Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2131 (27.8.1965)
- Date
- 1965-08-27
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
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t I 1 ' ■Jfï'rf'* F> t 2 03 Si- FRANQUEO PAGADO Concesión 908 SEMANA ISRAELITA 8L EJEMPLAR 11) m en toda ta República fe 2 *5 u Sf 9 < 3 TARIFA REDUCIDA Coneea'ón 1629 PUEÏRREDON 2190 I« (sq. T. E. 83 2613 Año XXVI. BUC»NM AIRES, VIERNES 21 DE AGOSTO DE 196« N* 8131 Buenos Aíres KURT R. QROSSMAm: Die Nazis ergreifen die Macht Das Beispiel einer deutschen Stadt Blick in die Welt v«n HAROLB SCHWARCZ ELIAS TSIRIMOKQS wurde vom griechischen König zum Ministerpräsidenten bestimmt, obwohl sich gegen -ha eine starke Opposition bemerkbar macht. _ SCHWERE KAEMPFE wurden aus Vietnam gemeldet, wo sowohl die Amerikaner wie die Vietoong grosse Verlust» erlitten haben sollen, wenn man den Gerüchten Glaube« sohenken will. — HEFTIGE DEMONSTRATIONEN wurden in Ecuad? gegen die Regierung und die USA registriert. — Die TODESSTRAFE wurde in Perú von der Regierung des Präsidenten Belaunde Terry eingeführt, um den „kommunistischen Terrorismus“ zu bekämpfen. _ BLUTIGE ZUSAMMENSTOESSE zwischen Indern und Pakistanern waren im umkämpften Gebiet von Kaschmir zu verzeichnen. — SULTAN ISMAIL NASIRUDDIN von Trangganun wurde zum neuen König von Malasien gewählt. — PRAESIDENT JOHNSON verurteilte die schweren rassistischen Zwischenfälle, die sich vor allem an der Westküste abspielten. — „PAULS, RAUS* riefen zahlreiche israelische Demonstranten, als Botschafter Pauls seine Kredentialien überreichte. — Im AUSCHWITZ-PROZESS, dem längsten Prozess, der jemals in Deutschland durchgeführt wurde, fielen naoh zweijährigen Verhandlungen endlich die Schuldsprüche. — _ NASSER führte eine Besprechung mit König Faisal von Saudi Arabien herbei, um den Yemen-Krieg zu chenden. — Die REGIERUNG VON SUEDKOREA ist zurückgetreten. um dem Präsidenten Park Chung Hee freie Hand au geben. — DAS HOECHSTS GERICHT für Staatssicherheit in Kairo verurteilte ein deutsches Ehepaar zu schweren Kerkerstrafen, weü es Spionage zugunsten Israels betrieben haben soll. — IN BRASILIEN wurde eine Brjjcke über den Paraná eröffnet, die 2.500 m lang ist und die Staaten Mato Grosso und San Paolo verbindet. — SCHWERE UNWETTER und Naturkatastrophen wurden in den letzten Tugen auf allen Kontinenten verzeichnet; die vulkanische Tätigkeit auf der Erde hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. — Imn»* no<£i quälen ins die Fragen, wie und warum all das Schreckliche in Deutschland möglich werden konnte, was die Nazis zur Macht brachte und wie sie sie festigten. Eine Antwort, sicherlich keine vollkommene, aber eine wesentliche, hat uns Professor William Sheridan Allen (Geschiehtspro iessor an der Universität vou Missouri), der sich für ein Jahr in Thalburg (Pseudonym) aufgehalten hat, in seinem Buche „The Nazi Seizure of Power“, The Exper en- Ce of a single German Town 1930-1935, (Quadrangie Books 1965) gegeben. Es ist gleich einer mikroskopischen Untersuchung eines Bakteriologen der, um den Krankheitsherd zu erkennen, die Zellen gesondert untersucht, um dann zu dem allgemeinen Urteil zu kommen. Thalburg ist eine Stadt unweit Hannovers, die im Jahre 1930 etwa 10.000 Einwohner, davon 120 Juden zählte. 