Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 28 (1967)
- Issue
- 2201 (13.1.1967)
- Date
- 1967-01-13
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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▼ternes, 1' fc Kner* Ar 1MT SEMANA ISRAELITA Am KXVIU. — N* StMi - t Protokolle und Dokumente ven JAKOB KATZ-ROGASEN LA SEMANA ISRAELITA SEMANARIO INDEPENDIENTE Bs. Aires - PUEYRREDON 2190, 1» izq. - T.E »S-2S13 2. Stievat 5727 13- Janunr H*S7 ERLEBNISSE IN POLEN Die Diskussion über die I einstmalige Zugehörigkeit de3 neuen Bundeskanzlers Dr j Kurt Georg Kiesinger zur NSDAP ist noch nicht verstummt. Man hat bekanntlich unmittelbar nach der Aufstellung seiner Kandidatur ein Dokument gefunden aus dem sieh .einwandfrei' ergibt, dass Kiesinger kein echter Nazi, sondern ein Gegner dieses Regimes gewesen ist. obwohl er bis zum .bitteren Ende4 Mitglied der NSDAP geblieben war. Die Frage hat heute an Interesse verloren, denn Kiesinger isf Bundeskanzler und selbst die Grössen der SPD wie Brandt und Wehner haben keinen Anstoss an den Tatsachen genommen, die auch dann bestehen bleiben, wenn man sie verschiedenartig bewertet. Man wird an die Zeiten Adenauers erinnert, wo alle Hinweise gegen dessen Staatssekretär Globke vergebliche Bemühungen waren, weil der erste Bundeskanzler seinen Mitarbeiter gegen die massiven Angriffe abschirmte, die auf Grund von Tatsachen gegen Globke gerichtet worden sind. Immerhin war Globke einer von insgesamt nur vier Kommentatoren der nazistischen Rassengesetze, die er auszulegen sich verpflichtet fühlte, obwohl hierzu keine sichtbare Veranlassung vorhanden war. Aber das störte Adenauer nicht, der über diesen ..Schönheitsfehler“ hinwegsah. Andere, ähnliche Fälle sind oftmals behandelt worden, wobei auch aktive Nazis, die sich bei der Vernichtungspolitik im Osten betätigten, höchste Staatsstellen bekleiden konnten. hohe Pensionen beziehen und nun als ,,Demokraten'1 gelten. Bei der Debatte um Kiesinger wurde darauf hingewiesen, es sei unzulässig, einen Mann wie den neuen Bundeskanzler als einen (früheren) Nazi zu bezeichnen lind somit auf die gleiche Stufe mit denjenigen zu stellen, die Verbrechen in jener trostlosen Zeit begangen haben. Dieser Hinweis ist verfehlt und als ein unbrauchbares Argument in einer (theoretischen) Diskussion zu bezeichnen, die durch solche Ablenkungen vom wirklichen Problem nur noch einen polemisch - politischen Charakter trägt. Dass Kiesinger durch seine Haltung und Tätigkeit nach dem Krieg den Beweis einer gründlichen Abkehr vom Nazismus jeliefert hat, ist niemals a Abrede gesteht worden, kann aber an den der Vergangenheit angehörenden Tatsachen nichts ändern. Vieic Deutsche hab*n im entscheidenden Augenblick versagt. Entscheidend wai jener Augenblick, als der Reichspräsident von Hindenburg den von ihm verachte ten ,, Gef reiten“ Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte und damit der Nazismus zur Macht gelangt, ist. Man hat. alle, die damals in die Hitlerpartei eintraten, als Opportunisten bezeichnet oder als Illusionisten, weil sie daran glaubten, wa« ihnen versprochen worden ist Noch niemals wurde gegen alle Deutschen der Vorwurf der Mittäterschaft an der. von den Nazis begangenen Verbrechen erhoben. Aber noch niemals hat man sieh die Mühe gemacht, genau zu definieren und zu analysieren, was unter der Redensart nun eigentlich verstanden werden müsse: ,,von den Nazis begangene Verbrechen“ Man sollte die Frage ernsthaft prüfen, ob nicht auch