Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2108 (19.3.1965)
- Date
- 1965-03-19
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PUEYKREDON 2190 — 19 iza. JGiJksnxiH&JsfoaelUa 1 E. 832613 Ano XXVI. BUENOS AIRES, VIERNES 19 I>E MARZO DE 1965 N’ 2108 Die Fronten verlagern sich Die Erstarrung Wenn man die Annalen und die Archive durchblättert, soweit diese zugänglich sind, die sich mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges beschäftigen, wird man über die mannigfachen Spannungen in Erstaunen geraten, die es zwischen den Al liierten gegeben hat. Es war Weder ein Geheimnis noch eine Ueberraschung, dass die Auseinandersetzungen zwischen Ost- und Westmächten mit der alten Heftigkeit wieder auflebten, nachdem das Dritte Reich niedergerungen war. Selbstverständlich war der deutschen Diplomatie be kannt, welche Interessengegensätze zwischen Washing ton und Moskau bestanden. Mit einem fanatischen Eifer war man in Berlin bemüht, immer wieder den Anschluss an den Westen zu finden, zu. mindest aber mit England in Verbindung zu kommen, um einen Separat - Frieden zu schliessen. Der vergessene Flug des Führer-Stellvertreters Rudolf Hess, dessen Geheimnis niemals gelüftet wurde, war der erste Schritt während des Krieges, um die alliierte Front zu spalten, die es gewiss schon gegeben hat, bevor die Amerikaner offiziell in den Krieg eingetreten waren. Zum Schluss der blutigen Auseinandersetzungen, als sogar die Nazi-Hierarchen den drohenden Zusammenbruch erkennen mussten, bemühte sich selbst Himmler darum, einen Ausgleich mit dem Westen zu finden. Wiederum spekulierte man darauf, dass die Engländer als erste geneigt sein wür. den, sich mit neuen Männern des Dritten Reiches zu verständigen. Dass sie bei dieser Rechnung den britischen Löwen vollkommen falsch beurteilten, dürfte auch auf ihre Verblendung durch die nazistischen Rassentheorien zurückgeführt werden müssen, aufgrund derer man im braunen Deutschland die Engländer als Vettern betrachten wollte. Auch Propagandahetzer Goebbels, der häufig genug Politik auf eigene Rechnung' za machen versuchte, hatte seine eigenen Kombinationen; er war kein Mystiker, sondern ein kühler Rechner und wusste, dass der Zweite Weltkrieg in spätere Auseinandersetzungen zwischen Ost und West hineinmünden musste. Er bemühte sich — vergeblich — darum, den Westmächten klar zu machen, dass sie ein weiteres russisches Vordringen in Zen. von JEHUDA GOTTHEIMER traleuropa verhindern müssten, wozu sie allerdings nur mit Hilfe der deutschen Truppen in der Lage wären Er wollte also einen totalen Stellungswechsel. Der We sten sollte die Russen verraten, die einen entscheidenden Anteil an der Zertrümmerung des Dritten Reiches hatten. Churchill und Roosevelt sollten Stalin fallen lassen und dafür mit Hitler- Deutschland oder seinen kümmerlichen Resten paktieren. Dass die Westmächte auf diese unsinnige Kombination nicht eingehen wür. II. Koexistenz Der Rhythmus des internationalen Lebens wurde nicht vom Westen, sondern vom Osten diktiert. In der freien Welt akzeptierte man eine Verteidigungsstellung und war bemüht, ein weiteres kommunistisches Vordringen zu verhindern. Selbst Foster Dulles, während dieser Periode der stärkste Mann im Westen, war nur darauf bedacht, die bestehenden Frontlinien zu halten, wobei er sich hau. Ansprüche der Naziopfer Bonn. — Die Konferenz für materielle jüdische Ansprüche gegen Deutschland (Claim Conference) ersuchte die Regierung und das Parlament der Deutschen Bundesrepublik, die Anmeldung von Entschädigungsansprüchen der Naziverfolgten zuzulassen, die erst in den letzten Jahren Osteuropa verlassen konnten. Weiterhin forderte sie eine befriedigende Erledigung der von betagten Naziopfern, Witwen, Kranken und Körperbehinderten gestellten Ansprüche. Eine Delegation der Claims Conference verhandelte hier mit Bundeskanzler Erhard, Vizekanzler Mende, Aussenminister Schroeder und Finanzminister Dahlgrün. Die Delegierten führten