Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 27 (1966)
- Issue
- 2186 (23.9.1966)
- Date
- 1966-09-23
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PUEYRREDON 2190 — 1’ ¡zq. Año XXVII. fix Jewueuta ZUsAjcu&üíg, 83 - 2613 T. E. BUENOS AIRES, VIERNES 23 DE SEPTIEMBRE DE 1966 N? 2186 SYRER FLIEHEN AUS SYRIEN Den Bad Kersfeldern wollen die Polizei und die lokal» Presse einen B.'.ren aufbinden. Am 25. Mai und am 21. Juni zogen vier junge Männer aus. alle 19 Jahre alt und bepinselten Hauswände (darunter das Rathaus und die mit dem nur nofcdürtig verschleierten NS-Symbol versehene ..Kulturhalle“ mit Hakenkreuzen und, wie es jetzt heisst, ,.antidemokratischen Parolen“. Diese Parolen richteten sich gegen die Gewerkschaften und die SPD. Unter anderem wurden die bekannten sozialdemokratischen Politiker Brandt, Wehner und Erler als Kommunisten bezeichnet. Weitere Pa.-olen lauteten „Revanche — Wir kommen wieder. — HI AG (Hilfsvereinigung ehemaliger SS-Leute, Die Sendestationen verschiedener arabischen Länder melden die Flucht zahlreicher Syrer nach Transjordanien. Wenn man diesen Berichten Glauben schenken will, dann haben eine erhebliche Anzahl hochgestellter Und bekannter Persönlichkeiten in Amman um politisches Asyl nachgesucht unter ihnen hohe Offiziere, Prinzen und Chefs religiöser Sekten. ¡Es besteht wenig Veranlassung, diesen Informationen nicht zu folgen, denn die Unsicherheit in Syrien lässt es vielen politischen Gegnern der augenblicklichen Regie, rung ratsam erscheinen, für einige Wochen einen „Klimawechsel“ vorzunehmen. Das hindert natürlich die anderen arabischen Politiker nicht daran, sich in Kairo zu Ligakonferenzen zu treffen und grosse Reden zu schwingen, durch welche die arabischen Aktien erneut auf höheren Kurs gesetzt werden sollen. In diesem Zusammenhangdürfte auch eine Erklärung nicht uninteressant sein, die der deutsche Aussenminister Dr. Schröder kürzlich im Bundestag abgegeben hat. als man ihn über die deutsch-arabischen Beziehungen befragte. Man wird es verständlich finden, dass die Bundesrepublik die alten, stets freundlichen, wenn auch selten sehr glücklichen Beziehungen zu den arabischen Ländern aufznr.ehmen gedenkt Hier stehen erhebliche finanzielle Interessen auf dem Spiel, vor allem der deutschen Schwerindustrie, die seit den Tagen der Träume von einer Bagdad-Bahn nicht müde geworden ist. grandiose Projekte für die Eroberung der arabischen Wüsten zu entwerfen allerdings bisher mit ei. nem absolut negativen Erfolg. Aussenminister Schröder streckte einmal mehr die „freundschaftliche Hand“ den Arabern entgegen, deren doppelseitige Politik die deutsche Regierung erschreckte, als Kairo die Eröffnung ostdeutscher Konsulate gestattete und dann die diplomatischen Beziehungen zur DDR auf nahm. Auch das war „höhere Politik“, denn diese Verbindungen bestanden seit langem, und je mehr sich Nasser den Russen ln die Arme warf, desto stärker wurden auch die Bindungen zu den russischen Satelliten, unter ihnen auch zur Deut- 6chen Demokratischen Republik. Sicherlich sind die Bundesdeutschen auch bereit, die neuen Beziehungen zu den arabischen Ländern entsprechend zu „ölen“, trotz der vorgegebenen Wirtschaftskrise. trotz Etatschwierigkeiten Und trotz Haushaltssicherungsgesetz. .. Unter den neuen syrischen Flüchtlingen sollen sich auch von B. B. SAMUEL angesehene Drusenführer befinden, Mitglieder jenes Stammes der Drusen die aut eine lange und schwere Geschichte zurückblicken. Auch in Israel leben Drusen, jenseits der syrischen Grenze cie dort als wertvolle Bürger geschätzt sind und ein ruhiges Leben führen. Die Fluchtbewegug in nahöstlichen Ländern ist keinesfalls nur auf die Syrer begrenzt, die aus Syrien fluchten. Die Lage im Irak wird täglich bedrohlicher, wobei manche Parallelen zu Syrien zu ziehen sind. Seit Jahren kann sich weder in Damaskus noch in Bagdad eine stabile Regierung formieren. Der