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Jüdische Wochenschau · 1968-02-23 · 2257 (23.2.1968) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
29 (1968)
Issue
2257 (23.2.1968)
Date
1968-02-23
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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Adar Das dünne, handliche Büchlein des Reiseführers durch Transjordanien in deutscher Sprache ist. noch vor dem Sechstagekrieg im Polyglott- Verlag. köln-Marienburg erschienen, Ich kaufte es in Israel, als ein deutsches Blatt von mir einen Bericht •über die Heiligen Stätten anforderte. Die in aller Eile kompilierten hebräischen Reiseführer schienen mir für den Zweck nicht geeignet, und so erwarb ich ein Stück „Literatur“, wie es bisher in Israel — aus Man gel an Verwendungsmöglichkeiten — unerhültlich und unbekannt war. Noch im Autobus zu den Heiligen Stätten, über die ich berichten sollte, schlug ich da*s Bändchen auf. Und siehe da — es war, bei aller Gründlichkeit der historischen, archäologischen, soziologischen und touristischen Informationen, in einem Punkt ein .unbeschriebenes Blatt“: Israel wurde darin so gut wie gar nicht erwähnt. Auf einem lose eingelegten Bogen erklärt der Verlag diese Kuriosität. „Israel“, so heisst es da, „wird von den arabischen Staaten nicht anerkannt. Um eine Beschlagnahme (sic!) dieses Reiseführers in den arabischen Ländern zu vermei den, haben wir es vermieden, im Text oder auf den Karten und Plänen das Wort Israel erscheinen zu lassen.“ Des weiteren gibt der Reiseführer dann Anweisungen, wie man sich dennoch ein israelisches Visum verschafft; natürlich in einem zweiten Pass oder auf einem besonderen Blatt. Denn „Pässe mit israelischen Visen werden von keinem arabischen Staat anerkannt“. Es wird auch erklärt, wie man durch das „Mandelbaumtor“ (seligen oder vielmehr unseligen Angedenkens) nach Israel gelangt, jedoch nur „in einer Richtung“; sowie dass man 'bei einer Ausreise von Transjordanien nach Israel in Jerusalem l Altstadt) „einige Tage vorher einen Antrag auf Ausreisegenehmigung einreichen“ musste! Und nun wünschen wir, so sehliesst der Verlag seine interessanten Aufklärungen: Gute Reise! Unglaubliche Verrenkungen waren nötig, um nun wirklich in diesem Handbuch die so anstössige Existenz des Staates Israel diskret und taktvoll zu vertuschen. Auf allen Karten erscheint eine gestrichene Linie namens .Demarkationslinie . Jenseits dieser Linie — befindet sich — garnichts! Jungfräulich weiss erglänzt das Papier; denn zwischen Transjordanien bezw. der „Demarkationslinie“ und dem Mittelmeer erstreckte sich offenbar leere Luft. „Weil, so schloss er (König Hussein)“ messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Um das Wort „Juden“ allerdings kommt man zuweilen nicht herum. So heisst es z. B. (Abschnitt Religionen, Konfessionen, Sekten); „Als Folge des arabisch-jüdischen (sic!) Palästinakrieges gibt es in der Altstadt praktisch keine Juden mehr, und das ehemalige Judenviertel ist verödet. Auch der Zugang zu der berühmten Klagemauer ist den Juden verschlossen.“ Welchen? Denen, die es „praktisch“ nicht mehr gab, da sie unpraktischerweise drüben, jenseits der „Demarkationslinie“ sassen? Unter „praktische Hinweise“ konnte der Reisende auch erfahren, dass in Transjordanien das Fotogra-I fieren überall erlaubt sei, oder war. Ausnahmen bestanden nur ..für militärisch wichtige Anlagen“ und für „die Grenzzone an der Demarkationslinie“. Sehr wich-, tig und ..praktisch“ war der Hinweis, wie man sich die Visa für Transjordanien, den Libanon und Syrien zulegte. Es wurde empl'oheln, sie sich schon vor der Reise zu verschaffen. Notfalls werden sie allerdings auch an den Grenzstellen, in den Häfen und auf den Flugplätzen ausgestellt. In jedem Fall, so betont jedoch der Reiseführer. muss eine Religionsbescheinigung (z. B. beglaubigte Abschrift des Taufscheins) vorgelegt werden Toleranz, dein Name war Hussein! Hingegen war, wie man erfährt, wenigstens die Zollkontrolle „sehr grossziigig“. Andererseits wurde ein Trinkgeld „fast immer, und überall für jede, auch die kleinste Dienstleistung erwartet.