Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 27 (1966)
- Issue
- 2150 (7.1.1966)
- Date
- 1966-01-07
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9616703-9615320-9615321--4202-9615325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 — Viernes, 7 de Enere de 1966 JÜDISCHE WOCHENSCHAU Año XXVII. — N» 2150 ADLER-RLDEL (Jerusalem): BARON MORITZ VON HIRSCH Ein grosser jüdischer Philanthrop und sein Werk (11. Fortsetzung) Es ist keine Unterschätzung des Edelmuts und der guten Abeichten Baron Hirschs und auch nicht der Leistungen der ICA auf den Gebieten der jüdischen Kolonisation uno der jüdischen Sozialarbeit, wenn am Ende aber festgestellt werden muss, dass trotz der weitreichenden Hilfe, die sie Hunderttausenden notleidenden Juden zuteil werden liess. die ICA doch die am wenigsten populäre iüdi. eche Organisation war. Die grosse Verehrung, die Hirsch entgegengebracht wurde, schützte die ICA nicht davor bald nach seinem Ableben — und in den späteren Jahren m immer steigendem Masse — auf das heftigste angegriffen zu werden. Die jüdische Presse aller Richtungen kritisierte ihre Kolonhationsmethoden, ihre völlige Volksfremdheit und die Art der Verwaltung des ,,dem jüdischen Volk gehörenden Veimögens‘\ Im Rahmen dieses Aufsatzes kann nicht ausführlich auf alle Angriffe eingegangen werden, die mehr als sechs Jahrzehnte in der Oeffentlichkeit gegen die ICA erhoben wurden. Als ein Beispiel für diese Pressepolemik gelte ein ungemein scharfer Artikel, der im Mai 1903 in der angesehenen Zeitschrift .,Ost und West", die sonst gesinnungsgemäss den Kreisen der ICA nahestand, erschien. De1' Schreiber wandte sich gegen die Absicht der Mehrheit des ICA-Verwaltungsrates. eine Aenderung der Stiftungsurkunde herbeizuführen, um auf diese Weise die Kolonisation in Argentinien einstellen und das Vermögen der ICA allgemeinen jüdisch-sozialen Zwecken zuführen zu können. Der Artikel bestritt dem Verwalt’.:ngsrat das Recht, willkürlich mit dem Vermögen des jüdischen Volkes umzugehen, und berief sich darauf, dass die Mitglieder des Rates nur Treu, händer und nicht Besitzer des ICA-Vermögens wären, zumal sie nur aus lokalen Gründen zu dieser Würde gelangt seien. Sie hätten das Vermögen des jüdischen Volkes lediglich zu verwalten, was sie, wie die Erfahrung lehre, ohnehin schon recht schlecht getan hätten. Von ganz anderer und sehr viel mehr grundsätzlicher Art war der Angriff, den der Schriftsteller Leon Chasanowitsch in seiner Schrift ..Die Krise der jüdischen Kolonisation in Argentinien" (Stanislau 1910> gegen die ICA richtete. Chasanowitsch, ein Führer der Poale Zion-Bewegung in Russland, hatte im Jahre 1909 die jüdischen Kolonien in Argentinien besucht, dort Vorträge gehalten und versucht, den Kolonisten bei der Schaffung einer eigenen Organisation zu helfen. Plötzlich wurde er in einer Kolonie auf Grund des damals begehenden Ausnahmegesetzes verhaftet und als Anarchist aus Argentinien deponiert Es ist zwar nie festgestellt worden, cb die ICA Verhaftung und Deportation veranlasst hatte, aber jedenfalls Chasanowitsch wie auch die Kolonisten waren dieser Meinung. Nach seiner Rückkehr aus Argentinien geisselte er in seiner 160 Seiten starken Schrift mit den schärfsten Worten die Methode der Kolonisation