Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2130 (20.8.1965)
- Date
- 1965-08-20
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
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¿xJ&mxinaJsA/ielUa PUEYRREDON 2190 — 1* Iza. BUENOS AIRES, VIERNES 20 DE AGOSTO DE 1965 Aufnahme der Beziehungen von JEÜUDA GOTTHEIMER Br. W.: — Zur grossen Uaberrascnung aller, aie sich vom sogenannten Schlussgesetz die Lösung hrer Proble. me — zumindester.s °uf finanziellem Geb et — versprechen, ist nach dar hefr.igen und streckenweise rechi interessanten Diskussion ,.n Bundestag, der das Gesetz verabschiedete, noch immer nichts geschehen Im Brndesrat kam es zu einer völlig unerwarteten Stockung, ca man sich über die Veiteilang der neu entstehenden L.sten nicht einigen konnte. Wie sol te die Verteilung der aufzubringenden Gelder zwischen dem Bund und den [ ancern vorgenommen werden? Vorher hatte man offenbar nicht die Zeit gefunden, um diese Präge zu klären, die während vieler Jahre diskutiert werden konnte, just so lange, wie sich die Verhandlungen über ds Schlussgesetz hinzogen. Auch die Klippe .Buudesrat“ wurde umschifft, arer das Gesetz ist bisher noch nicht in den sicheren Hafen der Rechtskraft ein gelaufen. Der Bundespräsident hat noch nicht unterschrieben. Das Gesetz ist noch nicht verkündet worden. Entgegen den Bemühungen einiger Sachverständiger und der Anstrengungen geschäftstüchtiger Agenten die sich in der merkwürdigsten Propaganda über das Sch'ussgesetz durch Zeitungsartikel und Annoncen variieren vertreten wir mit anderen die Auffassung, dass man über die tatsächlichen Möglichkeiten erst dann mit Sicherheit Auskunft erteilen kann, wenn der endgültige Wortlaut vor- •liegt. Bis dahin kann man nur negativ feststellen, welch« Ansprüche nicht berücksichtigt worden sind, welche Verfolgtenkreise ausgeschlossen wurden, wer nichts bekommen wird. Dass durch die Wiedergutmachung manche* Unrecht geschaffen wurde, kann kaum bestritten werden. Diejenigen, die am meisten gelitten haben, wurden am geringsten' breücksichtigt. Ein po nischer Jude, der in Berlin ein kleines Geschäft gehabt hat, wird mitunter noch entschädigt, obwohl er die Möglichkeit beeass, seine Auswanderung in aller Ruhe vorzubereiten. Ein polnischer Jude, der in War. schau ein Warenhaus hatte, bekommt nichts, obwohl ec von einer Minute zur anderen vollkommen ruiniert, versklavt und erniedrigt wurde. Das ist nur eines unter vielen Beispielen. Irgendeinen Sinn oder gar Gerechtigkeit in dieser Regelung zu suchen, dürfte nutzlos sein Das Schlussgesetz soll vorsehen, dass die Höchstrenten erhöht werden. Niemand wird etwas dagegen haben. Aber warum nur die Höchstrenten, wenn es doch aus vielen, insbesondere aus Gründen sozialer Gerechtigkeit angebracht wäre, zunächst die Mindest- oder die niedrigen Renten in einem Umtang zu erhöhen, dass die ärmeren Bevölkerungsschicht an davon leben können. Zu diesen und ähnlichen Bestimmungen liesse sich noch viel sagen, wenn..., ja wenn das Schlussgesetz erst einmal in Kraft getreten ist. — Tatsachen Dit Debatte, welche Haltung und Einstelung das jüdische Volk dem deutschen Volk gegenüber einzunehmen habe, ist seit der nationalsozialistischen Niederlage nicht verstummt. Vorher war sie eindeutig klar. Die ablehnen de Position der Juden ver stärkte sich, als die von den Nazis und ihren Helfershelfern begangenen Scheusslichkeiten bekannt wurden. Mit der Schaffung des neuen deutschen Startes und mit dem Ablauf der Jahre wurden Wege gesuent um diese tiefe Kluft zu iibarbrücken. Die Widerstände hiergegen, vor allem auf jüdischer Seite, waren aus uns verständlichen Gründen au ■ sserordentlich gross. Die Debatte erhielt jetzt neue Impulse, als Israel beschloss, mit der Regierung der Bun desrepublik Deutsch - land diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Das Problem als solches hat e her auch vorher alle beteiligten Kre'se — Juden wie Deutsche — beschäftigt. Das jüdische Volk hat sich — ob mit Recht