Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2134 (17.9.1965)
- Date
- 1965-09-17
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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EINLADUNG Dr. ILLIAS AN SHAZAR (IEÏKBEDON 2190 — I9 tzQ- JûxJènuiHaD&ijCieliïcL 1 E. 8 3 t <5 1 3 Año XXVI. BUENOS AIRES, VIERNES 17 DE SEPTIEMBRE DE 1965 N9 2134 Die vierte Sitzungsperiode Der Präsident Argentiniens, Dr. Arturo U. Uli«, richtete an den Staatspräsidenten Israels, Salman Shazar, eine Botschaft, deren Ueberbringer dar Botschafter Argentin ens in Mexiko, Dr. Silvöno Santander war, welcher als Gast der israelischen Regierung zu einem Besuch in Israel weilt. Dr. Silvano Santander richtete bei dieser Gelegenheit an Präsident Shazar lm Namen des argentinischen Präsidenten Dr. Aituro Illia die Einladung, Argentinien ein in offiziellen Besuch abzusattten. Präsident Shazar nahm die Einladung an und dankte für die herzliche Auffordeiung Dr. Illias. Er gab gleichzeitig seiner lebhaften Befriedigung über den freundschaftlichen Ton der Botschaft Dr. Ulias Ausdruck, der die feste Verbundenheit zwischen beiden Völkern hervorhebt und die Uebereinstirrj.T ung ihrer Ideale belont, die in dem brennenden Wunsch des Menschengeschlechts nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit gipfeln. Der Wortlaut der Botschaft Dr. Ulias an Israels Staatsvon JEHVDA GOTTHEIMER Das II. Vatikanische Konzil wurde vom Papst Johannes XXIII. zusammengerufen, um Fragen der christlichen Glaubenslehre zu klären. Dieser Papst fasste sein hohes Amt als “pontifex maximus”, ais Oberster Brückenbauer, wie die wörtliche Uebersetzung lautet, vor allem auch dahingehend auf, Brücken zwischen Menschen und Brücken zwischen Gemein- . schäften zu errichten, die durch eine lange, unglückliche Entwicklung ohne echte Verbindungen geblieben sind. Deswegen wur_ den auch Einladungen zum Konzil an die nichtkatholischen christlichen Kirchen gerichtet, um neue Wege dfer Wiederannäherung der getrennten, oft verfeindeten christlichen Konfessionsgruppen zu fördern. Am 25. Januar 1959 hatte der Papst •seinen Plan zur Einberufung eines Konzils verkündet. Wie weit die Erwägungen vorgeschritten waren, auch nichtchristliche Glaubensgemeinschaften, unter ihnen die Juden, zu diesem Konzil einzuladen, ist nicht geklärt. In jedem Fall hatte dieser Papst auch gegenüber den Juden einen anderen, neuen Ton angeschlagen, der seine Auffassungen erkennen liess, manches Unrecht zu eliminieren, manche Vorwürfe auszuschalten, manche Schranken zu überwinden, die durch die Politik und die Haltung der Katholischen Kirche gegenüber den Juden zu schweren und betrüblichen Konsequenzen geführt hatten^ So ordnete Papst Johannes XXIII. die Weglassung einiger diffamierender Stelle« in der katholischen Liturgie an, durch welche lange, über Jahrhunderte hinweg gezüchtete Vorurteile gegen' die Juden bekämpft werden sollten. Papst Paul VI., der Nachfolger des Papstes Johannes des XXIII.. gab bei seinem Amtsantritt seinen Willen kund, das II. Vatikanische Konzil durch - und zu Ende führen zu wollen. Drei Sitzungsperioden sind bereits abgeschlossen. In dieser Woche wird die vierte Periode eröffnet, die nach dem Willen des Papstes die letzte dieser Konzils sein soll. Der Verlauf der drei vorangegangenen Sitzungsiperioden des Konzils war für die Juden enttäuschend. Als die erste Enzyklika des Papstes Paul VI. bekannt wurde, mussten die Juden mit Verwunderung feststellen, dass der Papst wenigstens das in Vorschlag gebrachte Schema über die Juden erwähnen würde. Man hatte angenommen, dass sich der Papst den Gefühlen und Absichten seines Vorgängers vorbehaltlos anschliessen würde, der die Juden von dem Stigma befreien wollte, für die Kreuzigung Christi verantwortlich gewesen zu sein. Statt dessen fanden die Jluden die Auffordeiung zu einem Dialog auf der Grundlage, dass die “christliche Religion die einzig wahre Religion“ sei. Tatsäcjil'rih dürfte kein anderer Punkt unter den vielen, die im Laufe der