auch Gespräche mit dem Präsidenten der parlamentarischen Kommission für Entschädigungen, Dr. Hirsch, und mit dem Vizepräsidenten Prof. Boehm. Sie besuchten ferner die Parlamentarier Dr. Adenauer und Dr. Barzel von der Christlich-Demokratischen Partei und den Sozialdemokraten Erler. Der Delegation gehörten Dr. Nachum Goldmann, als Präsident, Jacob Blaustein in seiner Eigenschaft als 1. Vizepräsident, Schatzmeister Moses Leavitt, der ständige Repräsentant in Deutschland Dr. Ernst Katzenstem und als Sonderberater Saul Kagan an. — (ITA) /•» SlJ I>r. W.; — Dass me Kiicgsverbrachen nicht am 8. Mai 1965 verjähren weinen, ist nn.ht zuletzt auch ein Verdienst des Bundeskanzlers Prof. Eihaid. Der Bundeskanzler hat sich überzeugen lassen, dass es ein Fehler wäre, in einem solchen Fall, der einzigartig in der Weitgescnichte ist, formalistische Prinzipien anzuwenden. Das Problem ist lange diskutiert worden Wer den Tatbestand kennt und weiss, weiche Verbrechen den Hintergrund dieser Diskussion bilden, wird ohne weiteies verstehen, dass liier nicht mit den üblichen Masstäben gemessen werden kann. Der Umfang der begangenen Verbrechen ist so gross, die Giausamkeiten sind so entsetzlich, dass Begriffe wie Verbrechen, Mord. Niedrigkeit und Gemeinheit nicht ausreichen, um die Scheusslicnkeiten der an Millionen Menschen begangenen Ungeheuerlichkeiten abzusohätzen und zu kenn, zeichnen. Man war entsetzt, als man die im wesentlichen nicht bestrittenen Zeugenaussagen im Auschwitz Prozess anhören musste, die im Treblinka-Prozess eine weitere Bestätigung erfahren haben. Dass die Sühne solcher Untaten nicht durch Fristen gehemmt werden kann, war von Anfang an jedem rechtschaffenen und gerecht denkenden Menschen klar. Umso erstaunlicher und betrüblicher ist die Haltung, die der bundesdeutsche Justizminister in dieser Angelegenheit eingenommen hat. Seine Partei hat sich gegen die Ver. längerung der Verjährungsfrist ausgesprochen. Man hat bisher nicht gehört, dass dieser Justizminister zuriiekgeübergehend; sie hörte dann beinahe völlig auf, nachdem ein neuer Diktator seine Po sition gefestigt hatte, der während der nächsten Jahre das Weltgeschehen beeinflus. sen sollte: Krutschew. Gewiss bedrohte auch Krutschew ständig den ohnehin ■-■— - =-> , , _ D i nicht vorhandenen Weltfrietreten wäre, der oei einer solchen Frage vom Parlament den und provozierte die einfach „Überfahren“' worden ist. Hier handelt es sich doch Westmächte, mitunter in ei- I um ein Problem, das sein Ressort unmittelbar betrifft Erner kaum noch erträglichen staunlich bleibt, dass uer Justizminister sich nicht nihrt# Form wie bei der Pariser obwohl ihm das Parlament incidenter durch seine Ent- Konferenz, zu der er einfach Scheidung zugunsten der Aufhebung der Verjährungsfrist nicht erschien, obwohl seine | bestätigt hat, dass er gegen jedes Prinzip von Rechtsempden, hat Goebbels selbst vorher gewusst. Er hatte sich zu lange Zeit daran gewöhnt, mit der Dummheit und Feig heit anderer zu spekulieren: wahrscheinlich träumte er davon, auf diesem Umwege sich selbst vor der Geschichte zu retten. Die Auseinandersetzungen zwischen den einstigen Alliierten waren unvermeidbar, Ost- und Westblock waren die unmittelbaren Folgen. Die ersten 15 Jahre nach dem Kriege wurden von die. sem Spannungsverhäitnis bestimmt. Roosevelt war gestorben, Churchill und de Gaulle traten eine Reihe von Jahren in den politischen Hintergrund. Nur Stalin blieb. Deutschland war zweigeteilt und machtlos. Die Fronten waren erstarrt. Von diesem Grundsatz war Politik und Leben der Völker be herrscht. Man fand sich mit der Tatsache ab, dass eine Erdhälfte ,frei“ und die andere kommunistisch ist. fig verrechnete und immer bereit war, sich Helfer an der falschen Stelle zu suchen. Dulles war der Mann, der glaubte, Nasser halten zu müssen, ln dem er eine feste Stütze gegen die Kommunisten wähnte. Umso grösser war die Enttäuschung. Mit. dem Tode Stalins war nicht nur ein Mann, sondern ein