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Jüdische Wochenschau · 1968-02-09 · 2255 (9.2.1968) · p. [Seite 5]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
29 (1968)
Issue
2255 (9.2.1968)
Date
1968-02-09
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German, Spanish
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Viernes, 8 de Febrero de 196« ISRAELITA Abo XXIX. — N9 2255 — 5 Besuch im Felsendom Seit über dreissig Jahren lebe ich in Jerusalem und noch nie war ich im Felsendom, den man fälschlicherweise Omar-Moschee nennt. Fälschlicherweise, denn dieses prachtvolle Bauwerk ist eigentlich keine Moschee im strengen Sinne und nicht der Kalif Omar hat sie erbaut, sondern Abd el Malik, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich erst jetzt den seit über drei Jahrzehnten fälligen Besuch nachgeholt habe — es war ein grosses, ein ganz grosses Erlebnis. Zwanzig Jahre konnte man die Altstadt überhaupt nicht betreten. Neunzehn von diesen zwanzig war sie unter transjordanischer Herrschaft und daher für uns unerreichbar, aber auch schon ein Jahr vorher war es nicht ratsam, sich in die feindselige arabische Altstadt zu begeben. Und vorher hatte die moslemische Tempelwache des Grossmufti und Grosschufti Hadj Amin El Husseini Juden dam Betreten der ,,Omar- Moschee“ streng verboten: dies seit den Unruhen von 1936 in verschärftem Masse. Trotzdem kam ich einmal — versehentlich — bis an die Schwelle des Heiligtums Das war 1947 als die letzte der Untersuchungskonimissionen UNSCOP im Lande weilte, die von den Vereinten Nationen eingesetzte Untersuchungskommission, die den Teilungsbeschluss Palästinas vorbereitete. An einem lichten Morgen besuchten die Herren der Kommission den Felsendom alias Omar-Moschee. und die Presse war zu dieser Exkursion zugelassen. Ich aber kam zu spät, hatte — jetzt kann es verraten werden! — einfach verschlafen. Ich eilte durch den Schuk, die Bazar-Stra- Sse direkt zum Tempelplatz, zeigte meine UNSCOP-Spezial-Pressekarte vor und erreichte die Pforte zum Felsendom in dem Augenblick, da die Kommissionsmilglieder ihre Schuhe abstreifen, um das Heiligtum zu betreten. Da aber erspähte mich der griechische Presse-Beamte des UNSCOP und schlug die Hände überm Kopf zusammen und rief mit einem Pathos, das der griechischen Tragödie entnommen war: „Mr. Ben- Chorin! Um des Himmels willen — was tun Sie?“. Ich wusste garnicht, dass Ich im Begriff stand, ein feierliches Abkommen zu brechen. Vor Beginn der Altstadt-Tour hatte man nämlich mit meinen frühaufstehenden Kollegen vereinbart, dass die jüdischen Journalisten die Kommission an der Klagemauer erwarten und auf den Besuch der sogenannten Omar- Moschee verzichten, da die moslemischn Behörden sich geweigert hatten, die Kommission einzulassen, falls jüdische Journalisten sich mjt in der Gesellschaft befänden. Nun aber war ich — als einziger Jude weit und breit — auf dem weiten und breiten Tempelplatz erschienen. Es blieb nichts anderes übrig, als mich — zu „verhaften“. Unter englisch-militärischer Bedeckung wurde ich über den weiten Platz geführt bis zur Pforte des Haram es'Seheriff und dort buchstäblich zum Tempel hinaus geschmissen. Ich schwor ewige Rache: einmal werde ich wiederkommen — und nun hielt ich meinen Schwur. Uebrigens sehen es auch von SCHALOM BETS CHORUS die orthodoxen Rabbiner nicht gern, wenn man den Tempelplatz betritt; davon konnte Theodor Herzl. c;n anderer jüdischer Journalist, ein Lied singen. Am 31. Oktober 1898 notiert er in seinem Tagebuch: „Man darf auch die Omar-Moschee, den Tempelplatz nicht betreten, sonst verfällt man dem Bann der Rabbiner. So geschah es Sir Moses Montefiore. Wie viel Aberglauben und Fanatismus von allen Seiten. Dennoch fürchte ich mich nicht vor all den Fanatikern“. Ich halte es mit Theodor Herzl, dem Visionär des Judenstaates, ich fürchte mich nicht