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Jüdische Wochenschau · 1965-09-24 · 2135 (24.9.1965) · p. [Seite 1]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
26 (1965)
Issue
2135 (24.9.1965)
Date
1965-09-24
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German, Spanish
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PUEYRREDON 2190 — 1’ izqfr, . CmvlClH/I 2fóhjú&l¿£€L T. E. 83 - 2613 Año XXVI. BUENOS AIRES, VIERNES 24 DE SEPTIEMBRE DE 1965 N® 2135 Liebe deinen Naechsten •‘Erkenne dich selbst” steht über dem Rosch Hasehana, dem Tage des Neubeginns unseres jüdischen Jahres, schrieb ein Rabbiner unserer Zeit. Aber dieses “Erkenne dich selbst” ist ein anderes als jenes berühmte Wort der Griechen, das einst über dem Tor des Orakels zu Delphi stand. Für den Griechen, so sohrieb dieser Rabbiner, ist Selbsterkenntnis eine Analyse der menschlichen Natur, für den Juden ist es eine Prüfungseines Tuns, ein Gerichthalten über sich selbst” (vgl. Manfred Swarsensky, Das Jüdische Jahr, S. 118). Jom Hasikoron, Tag des Gerichts, so wird Roseh Haschana auch genannt. An diesem Tage sollen wir uns selbst betrachten, unsere Taten überprüfen, unser Denken kontrollieren, unsere Position neu beziehen, die wir in unserer eigenen inneren und in der Welt da draussen einnehmen. Der Jude benutzt, sehr im Gegensatz zu den Gewohnheiten der anderen Völkern, die Tage des Jahresbeginnes, die er feierlich begeht, zur Besinnung auf sich selbst. Deswegen kennen wir nicht jene jubelnden und lauten Feiern, die den Anfang des bürgerlichen Jahres begleiten, obwohl auch von JEHUDA GOTTHEIMER wir unseren Festtag habm, dem Ausgelassenheit und Freude den Stempel aufdrücken. In einer solchen Stunde der Selbstbesinnung und des Gerichtei über sich selbst darf das jüdische Volk immer wieder die Frage nach dem Sinn des Lebens und ein Volk trotz aller Leiden, die es durchmachen musste, Jahrtausend um Jahrtausend erhalten konnte und für seine Meinungen, Ueberzeugungen, Postulate stets bereit war, selbst die schwersten Konsequenzen auf sich zu nehmen. Es kann doch kein Zufall Bourguiba versus Nasser Casablanca. — Der Präsident Habib Bourgu ba von Tunis erklärte in einem an König Hassan II. von Marokko gerichteten Schreiben, dass Tunes!en alle Aktivitäten der Arabischen Liga boykottieren wird, solange diese unter ägyptissohor Führung stehen werde. Das Memorandum erregte Besorgnis in Casablanca, wo die Führer der arabischen Länder zu ihrer dritten Spitzenkonferenz versammelt waren. „Manchester Guardian“ meldete aus Beirut, dass „wachsende Anzeichen vorhanden sind, dass Aegypten nach einer geeigneten Ausrede sucht, damit die Konferenz sich von dem Plan der Wassensbleitung distanzieren könne” da Nasser nicht so weit ist, um in einer vorauszusehenden Zukunft einen Krieg mit Israel riskieren zu können. (ITA) der Bedeutung seiner eigenen Existenz auf werfen. Um uns an dieser Stelle in einfachen, allgemein verständlichen Worten auszudrücksn, müssen wir eine Antwort darauf suchen, wie es möglich war und ist, dass sich sein, dass die Juden als Volk und als Träger bestimmter Auffassungen und Gebote alle Epochen der Geschichte überlebt haben, während die anderen Völker der uns bekannten historischen Zeit sich nicht in dieser Form erhalten konnten. Mit diesem erstaunlichen Phänomen das jüdischen Ueberiebens fallen uns auch gewaltige Aufgaben zu, an deren Verwirklichung die Juden als Gesamtheit vielleicht in den letzten, allzu schweren Jahrzehnten weniger gedacht haben, als dies im Interesse aller Nationen wünschenswert gewesen wäre. Es dürfte eine miissige Frage sein, ob den Juden als Volk eine Missionsaufgabe zufälit. Denn das Bestehen und die Anerkennung des jüdischen Grundgesetzes, wie es in den Zehn Geboten enthalten ist, b .deutet für das Volk