Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2141 (5.11.1965)
- Date
- 1965-11-05
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE MEUSCHAU /jouJeM&naJsXxxeliia PUEYRREDON 2190 — 1? izq- Año XXVI. T. E. 83 - 26 1 3 BUENOS AIRES, VIERNES 5 t»E NOVIEMBRE DE 1965 NQ 2141 Gotteslaesterer am Werk Unübersehbar ist die Zahl der Bücher, Broschüren und Artikel, die im Laufe der letzten zwanzig Jahre über die nationalsozialistische Sohrekkenszeit veröffentlicht worden ist. Selbst die Publikationen über das Thema „Das Dritte Reich und die Juden“ füllen eine umfangreiche Bibliothek. Dabei muss man jedoch verstehen, dass noch manche Aspekte dieses blutigsten Kapitels unserer Volksgeschichte nicht hinreichend durchleuchtet sind, obwohl sich Experten vieler wissenschaftlichen Disziplinen neben Historikern und Chronisten, vor allem Soziologen, Psychologen, Juristen, Mediziner, Nationalökonomen u. a. ausgiebig mit dieser Frage beschäftigt haben. Streitfragen traten auf, wobei wir weniger an die plumpen Versuche ehemaliger oder heutiger Nazis denken, die darum bemüht sind, die furchtbaren Verbrechen zu verkleinern oder die Totenziffer herabzusetzen. Man hat auch versucht, das Problem der eigenen jüdischen Schuld anzusehneiden, wobei sogar von jüdischer Seite die Behauptung aufgestellt wurde, die Juden hätten sich nicht in hinreichendem Masse zur Wehr gesetzt, um ihr trauriges Schicksal der Vernichtung abzuwenden. In diese Polemik wollen wir nicht erneut eintreten, da ohne Zweifel die Juden den grössten und längsten Widerstand geleistet haben, den irgendeine Minorität, sei sie nun religiöser, nationaler, politischer oder sonst welcher Art, der gewaltigen nazistischen Uebermacht entgegengesetzt hat. Mit diesem Thema der jüdischen Selbstbezichtigung oder gar des jüdischen Selbsthasses haben wir uns vor einigen Monaten an dieser Stelle auseinandergesetzt. Dass die Juden den NatiO' nalsozialismus nicht sonderlich ernst genommen haben, bevor er zur Macht gelangte, trifft zu. Aber niemand hat das getan, weder in Deutschland selbst noeh ausserhalb des Reiches. Waren es doch die auswärtigen Mächte, die sogar die Nazis an der Macht noch während der ersten Jahre ihrer Herrschaft gestützt, ihnen Kredite, Waffen und Rohstoffe geliefert haben, mit deren Hilfe sie ihre Aufrüstung betrieben und jene Waffen produziert haben, die dann ganz Europa unterwarfen und zerstörten. Dass die Juden die Hetzschrift „Mein Kampf“ nicht voll genommen und als .bare Münze1 angesehen haben, war gewiss ein schwerer Fehler, eine Leichtfertigkeit, ein Mangel an dem Verständnis eines irregeleiteten „Zeitgeistes“, an dessen Existenz oder Entfaltungsmöglichkeiten zu glauben, sich der gesunde Menschenverstand sträubte. Wenn man hier von öchuld sprechen will, so trägt diese Verantwortung die ganze zivilisierte Welt, die auch hierfür ungeheure Opfer zu bringen hatte. Als dann Hitler an der Macht war, wurde es zu spät Niemand wird ernsthaft annehmen können, dass die wenigen Hunderttausend Juden, die es damals in Deutschland gegeben hat und die insgesamt 0,9 % der Gesamtbevölkerung ausmachten, einen erfolgreichen Widerstand hätten organisieren oder leisten können. Denn von JEHUDA GOTTHE1MER die Juden in Deutschland waren niemals eine geschlossene politische Kraft. Sie waren auf viele Parteien verteilt, wenn sie sich überhaupt aktiv am politischen Leben beteiligten. Was konnten die Juden erreichen, wenn ganz andere