vor den Fanatikern, aber ich bin mit meinem Mut nicht mehr vereinzelt, denn Taufende strömen in diesen Tagen zum Tempelplatz, zum Felsendom, und haben keine Ahnung wohin sie strömen... das nebenbei und später. Warum sind die orthodoxen Rabbiner eigentlich gegen den Besuch des Felsendoms? Weil man nicht so recht genau weiss, auf we1chem oder über welchem Felsen dieser herrliche Prunkbau errichtet wurde. Die Moslems wissen ej genau. Für sie ist das der Felsen, von dem aus der Prophet Mohammed auf seinem Wunderpferd Burak unter Anleitung des Engels Gabriel gen Himmel fuhr, um dort weitere Offenbarungen entgegen zu nehmen. Hufabdrücke des Wun. derpferdes und des prophetischen Turbans sind im Felsen noch zu bemerken (wenn man genügend Phantasie hat). Für uns aber ist der Felsen ein grosses Mysterium. Manche identifizieren ihn mit Moria, dem Berge, auf dem Erzvater Abraham seinen Sohn Isaak darbringen wollte und von einem Engel daran im letzten Augenblick gnädig verhindert wurde. Andere behaupten gar, dass dies der Fels sei, auf dem Jakob seinen Traum von der Himmelsleiter geträumt habe. Endlich meinen die meisten, dass hier der Brandopferaltar des Tempels gestanden habe (um einen alten Opferstein handelt es sich sicher, denn man sieht noch die Blutrinne, in welcher das Blut der Opfertiere abgeleitet wurde), und schliesslich gibt es die Meinung, dass hier die Bundeslade geruht habe, also das Allerheiligste war. Endlich wird der Fels Even Schethija genannt, der Grundstein, der die Wasser der Sintflut verschliesst. Der Stein ist geduldig. Er schweigt — wie en Stein Aber das Mysterium waltet über -ihm. Man spürt es wenn man sich ihm nähert., durch die kunstvolle Holzvergitterung auf die kahle Stummheit des Felsens blickt. Er wird sein Geheimnis nicht preisgeben., bis zum Jüngsten Tag. Dann freilich wird über ihm die Waage der Gerechtigkeit aufgehängt, die Kette hierfür hängt schon jetzt von der unbeschreiblich herrlichen Kuppel herab Auf dieser Waage wird der gerechte Gott alle Seelen wiegen — lehrt der Koran — und wehe der Seele, die zu leicht befunden wird. Stein des Geheimnisses — leise sprichst du zu mir. Was immer du gesehen haben magst in den Jahrtausenden — du gibst dein Geheimnis nicht preis: hat hier die bebende Vaterhand Abrahams das vom Gehorsam gelenkte, von der Liebe gehemmte Messer geschwungen? Hat hier (das glaube ich nun allerdings nicht) Jakob im Traum den Himmel offen gesehen . ach, es war doch in Bet-El wie wir in der Genesis lesen. Aber vielleicht hat ein anderer Träumer — Mohammed — hier die Himmel der Himmel im Traum erstiegen. Gleichviel — der Himmel war offen über diesem Felsen, der jetzt unter einem Kuppelhimmel in Gold und Rot ruht — bis sich die Himmel der Gerechtigkeit über ihm öffnen. Hat hier der Brandopferaltar gestanden, vor dem die Priester in heiligen Gewändern ihre blutig-sakralen Amtes walteten? Oder gar die Bundeslade, in der die Tafeln des Gesetzes ruhten, geschrieben mit dem Finger des Elohim? Was immer es um diesen Stein ist — er flüstert mir zu: Der Boden, auf dem du stehest, ist HEILIG. Und da dem so ist, muss man die Schuhe abstreifen ehe man sich dem Felsen der tausend Mysterien nähert. Ein realistischer Türhüter sagt mir: „Sie können die Schuhe auch in die Hand nehmen, damit sie nicht wegkommen.