oder Un. recht kann in diesem Zusammenhang dahir gestellt bleiben. — immer mit der deutschen Kultur besonders stark verbunden gefühlt was keineswegs nur für diejenigen Juden gilt, die innerhalb der deutschen Landesgren- Zu den Tabus unserer Zeit gehört auch das Schwe.gen weitester Kreis zu den Vorgängen in Asien. Die von nordamerikanischen Stellen ferngelenkte Meinungsbildung verhindert nicht nur eine Kritik an diesen Vorgängen, sondern macht jede ernste Analyse bainahe unmöglich. Das Ergebnis sind sinnlose Lobhudeleien, die auch in jüdischen Blättern erscheinen. Aber solche Berichte haben nur den einzigen Sinn, die amerikanischen Offiziellsten zu stützen und das klare Denket, der Bürger zu verhindern. Niemand wird "behaupten wollen, dass Kriege heute oder gestern populär waren. Die Begeisterung mithilfe nationaler Parolen verfliegt sehr schnell, meist beim Platin der ersten Bomben, je denfalls für die unmittelbar Beteiligten. Man sollte wenigstens in der westlichohristlichen Kulturwelt endlich damit aufhören, dort nationalchauvinistische Betäubungsmittel zu verabreichen wo der gesunde Menschenverstand sich gegen Krieg und Hass auflehnt. Das ist eindeutig in der ganzen Welt beim Promlem Vietnam de. Fall. Die Amerikaner werden auch dann Vietnam verlassen müssen, wenn sie dort einen militärischen Sieg davontragen. Niemand zweifelt an diesem Endergebnis Ob as gelingen wird, die Progression des Kommunismus in Südvietnam mithilfe amerikanischer Bomben und Hubschrauber aufzuhalten, tot recht sweifelhaft, Dfcc zeñ gelebt haben. Die deutsche Kultur war der Mittler zwischen den Juden im europäischen Osten und den kulturellem Schätzen der Welt. Assimilation in Polen oder Russland bedeutete für die Juden nicht allein die Angleichung an die sie umgebendem Völker und deren geistiges Schaffen, sondern zugleich das Streben nach westlichen Werten. Es war kein Zufall, dass der russische Arzt, Dr. León Pinskar, seine Schrift „Autoemanzipation“. — Ein Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden-“ in deutscher Sprache geschrieben hat. Um so grösser war die Er niiehterung, um so schmerzlicher die Enttäuschung um so tiefer die Abneigung die durch das Wüten des deutvon B. B. SAMUEL Preis ist sehr hoch. Er besteht in dam Opfer vielejunger amerikanischer Sol daten, die auf einem verlorenen Posten stehen Wird man ihnen sagen können, dass die Verteidigung der amerikanischen Oeünteressen ein Ideal darstellt das dem der Kommunisten überlegen ist? Was wird man diesen jungem Menscher: sageni Das Vaterland ruft sie? Nach Vietnam? Wir stehen hier nicht so sehr vor einer ökonomischen politischen oder militärischen Krise der Amerikaner und mit ihnen der westlichen Welt: es ist eine schwere moralische Krise, aus der herauszufinden nicht einfach ist Letzten Endes handelt es sich aber garnicht allein uni die Vietnam-Frage, wenn diese auch blutigrot im Vor dergrund stehen mag. Manche anderen, die Welt bewe gendem Probleme faben unter den gleichen Prätext an tikommunistischer Notwendigkeiten und werden deswe gen nach dem gleichen oder einem ähnlichen politischen Schema behandelt. Wo un angenehme Scnwierigkeiten das gesellschaftliche, das nationale oder das internatio nale Leben belasten, verwendet man allzugern die Zauberformel .Kommunisten- Gefahr“, um billige Abwedirmethoden anzuwenden Bedenken ernster Menschen auszuschliessen und unliebsam« Oppositionelle loszuwerden. Das hat Hitler schon getan, und vor ihm mancher sehen Eroberers im Osten während des Zweiten Weltkrieges entstehen mussten. In Friedrich Schiller erblickten einst die im Elend leoenden jüdischen Massen ihren Heros, der auch ihnen die Freiheit verkündete, in Himmler den Vollstrecker von Verbrechen, die einzigartig in der Geschichte daste lien. Der geistreiche zionistische Schriftsteller und ehemalige Berliner Rechtsanwalt Samy Gronemann hat in seinen Erlebn isbücbern aus dem Ersten Weltkrieg den er als deutscher Soldat im Osten Europas mitmachte, seinen