Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 27 (1966)
- Issue
- 2174 (1.7.1966)
- Date
- 1966-07-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
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JÜDISCHE UIOM PUEYRREDON 2190 — 1p izq- Ano XXVII. JüiJkwhCiH&JsA&eliia BUENOS AIRES. VIEBNES lp DE JULIO DE 1966 83 - 2613 T. E. Np 2174 JECHI HAMELECH Im Wiener Börsenblatt Nr. 34 erschien am 1. Februar 1896 eine einspaltige Anze1ge: „Eine Aufsehen erregen de Publikation erscheint in wenigen Tagen: Der Judenstaat Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage von Theodor Herzl, Doctor der Rechte „In dieser Arbeit wird eine WELTIDEE propagiert, welche in allen an der Judenfrage interessierten Ländern geradezu Sensation machen muss; es wird hier als einziges Mittel zur Lösung der Judenfrage der Gedanke der Herstellung eines JUDEN¬ STAATES auf durchaus moderner Grundlage entwikkelt. .Der Verfasser. Dr Herzl, welcher als Publizist in hervorragender Stellung, früher in Paris, jetzt in Wien tätig ist und sich insbesondere durch sein Buch „Das Palais Bourbon'* einen angesehenen Namen erworben hat, verfügt über einen so glänzenden, hinreissenden Stil, dass die Arbeit allein schon deshalb gelesen und gekauft werden muss. „Diese Arbeit hat für Christen und Juden gleich hohes Interesse. Fiir weitestgehen. de Publikation in der Presse ist gesorgt, Bitte daher zu verlangen.1' Unterschrieben ist die Anzeige vom Herausgeber M Breitenstein in Wien. . II. _ Herzls Schrift „Der. Juden. Staat“ war nicht nur eine Sensation, sie hat eine echte Revolution, eine tief gehende Umwälzung keineswegs nur im Bereich des jüdisehen Volkes hervorgerufen. Das Buch brachte keine erstmaligen Gedanken. Die Zionssehnsucht des jüdischen Volkes ist so alt wie seine Zerstreuung. Immer wieder waren Männer aufgestanden die zur Rückkehr nach Zion auf riefen und sich an die Spitze von Bewegungen stellten, die den alten jüdischen Staat wieder errichten wollten. Eis ist ein interessantes historisches, soziologisches und psychologisches Problem, dass in dem Jahrhundert, das den meisten Judenheiten Europas — die kleine amerikanische Judenheit kannte diese Notlage nicht — die bürgerliche Gleichstellung gebracht hatte, der Gedanke der Rückkehr der Juden und der Errichtung eines jüdischen Staates lebendiger auflebte von JEHLDA GOTTHEMER als jemals zuvor. Die Wurzeln dieser merkwürdigen Er scheinung ruhten nicht nur in dem sicherlich auch vorhandenen Wunsch der westlich orientierten Juden — ein Begriff, der heute in einem anderen als hier gemeinten Sinn häufig gebraucht wird, — dem unter Zwangsmassf nahmen, Rechtlosigkeit und Verfolgungen leidenden Ostjudentum, damals identisch ob die antijüdischen Gefühle in dieser Epoche der Emanzipation stärker waren als in früheren Zeiten oder nicht. Bereits der kürzlic i verstorbene Schriftsteller und Philosoph Felix Weltsch hat in der Prager jüdischen Zeitung ..Selbstwehr“ im Jahr 1923 darauf hingewiesen, dass die Behauptung, der Zionismus sei eine Reaktion auf den Antisemitismus, weder s * v 4 -, ’ Jkmit der russischen Judenheit, eine neue Lebensin öglichkeit als freie, gleichgestellte Bürger zu eröffnen. Mit der glei chen Wucht wie der äussere Zwang war die nie erloschene Hoffnung auf die Rück ehr in das Land der Väter die dezidierende. bewegende Kraft. Man hat jedenfalls im An. fangsstadium dei modernen Zionistischen Bewegung sie damit bekämpfen wollen, dass man sie als eine Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus bezeiehnete Eis mag dahingestellt bleiben, Bestattung von Naziopfem Wien. — Aus