Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2146 (10.12.1965)
- Date
- 1965-12-10
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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o(B ¡FRANQUEO PAGADO o.E_ Concesión 908 W ■f» r t c £ —-_ O I ° i « 1 tarifa reducida < o I ¡ Concesión 1629 Año XXVI. ISRAELITA el ejemplar en toda la República 10.- BUENOS AIRES, VIERNES 1« DE DICIEMBRE DE 1965 PUEYRREDON 2190 1* izq. T.E. 83 - 2613 Buenos Aires N* 2146 Verbrechen ahne Ende Kanonen statt Butter von JAKOB KATZ-ROGASEN von SEM FRANKEN STEIN Das ist doch das alte, gewohnte, ln den Ohren wie eine Disharmonie klingende Lied von den Kanonen, die las Vaterland brauche, weswegen das Volk auf Butter (und viele andere Selbstverständlichkeiten seines Lebens und sogar auf dieses Leben selbst) verzichten müsse. So schreibt Herr Günther Gillessen in der Frankfurter Allgemeinen: ,,Es sei viel gescheiter, mehr Physiker, Chemiker und Biologen auszubilden, als fiir 200 Millionen Mark einen deutschen Satelliten in den Weltraum zu schiessen. _ Ws sei besser, sich auf die Medizin und die Stadtplanung zu stürzen, wo Deutschland Bahnbrechendes leisten könne, als nationale Prestigebedürfnisse im Weltraum zu befriedigen. Junge deutsche Forscher sollten nach Kap Kennedy gehen, wenn sie Raumforschung treiben wollten. Der Kultur, und Wissenschaftsexperte der SPD Dr. Lohmar hat so vor einiger Zeit ausgesprochen, was viele Leut« in diesem Lande denken. Doch wie plausibel es klingt so falsoh ist es.“ Warum kommt der .demokratische' Gillessen zu einer so apodiktischen Verurteilung des SPD Experten? Dies sei „im Kern“ ein antiwissenschaftliches Urteil. Wissenschaft müsse zweckfrei betrieben werden. Dann folgen andere, ähnliche Allgemeinplätze, mit deren Hilfe man gegen jede Sache und für jede Angelegenheit eintreten kann. Hier kann es doch aber nicht auf allgemeine Redensarten an. kommen, sondern auf die Frage, ob die Deutsche Bundesrepublik eine Atoinmacht werden solle oder nicht, ob sie in der Lage sein soll, selbst Atomwaffen herzustellen. Es gibt sehr starke Kräfte, und de Gaulle gehört auch dazu, die eine solche Entwicklung nicht gern sehen würden, und es gibt Kräfte, die sie verhindert wollen, wie die Sowjetunion. Wenn Gillessen meint, der Ratschlag, lieber Physiker und Chemiker auszubilden, als 200 Millionen Mark im Weltraum zu verpulvern, trifft haargenau daneben, dann kann dies doch nur als ein Ablenkungsmanöver vom wirklichen Problem betrachtet werden, im übrigen stöhnen die Deutschen, sie hätten kein Geld. Sicher stehen sie hoch in Schulden, wenigstens gegenüber allen, die von ihnen ausgeplündert worden sind, als man noch offiziell und un, verbrämt Kanonen und Giftgase herstellte, um damit Millionen zu ermorden, auszuplündem, zu entrechten. Man marschiert wieder m der Bundesrepublik. Di« Sozialdemokraten haben schon nicht mehr den Mut, ein klares, antimilitaristisches Programm aufzustellen, um die Wiederkehr des .alten Preussengeistes“ zu verhindern. Würden sie ein wenig mehr Zivilcourage gezeigt haben, so hat, ten sie die Wahlen gewinnen können. Aber mit Lauheiten kommt man nicht weiter. Dann marschieren sie schon lieber... Die gleiche Frankfurter, die als demokratisch gilt, bringt ein typisches Bild: bei einem Fest der Luftwaffe umringen die jungen Offiziere einen alten „Lufthelden* . . und bewährten Nazi. Das steht natürlich nicht dabei. So fliesst das Neue mit dem Alten zusammen, was nicht anders zu erwarten war. Mit Hilfe von Worten wie Tradition, Soldatenehre, Heldentat. Disziplin und Treue lässt sich dann unschwer, unterstützt von Blechmusik, jene unselige Atmosphäre schaffen, welche die ganze Welt in zwei vernichtende Kriege gestürzt hat. Noch sind wir nicht so weit. Aber die Gillessen, die gewiss eine solche Entwicklung verabscheuen, dürfen endlich verstehen, dass sie durch