“ Ich ziehe es vor, ihm ein halbes Pfund zu geben, und er wird damit zum Tür- und Schuhhüter. Das halbe Pfund war gut investiert, denn es war mein bestes Paar Schuhe. Der schweizerische Friedensapostel Max Daetwyler aber verwechselte mich mit dem Türhüter und wollte mir seine Schuhe und seine weisse Friedensfahne in Obhut geben als er die ,,Omar-Moschee“ betrat, und er wollte mich sogar in harten Fränkli entlohnen — aber ich verwies ihn an den ve”cidigten Tür- und Schuir ’ st, denn ich will keinem arabischen Nachbarn sein Brot wegnehmen. Im Innern des Heiligtums wurde ich wieder verwechselt. Wir stiegen hinab in eine Krypta unter dem Felsen. Die Archäologen meinen, dass in diese Zisterne das Blut der Opfer und der Weine der Libationen abgeflossen ist, denn eine Art Lichtschacht verbindet die tiefe Grube mit dem Opferstein. Die Gläubigen aber meinen, dass durch diese Oeffnung der Prophet aufgefahren sei. Ein völlig von der Religionsgeschichte unbeleckter und unbelehrter Familienvater aber „erklärte“ den Seinen, dass hier Jesus gen Himmel gefahren sei. Da konnte ich nicht länger schweigen — und stellte die Sache richtig denn mit dem Neuen Testament hat dieser Felsendom nichts zu tun. Das führte nun zu der weiteren Verwechslung (nicht des Koran mit dem Neuen Testament sondern des Ben Chorin mit seinem Fremdenführer!) Man umdrängte mich, wollte genau wissen, was es um den Felsen ist. Ahnungslose Unschuld wellte von mir wissen, was kein Mensch weis. Ich entschied mich für die Abrahams-Version, sagte kurz: Akedath-Yizchak und dies aus... pädagogischen Gründen, damit die Leute ruhig sein sollten, denn man schnattert nicht am heiligen Felsen. Wenn ich nicht wüsste, dass die Besucher hier Israelis, Amerikaner, Franzosen und was sonst noch sind .. ich hätte sie fast alle für... Philister gehalten. So sahen sie aus, so benahmen sie sich. Die Leute sprachen — laut und vernehmlich — Iwrit, Jiddisch, Englisch, Deutsch, Französisch — aber die Sprache der Heiligkeit verstehen sie nicht, die „Stimme feinen Schweigens“, die zu Elia gesprochen hat, die zu uns in diesen heiligen Hallen sprechen will. Man lässt sie kaum zu Wort kommen. Aber in einer Gebetnische wirft sich ein Moslem nieder und betet wirklich. An einem Pfeiler lehnt eine verschleierte Araberin und streichelt mit zärtlicher Hand den kühlen Marmor., vereinsamte Zeugen der Heiligkeit im Strom des Tourismus, der den Tempelhütern 2 IL pro Nase (Kopf möchte ich hier nicht sagen) einbringt. Am Eingang streift man. nicht nur die Schuhe ab — um dann über rote Teppiche zu wandeln — sondern muss — als Dame — auch noch einen lilafarbenen Shawl umlegen, falls die entblössten Arme allzu weltlich schimmern. Man sollte diese Art Shawl auch an der Klagemauer verteilen, um Die neuen israelischen Münzen Die offizielle Serie der neuen israelischen Münzen im Jahr 1968, deren Ausgabe für den 1. März angekündigt ist, erfolgt im Rahmen des 20. Jahrestages der Staatsgründung und wird der Heiligen Stadt Jerusalem gewidmet sein. Wie in früheren Jahren besteht die Serie aus sechs Stücken. Hierzu gehört eine Münze von 1 Lira <1 Pfund), und die anderen repräsentieren WTerte von einer halben Lira. 25 Agorot, 10 Agorot. 5 Agorot und 1 Agora. Jede Münze trägt das Datum des jüdischen Jahres 5728, und die altjüdischen Zeichnungen, die auf ihnen zu sehen sind, wurden dem modernen israelischen Kunstsinn angepasst. Die einzelnen Münzen werden in Buenos Aires bei den verschiedenen Banken erhältlich sein. Eine Audienz beim Papst Rom. — Papst Paul VI. versicherte zwei führenden jüdischen Persönlichkeiten dass wo und wann es auch immer zu einer gegen die Juden gerichteten Verfolgung kommen sollte, die Kirche hiergegen Stellung nehmen würde. Es sei sein höchster Wunsch, so betonte Paul VI., die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zu berichtigen. Der Papst gew'ährte die Audienz den Herren Dr. William Wexler und L. Edelsburg, die der Leitung der Internationalen Bne Brit angehören. Die Besucher überreichten dem Papst ein Amulett aus dem 6. Jahrhundert, wüihrend Paul VI. jedem eine Goldmünze schenkte. Dr. Wexler informierte die Jüdische Nachrichten-Agentur, dass er und sein Kollege Edelsburg den Papst von dem „stetigen Fortschritt“ informierten, die im Jahre 1965 vom Oekumenischen Konzil im Vatikan gefasste Deklaration über die Juden in die Wirklichkeit umzusetzen, obwohl einige Diözesen in gewissen