Kräfte wie Kartenhäuser zusammenbrachen, die grossen Arbeiterparteien mit ihren gewerkschaftlichen, politischen und durchorganisierten Kampf¬ und Schutzverbänden, die wenigen, aber mächtigen demokratischen Institutionen, die Kirchen aller Schattierungen und Bekenntnisse: die Armee und manche anderen antinationalsozialistischen Gruppierungen. Anfangs mag es auch noch Juden gegeben haben, die hofften oder daran glaubten, dass alles nicht so tragisch werden würde, zumal die NSDAP bei der letzten Reichstagswahl viele Stimmen verloren hatte und niemals auch nur annähernd die Hälfte aller Stimmen auf sich vereinigen konnte. Sehr bald aber mussten alle erkennen, dass der Kampf gegen die Juden zum zentralen Punkt des NS-Programms gehörte. Ausschaltung aus den Berufen, Diffamierung durch die Nürnberger Gesetze und totale Entrechtung waren die Voraussetzungen, um dann den entscheidenden Schlag gegen das gehetzte, dezimierte, wirtschaftlich geschwächte deutsche Judentum mit einer niederträchtigen Begründungim November 1938 zu führen. Die von den nazistischen Drahtziehern, in erster Linie von Goebbels, Heydrich, Himmler, aber auf Befehl Hitlers, planmässig vorbereitete und entfesselte ,Volkswut‘ hinterliess ein furchtbares Ergebnis. Beinahe alle Synagogen in Deutschland waren in dieser einen Nacht niedergefcrannt, zerstört, entweiht worden. Tausende jüdische Unternehmungen und Wohnungen waren zerstört, die Fensterscheiben aller jüdischen Geschäfte eingeschlagen, zehntausende Männer in die KZ geschleppt, verfolgt und gehetzt worden. Die abkommandierten SA- und SS- Schergen haben nebsnbei auf eigene Rechnung geplündert, gemordet, gebrandschatzt. Die eigenen Berichte der Kommandostellen und des Gestapochefs Heydrich, die man inzwischen gefunden hat, zeigen ein Bild des Schrekkens. Siebenundzwanzig Jahr© sind Inzwschen vergangen. Die brennende Synagoge in Wiesbaden (1». November 1938) (Schluss auf Seite 2) Sammelbecken der Gola Wir nähern uns jetzt, wie allseitig erklärt wird, einer Landasbevölkerung von drei Millionen, jedoch redet man noch nicht von drei Millionen Juden, sondern nur von drei Millionen Bürgern. Der jetzige “Maarach”, die Vereinigung der Kräfte der israelischen Arbeiter, die ständig das Rückgrat des israelischen Aufbauwerkes darstellten, wird auch weij terhin die Grundlage für die I Weiterentwicklung des Staa.; tes bilden müssen. Er wird; die Wege finden müssen,' um nunmehr die jüdischen Gemeinden aus fortschrittj liehen Ländern zu uns zu führen, nachdem wir bisher j fast alle Juden aus den rück- | ständigen Ländern zu uns : gebracht und aufgenommen haben. Von wo sollen unsere Ver. j Stärkungen kommen? Es gibt j immer noch Millionen Ju- ■, den, — wenn auch bedeu-' tend weniger als es ohne Hitler gegeben hätte, — 1 doch der grösste Teil von1 ihnen lebt in fortschrittiij chen Ländern, in einem Klima von Freiheit, Aufgeschlossenheit, Zufriedenheit und Reichtum, in guten Beziehungen mit den Restbevölkerungen, im Zeichen einer fortschreitenden Emanvon LEVY ESHKOL zipierung und sogar von Mischehen. Wie können wir dieses jüdische Potential dazu bringen, neue Kräfte zur Stärkung Israels zu stellen? Auch für dieses Ziel brau chen wir den “Maarach”, die Vereinigung aller Kräfte die zusammen für dieses wichtige Ziel eingesetzt werden müssen. Der “Maarach” verfolgt nicht nur die direkten sofortigen Ziele des Staates, den Ausbau der Wirtschaft, die Förderung der Sicherheit