der ICA. Sie mache durch Zerstreuung der Kolonisten auf w’eite Landstrecken jedes soziale Leben in den Kolonien unmöglich; ihre Ablehnung, auch die Söhne der Kolonisten anzusiedeln, zwinge diese die Kolonien zu verlassen; die Korruptheit der Beamtenschaft, die nicht das geringste Verständnis für die Kolonisten und deren Sorgen aufbringe, missbrauche das von Hirsch dem jüdischen Volke ¡unterlassene Vermögen u.a.m. Das Buch ende: mit einem Aufruf an die jüdische Oeffentlichkeit, die Kolonisten in ihrem Kampf um die Reform der ICA-Verwaltung zu unterstützen. Ein Vierteljahrhundert später, am 19. Oktober 1964, veröffentlichte Dr. Julius Brutzkus im Jewish Chronicle — der im allgemeinen der ICA freundlich gegenüberstand einen Brief an den Editor, der die Ueberschrift trug: „Baron Hirschs Millions — What is being done wüth them?“ Der Brief geht zunächst auf die Entstehungsgeschichte der ICA ein, erwähnt d;e ersten Jahre der Kolonisation und stellt dann das allmähliche Absinken jeder Initiative der ICA fest Der Briefschreiber berichtet über seine Versuche, Auskunft über die Höhe des vorhandenen ICA-Vermögens zu erhalten. Seine Ermittlungen im Archiv des Somerset House London, in dem er nur seit dem Jahre 1928 Beri?hte hinterlegt fand, ergaben schliesslich, dass die ICA am 1. Januar 1933 noch Bonds im Werte von Kindler-T aschenbücher IN DEN LETZTEN WOCHEN SIND DIE FOLGENDEN BAENDE ERSCHIENEN: Nr 54: HERMANN KESTEN: Meine Freunde die Poeten Essays — Nr 55' JO*CE CARY- Spiel ohne Ehre. Roman. Nr. 56: FRIEDRICH SCHILLER: Pitaval Merkwürdi ge Rechtsfäll e Nr. 57/58/59: GERALD REITUNGER: Ausrottung der Juden Europas 1939—1945 Nr. 60: MARQUTS DE SADE: Die Kastanienblüte und andere Erzählungen Nr. 61: DIE SIEBEN TODSUENDEN — Vierzehn Essays Nr 63- ELIA KAZAN: Amerika - Amerika Roman Nr 64/65- HORST LANGE- Schwarze Weide. Nr 66 GEORGES P ERNA NOS: Ein böser Traum Nr- 67: LEONHARD FRANK: Das Ochsenfurtei Man nerquartett Es kosten: Einfachband DM 2.50 Doppelband DM 3,80. Dreifachband DM 4,80. Bestellungen durch alle Buchhandlungen Kindler Verlag G.m.b.H., München 4.289.000 Pfund besass ferner 250 000 Pfund in bar, ausserdem Landbesitz und Aussenstände bei den Kolonisten in Argentinien und in anderen Ländern im Werte von 3.379.000 Pfund. Auf Grund dieser Erhebungen wirft Dr. Brutzkus der Verwaltung Satzungsverlerzungen und Fehlanlagen von Kapital vor, die zu Verlusten führten, und schliesst mit einem Hinweis auf die schwere Lage der Juden in Polen und auf die Tragödie der Juden in Deutschland: „Bisher geschah nichts, uni für die vielen Auswanderer Arbeitsmöglichkeiteil zu schaffen, wie es dem Sinn des verstorbenen Baron Hirsch entsprochen hätte, als er seine Organisation schuf und ihr grosse Summen zuwandte." All diese Angriffe blieben von der ICA stets unbeantwortet. Die Kritik an ihrer Tätigkeit und an ihren Methoden verstummte jedoch nicht, sie setzte sich fast bis in die Gegenwart fort Und findet auch ihren Niederschlag in der ausgezeichneten wissenschaftlichen Studie von Dr. Arie Tartakower, der zu diesem Thema folgendes ausführt ■ „Die Jüdische Kolonisationsgeseilschaft (ICA) die von Baron Hirsch gegründet wurde, um die Ansiedlung in Argentinien durchzuführen, war zw’ar eine öffentliche Körperschaft, da