“ Wie löste der Reiseführer das Problem der heiklen Tatsache, dass in der „Neustadt“ „praktisch“ auch Juden lebten? Durch einen salto mortale des Taktgefühls: „Der jordanische Teil von Jerusalem, arabisch „El Kuds“, — so heisst es in der Einleitung, „zählt heute (d. i. im Jahre 1965) etwa 61.000 Einv.ohnrr, ganz überwiegend Araber moslemischen Glaubens. In der Neustadt jenseits der Demarkationslinie, wohnen etwa 167.000 Menschen“. Immerhin! Nicht immer ist dieser Eiertanz möglich, der an gewisse Spiele unserer Kindheit erinnert, bei denen man bestimmte Worte nicht nen nen, sondern durch ein Deckwort, einen „Teekessel“, ersetzen musste. So heisst es vom Skopus; „Die Hebräische Universität und ihre Umgebung gehören nicht zu Jordanien und werden von israelischen Soldaten bewacht.“ Autsch! Da ist es herausgerutscht. Doch wurde dies von den gestrengen Transjordaniern anscheinend nicht bemerkt, denn der Reiseführer hat immerhin drei Auflagen er lebt. Seine Informationen sind übrigens sonst vorzüglich Bloss werden die Her ausgeber zwischen der 3. und 4. Auflage ziemlich schwer arbeiten müssen, um einige der .Understatements und unaktuell gewordenen .Kleinigkeiten“ richtigzustellen. Die erschreckende Irrealität des arabischen Weltbildes, die Flucht und panische Angst vor 'der Wirklichkeit, ihre Neigung zur Vogei-Strauss-Politik scheint aber teilweise im Nationalcharakter endemisch zu sein. Der Mensch der Wüste, so behaupten gelehrte Beobachter, konnte nur bestehen, indem er in einer Fata Morgana dahinträumte. Uebertreibungen. Märchenvor'tellungen, Illusionen aller Art lassen ihn die traurige Gegenwart vergessen. Daran musste ich denken als ich, den so überaus taktvollen Reiseführer in der Hand, im Gässchengewirr des ehemaligen Transjordanien auf einen lebendigen Reiseführer traf. John, so stellte sich mir der halbwüchsige Araber vor, wollte uns eigentlich nur Ansichtskarten — oder eine Landkarte verkaufen (Wir kauften übrigens eine für ein Pfund, für die er zwei IL verlangt hatte. Nachher stellten wir fest, dass sie auf dem Jahre 1945 stammte und daher vielleicht keinen praktischen, wohl aber fast schon archäologischen Wert hatte). John wollte uns also nur den Weg zu unserer Bestimmung zeigen, kam aber dann gleich mit und war überhaupt nicht mehr abzuschütteln. Die Erklärungen, die er uns gab, waren weniger interessant als seine autobiographischen Mitteilungen, wenn auch vermutlich etwa ebenso verlässlich. Er sei Stuoent. erzählte uns John in ziemlich geläufigem Pidgin-Englisch. In den Ferien verdiene er sich mit Ansichtskartenverkauf das Studiengeld. Seine Schwester studiere Medizin in den USA. Er sei „geprüfter Fremdenführer“. Als „Beweis“ hierfür zeigte er uns eine Visitenkarte, auf die jemand mit Kugelschreiber die Adresse eines telaviver Reisebüros geschrieben hatte. Da wir keine Zweifel äuserten. wurde John immer kühner. Er sei bei einer amerikanischen Firma angestellt, einem Reisebüro namens „Pan-Am“. Als , Beweis“ dafür zeigte er i uns die Flugtasche mit dem ¡ defekten Reissverschhiss. in welcher er seinen Ansichts- Karten-Vorrat mitführt. Wir Hessen