die faktischen und intellektuellen Mitläufer eine erhebliche Verantwortung an der furchtbaren Entwicklung tragen, die unter der Hakenkreuzfahne im Januar 1933 begann und die erst unter den rauchenden Trümmern, des Dritten Reiches ihr Ei de fand. Das bis heute ungelöste Problem der sogenannten Schreibtischmörder ist ein Teil des grossen Fragenkomplexes einer nicht nur die Deutschen, sondern alle Welt belastenden Erbschaft. Welche Haltung und Stellung man im einzelnen zu diesen Fragen einnehmen will, eine sichere Beantwortung kann heute nicht mehr darauf gefunden werden, ob der wenigstens unsichtbare Widerstand der jungen Intellektuellen gegen den fcitlerismus nicht doch einen konkreten Einfluss auf die Entwicklung genommen haben könnte und imstande ge wesen wäre, die schrecklichen Auswüchse des NS-Gewaltregimes zu verhindern Niemand hat die vielen K’.esingers damals zwingen können, ihre Stimme für die NSDAP abzugeben, was sie jedoch mit Sicherheit getan haben, nachdem sie ebenfalls freiwillig der Partei beigetreten waren. Man soll sich jedoch heute nicht in derartige Spekulationen einlassen, d* durch keine Kraft der Welt das Geschehene ungeschehen gemacht werden kann. Nur sollte man davon Abstand nehmen, Korrekturen nach Gutdünken vorzunehmen und damit an sich klare Sachverhalte zu verwischen. Wenn sich so wohlmeinende deutsche Journalisten wie Rolf Vogel zur Entlastung Kiesingers auf den berüchtigten SD-Bericht über dii ,.Gruppe Kiesinger“ berufen, so kann man sich des Eindrucks einer ad hoc-Verteidigung nicht erwehren die ebenso ungeschickt wie überflüssig ist. Wären die von Denunzianten ausgesprochenen Verdächtigungen in diesem SP-Protokoll begründet gewesen, hätte die Gestapo zugefasst und die Mitglieder dieser Gruppe zur Veran'wor tung gezogen. Es geschah aber nicht.-. Man kanr hieraus auch andere Schlüsse ziehen, sodass es bei näherer Betrachtung recht zweifelhaft erscheinen muss, oo es zweckmässig ist, sich aut dieses Dokument zu beziehen, das merkwürdigerweise gerade in dem Augenblick der Oeffentlichkeit bekannt gegeben wurde, als die Kandidatur Kiesingers zur Kanzlerschaft aktuell wurde Offensichtlich zur Entla stung Kiesingers beruft sich Vogel auf Ausführungen die der bekannte ehemalige Beiliner Rabbiner Dr. Toaclrm Prinz in einem 1934 ers i renenen Buch ..Wir Juden“ gemacht hat. Ganz offensichtlich sei Rabbiner Prinz cier Meinung gewesen, so sagt Vogel, man könne mit den Nazis in Verhandlungen über einen tragbaren Status vivendi für die Juden in Deutschland eintreten. Das entsetzliche Ende der europäischen Juden habe selbst Prinz nicht vorausgesehen — Selbst wer.n wir die R. 4htigkeit dieser Darlegungen und der hieraus gezogenen Konsequenzen unterstellen würden, können die Schlussfolgerungen keineswegs akzeptiert werden Denn auf diesem Umwege ist das M.tläufertum der breiten Massen und noch weniger das der Gebildeten zu erklären oder zu entschuldigen Vogel schreibt: ,,Prinz unterlag hier der gleichen Täuschung, wie sie bei vielen Christen oder anderen n-oatjüdischen Menschen bestand Sie glaubten 1933—1934 daran, ihr Pri vatieben, ihre kirchlichen Vereinigungen und all fas hinüberretten zu können, wenn sie mit dem Nationalsozialimus auf sine Art Part | nerschaftsverhältnis eingehen I würden“. I Dass Prinz oder ein ande-! rer Jude aus dem führenden i Kreis des deutschen Juirntums jemals .mit dem Na tionalismus eine Art Partnerschaftsverhältnis“ eingehen wollte, ist eine vö'lig abwegi ge Behauptung, die