im Verwaltungsrat die Vertreter der Alliance Israélite Universelle, der Angio-Jewish Association und der Gemeinden Berlin, Frankfurt und Brüssel sassen; tatsächlich aber waren alle diese Faktoren ohne jeden Einfluss auf die Leitung der Dinge, und die Institution lag mit ihrem riesigen Kapital in den Händen einer Beamtenschaft, die tat, was ihr gut dünkte... Das von Baron Hirsch aufgestellte richtige Prinzip, dem Kcloliisationswerk einen konstruktiven Charakter zu sichern und es vor .Philanthropie“ zu bewahren, verstanden die Administratoren dahin, wachsam gegenüber den Ansiedlern zu sein, in denen sie Ostjuden ohne Kultur sahen, die an Wohltätigkeit gewöhnt und nicht vertrauenswürdig waren und die deshalb mit Strenge zu behandeln seien." Die gegen die ICA erhobenen Vorwürfe mögen zum Teil aus dem verfehlten Versuch heriihren, eine soziale Organisation nach rein geschäftlichen Grundsätzen fiihren zu wollen. Die Tatsache, dass die ICA stets über ausreichende Kapitalien verfügte, machte sie von öffentlicher Meinung und Kontrolle allzusehr unabhängig und tötete im Laufe der Jahre jede Initiative, die soziale Organisationen gerade dann entfalten müssen, wenn sie um die Mittel für ihre Tätigkeit und ihre Existenz zu kämpfen haben. Der Umstand, dass die Mitglieder des Verwaltungsrats keinerlei Beziehungen zu den von ihnen betreuten Menschen hatten, schuf zwischen der Organisation und den Betreuten eine Kluft, die auch von der überhaupt sehr eigenmächtig vorgehenden Bürokratie nie überbrückt wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich auch in den Kreisen der ICA eine tiefgehende Wandlung vollzogen. Sie fand ihren Ausdruck in einer Erklärung des gegenwärtigen Präsidenten Sir Henry d'Avigdor Goldsmid, der in ei. ner anlässlich des siebzigsten Jubiläums der ICA im Oktober 1961 in Jerusalem stattgefundenen Sitzung des Verwaltungsrates sagte. „Wir sehen in Israel die Verwirklichung unserer Grundsätze: auf eigenem Boden verwurzelte jüdische Landwirt." X. Moritz von Hirsch, der erfolgreiche Finanzmann, der zu seiner Zeit unübertroffene Philanthrop des jüdischen Volkes, der Mann, der mehr als dreissig Jahre im Lichte der Oeffentlichkeit stand und dessen Aeusserungen und Handlungen von der allgemeinen Presse genauso wie von der jüdischen registriert wurde, hat keinen Biographen ge Portraet der Woche Biblioteca Ciencia e Historia de las Religiones dirigida por MARSHALL T. METER G. STEPHEN SPINKS: Introducción a la Psicología de la Religión. lEO BAECK: La esencia del Judaismo (Wesen des Judentums) Grandes Epocas é Ideas del Pueblo Judío L IEJEZKEL KAUFMANN: La Epoca bíblica II. RALPH MARCUS: La Epoca Helenística III. GERSON D. COHEN: La Epoca Talmúdica IV. ABRAHAH S. HALKIN: La Epoca Judeo. Islámica V. CECIL ROTH: La Epoca Europea VI SALO W. BARON: La Epoca Moderna Editorial Paidos Buenos Aires Frau GOLDA Mi'IR, die langjährige Aussenministeirin Israels, gab in de- Knesset ihren Wunsch bekannt, von ihrem Amt zurück zu treten. was allgemeines Bedauern ausgelöst hat. funden. Weder seine Familie noch die ICA, die den grössten Teil seines Vermögens erbte, taten etwas um das Bild dieser laszinierenden Persönlichkeit für die Nachwelt festzuhalten. In den Archiven der Alliance Israélite Universelle