einem Massengrab in Jemneredorf im Burgenland wurden die Leichen von 21 Juden ausgegraben die im Jahre 1945 von den Nazis ermordet worden sind. Sie wurden auf dem jüdischen Friedhof von Graz beigesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat die Untersuchung der Umstände dieser Mordtat eingeleitet. Der Befund soll den deutschen Justizbehörden in Mannheim übergeben werden, wo Verfahren gegen die Sß-Offiziere Paul Kranz und Wilhelm Mohr anhängig sind. Die Anklage wurde wegen Kriegsverbrechen und Ermordung von 29 Juden in Jennersdorf erhoben. Der Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums hi Wien, Ing. Simon Wiesenthal, erstattete kürzlich Anzeige wegen Profanierung des Massengrabs, in dem die ermordeten Juden verscharrt lagen. Niemand hatte sich darum gekümmert, die Leichen auf einem Friedhof zu bestatten, und die Bevölkerung des Ortes benutzte die Stätte als Abfallgrube, obwohl jedermann wusste., dass dort Opfer der Naziverfolgungen ruhten ein Argument; gegen ihr. noch eine Herabsetzung bedeutet Die grossen Dinge, die der Mensch geschaffen hat, — sc schrieb Felix Weltsch. — Religion, 'Wissenschaft, Tech, nik etc. seien alle als Reaktion auf irgendwelche. Hemmnisse. Widerstände etc. entstanden. „Der Wertdes menschlichen Tuns hängt nicht davon ab. ob «ine Reaktion oder spotane Aktion sondern davon, ob eine me' chanisehe oder eine schöpferische- Reaktionvoriiegt.. ferner davon, wekhe Kratt in ihr steckt, ö kommt alsc nicht da:auf an, dass mar. reagiert, sondern wie man reagiert— Selbst wenn man zc der Feststellung gelangt, dass der Anlass zu Herzls Reaktion und damit zur Niederschrift der Broschüre „Der Judenstaat“ in seinem Erlebnis bei der Degradierung des unglücklichen französischen Haupt-manne Dreyfus zu suchen ist. ändert dieser Um stand nichts an der Grösse der Heimischen Idee oder an seinem späteren Werk, — III. Die bekanntesten Publikationen, die dem Judenstaat Herzls vorausgingen, waren vor allem „Rom und Jeru salem“ von Moses Hess und „Autoemanzipation“, geschrieben von „einem russischen Juden'* in deutscher Sprache, dem Arzt Dr. Leon Pinsker. Aber das sind keineswegs die einzigen Auto ren. die eine Lösung der Judenfrage in der Wiederherstellung Zions erblickten. In diesem Zusammenhang sei auf eine heute oft vergessene Publikation des Rabbiners Hirsch Kalischer unter dem Titel „Drischta Zion oder Zions Herstellung“ hingewiesen, die in hebräischer Spra che erschienen ist und erstspäter ins Deutsche übersetzt wurde. Kalischer (1795 bis 1874) war Rabbiner in Thorn. Drischst Zion erschien 1861, also 35 Jahre vor Herzls Judenstaat. Kalischer war ein frommei Mann, der aber nicht nur aus religiösen Gründen unter Hinweis auf viele Gesetze und Vorschriften die Herstellung Zions verlangte, sondern ebenso aus nationalen. Das ..Prinzip der Nationalität“ verlange dringend notwendig eine Kolonisierung Palästinas. „Wir sehen, so schreibt Kalischer, wie die Völker alle für ihre nationale Sache einrreten. wie sie mit der grössten Opferfreudigkeit ihr Blut upd Gut einsetzen für die Erhaltung . oder Wiedererlan. gärig ihrer Nationalität, und wir. Juden sollten dieHän de in den Schoss legen und nichts tun, um unser nationales Besitztum, das heiligste Erbeut unserer Väter wiederzuerlangen? Wir sollten tatenlos bleiben, wenn man une auf Palästina, als auf unser eigentliches Vaterland verweist? Das hiesse unsere Nationalität, auf die wir stolz zu sein ein Recht haben, ganz und gar verleugnen.