in den Ausführungen von Joachim Prinz nicht den geringen Anhaltspunkt hat Dass gewisse deutsche Kreise vor allem die Katho’ische Kirche, auf diesen We°en wandelte, ist richtig. Ob Juder eirei. ähnlichen Weg oeschritten hätten, wenn?;e hierzu eine Möglichkeit gehabt hauen würden, ist eine Vermutung zu der wir n cht Stellung zu rehmen haben, da -l ese Alternative niemals bestanden hat. Vogels Ausführungen sind zweckbestimmt Er oenutzt seine eigenen Tnterpretationen der Prinzsehen Ausführungen zur Rechtfertigung einiger Politiker, die in der Bundesrepublik eine grosse Rolle gespielt haben, obwohl sie seinerzeit für das hitlersche Ermächtigungsgesetz gestimmt haben. Vogel schreibt: „Theodor Heuss dürfte mit Recht niemals oezichtigt werden, Steigbügelhalter für die Nationalsozialisten gewesen zu sein, wenn er dem Ermächtigungsgesetz damals zustimmte, ebenso wie einige andere aufrechte Demokra ten.“ Dass Theodor Heuss, aus welchen Gründen immer dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hat, ist ihm heute stets zum Vorwurf gemacht worden, und mit Recht. Aber Theodor Heuss wurde von Vogel nur zitiert, um dann direkt zur Verteidigung Kiesingers überzugehen, wobei uns die Begründung kaum interessieren dürfte. Diese Art der „Rechtfertigung“ und der Verteidigung macht einen peinlichen Eindruck Fehler können niemals dadurch gerechtfertigt werden, dass sie von bedeutenden Leuten begangen worden sind. Ein Irrtum bleibt ein Irrtum, auch wenn ihn Heuss oder Kiesinger oegangen hat. Die schweren Folgen des von ■ Heuss seinerzeit begangenen Der jüdische Bürgermeister von Toronto, Philip G. Gui vens, erhielt vom warschauer Bürgermeister eine Einladung zum Besuche der polnischen Hauptstadt. Guivens ist zw'ar in Kanada geboren, aber seine Eltern erzählten zu Hause oft von ihrem Heimatstädtchen Belschitz bei Lublin. Sein jetzt 79 Jahre alter Vater bat ihn, sich nach seinen sechs Brüdern und drei Schwestern umzusehen, von denen er seit Kriegsausbruch nie mehr gehört hat. Das Dorf sah genau so aus, wie es sein Vater geschildert hatte, aber wo blieben die Juden? Sie waren in ein Feld ausserhalb des Dorfes geführt und dort von den Na Irrtums sind bekannt. Ob sie noch schwerer waren, als die Konsequenzen, die sich aus dem irrtümlichen Verhalten Kiesingers in dieser Zeit ergaben, kann dahingestellt bleiben. Und die Irrtümer von Heuss und Kiesinger werden nicht geringer weil sich möglicherweise auch Joachim Prinz geirrt habe, was allerdings aus den Zitaten nach Vogel nicht hervorgeht. Wenden wir unseren Blick aus der Vergangenheit auf unsere Gegenwart. Jetzt hat Dr. Kiesinger die Gelegenheit zu beweisen, ob er als Demokrat die Fähigkeit besitzt und den Willen hat, die antidemokratischen, neofaschistischen und alten nazistischen Kräfte zu eliminieren, die erneut ihr Haupt in der Bundesrepublik erheben. zis erschossen worden. Kews Zeichen erinnert an die Massengräber. Ein Teil der Familie wohnte in Hodel. Hier fand er ebenfalls keine Juden, jedoch konnte man ihm erzählen, wrie sein Verwandter, der Präsident der Gemeinde von 800 Juden war, erschossen wurde, naebdea» er die der Gemeinde aui@rlegte Kontribution aufgebracht hatte, und wie dann die anderen Juden der Stadt im Fluss ertränkt wurden Bürgermeister Guivens lies« durch seine Begleiter sein« Erlebnisse in Polen in einer Tageszeitung veröffentlichen; die Pilgerfahrt zu de« Gräbern seiner Vorfahre« wird er nie vergessen. 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