Kontakt mit den jüdischen Massen geschildert. Eines der Kapitel in „Tohuwabohu“ ist mit „Goethe in Berditschew“ überschrieben und zeigt die Einstellung einer jüdischen Jugend die ir andere auch. Diejenigen, die unter solchen Parolen Vorgaben, den Kommunismus zu bekämpfen, haben ihn in Wahrheit gross gezüchtet und ihm den Weg in den Westen bereitet. Keiner hat einen so entscheidenden Anteil daran, dass die xommu nistischen Tanks an der Elbe stehen wie die Nazis Man kann diese Beispiele beliebig erweitern, bis in unsere Gegenwart. Die tief bedauerlichen Zus: mmenstösse zwischen Schwarz und Weiss in den Vereinigten Staaten zeigen doch deutlich, wie tief die Gegensätze trotz des Wohlwollens und dei Bemühungen der Regierung um einen Ausgleich dar Interessen und um die bürgerlichen Rechte der schwarzen Bevölkerung sind. Menschen, die seit lan gen Jahren in den USA leben, sollen nur ihrer Haut färbe wegen degradiert uleiben; und das beinahe 200 Jahre nach der Verkündung der Menschenrechte Hie.' liegt zugleich ein weiteres ungeheuerlichas Versagen der christlichen Welt, die uns Juden Jahrhunderte hindurch verfolgt und diffamiert hat, und die sich heute nicht entschliessen kann, ihre ras. sische Ueberheblichkcit aufzugeben, die in Wirklichkeit nur eine physische Uebcrle genheit ist. Hier offenbart sich in einer geradezu tragischen Weise der Kontrast zwischen dem Gedanken der Gleichheit aller Menschen, wie er auch im Christentum zum Ausdruck kommt, und zwischen der Realität des täglichen Lebens, Auch hier | der deutschen Klassik und Gedankenwelt das Tor zur grossen Welt erblickte durch das sie aus der Enge der jü dischen Gasse schreiten wollten. Die Antwort auf diese un beantwortete und unglückli. che Zuneigung waren Konzentrationslager, Ghetti, Mas senmord und Gaskammern. Das kann, soll und wird niemals vergessen werden. II. Unbewaeltigte Vergangenheit Dieses schreckliche Geschehen haben auch weiteste deutsche Kreise nicht verge'-sen Auf deutscher Seite haben s ch die verschiedensten Gruppen um eine Lösung bemüht w e man aus dieser Schuld-L:ge dem jüdischen Volk gegenüber zu einer Normalisierung der Verhältnisse gelangen könnte. Niemals wurde dabei der doppelte Aspekt dieses Spannungsverhältnisses übersehen: hier handelt es sich keineswegs nur um ein jüdisches, sondern in erster Linie um ein deutsches Problem. Wenn man nach zwanzig Jahren ein Fazit zielen will so muss man feststel’.em dass die Deutschen mit diese, Frage nicht fertig geworden sind. Deshalb sprechen sie selbst von der (ihrer unbe wältigten Vergmgenheit Sihaben noch nicht die Ant. wort auf die Frage einer neuen Generation gefunden, wie es möglich war, dass Deutsche, dass Väter und Mütter dieser neuen Jugend ihr«' Hand zu solchem Geschehen reichen konnten, dass sic durch aktive Handlung ode: werden (und müssen) die Kommunisten die Nutzniesser der Situation sein di«; leichte Arbeit haben, um die Haltlosigkeit dieser in sich so widersprüchlichen geistigen und faktischen Lage zu demonstrieren. Dieselbe Problematik zeigt sich im Mittleren Osten, dessen pausenlose Unruhe auch ein Ergebnis der ost-westlichen Spannungen, des teilweise von den Hauptmächten selbst überwundenen Kalten Krieges und der grossen ka pitalistischen, vor allem öligen Interessen ist. Darunter leiden die Völker, die man in dauernder Bereitschaft hält übereinander aus .nationaler“ Gründen herzufallen. Wie es um die Völker wirklich aussieht, hat Krutschew in einem Wutanfall den Aegyptern deutlich gesagt. Auch hier tragen die Ame rikaner und mit ihnen die anderen grösseren Mächte eine grosse Verantwortung, weil sie es in der Hand hätten, den Frieden herzustellen, die Völker miteinander auszusöhnen und Lebensbe. dingungen zu schaffen, die einen wirtschaftlichen Auf. stieg ermöglichen. Kritik an der amerikanischen Politik bedeutet, nicht sich für die Kommunisten einzusetzen. Gegen diese Behauptung muss mit aller Entschiedenheit Stellung ge nommen werden. Nur dass wir der Meinung