und alle die zahlreichen Aufgaben, die sich ihm stellen, sondern er strebt auch die Ausbreitung der jüdischen Bevölkerung im Lande an. Es gilt aber ein Israel zu erbauen, das nicht durch Zwistigkeiten und Spaltungen gekennzeichnet ist, sondern das ein Ijsrael der Schaffung, des steigenden geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Niveaus sein wird und das so ein Anziehungspunkt für Jugendliche und Nicht-Jugendliche aus allen Teilen der jüdischen Welt, und. oe~ sonders aus den fortschrittlichen Staaten, werden kan»*; Unsere Bewegung und unser Staat sind von einer gemeinsamen Vision getragen, die noch aus den Entstehungstagen der Bewegung, aus unseren Herkunftsländern stammt. Wir haben uns ständig bemüht, dieser Vision unserer Gesellschaft, der sozialen Gerechtigkeit und* des arbeitenden Volkes, Treue zu wahren. Dank der Ueberzeugungskraft dieser Vision haben wir einen Staat und seine Wirtschaft aufgebaut. Neben dieser Vision konnten wir uns aber auch auf das jüdische Volk in der Gola und auf den guten Ruf stützen, den wir unter den anderen Völkern der Welt erworben hatten. Diese Hilfe tnjg rocht wenig dazu bei, die Aufnahme der Einwanderer zu ermöglichen, Arbeit und Behausungen für sie zw beschaffen und eine Wirt- »eiiaft aufzubauen. Teil bin nicht überzeugt, ciaas wir m de« kommenden Jahren dieser selben Unterstützung sicher sein können. Was während der vergangenen 17—20 Jahre zutraf, muss nicht unbedingt wietierkehren. Wir wollen einen Staat von ricr bis fünf Millionen Einwohnern, aufhauen, d’>e rentable Wirtschaft aufs leben und ein angetnes- Der Wahnsinn des Krieges von ARIE ASCHKENAS Kein auch nur durchschnittlich gebildeter Mensch kann über die furchtbaren Wirkungen und Folgen eines neuen Weltkrieges Zweifel haben. Mit Sicherheit kann man trotz detr bestehenden Befürchtungen über den Einsatz der Sohreckensbomben damit rechnen, dass die AuSmasse der Vernichtung eher unterschätzt als übertrieben werden. Die europäische Presse bringt ständig Darstellungen über die Atom- und Wasserstoffbomben, deren Berurtr- Zung verboten werden soll, aber noch immer nicht verboten ist. Bis vor etwa fünf Jahren war das Atomrüsten ein Wettlauf zwischen Amerikanern und Russen, nachdem es den Russen wahrscheinlich gelungen war, den ursprünglich grossen amerikanischen Vorsprung auf diesem Gebiet aufauholen. Jetzt fürchten sie sich beide vor den Chinesen, die über ein beinahe unbegrenztes Menscheopobential verfügen. China ist heute das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und sicherlich auch das Land der unangenehmen Ueberraschungen. Heute toben eigentlich auf allen Kontinenten Kriege, grössere und kleinere, aber überall Kriege, die ununterbrochen Menschenleben fordern, die Bevölkerung nicht zur Ruhe kommen lassem und die freie Vorwärtsentwicklung behindern. Ueberall platzen Bomben, noch keine Ator bomben, aber der Schritt von einem Angriffsmittel zum schwereren ist reichlich kurz. Vietnam dürfte das grösste Gefahrengebiet serin. Wie werden aber die anderen Völker auf Atombomben reagieren? Die Amerikaner werden sich selbst dort vernichten, wo die Atombombe platzt, oder sie müssen vorher Vietnam räumen. Inzwischen aber werden die anderen noch gerade die Zeit haben, auch über amerikanischem Gebiet Bomben abzuwerfen. Der Krieg, jeder Krieg ist Wahnsinn. Hier ist ein© Bilanz über die Opfer des letztem Weltkrieges an Toten. Verwundete, lebenslängliche Krüppel und