und der ICA dürften zahlreiche unbekannte Dokumente vorhanden sein, die manche Widersprüche der zeitgenössischen Publizistik erklären und die Motive seines Wirkens verständlich machen könnten. In Ermangelung derartigen Materials kann dieser Versuch nur auf die wenigen Aeusserungen zurückgreifen, die von Hirsch selbst oder von Personen stammen, die ihm persönlich begegneten. In seinem Beitrag zw einer Artikelserie „Obligations of Wealth“', die eine amerikanische Zeitschrift veröffentlichte, bekannte Hirsch: meiner Meinung nach kann gar kein Zweifel darüber bestehen, dass grosser Reichtum seinem Besitzer Pflichten auferlegt. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ich mich lediglich als zeitweiligen Verwalter des von mir angesammelten Reichtums anzusehen habe, und dass mir die Pflicht obliegt, auf meine Art das Leid derer zu mildern, die vom Schicksal hart getroffen sind.“ Mit Entschiedenheit wendet er sich gegen die hergebrachte Form des Almosengebens. Für ihn besteht das wichtigste Problem der Philanthropie darin, arbeitsfähige Menschen zu unabhängigen und nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu machen. Mit seinem ausgeprägten Sinn für soziale Verantwortung stellt er sich würdig an die Seite der grossen Philanthropen seiner Zeit, wie Carnegie, Peabod.v, Rockefeller u. a., grenzt sich aber zugleich von ihnen, wie z.B. von Carnegie, mit dem Hinweis ab, dass dieser einer Gesellschaft angehöre, in der für die absoluten Bedürfnisse des Lebens gesorgt sei, und dass sich 6ein philanthropisches Wirken deshalb der Schaffung von „aesthetic pleasures“, wie der Errichtung von freien Bibliotheken, Grünanlagen und schönen Kirchen zuwenden könne. Von sich dagegen sagt Hirsch, bei der Linderung menschlichen Leidens „frage (ich) nie, ob der Notschrei von einem Ange, hörigen meines Glaubens kommt oder nicht. Was wäre natürlicher, als dass ich meine höchste Aufgabe darin sehe, den Anhängern des Judentums, die tausend Jahre lang unterdrückt wurden und elend darben, die Aussicht physischer und moralischer Erneuerung zu eröffnen, ja dass ich versuchen sollte, sie zu befreien, sie zu tüchtigen Bürgern zu machen und auf diese Weise der Menschheit viel neue und wertvolle Kräfte einzugliedern." Auf die Frage nach dem Ziel seiner philanthropischen Tätigkeit gibt er die folgende Antwort: „Was ich erreichen will, und was, nach mancherlei Rückschlägen, mein Lebensziel wurde für das ich meinen Reichtum und meine geistigen Kräfte einzusetzen bereit bin ist: einem Teil meiner Glaubensgenossen die Chance einer neuen Existenz, vor allem als Landwirte und Handwerker, in solchen Ländern zu vermitteln, deren Gesetze und religiöse Toleranz es ihnen erlauben, ihren Existenzkampf als geachtete und einer humanen Regierung verantwortliche - Untertanen zu führen." (wird fortgesetzt) LUACH—(KALENDER) Freitag, den 7. Januar 15. Tewet Sonnabend, den 8. Januar 16. Tewet Schabbos „WAJ’OHI“ — Haft.: 1. B. Könige, Kap. 2 Sonntag, den 9. Januar 17. Tewet Montag, den 10. Januar 18. Tewet Dienstag, den 11. Januar 19. Tewet Mittwoch, den 12. Januar 20. Tewet Donnerstag, den 13. Januar 21. Tewet Freitag, den 14. Januar 2£. fewet Sonnabend, den 15. Januar j, Ü- Tewet Schabbos „ÖCH’MAUS“ — Haftôrâî* ¡Cfesaja, Kap. 29