es dahingestellt und durchgehen, dass die Fluggesellschaft Pan-American ein ..Reisebüro“ und John ihr verbürgter, verbriefter, diplomierter Angestellter sei. der im Winter an der Universität studieren würde, vielleicht in Beirut oder Amerika oder auf dem Mond. Inzwischen lief er in zerschlissenen Turnschuhen herum und verkaufte antike Land- und ebensolche Ansichtskarten. Um sich das Studiengeld zu verdienen. Immerhin war ihm ein Verdienst nicht abzustreiten. Er hielt Kinder 80. Geburtstag In Israel wurde Margery Bentwich, Tochter von Herbert Bentwich und Schwester von Norman Bentwich 80 Jahre alt. Sie hat in junsonstige Bakschischjäger von uns fern, da er uns als sein persönliches Eigentum und Jagdgebiet betrachtete. Wir haben ihm dann ein Trinkgeld gegeben, das seine kühnsten Erwartungen überstiegen haben dürfte. Den Blick voll Staunen, Verwirrung und Bedauern beim Abschied werde ich nie vergessen. Der arme John hat vermutlich seither schlaflose Nächte. Sicher bedauert er es sehr, sich «ns nicht als Universitätsprofessor oder ehemaliger Minister vorgestellt zu haben. Wie wäre Bettler und | (jann erst das Bakschisch ausgefallen, da die Israelis offenbar so leichtgläubig sind: Ein Journalist, der während des Aufenthaltes seines Schiffes in Alexandrien nicht an Land gehen durfte und in seiner Kabine eingeschlosssn wurde, nahm aus dem Kajütenfenster dieses Bild eines sowjetischen Spionageschiffes auf, das in diesem Hafen vor Anker lag. gen Jahren, zusammen mit, ihrer Schwester Thelma (Yellin), als Violinistin das musikalische Leben Jerusalems befruchtet. Sie hat das jerusalemer Streichquartett organisiert u ul geführt und populäre Kammermusikabende veranstaltet. Als Schriftstellerin hat sie u. a. zusammen mit Norman Bentwich die Biographie ihres Vaters geschrieben, eines Vorläufers des praktischen Zionismus. Bis heute arbeitet sie als Musiklehrerin. Altersfürsorge Die „Federation of Jej wish Philanthropies“, New York, errichtet neben dem Jewish Hospital von Long Island ein Studium- und Heilungsinstitut für Alterskrankheit. Das Haus wird 500 Betten aufweisen und Tagesräume mit durchgeplanten Programmen, um das Alter sinnvoller zu gestalten. Wesentlichstes Anliegen ist die Verhütung und Minderung von Altersbeschwerden. 90. Geburtstag In Chicago beging kürzlich der als Pianist, Komponist und Pädagoge bekannte frühere Präsident des Chicago Musical College, Dr. Rudolph Ganz, seinen 90. Geburtstag. 1906 spielte er unter Weingartner in New York und wurde dann Leiter des Symphonieorchesters in St. Louis, bis er nach Chicago kam. Seit Jahrzehnten hat er sich bahnbrechend für moderne Musik eingesetzt. Theodor Körner.Preis Der Theodor-Körner-Stiftungsfond zur Förderung von Kunst und Wissenschaft in Wien hat dem tel» aviver Verleger und Historiker Dr. Hugo Gold für seine bisherigen Leistungen auf dem Gebiet der jüdischen Geschichtsforschung, besonders der Geschichte der Juden in Wien und Oesterreich, einen Förderungspreis verliehen. Kulturpreis Jenny Aloni. die israelische Schriftstellerin, erhielt den Kulturpreis der Stadt Paderborn, in der sie vor fünfzig Jahren geboren ist. Die Droschke Moses Montefiores Sie befindet sich nicht in der Alttsadt Jerusalems, wohin sich heute der Strom der Touristen — israelischen und nicht israelischen — ergies'T, sie steht seit einiger Zeit in einem steinernen Pavillon neben der Windmühle, welche Sir Moses Montefiore im Jahre 1857 hat errichten lassen. Nimmt man es genau, so muss man sagen, dies sehenswerte Vehikel ist gar nicht mehr jenes, welches das Ehepaar Moses und Judit Montefiore durch Europens Länder getragen