solch« .Ratschläge* denen in die Hand arbeiten, die alte Phrasen zu neuen Gewalttätigkeiten benutzen werden. Immer neue Verbrochen der NS-Zeit werden bekannt. Immer wieder stellt sich die präge, wie es müg'ioh war, dass sich so viele Menschen bereit fanden. an den grausamen Mordtaten teilzunehmen. die damals vor allem im Osten Europas von der Gestapo der SS und deren Helfershelfern begangen worden sind. Man muss aus den durch die Gerichte festgestellten Tatsachen zu dem Ergebnis gelangen, dass keineswegs nur in den bekannten Konzentrations- und Schreckenslagern wie Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Mauthausen, Sachsenhausen Und Bergen Belsen um nur einige zu nennen, die furcht, barsten und grausamsten Verbrechen begangen worden sind, sondern in zahlreichen kleineren Lagern, Ohetti und Sammelplätzen, deren Namen der breiten Oeffentlichkeit nicht geläufig oder völlig unbekannt sind. Einig« neue Prozesse, die kürzlich begonnen haben oder demnächst eröffnet j werden seilen, werfen ein düsteres Licht auf die unerhörte Mordmaschine, die vpn den Nazis zur Ausrottung der Juden und anderer Gruppen in Gang gesetzt worden ist. Sechs Monate lang wird steh das Bochumer Schwurgericht mit der Ausrottung der Juden im polnischen Städtchen Neu-Sandez, CO Kilometer südöstlich von Krakau, befassen. 15 Angeklagte müssen sich wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord an Uber 17.000 Manschen verantworten. Die Juden wurden ln der Umgebung von Neu-Sandez und in der Stadt selbst umgebrächt oder hier gesammelt und in das Vernichtungslager Belzec transportiert. zesses steht der 57 Jahre alte Hilfsarbeiter Heinrich Hamann aus Bochum, der damals als Gestapokommissar die Aussenstelle Neu- Sandez des Krakauer Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes leitete. Die übrigen Angeklagten sind ehemal'ge Angehörige seiner Dienststelle. Hamann und zwei weitere Angeklagte befinden sich in Untersuchungshaft. Im Frühjahr 1941 wurden in Neu-Sandez, einer Stadt von 38.000 Ein- Jerusalem. — Präsident Sa 1 man Shazar berief Levi Eslikol und betraute ihn for. mell mit der Bildung einer neuen Regierung, wie dies den Resultaten der Wahlen vom 2. November entspricht, in denen die Partnerschaft- Mapai-Aclidut Awoda 45 Sitze in der Knesset gewann. Obwohl Eshkol in seiner Eigenschaft als vorläufiger Ministerpräsident seit den Wahlen versucht hat, eine Koalition zu bilden, so war er nicht sicher, ob seine Erwartung, diese Koalition in aller Kürze zustande zu bringen, sich erfüllen würde. Es besteht die Befürchtung, dass dieses Unternehmen sich einige Monate lang hin. ziehen könnte, denn es sind widersprechende Ansprüche zwischen der Nationalreligiösen Partei einerseits und Mapam und den Unabhängigen Liberalen andererseits vorhanden. Die drei Parteien wurden aufgefordert, in das Kabinett einzutreten. Die Religiösen bestehen darauf, dass die Regierung ein neues Gesetz zur strikten Einhaltung deß Schabbat und andere strenge Gesetze zur Stärkung des religiösen wolinern. zwei Ghettos eingerichtet. Nach der Anklage sollen dabei bereits Morde und Massenerschiessungen verübt worden sein. Im August 1942. als die „Aussiedlung“ in das Vernichtungslager Belzec stattfand, lebten in Neu-Sandez naco den Ermittlungen 15.000 Juden. Ueber 200o sollen bis dahin bereits ermordet worden sein. Hamann der aus Borderholm in Schleswig-Holstein stammt und 1931 ln die NSDAP und in die SS ein- Einfluss vorschlagen muss. Mapam und die Unabhängigen Liberalen vertreten dagegen den Standpunkt, dass zumindest die bestehenden religiösen Gesetze, die nicht so streng sind, gewahrt werden sollen. Die Führer der Partnerschaft haben sich anscheinend über die Präsidentschaft der Kommission für auswärtige Angelegenheiten und Sicherheit geeinigt, die Israel Galili, Generalsekretär der Achdut Awoda, übernehmen wird. Dieser wird der