ständige Wechsel der Machthaber deutet darauf hin. dass weder die Syrer noch die Iraker über das Stadium individueller Machtkämpfe hinausgekommen sind ohne dass sich bisher ein starker Mann hätte halten können. Die Folgen dieser ständigen Ablösungen wirken sich auf allen Gebieten, vor allem der Wirtschaft, aus. Wären diese Länder nicht durch ihre Oelvorkommen begünstigt, so wäre die ökonomische Katastrophe unübersehbar. Aber der Irak gehört nun einmal zu den ergiebigsten Oelproduzenten der Erde. Damit ist er jeden Kredites würdig, der immer durch die Oelvorkommen gedeckt ist. Das hält selbstverständlich die Verelendung der Massen nicht auf, deren Lage in einem scharfen Kontrast zur Situation der wenigen Familien ist die den Reichtum des Landes in ihrer Hand halten. Die Folgen sind immer die gleichen: Unruhen, Unzufriedenheit, drohender Kommunismus. Die Aufmerksamkeit der Massen wird abgelenkt. Während man in Syrien im wesentlichen darauf angewiesen ist, durch Entfachung von Hassgefühlen gegen Israel die eigene Unfähigkeit zum Regieren zu verdecken, führen die irakischen Machthaber ihren Privatkrieg gegen die Kurden, der mitunter nur in der Propaganda bestent. um Stimmung zu machen und d’e „nationale“ Gefahr zu beschreiben, die als Vorwand für die Einhaltung eines ,in. neren Waffenstillstandes“ benutzt wird. Selbstverständlich wird auch die nationalistische Trommel im Irak gerührt und gegen den zionistischen Imperialismus gewettert. Aber für Bagdad haben diese Parolen nur sekundären Charakter. Auf diesen, bisher praktizierten Wegen wird weder die Lage im Irak noch in Syrien stabilisiert werden. Mitunter verhärtet sich der Eindruck dass die Regierungen dieser wie anderer arabischer Län. der an einer Beseitigung der permanenten Unsicherheit gamicht interessiert sind. WIE ICH ES SEHE - Tag der Versoehnung oon JEHUDA GOTTHEIMER Ben Gurion 80 Jahre Jerusalem. — Das Kabi. nett beglückwünschte den früheren Ministerpräsidenten David Ben Gurion anlässlich seines 80. Geburtstages. Die von den Ministem verfasste Botschaft lautet: „Die Regierung Israels gedenkt dankbar Ihrer histori. sehen Verdienste, die Sie sich um den Staat Israel erworben haben um seinen festgefügten Aufbau, seine Sicherheit und die Sammlung der Verstreuten und wünscht Ihnen Gesundheit für noch viele Jahre.“ (ITA) Wie in der Natur sich Jahr um Jahr neues Leben regt, so soll der Mensch in diesen „Ehrfurcht gebietenden Tagen“ am Kopf eines Jahres zu neuem Leben erwachen. Schon mit dem Eintritt des Monats Elul klimmt das jüdische Jahr seinem Höhepunkt entgegen. Gelten doch nach unserer Tradition die Tage vom Elul-Anfang bis zum Versöhnungstag als eine Zeit, da Gott dem Menschen mit seiner Gnade besonders nahe ist. Am 1. Elul soll Moshe einst zum dritten Mal auf den Sinai gestiegen sein, um die zweiten Gesetzestafeln zu empfangen. Nachdem er sich dort 40 Tage aufgehalten hatte, stieg er am 10. Tischri, dem Versöhnungstage, wieder herab, erfüllt von der Gewissheit des göttlichen Erbarmens. So ist alles im Monat Elul bereits auf die Vorbereitung der höchsten Feiertage des jüdischen Jahres abgestimmt, die im einzelnen durch Gesetz und Brauchtum niedergelegt ist. Von den Tagen der Besinnung schreitet der Jude zium Schabbat Schuwa. an welchem der einzelne wie die Gesamtheit zur Umkehr aufgerufen wird. An diesem Tage wird das Prophetenwort des Hosea gelesen: „Kehre zurück, Israel, zum Herrn, deinem Gott, denn du bist gestürzt durch deine Sünde“. In diesen wenigen Worten ist eine tiefe, jüdische Lebensweisheit oder — wie man es .modern“ auszudrücken pflegt; jüdische Weltanschauung enthalten. Dem Menschen ist die Möglichkeit geschaffen und gegeben worden, von der Besinnung zur Versöhnung zu schreiten, in seine Hand ist es gelegt worden, vom falschen auf den richtigen Weg zurückzukehren. Von ihm selbst vom einzelnen Menschen wie von der Gesamtheit, dem Volk, hängt es ab, auf den Pfad des Rechten zurückzufinden. Nicht an dieser Stelle allein lehrt das Judentum, dass unser Schicksal in unsere Hand gegeben ist. Nir- I gends finden wir ein Wort! vom Fatum, von der Zwangs, läufigkeit des Geschehens, von der Unabwendbarkeit unserer Handlungen. Nein, jedem von uns ist die Mög- lichkeit geschenkt, das Richtige zu tun: „Sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Munde und in deinem Herzen es zu tun!