dritten Periode dieses Konzils heftig debattiert worden sind, so umstritten gewesen sein wie die Abschnitte, die sich mit dem jüdischen Volk oder den Juden beschäftigten. Die Vorlage, die vom Ausschuss unter dem Vorsitz des g.eisen Kard'n'Os Bea gemacht worden sind, erfuhren im Laufe der Auseinandersetzungen, Veränderungen, Abschwächungen und Umformulierungen die aus der beabsichtigten “Entlastung” der Juden vom “Gottesmord“ beinahe das Gegenteil gemacht hätten. Nur dem energischen Eingreifen der “modernen“ oder der „liberalen“ Kardinäle, wie man diese Gruppe zu bezeichnen pflegt, war es zu zu verdanken, dass der ursprüngliche Sinn der Deklaration über die Juden erhalten geblieben ist, wenn auch manche ‘Korrekturen’ offensichtlich unvermeidbar waren. Immerhin kam es noch; niidht zur definitiven Annahme dieser Ent^hliessung, durch welche das Verhältnis der Katholischen Kirche gegenüber den Juden in neue Bahnen gelenkt werden sollte. Die Widerstände waren zu grosse, so dass vom Papst eine Zwischenlösung angeordnet wurde. Die Entschliessung wurde im Prinzip angenommen. Das bedeutet “eigentlich”, dass nur noch andere Formulierungen zugelassen sind, an dem Prinzip als solchem .jedoch nichts mehr geändert werden darf. Wir wollen daran erinnern, dass im November des vergangenen Jahres mit einer überwältigenden Mehrheit die Deklaration über die Haltung der Katholischen Kirche gegenüber den Juden vom Oekumenischen Konzil angenommen worden ist, aufgrund deren in Zukunft untersagt Werden soll, die Juden, sowohl der früherer wie der heutigen Zeit, des Gottesmordes zu beschuldigen. Diese Erklärung wurde seinerzeit von der katholischen Welt mit Sympathie aufgenommen. Der Präsident Israels richtete Anfang Dezember des vorigen Jahres das Wort an eine Gruppe von 34 Bischöfen, die nach Probleme der Sicherheit Tel Aviv. — Vor djn Absolventen der Offiziershochschule in Ohedera erklärte Ministerpräsident Levi ETshkol, dass „das Verständnis der Nordamerikaner, Engländer und Franzosen für die Probleme Israels in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat“ Es sei nicht möglich, immer über den Stand der Arbeit zu berichten, doch von Zeit zu Zeit „können wir die freundschaftlich gesinnten Regierungen von der Notwendigkeit überzeugen, uns bei der Lösung wichtiger Sicherheitsfragen zu helfen“. Er fügte hinzu, Israel müsse auf der Hut sein, wenn Nasser seine Truppen aus dem Jemen zurückzieht, „denn er könnte versuchen, seine Niederlage in einen Sieg umzuwandeln*'. Er berichtete, dass Aegypten im Jemen 15.000 Mann verloren hat und hunderte-^Iilltonen Dollar in diesen Kämpfen verausgabte. Diese Summe stammte zum grössten Teil aus nordamerikanischen und sowjetischen Subsidien. Eshkol versicherte, dass Israel nicht in der Lage sei, die arabischen Flüchtlinge wieder im Lande aufzunehmen, „Einige von diesen Leuten leben in Tr ans- Jordanien“, äusserte er, „dessen Territorium in gewissem Sinne israelischer Boden ist.“ (ITA) Bekenntnis zum Zionismus Vereinte Nationen. — Botschafter Arthur Goldberg, Chef der USA-Delegation vor den UN, erkannte zum ersten Mal öffentlich in den Vereinten Nationen an, dass er weiter ein Zionist ist. Er erklärte jodoch zu gleicher Zeit, dass er in seinem Amt als Delegationschef der Vereinigten Staaten sich strikt an d;e Position Washingtons in den arabisch-israelischen Fragen halte, die seiner Aussage nach darum bemüht sei, „die Freundschaft mit allen mittalöstlichen Ländern zu bewahren und ihnen bei der Gestaltung ihrer Zukunft zu helfen“. — „Ich habe mich keiner Gehirnwäsche unterzogen“, fügte er hinzu. Die Frage hach seinem Zionismus wurde Goldberg auf einem Bankett gestellt, dos der Verband der Korrespondenten vor den UN ihm zu Ehren gab. Ein Journalist wollte wissen: „Sie sind als Zionist hervorgetreten. Stimmt das? Inwiefern wird dies Ihre Arbeit bei den Vereinten Nationen beeinflussen?