Nachfolger von David Haeohen, der Mitglied der Mapai ist, sein. Inzwischen hat der frühere Ministerpräsident David Ben Gurion seine ehemaligen Kollegen der Mapai, von der er sich formell trennte, als er die „Rafi“ gründete, beschuldigt, gegen ihn schon im Jahre 1960 ..konspiriert“ zu haben, um ihn von seinem damaligen Posten des Premierministers zu „verdrängen“. Dies schreibt er im Vorwort zu seinem jetzt erschienenen Buch „Wie die Dinge wirklich waren“. Das Buch handelt von der Affäre Lavon und den Ereignissen, die zum Bruch zwischen Ben Gurion und seiner Partei führten. In einer Veranstaltung der Rafi erklärte B.G, dass er nach Erscheinen dieses Buches seine Teilnahme an diesen Vorkommnissen als abgeschlossen betrachte, — ESHKOL ERKRANKT Jerusalem. — Ministerpräsident Eshkol musste wegen Ueberarbeitung in einem Krankenhaus interniert werden. Gerüchte, dass er Lungenentzündung habe wurden durch das Bulletin sei* ner Aerzte widerlegt, das von einer ..allgemeinen Schwäche'' spricht, die durch die übermässige Arbeit der letzten Wochen und eine Erkältung hervorgerufen wurde. Ausser seinen Bemühungen, die neue Koalition zustande zu bringen, hatte der Ministerpräsident eine ganze Nacht lang nicht geschlafen, um die Manöver der Armee zu verfolgen. Die Aerzte ver. ordneten dem 70 Jahre alten Patienten zehn Tage völliger Ruhe und baten ihn. in dieser Zeit keine Besuche zu empfangen. Die Erkrankung Eshkols wird die Bildung des Kabinetts verzögern. Es wurde eine Subkommission ernannt, die die Verhandlungen mit den Parteien inzwischen fortsetzen soll. (ITA) getreten war, tauchte nach dem Krieg mit falschen Papieren in der Nähe seines Geburtsortes unter. Dann setzte er sich in die Nähe von Bielefeld ab, arbeitete als Bergmann in Wanne- Eickel, als Holzfäller im Harz und schliesslich als Bergmann und Hilfsarbeiter in Bochum und Bottrop. Unter seinem richtigen Namen will er sich sogar um eine Wiedereinstellung bei der Polizei und um eine Anstellung beim Bundesamt für Verfassungsschutz beworben haben. Im Zuge der Ermittlungen der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Massenverbrechen wurde er schliesslich aufgespürt und in Haft genommen. Der Hauptangeklagte mit dem ominösen Namen Hamann war also 23 Jahre alt, als er in die Partei und SS eintrat. Zehn Jahre später war er Leiter einer Aussenstelle des Krakauer Kommandeurs der Sichenheitspolizei und des SD (Sicherheitsdienstes) einer berüchtigten Gestapo-Einrichtung, die sich weitgehend mit den Morden an Juden beschäftigte. Der 23-Jährige war si- „cheriich arbeitslos und vielleicht auch arbeitsscheu. Jedenfalls war die SS für ihn die Gelegenheit zu beruflicher Betätigung. Offensichtlich hatte er sich als besonders brutal und ergeben bewährt, denn schon mit 32 Jahren erhielt er einen ver. antwortlichen Posten, der dem jungen Menschen die Möglichkeit gab. über Leben und Tod von tausenden Juden zu entscheiden. Da seine Mission der Mord war, widmete er sich allein dieser Aufgabe. Nach dem Zusammenbruch der NS-Gewaltherrschaft tauchte Hamann unter. Immerhin fühlte er sich sicher genug um seine Wiedereinstellung bei der Polizei unter seinem rieht'gen Namen zu betreiben. Aus welchen Gründen er im Gegensatz zu manchen anderen Massenmördern nicht genommen wurde, ist nicht bekannt. Dagegen wissen wir von einer ganzen Reihe von Fällen, in denen ehemalige KZ-Schinder nach dem Krieg auf leitende Polizeiposten vorg-edrunge» sind. Es muss ferner auffallen, dass sich dieser Hamann selbst um eine Einstellung beim Bundesamt für Verfassungsschutz beworben hat. Sicherlich hatte er davon Kenntnis erhalten, dass sehr viele seiner früheren Kollegen gerade in dieser Dienststelle „untergetaucht“ sind, was inzwischen auch allgemein bekannt ist. Arme Demokratie. die einen von Nazis durchsetzten Verfassungsschutz besitzt ... In Stuttgart läuft ein Prozess gegen die