Ländern hiermit anderen gegenüber zurückgeblieben seien Seine Angaben stützte er auf Daten aus 46 Ländern. Im besonderen wies er auf Spanien hin, wo die jüdische und protestantische Minderheit sich w'egen eines Gesetzes Sorgen machen, durch das sie zu Einreichung von Finanzberichten und Mitgliederlisten angehalten werden, bevor sie in den Genuss der gesetzlichen Begünstigungen treten können. In den USA, Kanada, Europa, Lateinamerika seien dagegen die Pforten der interrelig'ösen Verständigung seit dem Vatikanischen Konzil weiter aufgestossen worden, wie Dr. Wexler dem Papst berichtete. Dieser bat seine Besucher, Geduld zu üben, bis die Deklaration des Konzils nicht nur auf dem Niveau der Pfarrgemeinden sondern auch unter dem höheren Klerus zur völligen Gültigkeit gelangt sein würde.“ UTA) unliebsame Dispute zu vermeiden. In der Erkenntnis, dass die irdische und die himmlische Liebe zu trennen sind, sind sich Judentum, Christentum und Islam im dreimal heiligen Jerusalem einig. An der Klagemauer, in der Grabeskirche und in der Omar-Moschee sollen die Damen nicht wie am Strand von Naharija erscheinen. Uneinig ist man inbezug auf die Extremitäten; an der Klagemauer muss man den Kopf bedekken, in der Grabeskirche muss man ihn entblössen, und in der Moschee muss man die Schuhe ausziehen. Ob das im siebenten Himmel alles registriert wird? Nach der Bibel jedenfalls — 'blickt Gott auf das Herz, nicht auf die Jarmulke oder die Pantoffeln. Das nebenbei. Als ich den Felsendom wieder verliess, eingehüllt in das Erlebnis seiner atemberaubenden Pracht, wurde ich wieder verwechselt. Hinter der verschlossenen Pforte, die vom Platz der Klagemauer zum Tempelplatz führt, stauten sich offenbar ungeduldige Touristen, die mich durchs Schlüsselloch erspäht hatten. Sie baten mich dringend, ihnen die Pforte zu öffnen. Hier wurde ich offenbar mit... Petrus verwechselt oder seinem reisenden Nachfolger Paul VI., denen die Schlüsselgewalt anvertraut ist. Mir nicht. Ich habe keinen Schlüssel zum Tempelplatz oder zur Klagemauer. Ich bin froh, wenn ich bei meiner Vergesslichkeit meinen Hausschlüssel bei mir habe. Wie alle anderen Sterblichen auch, verlasse ich den Tempelplatz durch den ein zigen Ein- und Ausgang, der momentan geöffnet ist, vorbei an einem Jungen, der .fünf Karten mit Ansichten der Heiligen Stätten für ein Pfund verkauft. „Copyright Rex Studio, Jerusalem. Jordan“..., das sollte korrigiert werden, aber der Junge ist skeptisch. Man kann nicht wissen — wenn er seinen ganzen Vorrat korrigiert hat und die politische Lage sich ändert, dann sitzt er auf seinen Postkarten. Also, ich korrigiere selbst (was mir bei meinen Artikeln leider verwehrt ist. so dass sie stets ein Beet der Druckfehlerblüten darstellen...). Ein anderer arabischer Junge ist optimistischer: er handelt mit Schlüsselringen, die Bilder von Mosche Dajan und Jizchak Rabin (!) im Medaillon zeigen. Ein israelischer Besucher ist darüber entrüstet: „Kannst du nicht mit etwas anderem handeln?!“ Der Junge versteht das gar nicht. Der Sieger hat eben recht. So war es immer, so wird es blei ben — bis am Jüngsten Tag die Waage der Gerechtigkeit heranschwebt. Dann behält recht, wer Gerechtigkeit geübt hat, dann entscheidet das Herz und nicht das Schwert. Aber es kennt keiner den Tag und die Stunde — ausser der Vater allein. Nach 22 Jahren Wien. — 130 ungarische Juden, die auf dem Marsch nach dem Lager Mauthausen Anfang 1945 in der burgenländishen Ortschaft Zurndorf.. an der österreichisch-ungarischen Grenze von ihren Nazischergen bru** tal ermordet und an Ort und Stelle verscharrt worden sind, wurden kürzlich exhumiert und auf dem jüdischen Friedhof in Eisenstadt feierlich zur letzten Ruhe beir gesetzt. ■ Auch viele Einwohner von Eisenstadt gaben den 13Ö jüdischen Märtyrern das letzte Geleit.

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