“ Hierauf entgegnete Goldberg: „In den UN werden meine Ansichten über das arabisch-israelische Problem diejenigen meiner Regierung sein. Die Frage ist belanglos. Sie müsste lauten, welches die Position Nordamerikas ist. Meine Ansicht über die verschiedensten Fragen he.be ich in meinem Privatleben ausgesprochen Ich binn immer noch der gle'che Mann wie früher. Die Position meines Landes h>isst Freundschaft mit allen Ländern des Mittelostens, um ihnen bei der Gestaltung ihrer Zukunft zu helfen. Was ich als Privatmann gesagt habe, steht nicht im Widerspruch hierzu, denn ich habe privat niemals etwas anderes geäussert.“ (ITA) dem Konzil Israel besuchten, und begrüsste diese Entschliessung, durch welche “ das jüdische Volk von der Anklage des Gottesmordes freigesprochen und der Antisemitismus als solcher verurteilt” worden war. Nun befinden wir uns vor d^r Vierten Sitzungsperiode, auf deren Programm die endgültige Fassung dieser “Juden-Erklärung” stehen sollte. In diesem Augenblick wird aus der Vatikanstadt eine Nachricht verbreitet, dass bereits vor dem Beginn der Verhandlungen lebhafte Debatten im Gange sind, die zu leidenschaftlichen Kontroversen geführt hätten. Es soll, wie es in dieser Mitteilung heisst, ein Antrag lanziert werden, durch welchen die versammelten Bischöfe die Möglichkeit erhalten sollen, die “Entlastung der Juden von der traditionellen Anklage des Göltest« o’des zu vermeiden.” Auf der Tagesordnung des Konzils stehen elf Dokumente zur Behandlung, unter ihnen auch die bereits erwähnte Erklärung über die Beziehungen der Kirche zu den nicht . christlichen Bekenntnissen. Die Veränderung des Textes soll in der Auslassung des Wortes “Gottesmord” bestehen, wodurch nach Auffassung von. berufenen Sachverständigen, unter ihnen auch ein Repräsentant des Interkulturellen Amtes der Antidiffationsliga der Bne Brit, der Sinn der bereits beschlossenen Erklärung völlig abgewandelt werden würde. Vorläufig ist es noch nicht klar, aus welchen G ünden auf d ese Textänderung gedrängt wird, die in Wahrheit der geplanten Entschliessung die erhoffte Wirkung nehmen würde. Manche ’ meinen, politische Motive würden hierfür den Ausschlag geben, nachdem die Araber einen Druck auf die Kirche ausüben und mit “Gegenmassnahmen” gepräsldent Salman Shazar ist folgender: „Grosser und edler Freund: Die Reise, die der Botschafter Don Silvano Santander, der von meiner Regierung vor den Vereinigten Staaten von Mexiko akkrediti rt ist, auf Einladung der Regierung Eürer Exzellenz nach Israel unternimmt, bietet mir die günstige Gelegenheit, der Wertschätzung, die ich Ihnen entgegenbruig», Ausdruck zu verleihen und damit der Sympathie und Bewunderung, mit der ich ständig das Werk ein e fortschrittlichen Staatsmannes verfolge, das Se vollbr.ngen, wobei ich seinen Widerhall im argentinischen Volk erwähne, dessen Gefühle ich hiermit ausspreche. Zu dies-:nn Zweck habe ich Seine Exzellenz beauftragt, Ihnen durch amen Mund die Gefühle zu bekunden, die das argentinische Volk und seine Regierung für den Frieden, die Freihe t und Gerechtigkeit beseelen in der Gwissheit, dass diese Ideale, weil sie denen des israelischen Volkes und di.tr von Ihnen geführten Regierung gleichen, die brüderlichen Bande, welche uns einen, noch enger gestalten werden, wenn dies überhaupt noch möglich sein sollte. Ich bin sicher, dass seine Exzellenz, Botschafter Santander, diesem meinem Empfinden beredten Ausdruck zu verleihen versteht, und ich bitte Sie daher, ihm den besten Empfang zu bereiten und allem, was er in meinem Namm sagen wird, vollen Glauben zu schenken, und ganz besonders, wenn er Ihnen vers' ehern wird, dass ich Eurer Exzellenz grosser und guter Freund bin. gez.: Arturo Illia“ droht hätten. Andere Wiede, um sollen zu der Meinung neigen, dass ein “Freispruch der Juden vorn Gottesmord” eine Verleugnung der Wahrheit oder der Rieh, tigkeit der biblischen (christlichen) Berichte über die Kreuzigung Christi darstellen würden. Vor allem wurden Zweifel laut, ob die verlangte Abänderung des Textes auf Initiative des Sekretariats für die Förderung der christlichen Einheit ausgeht, das