System zu Grabe getragen worden Wer Kampf der kommunistischen Diadochen war kurz und deutete bereits den Uebergang an. Die rote Inquisition wütete nur vor- PartnT, vor allem Eisenhower, sich bereits eingefunden hatten. Aber Krutschew bremste immer selbst noch im letzten Augenblick und lenkte ein. Er vermied einen Bruch mit Washington und wusste warum. Dieser Politik des ständl gen Vordrängens und der andauernden Beunruhigung des Westens, ohne es zum Aeussersten kommen zu lassen, gab er den Namen „friedliche Koexistenz“ Sicherlich war diese Bezeichnung reichlich euphemistisch, bot jedoch die Möglichkeit, den endgültigen Bruch zwischen den Blöcken zu vermeiden. Das Ergebnis war bis zu einem gewissen Grade über, raschend. Die Erstarrung lockerte sich, langsam, aber spürbar. Die Rote Mauer, mit der bis dahin alle kommuni stischen Führer die Sowjet Union umgeben hatten, war von beiden Seiten nicht mehr undurchdringbar. Stailn war nur während des Krieges ein einziges Mal aus seinem Reich gskomen. Kru tschew durchreiste die Welt. Sein plötzlicher Sturz hat bisher die politische Linie des Kreml nicht gändQrt. Die Be reitschaft. wenigstens mit dem Westen ins Gespräch zu kommen, ist veblieben, jedenfalls bis heute. III. finden verstösst. Der Bundestag hat rr„lt einer überwältigenden Mehrheit beschlossen, dass die Kriegsverbrechen nicht nach 20 Jahren verjähren sollen. Damit bat der Bundestag klar zum Ausdruck gebracht, dass es ein Unrecht wäre, wenn die Verjährung ein tritt. Mit anderen Worten: eine gewaltige Mehrheit des Bundestages ist der Auffassung, dass die Haltung des Justizministers mit Recht und Gerechtigkeit nicht in Einklang zu bringen ist. Auch Kollege Finanzrninister, der mit seinem Gewissen die Subventionierung der kriegshetzerischen arabischen Länder vereinbaren und gewaltige Hilfsgelder für die Anbeter_des Ostblocks zahlen kann, marschiert auf derselben Linie. Den Beweis dafür hat das skandalöse Rückerstattungsgesetz geliefert, zu dem er sich bequemt hat, und mit dem er für die Opfer der Verfolgungen einen völlig unzureichenden „Härte-Ausgleichsfonds“ zur Verfügung stellte. Gewisse neue Bes;immungen heben die früheren Rechte der Verfolgten auf, weswegen jetzt sogar der Bundesverfassungsgerichtshof sich mit diesem Gesetz beschäftigen muss. Das Ganze ist nichts anderes als eine Schande. Nazis, Nazihelfer in Gestalt der arabischen Länder, Todfeinde Israels und der Ve* folgten werden mit einer skandalösen Grosszügigkeit finanziert, und wenn man die Wahrheit zu sagen den Mut hat, zu Lasten und auf Kosten der Verfolgten. Aus Dankbarkeit hierfür erkennen die Araber Ulbricht und sein Regime an. Sie taten dies schon vor Jahren. Aegypten ist ein Vasall der Sowjetunion. Daran ändert nichts, dass die Deutschen und Amerikaner sowie einige anderen westlichen Länder auch noch Gelder in diese Staaten pumpen. Der Bundestag sollte endlich auch in dieser Frage den Weg der Gerechtigkeit und des Rechtes finden, das Rückerstattungsgesetz korrigieren, das Srüdussgesetz in seiner von den Verfolgten verlangten Fassung erlassen und sämtliche einengenden Fristen aufheben. Die Deutschen selbst haben durch ihre Gerichte festgestellt, welches Unrecht den Juden zugefügt worden ist. Te sollten in einer ganz anderen Weise wiedergutmachen, als sie es jetzt programmiert haben. Die dritte Front Von der dritten Front, die lange Jahre eine Rolle spielte, wird kaum noch gesprochen. Tito bewahrte Jugoslawien vor Abenteuern und hielt sich immer stärker zurück. Er erkannte bald, dass diese Form der dritten Front nur dazu dienen sollte, ohne GOLDA MEIR IN PARIS Arabische Drohung London. — Der Herzog von Edinbourgh, Gatte der Königin von England, wird von den Arabern mit Boykott bedroht, weil er an der Einweihungsfeier eines neuen Sch.ffes der israelischen Handelsmarine teilnehmen will. Das 6.000 Tonnen grosse Schiff „Nili“, das kurz vor seiner Fertigstellung in einer Werft von Glasgow steht, soll rm Rahmen einer von der WIZO organisierten grossen Wohlfahrtsfeier seine Jungfernfahrt auf der Themse machen Der offizielle Sprecher des Buckinghampalastes weigerte sich, Kommentare zu der arabischen Drohung zu machen, die folgenden Zusatz hatte: „Wir sind zutiefst befremdet Fürst Philipp so eng verbündet mit der SaTie der Zionisten, unserer Erbfeinde zu sehen.