“ Das ist die jüdische Lehre von der Willensfreiheit des Menschen, die eine die Ge. schichte bestimmende Kraft ist. In der jüdischen Gedankenwelt steht der Mensch im Mittelpunkt, sein Wert, sein Werk, seine Leistung und seine Fehler. Nicht die äusseren Bedingungen machen die Geschichte aus und schreiben ihr einen zwangsmässigen Ablauf vor, wie die materialistische Geschicntsauffassung dies behauptet. Wer diesen Gedanken von der Unfreiheit des menschlichen Willens zuende führt muss zu dem Ergebnis gelangen, dass e6 eine menschliche Schuld oder Verantwortlichkeit nicht gibt. Damit fallen alle sittlichen Masstäbe in sich zusammen, und alles bleibt dem Zufall überlassen. Dem Menschen werden nur Funktionen eingeräumt, die er erfüllen mag oder nicht, ohne dass er hierfür zur Re. chenschaft gezogen werden kann. | Weit entfernt von dieser mechanischen Lebensauffassung verlangt das Judentum von jedem Menschen, dass er die Verantwortung für sein Tun und für sein Unterlassen übernimmt. Deswegen kann der Jude auch für seine Handlungen zur Verantwortung gezogen und vor den göttlichen Richterstuhl gestellt werden. Deswegen kann er von den Menschen und von sich selbst zur Rechenschaft gezogen werden und hat die Möglichkeit der Umkehr, um hierdurch zur Versöhnung zu gelangen. Nur wer einen freien Willen entfalten und zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen vermag, nur der kann Schuld auf sich laden, Verantwortung tragen und zur Versöhnung, zum Ausgleich, zu innerer Harmonie vorstossen. Dass dem Menschen Jahr fiir Jahr, dass ihm immer diese Möglichkeit der Einsicht und der Umkehr gegeben ist, dürfte nicht zweifelhaft sein. Die Ehrfurcht gebietenden Tage sind nur eine Mahnung, ein Appell, ein Anruf, diese Möglichkeit zu wahren und damit ein Gesetz zu erfüllen, das unser menschliches Leben aus dem naturhaften Geschehen her- I aushebt. Depn nur dem Mensehen wurde das verpflich- I tende Geschenk der Willens- | freiheit als ewiges Vermächt- nis übergeben, dem er sich in j allen seinen Handlungen! würdig erweisen sollte. Da I aber die Menschheit noch | weit davon entfernt ist. zur ■ Vollkommenheit gelangt zu : sein, sind die Tage der Besinnung, der Umkehr und der Versöhnung die grosse Erwartung, von der falschen die Red.) besser als DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) _ Tod der Gewerkschaftspest“ und auch das vertraut» „Juda verrecke“ wurde nicht vergessen. „Politische Motive dürften nicht im Vordergrund stehen“ hiess es nun und „Wir haben uns nichts dabei gedacht, wollten nur sehen wie die Bevölkerung reagiert“, wurden die jungen Helden von Polizei und Presse zitiert. Sie sind also unpolitisch, haben sich nichts Böses dabei gedacht. Dummejungenstreiche“ demnach. Freilich fragt es sich, wieso unpolitische junge Leute die keiner reaktionären Gruppierung nahestehen sollen, sich ausgerechnet Parolen aussuchen, die sie in dieser Form noch nicht einmal aus der rechtsradikalen Presse kennen durften, die dem Unpolitischen ja nicht so ohne weiteres zugänglich ist. Die Polizei hat festgestellt, dass Farbe und Kraftfahrzeug mit deren Hilfe die Schmierereien ausgeführt wur. den,’aus dem väterlichen Betrieb zweier der Täter stammen. Stadtamtm&nn Ernst Klingler hat recht, wenn er befürchtet: „Langsam gerät unsere Stadt in Verruf, jetzt muss etwas geschehen.