unter der Leitung des Kardinals Bea steht, wie dies offiziell behauptet worden ist. Dies würde das Werk dieses Kardinals illusorisch machen, dessen Kampf um diese Deklaration der Be freiung der Juden von der Blutanklage bisher alle Widerstände überwunden hat Auf die arabisch - muselmanischen Drohungen hin dürfte Kardinal Bea wohl kaum seinen Standpunkt gewechselt haben, was von den meisten Beobachtern jedenfalls angenommen wird. Die bisher nicht beantwortete Frage ist jedoch die, ob hinter den neuen Vorschlägen der Papst selbst steht. Hat doch Paul VI. im Laufe des letzten Jahres zu wiederholten Malen zu Kritiken von jüdisdher Seite Stellung genommen, die sich um die Frage der heftig diskutierten "Juden-Erklärung’* konzentrierten. 1*3 pst Paul VI. hatte sich in einer Ansprache über die Begegnung der Juden mit Christus nach der Version des Neuen Testamentes geäussert und ausgeführt, das jüdische Volk habe, als “sich Christus im gegebenen Augenblick offenbart habe, ihn nicht nur nicht als solchen anerkannt, sondern bekämpft, beleidigt und schliesslich gekreuzigt.” Obwohl der Vatikan sich mitzuteilen beeilte, der Papst habe lediglich über den modernen Geist sprechen wollen, bezeiehneten einige jüdische stellen gegenüber dieser Interpretation die Ausführungen des Papstes als eine Wiederholung der Anschuldigungen gegen die Ju- (Schluss auf Seite 2) röteste gegen ein Urteil In Frankreich und Belgien hat das Urteil im Auschwitz_ Prozess sehr heftige Kritik ausgelöst. Die pariser Presse weist auf die unverständliche Milde des Gerichts hin. Vor allem die Freisprüche erscheinen den Kommentatoren unerträglich. Besonders scharf ablehnend ist ein re_ daktioneller Kommentar der „Le Monde“, des repräsentativsten Blattes der Republik. Das Blatt widmet dem Urteil seinen Leitartikel auf der ersten Spalte seines Titelblattes unter der bezeichnenden Ueberschrift: „Bagatelle pour une Massacre” („Für Massenmord eine Bagatelle”). Als ‘Bagatelle” wird das Urteil bezeichnet. Zahllos sind die Organisationen, die gegen den Spruch des Gerichts protestiert haben. Die „Nationale Föderation der Deportierten, Internierten, Widerstandskämpfer und Patrioten” in Paris sieht in dem Urteil „eine Ermunterung des Neovon Kurt Kaiser.Biüth Nazismus, des Militarismus und das Rassismus“. Die „Union dar Juden für die Resistance“ protestiert mit Leidenschaft „gegen diese Milde gegenüber den Folter, knechten, an deren Händen das Blut von Millionen von Märtyrern klebt”; der „Freundschafts - Bund der ehemaligen jüdischen Deportierten Frankreichs’ bezeichnet das Urteil als „eine Parodie der Gerechtigkeit“ und ruft die Ueberlebenden der Lager und der Ghetti sowie die Familien der Millionen Opfer auf, „gegen diesen neuen Skandal ihre Stimme zu erheben.” Der Präsident der „Bewegung gegen den Rassismus, den Antisemitismus und für den Frieden”, paraf, hat das Urteil einer eingehenden Analyse unterzogen und kritisiert vor allem die mildern, den Umstände, die das Gericht gewissen Angeklagten zugebilligt hat. „Unter denjenigen, die nur zu leichten Strafen verurteilt wurden”, erklärt er „sind zwei stellvertretende ehemalige Lagerkommandanten und achfe Waffen SS-Leute. Müsste man dahin kommen in einem Prozess, der spektakulär und beispielhaft sein sollte?” Die „Ehemaligen jüdischen Kriegsfreiwilligen und Frontsoldaten Frankreichs“ haben in einem „Offenen Brief“ an' das frankfurter Schwurgericht einen scharfen Protest „gegen die Milde“ erhoben, die man in Frankfurt „der^ Nazi-Henkern gegenüber walten liess“. Der Schriftsteller Ralph Feigelson, einer der sehr wenigen Häftlinge, denen es gelang, aus dam Tode sh ger von Auschwitz zu entfliehen, weist es zurück, „einen Urteilsspruch zu akzeptieren, der es erlauben wird, die Mörder eines Tages wieder in Freiheit zu setzen“. In .Brüssel haben die Widerstandsorganisationen, vor allem die jüdischen Deportierten und die Freundschaftsgruppen der Ueberlebenden der Todeslager, schärfste Kritik am Urteil im Auschwitz-Prozess geübt.