Verpflichtung und Aufgabe, dem dieses Gesetz nicht für sich allein, sondern 'ür die ganze Mensch heit anvertraut wurde. Sicherlich gibt es altere Völker als das jüdische; wahrscheinlich gab es aucli schon andere Gesetze, bevor unser Gesetz geschaffen worden ist. Das Entscheidende aber bleibt, dass das geoffenbarte, das jüdische Gesetz zur Grundlage jeder sittlichen Ordnung auf der Erde geworden ist, und dass es ohne die Anerkennung dieser Prinzipien, ob man s:e als ethisohe, moralische, religiöse oder juristische No~- m~n betrachtet, kein geordnetes staatliches oder gesellschaftliches Leben geben Mit Urteil unzufrieden von llOli» i WiiNUKLEil In vielen Kreisen lüste das Urteil im Auschwitz-Prozess e'ne tiefe Unzufriedenheit aus, da nur sechs der ur_sprin;glich zwanzig Angeklagten zur Hiichstr. fe veru.t lt worden sind. Dass dieser Prozess von der Frankfurter Staatsanwaltschaft mit der grössten S rgfalt vorbei cd et worden ist, wird allgemein anerkannt. Da die Urteilsbegründung mit ihren Einzelheiten noch nicht vorliegt, I dürfte es schwer sein, zu einer begründe en und absc’^ie-! ssenden Meinung zu kommen. Dass das Gericht etwa „p" rj teiisch“ gewesen sei, wurde r.icht beh uptet. In vi ier Hinsicht harde’t es sich jedoch uoi Fragen des Erme sens, für derjn Abwägung die veirschiedens'en Motive vorli gen können. Aber auch in dieser Hinsicht wurde bis jetzt nichts verlautbart.! Harte Kritik am Urteil wurde nicht nur von ausian-! dischen sondern auch von deutschen Zeitungen ge iuss'-rt. Die Pariser Zeitung „Le Monde“ schreibt „Eine Bagatelle für ein Massaker“. Die Zeitung meint, die Verte di zu g habe die in Deutschland tief verankerte Auffassung «usgenutzt, das schwerste Del kt sei ein Verstoss gegen die Dsziplin. Einige deutsche, aber auch polnische Zeitungen erklärten, die Strafen seien in Anbetracht der begange> en Verbrechen unbedeutend. Andere deutsche Zeitungen, unter ihnen die Frankfurter Allgemeine, halten die Entscheidung der Richter für zutreffend. Die Radio-Stationen der Länder hinter dem Eisernen Vorhang kritisieren scharf die Tatsache, dass die Deutschen zwanzig Jahre gebraucht haben, um die Verbrechen von Auschwitz abzuurteilen. Auch sie be nstanden die mildrn Strafen, die im Hinblick auf die Schwere der Verbrechen unverständlich seien. Der freigesprochene Zahnarzt des Lagers, DT. Willi Schatz, gab Erklärungen ab, die allgemein als Herausforderung angesehen werden. Diese Kriegsverbrecher-Prozesse schaffen nur von neuem Antisemitismus in Deutschland, meinte er. Schatz hat den Toten die Goldzähne und Gold’brücken gezogen; er behauptet, d.ss er aus dem Lager an einen anderen Platz versetzt werden wollte, aber dass .ran sein Gesuch unbeachtet liess. Im übrigen hätten 90 Prozent aller Deutschen für Hitler gestimmt; sie alle fühlen sich gleichermassen .schuldig*. Alle diese Deutschen würden einen Schlag nach dem anderen auf ihren Kopf wegen dieser Prozesse erhalten; das Resultat sei eine neue antisemitische Re kt on. „Das Land ist voll von Hass. Sprechen Sie nur mit dem einfachen Volk und Sie werden sehen“, meinte Schatz. Die Staatsanwaltschaft hat gegen das freisprechende Urteil zugunsten des Dr. Schatz Berufung eh galegt, so dass der gegen ihn angestrengte Prozess noch eine Fortsetzung erfahren wird. — Nach der Casablanca-Konferenz Die arabische Konferenz in Casablanca ist beendet. Sie stand kn Zeichen wachsender arabischer Uneinigkeit. Selbstverständlich sollen wir bei jeder Kritik wissen, dass damit die Gefahren nicht ausgeschaltet sind, die Israel und auch dem jüdischen Volk von dieser Seite drohen. Im übrigen soll man nicht vergessen, dass die arabischen Staaten im Grunde genommen niemals über ihre Politik völlig übereinge- Stknmt haben. Der Bruch wurde durch die Erklärung Bourguibas vollzogen, der