sind, Irrtümer auch dann aufzeigen und bekämpfen zu müssen, wenn sie von den Amerikanern, vorn Westen oder von uns selbst begangen werden durch passives Verhalten, durch Tun oder Unterlassen, durch Sprechen oder Schweigen an der Vernichtung von Millionen mitwirken konnten, von Millionen, die in deutschen KZ sterben mussten, nur weil sie Juden waren ... Die Antworten, die bisher gegeben wurden, waren aau. dernd, zurückhaltend, zweckgebunden oder Halbwahrheiten. Der erste Bundespiäsi dent, Professor Theodor Heuss, fand die Formel von der Gesamtreue des Volkes ln klarer Abwehr eines offenen Bekenntnisses der Gesamtschuld, das nach jüdischer Auffassung auch dann angebracht gewesen wäre wenn man einen deutschen Widerstand gegen Hitler nicht leugnet, und wenn mar. es vermeiden will, ein allgemeines Schuldurteil zu fäl len, weil es auch anständige Deutsche gegeben hat. Aus diesem Gefühl der Gesamtreue entsprang das deutsche Bedürfnis, Kontakte mit Juden aufzunehmen. Buber und Baeck waren wohl die ersten, die — wenn auch zögernd — die ihnen ausgestreckte Hand annahmein Aus ihrem Schuldbewusstsein — wenn auch nicht Schuldbekenntnis — suchten die Deutschen einen Weg moralischer und materielle.'' Wiedergutmachung, wenn hierfür überhaupt Möglichkeiten vorhanden waren oder sind. Deutsche Studenten und Jugendliche gingen nach Israel, um dort auf Ihre Weise am Aufbau des Landes und eines neuen Lebens der Verfolgten mitzuhelfen, in einer wohl gemeinten Demonstration des guten Willens, um wiedergutzumachen was andere Deutsche an Verbrechen begangen hatten Obwohl dies nur ein kleiner Tropfen“ gewesen ist, soll es hier vermerkt werden Denn das jüdische Volk, das niemals die an Ihm begangenen Schandtaten vergessen kann, registriert mit Dankbarkeit auch freundliche GesteS Dass hierdurch aber nicht ausgelöscht werden kann was vorher geschah, bedarf keiner Begründung. Dass sehr erhebliche deutsch® Kreise auch heute nichts zu. gelernt haben und auch nicht ihren alten Standpunkt verlassen wollen, steht fest. Diese Tatsache kann nicht wegdiskutiert werden Wir brauchen auch nicht zu verschweigen, dass Wiedergutmachung in jeder bis« her präsentierten Form zugleich eine Voraussetzung der deutschen Rehabilitation ia der internationalen Welt gewesen ist. Der von den Deut« sehen hierfür bezahlten Preis hat reiche Früchte getragen. Einer gerechteren materiellen, aber auch moralischen Wiedergutmachung standen und stehen erhebliche innerpolitische Rücksich tnahmeri im Wege. Denn die Masse der Wähler zum Bundestag wird immer noch von den .Ehemaligen“ gestellt, was eine Realität bedeutet, die von den deutschen Barteipoliti« kern berücksichtigt wiri (und vielleicht auch berücksichtigt werden muss) •— Auch hieraus spricht die Wahrheit und Unbedingtheit der heutigen bundesdeutschen Wirklichkeit von der (Schluss auf Seite 2) VOR DEM KONZIL New York. — Kardinal Francis Spellman sagte bei einem Besuch in Toronto voraus, dass die zusätzlichen Deklarationen des Oekumenischen Konzils vom Papst o romul giert werden würden. Er sei überzeugt, so ersicherte er, dass diese De klarationen in der letzten Sitzung des Konzils im September zur Abstimmung gelangen werden und bezog sich ausdrücklich auf die Deklaration über religiöse Freiheit und die Deklaration über die Juden und ander s nichtchristliche Religionen, deren Annahme fm ihn eine „praktische Gewissheit“ sei, (ITA) Die weltweiten Irrtümer Kritische Stimmen aus Moskau London. — Der Botschafteraustausch zwischen der Deutschen Bundesrepublik und Israel ist als „eine Drohung für die arabischen Staaten“ in dem ersten sowjetischen Kommentar zu diesem Ereignis bezeichnet worden, wie aus Moskau verlautete. Das Blatt ,.Sowjetskaja Rosja““ kommentierte den Austausch von Botschaftern zwischen den beiden Ländern und schrieb, dass Israel erwarte, mit der Hilfe Westdeutschlands sein militärisches Potential verstärken zu können, und dies stelle naturgemäss eine neue Bedrohung für die arabischen Länder dar (ITA) >