37 Prozent der Bevöl kerung gehörten wirtschaft- Der unverständliche Beschluss der Leitung der Filmfestspiele von Cannes, den ausgezeichneten humanitären Film „Das Haus in der Karpfengasse“ von Kure Hoffmann, der nach einem Roman von Y. Ben-Gavriel das jüdische Leiden unter der nazistischen Schreckensherrschaft zum Gegenstand hat, nicht zuzulassen, weil er „das Empfinden Andersdenkender verletzen könne“, äiess vermuten, dass d.ese „Andersdenkenden“ nur frühere und heutige Nazis sein könnten. Dies hat sich bestätigt. Die Zurückweisung des Filaas war auf die drängende Intervention des Bundestagsabgeordneten Gustav Adolf Gedat (CDU) erfolgt, der wohl pro domo und aus schlechtem Gewissen heraus intrigiert hatte. Dass Gedat die Vergangenheit möglichst tief begraben sehen möchte, versteht sich. Der Schriftsteller Walter Büchner hat ein Buch des Herrn Bundestagsabgeordneten ausgegraben, das er im Jahre 1935 in einem Stuttgarter Verlag herausgebracht hat. In diesem Werk, das dem Hass der fanatischen NS-Autoren alle Unehre gemacht hätte, kann man Unglaubliches leben. Hier nur ein kleiner Auszug und noch n'cht einmal das Abscheulichste. Gedat« Buch hat den Titel „Auch das nennt man Leben“ und behandelt seine Erfahrungen als Führer einer Jugendgruppe, in der sich ein Junge namens Gautama befindet und dessen „arische“ Adoptiveltern ihm, Gedat, die jüdische Abstammung ihres Adoptivsohnes verschwiegen hatten. „Ein Fremdes wehte uns mit ihm an. Einen asiatischen Namen gaben die aiilich zu der untersten Gruppe (ungelernte Arbeiter). gefolgt von der unteren Mittelklasse (Facharbeiter, Angestellte, Bauern und Pensionäre), die 32 Prozent aus machte. 27 Prozent gehörten zu der höheren Mittelklasse die aus Handwerksmeistern Beamten und Geschäftsleuten bestand, w'ährend die restlichen 4 Prozent die Oberklasse aus Fabrikanten freien Berufen, Bankdirektoren usw. gebildet wurde. In Thalburg gab es mir etwa 180 Katholiken, die Mehrheit der Bevölkerung gehörte der Lutherischem Kirche an die in der schicksalhaften Entwicklung der Stadt eine entscheidende Rolle spielte Im Jahre 1928 wählten von 5 372 Thalburgern 2.210 sozialdemokratisch, 123 nat.ionalso zialistisch, nur 28 kommunistisch. während der Best der Stimmen sich auf die fünf bürgerlichen Parteien verteilte. Am 5. März 1933 wählvon Kurt Kaiser.Blüth deren ihm, unbewusst und doch mit dem ganzen natürlichen Instinkt der Jugend* Und mit den Adoptiveltern entspinnt sich dieser groteske Dialog; „Jüdischer Vater oder Mutter?“ fragte ich: „Beine“ „Volljude?“ schreie ich sie an... Die Mutter gab hr Kind her, um sich in der „Gesellschaft“ nicht zu oiamieren? Das ist jüdisch Es beweist vieles und zeigt wieder einmal, wie weit dieses Volk gekommen ist. Dass Sie aber mitmachten, als deutsche Frau!“ — »Er ist deutsch erzogen, und er ist deutsch in seinem Fühlen und Handeln.“ — „Wenn ein Jude das kann... Der Rasse nach bleibt er ein Jude... Der Staat kann unmöglich nach Grundsätzen, die im Reich Gottes gelten, seine Ziele für die Reinerhaltung oder sagen wir besser Reinigung deutschen Volkstums stecken. Ich weiss, dass Gottes Geist im Herzen Ihres Jungen etwas ganz Neues schuf, aber ich kenne jenen Typ seiner Blutsgenossen, die unser Volk und die Welt aussaugen und hetzten, Menschen ohne Glauben und ohne Gewissen und ohne Verantwortung vor der Welt und vor Gott. Ich bin Deutscher und will nicht, dass diese über unser Volk herrschen. Und auch als Christ weiss ich, dass sie unsere Feinde sind. Wie sie damals Christus ans Kreuz schlugen, so tun sie es heute. Sie schreien, dass sein Blut über sie komme und über ihre Kinder. Jetzt liegt Gottes Hand schwer über dem Volk and die sie zurechtweisem müssen, sind Geissein, mit derneu er zuschlägt... Gottes Gericht liegt über dem Volk, das seine Gnade von sich stiess. E» ten aber von 6.802 Thalbur gern 4.268 nationalsozialistisch, nur noch 1.470 sozialdemokratisch und 228 kommunistisch. Wenn