die arabische Front verlassen hat und es energisoh ablehnte, sich an davon Nasser einberufenen Konferenz in Casablanca zu beteiligen. Bourguiba machte bekanntlich den Vorschlag, eine neue Politik gegenüber dem Staate Israel einzusohlagen und die Linie der absoluten UnVersöhnlichkeit zu verlassen. Dies erregte Nassers Zorn, aber seine Drohungen machten auf den Tunesier einen geringen Eindruck. Da auch Marokko und Tripolitanien eine zurückhaltende Position einnahmen, was bei der Frage des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen zur Deutschen Bundesrepublik zum Ausdruck kam, war das Brökkaln der Front auch jedem Beobachter aus der Ferne deutlich sichtbar. Eine weitere Schwächung bedeutete der Sturz Ben Bellas. Nasser versuchte altes u*n seinem ehemaligen Bundesgenossen behilflich zu sein und ihm den Weg zurück zur Macht zu ebnen. Ek stiess auf einen entschlossenen Widerstand der algerl- ■ohen Revolutionäre und jetvon B. B. SAMUEL zigen Befehlshaber. Um es aber nicht auch zum Bruch mit Algier kommen zu lassen, stattete Nasser dem Obersten Boumedienne vor der Konferenz einen Besuch ab. Wenn man so will, war dies der zweite Canossa - Gang Nassers in wenigen Wochen. Wie weit es Nasser gelungen ist, Boumedienne auf seine Linie zu verpflichten, ist höchst zweifelhaft. Ausserdem braucht man nicht zu vergessen, dass die gegenseitigen Beteuerungen arabischer Führer niemals allzu ernst genommen werden dürfen. Wieder einmal zeigte es sich, dass Nasser trotz seiner Niederlagen oder Enttäuschungen an der arabischen Front immer noch die erste Geige zu spielen in der Lage ist. Dabei war sein Rückzug im Yemen ein schwerer Schlag seiner panarabischen Politik, da er den Tatsachen Rechnung tragen und s’ch zum Rückzug seiner Truppen im Laufe eines Jahres verpflichten musste. Auch mit Syrien hatte Nasser erhebliche Schwierigkeiten, da die syrische Regierung auf die Durchführung des arabischen Projektes drängt, energische, gegebenenfalls militärische Schritte zur Sicherung der arabischen Pläne für die Ableitung der Jordanwasser zu ergreifen. Nasser, der ursprünglich die anderen arabischen Staaten aufgehetzt hatte, gegen Israel mit Gewalt vorzugehen, nahm sehr bald von diesem Vorhaben Abstand, da er erkennen musste, dass seine Kräfte und die seiner Verbündeten nicht ausreichen würden, um sich in ein neues kriegerisches Abenteuer mit Israel einzulassen. Auch zeigten die Libanesen wenig Interesse, sich einenm israelischen Angriff auszusetzen. Aber die Syrer beharrten auf dem ursprünglichen Plan und ergriffen d e Gelegenheit, sich dem nasserschen Einfluss und der Vormundschaft des ägyptischen Diktators nach Möglichkeit zu entziehen. Nassers Bestreben auf der Casablanca-Konferenz zielte darauf ab, die verbalen Angriffe gegen Israel zu wiederholen, die Drohungen erneut auszustossen, im Grunde aber zu verhindern, dass es zu Sofort-Aktionen kommen könne. Hierfür sind manche Gründe massgebend, vor allem die innere ägyptische Situation, die sich immer weiter zuspitzt. Die Unzufriedenheit der Massen wächst ebenso wie ihr Elend. Alle Waffen, die Aegypten aus den Osten erhält, können den wirtschaftlichen Notwendigkeiten des hungernden Landes nicht gerecht werden Die in der letzten Zeit registrierten und in die Oeffentlichkeit gelangten Revolten sind ein Beweis mehr für die Behauptungen zahlreicher ausländischer Beobachter, dass die ökonomischen Probleme immer stärker hervortroten und sich in einer foindselgen Haltung gegen die Regierung Luft machen. Nicht nur die Lage der arabischen Länder ist reichlich uns eher Nicht eine der arabischen Regierungen ist fest im Sattel. Nicht ein Regime ist vor einen plötzlichen Sturz abgesichert. Auch ihre Haltung und Politik gegenüber den anderen arabischen Ländern, vor allem gegenüber Aegypten wird