“ Er dürfte mit der Veröffentlichung her Kriminaldirektion Kassel kaum zu(rieden sein die vertuscht und verschleiert, was so unangenehm offensichtlich ist: dass nämlich der Virus des Nazismus, nie richtig bekämpft, tief im Spiesser steckt und seine verhängmsvol. len Parolen auch der jungen Generation mitteilt. Wie Hesse sich sonst der relativ starke Zustrom Jugendlicher zur NPD erklären..? (Aus einer deutschen Zeitung) Ein kurzes Nachwort von HORST WINCKLER Nicht dass immer wieder Hakenkreuze geschmiert werden. Nicht dass auch noch heute Vorkommnisse zu verzeichnen sind, die man nicht anders als mit dem Wort , nazistische“ oelegen und kennzeichnen kann, ist das, was uns überrascht. Auch an die vielen grusamen Friedhofsschändungea jene Manifestationen einer minderwertigen Gesinnung, hat man sich allmählich mehr oder weniger gewöhnen können. Aber dass es immer noch Menschen gibt, sei es in öffentlichen Aemtern als Chefs irgendwelcher Polizeisteiien oder sonstwo, die faule Ausreden für das geeignete Mitte! halten, um die Oeffentlihckeit zu informieren. das ist derjenige Umstand, der alarmierend wirkt. Wer diese Schmierereien in Bad Hersfeld betrachtet, wird verwundert sein, dass derartige Provokationen mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches überhaupt möglich sind. Dass aber eine Amtsstelle behaupten darf, politische Motive würden nicht im Vordergrund stehen — welche eigentlich sonst —. diese Tatsache ist bedenklich. Denn hierin ist nichts anderes als eine der üblen Nazimethoden zu erblicken die Wahrheit zu verdrehen, bis die Lüge allen geläufig erscheint Dieses Goebbels’sche Rezept bringt der NPD immer neue Anhänger, jener getarnten neonazistischen Gruppe, die sich der .demokratischen“ Gerichte bediente, um ihren wahren Charakter in Abrede zu stellen. Ceterum censeo: Allen, denen es mit einer Demokratie ernst ist, wird dringende Aufmerksamkeit angeraten. — zur richtigen Lebensbahn zudem tatsächlich Erreichten Neue arabische Forderungen London. — Aus Kairo wurde hier gemeldet, dass die dortige Konterenz der arabischen Aussenminister verschiedene Resolutionen fasste, von denen eine sich auf die Waffenerkaufe an Israel 'jezieht. Die arabischen Staatsmänner erklären namens ihrer Regierungen, dass die Araber weiter die von den USA und anderen Westmächten verfolgte Politik des Gleichgewichts der Rüstungen im Mittelosten ablehnen. Gleichzeitig wenden sie sich gegen die Politik des Westens, dieses Gleichgewicht auch zwischen den einzelnen Araberstaaten aufrecht erhallen zu wollen, da dies, wie sie betonen, nur dazu dient, die Uneinigkeit zwischen den einzelnen arabischen Ländern zu schüren. (ITA) ' rückzufinden.! II. i Wir sollten uns auch in i festlichen Stimmungen da- 1 vor hüten, durch theologische | Betrachtungen einen gef ähr-! j liehen Abstand zwischen j Wirklichkeit und Hoffnun- , | gen zu schaffen. Von uns j i wird die Erkenntnis der tatj I sächlichen Gegebenheiten j! verlangt, damit wir uns nicht | in Traumbildern verlieren, ' die allzu leicht den klaren Blick für die Notwendigkeiten und die Gebote der Stunde trüben. Der menschliche Geist hat in vielen seiner Ausdrucksformen das Recht und das Wesen der Gerechtigkeit erkannt, aber die menschlichten Leidenschaften haben verhindert, dass diese Erkenntnisse in das Leben des Alltags transponiert werden. Die Kluft zwischen dem verkündeten Ziel und ist noch so tief und weit wie eh und je. Deswegen ist der Versöhnungstag mit seinen Forderungen und Hoffnungen mit seinen Möglichkeiten und Notwendigkeiten nicht nur eine weihevolle Unterbrechung im Ablauf unseres alltäglichen Lebens, sondern eine aktuelle Mahnung die sich nicht nur an den Juden sondern an die ganze Meiiscr.heit richtet, ihren Weg zu überprüfen. Denn überall, wohin unser Bück fällt, fehlt diese Versöhnung, fehlt der Wille zum Ausgleich mangelt es an Harmonie im Leben und in den Beziehungen der Mensenen miteinander und der Völker untereinander. Die jüdische Gedankenwelt ist kein glänzendes phlloso- (Schluss auf Seite 2)