Es sei ein neues Gefährt, dem von Sachverständigen während der Rekonstruktion die wenigen Reste anrr.ontiert wurden, welche Andenken sammelnde Touristen und Stadtbewohner übrig gelassen und die der Zahn der Zeit nicht hatte zu überwältigen vermocht. Im Jahre 1836, als noch nicht lange die Dampfer und Eisenbahnen ihren Siegeszug •begonnen hatten, unternahm das Ehepaar Montefiore eine Reise nach Frankreich und Italien. Um die Unbequemlichkeiten der Fahrt zu mindern, liess sich Montefiore in Paris eine Kalesche bauen, für die er den aesehrilichen Betrag von über 4.000 Francs zu zahlen hatte. War von SIEGFRIED BRAUN der Weg gut. so zogen vier Pferde den Wagen. War er aber infolge des Wetters .botzig“ oder wie in Russland mit tiefem Schnee bedeckt, so spannte man 12 Pferde vor oder löste die Räder ab und verwandelte so den Wagen in einen Schlitten. Auf dem Kutschbock konnten bei freundlichem Sonnenschein die Montefiores mit Platz nehmen während kaltes und regnerisches Wetter sie ins behaglich ausgepolsterte Innere gehen liess. Das den langen Fahrten angemessene Gepäck fand auf dem Dach Platz, während die Wegzehrung unterhalb des Kutsehbocks verstaut wurde. Ein besonderer Raum war zur Unterbringung einer Thorarolle. eines goldenen Schabbatleuchters und weiterer kultischer Kostbarkeiten bestimmt. Was aber der Equipage ihr Besonderes' verlieh, das war das Wappen Montefiores mit seinen zwei Löwen und drei Fahnen, unter denen in hebräischen Lettern' geformt der Name Jeruschalaim zu sehen war. Es ist nicht schwer sich auszumalen, mit welcher Begeisterrng dieses öffentliche Bekenntnis zu Zion von den jüdischen Massen angestaunt wurde, wenn Montefiore durch die polnischen und russischen Städte und Dörfer in Richtung nach Petersburg fuhr Es ist auffällig, dass keine der sieben Israelfahrten Montefiores mit diesem Wagen unternommen wurde. Aus technischen Gründen Hess sich dies nicht einrichten. wie ein Berater dem Baron erklärte. Nach Montefiores Tod im Jahre 1885 brachte man seinen Wagen zum Familienbesitz nach Ramsgate; hier verblieb er, bis Herzls Freund und treuer Helfer Rev. William Hechler, Hauskaplan der englischen Botschaft in Wien, die Droschke als Erinnerungszeichen an den zionistischen Philanthropen erhielt und sie dann dem Gründer und Leiter der Bezalelkunstschule in Jerusalem, Prof. Boris Schatz, überliess. Damit 'begann das trübe Kapitel der Verkümmerung des Fahrzeugs. Man schleppte es von Ort zu Ort, überliess es den verheerenden Einflüssen von Sturm und Regen, Hitze und Kälte, bis ein Teil nach dem anderen •Hs Andenken weggenommen war. Vor wenigen Jah- ’en erst besannen sich die Führer der zuständigen Abteilungen der Jewish Agency und der Stadt auf den historischen Wert der Droschke und beauftragten eine Wagentabrik in Tel Aviv mit der Rekonstruktion, welche dann an Hand der schäbigen Ueberbleibsel und einer Anzahl von alten Abbildungen erfolgte. Der Architekt Josef Klarwein legte der Bauunternehmerorganisation in Jerusalem den Plan zu einem würdigen Aufstellungsrau n vor Er wurde angenommen, von der Organisation finanziert und 1965 verw wirklicht. Vorübereilende — wo gibt es noch Vorübergehende? -w können e'n bedeutsames Ka* pitel der Entwicklung dessen, was ausserhalb der Stadtmauer liegt, lernen^, wenn sie sich Zeit nehmen, die Windmühle, den Pavillon daneben und ein wenig wei* ter unter» die lange Häusei*- reihe zu betrachten, die als erste jüdische Siedlung ausserhalb der Altstadt mit Geldern des nordamerikanischen Philanthropen Jehuda Tura durch Montefiore 1860 errichtet wurde.

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