Sieche sind nicht mitgerechet. Bekanntlich sterben noch heute in Japan Menschen an den Folgen der ersten beiden Atombomben, die wie Kinderspiele gegenüber den heute entwickeltem Waffen wirken. Hier die Ziffern, die Folgerungen kann jeder ohne weiteren Kommentar ziehen: VERLUSTE IN EUROPA: Soldaten: 13.600.000 Sowjetrussen 3.250.000 Deutsche 330.000 Italiener 330.000 Engländer 300.000 Jugoslawen 270.000 Amerikaner 250.000 Franzosen 230.000 Oesterreioher 200.000 Rumänen 120.000 Polen 120.000 Ungarn 90.000 Finnen 20.000 Griechen 20.000 Tschechen 10.000 Belgier 10.000 Holländer 10.000 Norweger 10.000 Bulgaren Ermordete Jude«: 2.800.000 Polen 1.720.000 Sowjetunion (mit bait. LändJ 260.000 CSR 425.000 Rumänien 200.000 Ungarn 170.000 Deutschland 90.000 Frankreich 90.000 Niederlande 60.000 Griechenland 55.000 Jugoslawien 40.000 Oesterreich 40.000 Belgien 15.000 Italien 7.000 Bulgarien 3.000 Luxemburg 1.500 Dänemark 1.500 Norwegen 19.340.000 Tote Zivilisten, einschl., „Volksdeut-v h-e* 6.000.000 Sowjetrussen 3.640.000 Deutsche 2.500.000 Polen 270.000 Franzosen 170.000 Litauer 140.000 Esten 126.000 Letten 130.000 Jugoslawen 100.000 Holländer 80.000 Ungarn 80.000 Griechen 70.000 Italiener 70.000 Tschechen 60.000 Engländer 50.000 Belgier 40.000 Oesterreicher 40.000 Rumänen 5.978.000 Tote Verluste in Amen und im Pazifik: Soldaten: 3.500.000 Chinesen 1.700.000 Japaner 50.000 Amerikaner 30.000 Australier 10.000 Neuseeländer 14.730.000 Tote 5.290.000 Tote Zivilisten: 10.000 000 Chinesen 360.000 Japaner 13.360.000 Tote Das sind insgesamt - 58 698.000. Tote (Nach: Putzger, „Historischer Weltatlas“) senes Lebensniveau sichern. Wir wollen die Technologie und Wissenschaft fördern und das Ausbildungsniveau unserer Jugend steigern. Hierzu müssen wir uns zur Erkenntnis durchringen, dass wir die Hilfe von Juden in der ganzen Welt brauchen, die über die finanziellen Mittel und die technologischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten verfügen, um uns zu helfen. Wir brauchen diese Juden und ihre Söhne. Zugleich wird die Sorge um die Entwicklung unserer Wirtschaft auch die Sorge um unsere Zukunft. Es ist möglich, dass wir in vier oder fünf Jahren vor einer schweren Prüfung stehen werden, wenn die Mittel, die gegenwärtig aus uns helfenden Staaten ins Land fliessen, fehlen werden, wenn die Millionen, Clie ’jährlich als Wiedergutmachungszahlungen an Juden gehen (Summeu, die positive, ater auch negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft hatten) ein Ende nehmen werden. Der Tag wird kommen, da wir auf eigenen Füssen stehen müssen. Diese Tatsache muss dem arbeitenden Volk eingeprägt werden, damit ea sich der Probleme der Zukunft bewusst wird. Dar „Maarach“ gibt durch Konzentrierung der arbeitenden Massen in diesem Land die Möglichkeit, sich mit steigender Kraft und bei engerer Zusammenarbeit den zahlreichen Problemen, Prüfungen und Aufgaben zu widmen, die unser in naher und ferner Zukunft harren Der „Maarach“ wird jetzt neue Kräfte sammeln, um den neuen Aufgaben gewachsen zu sein, die der Staat und das Volk in den kommenden Jahren zu bewältigen haben werden. Juden in der Weif Tel Aviv. — Laut kürzlich veröffentlichten staatlichen Statistiken gibt es hete 13.121.000 Juden in der ganzen Welt, von denen schon 2.239.000, also 16,4 Prozent in Israel leben. Die Bevölkerung Israels zählt 2.525.000 Seelen darunter 202.300 Mohammedaner, 55,500 Christen und 28.800 Drusen. (ITA)