wir am Beispie. Thalburgs die Gründe für den Erfolg der Naziparte' deduzieren, so steht an erster Stelle die damalige Depression. Innerhalb von zwei Jahren gab es in der Stadt 17 Konkurse, von denen 11 mit der Wirtschaftskrise zu tun hatten. Da aber der Glaube des Volkes wichtiger war als die Wahrheit so war für die siebzehn Konkurse das „System“ verantwortlich Die Sozialdemokraten kn Stadtrat versuchten, durch öffentliche Arbeiten der Krise Herr au werden abe»- das Bürgertum versagte Urnen die Mittel, die es den Nazis nach der Gleichschaltung, ohne mit der Wimper zu zucken, bewilligte. Der zweite, gleich wichtige Faktor für den Erfolg der ist ein Fluch geworden für die Welt. Und Gott hat etliche zu Jägern bestellt, das Volk zu jagen und dorthin zu bringen, wo Gott sie haben will.“ Die grausigste Blasphemie wetteifert in diesen irrsinnigen Hasszeilen mit einer indirekten Aufforderung ‘zu Mord und Vernichtung! Die Juden mordende SS wird zu von Gott auserwählten Geisseln, um die Juden zu züchtigen, die finsteren Banditen der Gestapo, die systematisch auf Judenjagd ausgezen, zu Gottes Jägern, bestimmt zu einer göttlichen Mission, und Eichmann und seine Bande sind, logisch zu Ende gedacht, nichts anders als gleichfalls Vollstrecker des göttlicnen Willens, „das Volk zu jagen und dorthin zu bringen, wo Gott sie haben will“, nämlich in die Gasöfen von Auschwitz. Das Individuum, das, unter Berufung auf Gott d’ese mordlustigen Sätze schrieb, ist noch heute ein gläubiger Katholik und hat noch niemals in den verflossener. 20 Jahren sein „Pater peccavi“ gesagt. Dieser Mann, der intellektuell mitschuldig ist an dem Massaker der Juden, hat nicht einen Tag lang für seine Frevel, besser, sein Verbrechen gebüsst. Im Gegenteil, er sitzt im Bundestag der deutschen Republik von Bonn und amtiert als Vertfauensmann des Volkes, legislativer Repräsentant der Demokratie und Abgeordneter der von Anbeginn dieses Staates an massgebenden Regierungspartei, der Christlich-Demokratischen Union. Und da gibt es Leute in Bonn, die nicht aufhören, sich darüber zu wundern, dass noch immer Unheilbare Im Ausland leben, die ihr verfluchtes Misstrauen nicht überwinden können. Nazis waren Nationalismus und Militarismus. Zunächst glaubte das Bürgertum in Thalburg, die Nazis als das willkommene Werkzeug benutzen zu können, um sich von den Sozialdemokraten zu befreien. In Thalburg gab es nur 100 Mitglieder der Nazipa.rtei; aber es ist erstaunlich, wieviel Versammlungen und Aufmärsche Thälburg ertrug. Irgendwie hatte die Parole der „Volksgemein. schaft“ gezündet. Als die Na - zis die vielen Vereine gldchschalteten, ihre kleinen oder grossen Kassen verennahmten, gab es einige Opposition, die aber nicht darüber hin ausging, das vorhandene Vereinsvermögen aufzuessen oder zu vertrinken. Viele andere Thalburger glaubten, es würde sich für sie nicht viel ändern als nur Farben der Fahnen oder der Name des Vereins. Da die Nazis gegen die „Marxisten“ waren, verband sich das Bürgertum mit ihnen und grub so sein eigenes Grab. Man kann, wenn man Professor Aliens Darstellung liest, sein Erstaunen nicht unterdrücken, wie ingeniös die Nazis ln ihrem politischem Kampfe waren, wie sehr sie es verstanden, ar jene Gefühle der Massen zu appellieren, die kein Gerin gerer als Kurt Schumacher einst als „den inneren Schweinehund“ charakteri sierte, und man ist nicht weniger erstaunt über die Stupidität der sogenannten In telligenzia, die die Nazis im Grunde molar hassten als die Sozialdemokraten. „Ein ehrlicher Kommunist -st mir lieber als die Scheissakademiker", sagte ein Führer der Thalburger