“ — Gegen die dem Zionsgedan ken positiv eingestellten Rab biner wandte sich die ..Nene Orthodoxie'-*, vor allem der berühmte Rabbiner Samson F.afael Hirsch in seinen ..Neunzehn Briefen'*, der u.a schrieb, dass die von der. Propheten -verheissene Zu kunft des Volkes in Palästina „von uns nur erhofft aber ja nicht tätig gefördert werden darf**. Die Juden sei »n nur im geistigen Sinn eine Nation; unter „geistig“ wurde das Religiöse verstanden. IV. Die Diskussion über eine Rückkehr des jüdischen Volkes nach Zion war in vollem Gange, als „der Judenstaat“ erschien. Es gab eine Reihe von Vereinigungen, die sich bereite mit praktischen Fragen der Ansiedlung von Juden im Heiüeen Lande und mit der Kolonisierung beschädigten. Theodor Herz!, der bekannte Journalist un Schriftsteller, wusste aber weder von diesen Publikationen noch von den praktischen Bemühungen. Juden in Palästina wieder sesshaft zu machen. Soäter hat er einmal bemerkt, er hätte nie sein Buch „Der Judenstaat“ geschrieben, wenn er Pinskers Auioemanz'üaüon früher gelesen haben würde. Tiotz aller dieser vorher gehenden Veröffentlichungen blieben diese Publikationen und die Anstrengungen de.' Alliance Israélite Universelle oder der Cbowewe Zion-Be wegung ohne den erwarteten Erfolg. Auch der Einfluss, den Pinskers glänzend geschriebene und auch heute j i '.och lesenswerte Schrift ausüben konnte, blieb auf die Gedanken beim Lesen von JOEL LIBMANN FRANTZ Man hat sich von allen Seiten grosse Mühe gegeben, das „Phänomen“ Eich mann zu erklären oder gar zu entschuldigen, so dass jeder gerecht empfindende und denkende Mensch über diesen Aufwand an menschlichem Verständnis für einen Mann wie Eichmann erstaunt seid musste In irgendeinem Punkt sträubte sich das gesunde Rechtsgefühl gegen diese Polemiken zur Kntlastung eine# kalt rechnenden Henkers. Dass sich auch jüdische Verteidiger Eichmanns gefunden haben, unter ihnen auch eino gelehrte Frau, sei nur nebenbei bemerkt. Aber auch wir haben ein Recht darauf, dass sich Menschen, die zu unserer Gemeinschaft geschrieben werden, irren und in ihren allzu geistreichen Gedankenflügen verlö ren .. An diese Vorgänge musste ich denken, als mir jüngst das Buch von H. G Adler über Theresienstadt in die Hand fiel, in dem ich bei Durchsicht im Anhang auf die folgende Stelle f.tiess, die aus einem später aufgenommenen Protokoll stammt; „Im Februar 1944 besuchte Eichmann das „Familienlager“ wo er sich ...über die Lagerverhältnisse berichten und Frau Edelstein rufen liess. Er fragte, ob sie eine Bitte habe und ob sie etwas von ihrem Mann wisse. Sie bat. ihn rehen zu dürfen. Eich mann versprach das für später und forderte sie auf, ihrem Mann einen Brief zu schreiben, den Eichmann zu bestellen versprach, Edelstein wäre irgendwo in Deutschland. Am 20. Juni 1944 wurde Edelstein aus dem Bunker abgeholt, ihm gesagt, dass er zu seiner Famihe käme. Man fuhr ihn nach dem Krematorium III. Nachher wurde mit dem gleichen Wagen Edelsteins Familie dorthin geschafft, wo man alle erschoss und die Leichen verbrannte ** — Das war Eichmanns Werk. Edelstein war Lagerältester ln Theresienstadt gewesen und lag in einem Bunker von Auschwitz, während Eichmann sich im gleichen KZ über das , .Familienlager“ erkundigte und der Frau Edelsteins Versprechungen machte. — Einen Tag später las ich einen Aufsatz über den deutschen Dichter Max Hermann-Neisse, der — kein Jude, sondern ein „Vollarier“ — Deutschland bereits 1933 verlassen hatte und seiner Frau u. a. schrieb; „Ich muss sagen, dass ich mich jetet eigentlich geniere, dass ich ein arischer Deutscher bin! Dass diese Verbrecher offenkundig so weit gehen würden, wie zu dieser kulturlosen Bücherverbrennung und zu so offen ausgesprochenem