräfte übersehen, die sien immer deutlicher zeigten, wobei wir durchaus nichf nur an die immer drohender werdende nazistsche Ge fahr zu denken brauchen. Der Grundfehler, den Juden begangen haben, lag einfach darin, den universellen Charakter einer Entwicklung zu bestreiten, obwohl doch das jüdische Volk selbst auf grund seiner Zerstreuung über alle oder über viele Länder der Erde in diesem Sinn einen universellen Cha rakter trägt. Immer stärker tritt im laufe der letzten Entwick lungen die Tatsache in Er scheinung, nass keine Na tion, kein Volk, ja kein Mensch für sich allein die Hoffnung hegen kann, vom „Strom der Zeit“ und den Sturmzeichen ihrer Entwicklungen unberührt zu bleiben, so ferne auch das Grollen der Beben sein mag. Man hört nicht das Donnern der Kanonen, die in Korea oder jetzt in Vietnam Tod und Verderben weitab von un serem Alltag speien, und c:och dringen die Schatten dieser entsetzlichen Kämpfe bis in die letzten Hütten (Schluss auf Seite 2) VOR 25 JAHREN Bukarest. — Die Ju denheit Rumäniens ge dachte des Untergang» der „Struma“ vor 25 Jahren. Das Schiff versank 1943 im Marmarameer mit 769 Juden an Bord, die aus dem unte" dem Nazijoch schmachtenden Europa nach Pa lästina zu entkommen versucht batten. Oberrabbiner Moses Rosen klagte in seiner Gedächtnisrede diejenigen an, denen „die Rettung der Opfer möglich gewesen wäre, wenn sie nur einen Finger gerührt hätten“. Die „Struma“, so führte er aus, ist zu einem „Symbol einer fast ebenso grossen Schuld ge worden, wie sie die fa schistischen Mörder aut «ich geladen haben.“ — (ITA)