Nazis. Die Lehrer aber waren die ersten die Mitglieder der Hitlerpartei wurden, mit Ausnahme einer alten Lehrerin, die sich sogar nach der Machtergreifung weigerte, dem nationalistischen Lehrerverband beizu treten. Sie erklärte, das Ganze sei Unsinn. Man liess das alt« Fräulein in Frieden denn die meisten Nazibonzen waren einst ihre Schüler gewesen. Ueberhaupt nahmen die Nazis auf das lokale Emp finden einige . Rücksicht, denn als die braven Sozial demokraten misshandelt und eingesperrt wurden, liess man für diesen Zweck die SA von anderswo kommen. Die grosse Tragödie Tha_burgs, sicherlich die Trogö. die Deutschlands war dass die Sozialdemokraten die einzige politische Kraft waren, die sich mit Entschiedenheit der Entwicklung entgegenwarf. Sie warteten auf das Signal des Widerstandes von Berlin. Als das nicht Kam, hatten die Nazis es leicht einen Sozialdemokraten nach dem anderen aus ihren Stellungen zu beseitigen, bis man sie schliesslich in die KZ- Lager schickte. Wenn es nach der Machtergreifung überhaupt eine Opposition gab, so waren es innerhalb der Nazipartei ei. nige „nationalsozialistisho Idealisten“, die aber schnellsten« aus ihren Positionen Neonazis in Brüssel Brüssel. — Zwei Neonazis schmierten beleidigende Inschriften auf die Wände "on Juden gehörenden Geschäften im Zentrum der belgischen Hauptstadt. Da sich diese Schmierereien mehrere Tage lang wiederholten, liess die Polizei die Geschäfte bewachen und konnte euien Mann festnehmen, der erklärte, Mitglied der belgischen Abteilung der internationalen Nazibewegung zu sein. von den NazipaehuLken berausbefordert wurden- In den ersten Jahren schienen die Nazis alle ihre Versprechen zu erfüllen, das Biiigertum gab Geld. Jeder Versuch, wohl erworbene Rechte zu erhalten, blieb nutzlos, und nach aussen hin gab es die Volksgemeinschaft, hörte für eine gewisse Zeit die Arbeitslosigkeit auf, bis dann der lange blaue Montag kam der Thalburg, wie anderen deutschen Städten, nicht erspart blieb. Professor Allen kommt zu dem Schluss dass die braune Machtergreifung ein „Putsch in Teilzahlungen“ war, dass das Bürgertum willentlich den Kampf gegen die Sozialdemokraten und Gewerkschaften mitmachte und nicht erkannte, wieviel von dem sozialdemokratischen Programm von den Nazis übernommen wurde. Thalburg ist ein Beispiel. Selbst die 120 Juden, die völlig integriert in der Stadt; lebten, hatten zunächst keine realistische Vorstellung, Nazis dürfen einwandern Mntreal. — Das jüdische Blatt „Canadian Jewish Chronicle“ tadelte die Einwanderungs-Behörden, die untersuchen, ob ein Einwanderer kommunistische Ideen hat, sich jedoch blind stellen, wenn es sich um nazifaschistische Elemente handelt Viele solcher Im migrainen, schreibt die Zeitung, sind in den letzten zehn Jahren in Kanada angekommen und haben die Mitgliederzahl der antisemitischen Verbände verstärkt. (OJI) Ernennung Washington. — Präsident Lyndon B. ohnson ernannte Dr. Charles Frankerl, Professor für Philosophie an der Columbia Universität, zum Beigeordneten Staatssekretär für Erziehung und Kultur. Der 47jährige Professor, ein Jude, tritt an die Stelle von Harry McPherson, der zum Spezialberater des Präsidenten ernannt worden ist. (ITA) was Thalburg und die vielen anderen Thalburgs erfahren würden, nachdem Hitler zur Macht kommen würde, weil die Erkenntnis fehlte, was der Nationalsozialismus in Wirklichkeit ist und bedeutet. Daran ging Thalburg zugrunde, und daran wäre Deutschland fast zugrunde gegangen. Er zeigte Moerdern den Weg Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831 Registro de la Propiedad Intelectual N* 826.201