Bekenntnis zur Barbarei, zu so offen ausgesprochener Gemeinheit der Konzentrationslager, das hätte ioh ihnen doch nicht zugetraut. Du hast dieses feige und wüste Gesindel doch von vorneherein richtiger eingesohätzt... das einzig Wahre für uns alle scheint mir: sich radikal von einem Schandvolk loszusagen, zu dem man doch nur noch dem Namen nach gehört**... Das schrieb Max Herrmann-Neisse am 12. Mai 193?. Was hätte der Dichter gesagt, wenn .er die ganze Wahrheit über die KZ erfahren hätte, wie hätte er sich geschämt. wenn er gewusst haben würde, dass man nicht nur Bücher, sondern Millionen Unschuldige verbrannt hat? — All das ist vergessen, oder nicht? ohnehin schon interessierten Kreise begrenzt. Erst mit dem Auftreten Herzls wurde die Judenirage nicht nur zu einem Weltproblem, das sie war, sondern auch zu einer nationalen Frage des jüdi sehen Volkes, Der Sturm, der sich nach der Veröffentlichung von Herzls Schrift erhob, war gleichzeitig ein Sturm begeisterter Zustimmung wie tiefster Empörung. Die hierdurch ausgelöste Debatte sollte Jahrzehnte hindurch nicht zum Schweigen kommen. Aber selbst diese geistige Auseinandersetzung über das ewige und über das zeitgebundene Ziel jüdischer natio naler Bestrebungen kann mit dem Erscheinen der Herzischen Schrift allein nicht erklärt werden. Die ungeheure Kraft der Herzischen Gedanken und seine meisterhafter. Formulierungen übten gewiss eine gewaltige Anziehungs¬ und Ueberzeugungskraft auf die jüdische Welt, vor allem auf die Jugend, aus. Der Erfolg aber muss auch aus der einmaligen Persönlichkeit des Mannes Theodor Herzl abgeleitet werden. Es war auch nicht seine Identifikation mit seinem Werk, das die Menschen, Juden wie Nichtjuden, in seinen Bann zo?: es war der Mensch selbst, die überragende. die unermüdliche und kämpferische, ans Prophetische erinnernde Persönlichkeit. deren Glanz über seinem Werk ruhte. V. Theodor Herzl wollte einem alten und gepeinigten Volk nicht nur seine Freiheit und sein unbestreitbares Lebensrecht wiedergeben. Er wollte, wie er es selbst gesagt hat, „aus einem Judenjungen einen jungen Juden machen!“ Ein unbeugsamer Stolz lebte in diesem Manne, der aus den (Schluss auf Seite 2) DE GAULLE ERWAEHNTE ISRAEL Jerusalem. — Präsident Charles de Gaulle betonte die Notwendigkeit einer Garantie der Grossmächte zur Aufrechterhaltung der territorialen Unverletzlichkeit, im Mittelosten, als er in Moskau mit dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Leonid Breznew über die dortige Lage sprach. Diese Nachricht, die )ber den Staatsrundfunk vorbreitet w. rde. stammt von Hem Kol-Israel-Korrespondenten, der dem Stab von Presse Vertretern angehörte, welche de Gaulle nach Moskau begleiteten. Laut dieser Meldung äusserte, Breznew. dass die Sowjetunion gute Beziehungen mit den Ländern des Mittelostens pflegt und Frieden in dieser Region wünscht. General de Gaulle versicherte hierauf dass auch Frankreich gute Beziehungen mit diesen tänder.i unterhalt, wobei er im besonderen Israel erwähnte De Gaulle fügte hinzu, es sei notwendig, den Status <juc in diesrgend aufrecht zu erhalten. und verwies auf die Dreimäehte-Erklänmg, die Frankreich im Jahre 1950 gemeinsam mit England und den USA abgegehen hat Wie man weiss, hat Israels Botschafter in Paris Walter Eytan, vor der Abreise de Gaulles nach Moskau dem französischen Aussenminister Couve de Murville die Anlegung übermittelt, dass der Präsident Frankreichs seine sowjetischen Gesprächspartner möglicher weise überzeugen könnte, wie wichtig es sei dass So wjtrussland seinen Beitritt zur Erklärung vom Jahre 1950 vollzieht. (ITA1