Leiter und Gehilfen der Gestapo-AusSenstelle Tarnopol. in welchem sich der ehemalige SS- Sturmbannführer Hermann Müller als Hauptangeklagter zu verantworten hat. Neben ihm sitzen Paul Räbel u. ä. auf der Anklagebank, alle für ihre Grausamkeiten nn Gebiet Tarnopol bekannt. Auch in Argentinien leben eine Reihe von Zeugen der Grausamkeiten, die von diesen SS - Henkern verübt worden sind, welche Greueltaten von diesen Leuten begangen worden sind ist unbeschreiblich. Von einer Schilderung im einzelnen, die aufgrund beschworener Zeugenaussagen gegeben werden könnte, soll nur mit Rücksicht auf die Nerven unserer Leser Abstand genommen werden. Das Fuldaer Schwurgericht verurteilte einen früheren SS-Rottenführer wegen erwiesener Beihilfe zum Mord in mindestens 14 Rallen zu fünf Jahren Zuchthaus, Der Angeklagte hatte bei einem sogen. Evakuierungsmarsch vom KZ Lieberose in der Mark Brandenburg nach Sachsenhausen im Februar 1945 nach seinen eigenen Bekundungen und den Aussagen von Zeugen mindestens 14 Häftlinge eigenhändig erschossen, we¡] sie nicht mehr weiter mar- Impreso en la Imprenta Registro de la Propiedad schieren konnten. Die Erschiessung weiterer 20 Häftlinge konnte ihm heute nicht mehr mit Sicherheit nachgewiesen werden. Für einen 14-fachen Mord erhielt er 5 Jahre Zuchthaus, eine mild« Strafe. Wenn man nicht die Höhe der Strafe diskutieren will, bleibt der Sachverhalt festzuhalten. Es ist bekannt, dass die SS bei solchen Eva_ kuierungsmiirschen, die besonders im Osten bei dem Heranrücken der russischen Befreiungsarmeen angetreten wurden, tausende jüdische Männer und Frauen umgebracht hat. Die überwiegende Zahl der drangsalierten Juden ist umgekommen. Sie können nicht mehr als Zeugen auftreten. Wie hoch ist woihl wirklich die Ziffer der Mörder? Man muss annehmen, dass die deutschen Gefängnisse und Zuchthäuser nicht ausreichen würden, um sie Im Mittelpunkt des Pro¬ VERFAHREN WURDE EINGESTELLT Von KURT KAISER-BLUETH Gro&sadmtral Dönitz, Hitlers Nachfolger und in Nürnberg verurteilter Kriegsverbrecher a. D„ hatte zwei Ta. ge vor der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 das Todesurteil gegen eiiven Offizier bestätigt, der vernünftig genug war, in den Stunden des allgemeinen und vollständigen Zusammenbruchs des braunen Diktatur-Regimes den ihm untergebenen Soldaten den Rat zu geben, den unnützen Widerstand einzustellen. Nachdem dieser verbrecherische Willkürakt, der angesichts der Gewissheit der totalen Niederlage umso abstossender und zynischer erscheinen muss, durch Presseenthüllungen bekannt geworden war, hatte die Staatsanwaltschaft nach einem gewissen Zögern ein Verfahren wegen Verdachts der Mordbeteiligung gegen den ehemaligen Grossadmiral Hitlers eingeleitet. Es wurde jetzt, wie zu erwarten war, eingestellt, weil, wie die Begründung der Einstellung originellerweise sagt, die an diesem Kameradenmord Beteiligten „nicht aus niedrigen Motiven gehandelt hätten Sollte dieses so ungewöhnliche Verständnis für d^e Motive eines Mörders in Zukunft nicht nur für den Spezialfall eines abgeurteilten Kriegsverbrecher-Grossadnv. rals, sondern auch für Mörder im allgemeinen und ohne nazistische Vergangenheit in Anwendung kommen so wäre das Gewaltverbrechen in Zukunft mit weit weniger R-i- Siken verbunden. Die Abwesenheit „niedriger Motive“ lässt pich vor allem bei Verbrechen aus Le.denschaft, in acht von zehn Fällen zur Not rechtfertigen. Aber die Gefahr ist wahrscheinlich nur theoretischer Natur. Nicht jeder war Hitlers Grossadmiral und nicht jeder nannte den Fanatiker aus Braunau „den von Gott gesandten scliickgals um witterten Führer des gesamten deutschen Volkes...“ Nur nebenbei: der unbestraft bleibende Mörder eines untadeligen Offiziers bezieht im Monat rund 3.000.— DM “»niion. —- alle einzusperren. POLIGLOTA — Rivadavia 831 Intelectual N« 868.707 BILDUNG EINES NEUEN KABINETTS