von dieser Unsicherheit gekennzeichnet. Das bestätigen die letzten Vorgänge im Irak, einem Lande, das seit Jahrzehnten von Rebellion zu Rebellion wankt. Der jetzige Machthaber Aref war ein Freund Nassers. Aber war er es wirklich? Seine letzten Massnahmen und die Umbildung seines Kabinetts standen im Zeichen einer stärkeren Unabhängigkeit von den Aegyptern. Aref müsste plötzlich aus Casablanca abreisen, weil eine pronasseristische Revolte na Gange war und vom Bruder Arefs im letzten Augenblick niedergeschlagen werden konnte. Sofort erhob sich die Frage nach den Hintermännern; sie wird sicherlich nicht bis ins letzte geklärt, werden können. Die arabische Uneinigkeit wird immer augenfälliger. | kann, dass ohne diese i Grundsätze und ihre Realisierung jeder Fortschritt ausgcnNhlossen bleibt, dass ohne die Verwirklichung die- , ser klaren und jedem verj stündlichen Gebote der Frie- I den auf Erden unmöglich j errichtet werden kann, j Juden haben zu allen Zelten für Fortschritt und , Frieden gekämpft. Sie sind! auf alle Barrikaden geklettert, wo um Freiheit und Gei rechtigkeit für Völker und j Menschen gestritten wurde, i Sie waren brave Soldaten und Kommandanten ln Jenem Liberalisierungsprozss des 18. und 19. Jahrhunderts, in welchem die europäische Feudalherrschaft zerschlagen und die freie Entfaltung der neuen Kräfte ermöglicht worden ist. Sie sind auch in diesem Jahrhundert dafür eingetreten, dass die Ketten der Sklaverei zerbrochen, die Kolonialherrschaft überwunden und die Freiheit aller Völker und Nationen gesichert werden. Aber diese Juden haben meist oder bei- Nur in einem Punkt kam es zu einer einheitlichen Stellungnahme: im Hass gegen Israel. Bisher hat diese negative Bindung die arabischen Differenzen nicht zu überbrücken vermocht. Dass sich hieran in Zukunft etwas ändern kann, ist nicht anzunehmen. Aber die Lage im Mittleren Osten bleibt hierdurch auch weiter gespannt. Der Weg zum Frieden ist noch in weiter Ferne. Dennoch besteht die Hoffnung, dass sich ausser Bourguiba neue, weitere Kräfte einfinden, die zur Vernunft und zum Ausgleich mahnen. Diese Möglichkeit wird mit dem Anwachsen der inneren Spannungen und vor allem der Widerstände gegen die Expansions - Politik Nassers stärker. — nahe ausschliesslich diesen Bewegungen zur Freiheit und zum Fortschritt als Einzelne, als Individuen aagehört, sie haben nur selten den Kampf geführt, um einer jüdischen Pflicht zu genügen. Nunmehr dürfte die Zeit gekommen sein, wo Juden als Juden- und nicht als (imaginäre) Weltbürger den Kampf um Fortschritt und Frieden aufzumhmen haben. Denn allmählich ist der Jude, ist das jüdische Volk durch seine eigene Renaissance aus der lange gespielten oder erlittenen Rolle des Objektes der Geschichte in die eines Trägers seines eigenen Schicksals hineingewachsen. Die Juden der Galut waren stets dazu verurteilt, die Entscheidungen über ihre äussere Existenz den anderen — meist zwangsweise — zu überlassen. Sie haben sich abkapseln müssen, um nicht aufgerieben zu werden. Sie haben sich hinter den “Zaun der Lehre” zurückziehen müssen, um sich selbst und ihrem Judentum treu sein zu können. Sie haben alles in Kauf nehmen müssen, was andere über sie bestimmten. Sie waren die Letzten, die um eine Meinung über ihre Zukunft befragt worden sind, wenn man sie überhaupt anzuhören gewillt oder geneigt war. Das gewaltige “Erkenne dich selbst“, das nicht von den religiösen Führern, sondern von einem politischen Kopf dem jüdischen Volk am Ausgang des vergangenen Jahrhunderts zugerufen und von den breiten jüdischen Massen in ihrem Leid und in ihrer Not, aber auch in ihrem tiefen Empfinden und in ihren lebendigen jüdischen Gefühlen gehört und (Schluss auf Seite 2) Rosch Haschanah-Ausgabe 5726

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