“ (ITA) Paris. — Israels Aussenminister, Golda Meir, kam zu einem viertägigen Aufenthalt nach Paris, um mit Aussenminister Maurice Couve de Murville und anderen Mitgliedern der französischen Regierung zu konferieren. Auf Fragen der zahlreichen Journalisten die sie bei ihrer Ankunft im Flughafen Orly erwarteten, erklärte sie, ,die politischen Bande der israelischen Regierung mit verschiedenen politischen Parteien berechtigen zu der Erwartung, dass die Knesset nach der Erklärung des Premierministers Levi Eshkol über die Beziehungen mit Westdeutschland mit grosser Mehrheit die Aufnahme die ser diplomatischen Beziehun. gen annehmen wird." Ueber eine bevorstehende Zusammenkunft zwischen Eghard und Eshkol befragt, antwortete sie, dass ein solches Zusammentreffen „keine Unmöglichkeit“ sei. Sie fügte hinzu: „Bisher besteht noch kein fester Plan, weder über das Datum noch den Ort. Ueber diese Zusammenkunft wird seit langem ge. sprochen, und in den letzten Wochen oder Monaten wurde nichts Neues beschlossen.“ Hier ist man allerdings der Ansicht, dass Erhard und Eshkol nach dem Besuch Eshkols in London Zusammentreffen dürften. Das Ge. rücht besagt, dass die Aussprache Ende dieses Monats in Brüssel stattfinden soll. Zu der von der Arabischen Liga entfalteten Agitation Uusserte Frau Meir auf die Frage eines Journalisten: „Nasser hat versucht, sein gewöhnliches Spiel der Erpressung zu spielen. Diesmal ist er gescheitert.“ Als hauptsächlichen Gegenstand ihrer Unterhaitun. gen mit Couve de Murville bezeichnet« sie die israelische Verbindung mit der Europäischen Wirtschafts - Gemeinschaft. (ITA) ein wirkliches Programm nach allen Seiten hin Ge schäfte zu machen. Da er im Prinzip mit Israel in nicht unfreundlichen Beziehungen stand und steht, wollte er sich nicht als Vorspann arabischer oder klarer gesagt, ägyptischer Interessen benutzen lassen. Die in der Geschichte als widerspf’unchsvoll Schwan kende Erscheinung Nehrus, dessen Politik Indien wenige Erfolge gebracht hat, war Jahre hindurch das Aushän geschild der dritten Front. Nach seinem Tcde wurde diese Politik abgebrochen. Indien kämpft um seine politische und wirtschaftliche Exi. stenz. Wie kaum ein anderes Land steht es zwischen den Feuern. Indien braucht die westliche Hilfe, um sich vor der drohenden Expansion Chinas zu retten. Hier sollte es sich erstmalig zeigen, dass die Fronten nicht so starr laufen, wie man lan. ge Zeit annahm. Denn die Russen befolgten in Indien eine Politik, die von der westlichen nicht grundsätzlich unterschieden war. Sie sind daran interessiert, da.ss sich das Kräfteverhältnis in und um Indien nicht verlagert. Damit verlor die dritte Front auch für Nasser das Interesse. Eischuf sich eine eigene dritte Front die er kommandiert. Er .verlässt, sich auf die Gefolgschaft der arabischen Länder und sucht die vielen, neuen afrikani sehen Staaten als Op=rationsbasis seiner weitgesteckten Pläne zu benutzen. Wie weit und wie lange ihm diea gelingen wird, muss abgewartet werden. IV. Risse im Ostblock Die gewaltige Hilfe, die von der Sowjetunion den Rotchinesen geliehen wurde, trug entscheidend zum Aufbau einer neuen Macht bei. Sehr bald zeigte es sich jedoch, dass die Chinesen nicht immer die Vasallen oder Gefolgsleuie des Kreml bleiben werden. Sie hatten ihre eigenen Aspirationen und betrieben Politik auf eigene Faust. Heute bereits ist es evident, dass die Einheit des kommunistischen Blocks nur noch eine Fiktion ist. China will Russland aus Asien verdrängen. Es greift guf Afrika über, nachdem (Schluss auf Seite 2) LEVI ESHKOL IN LONDON ERWARTET London. -— Israels Ministerpräsident Levi Eshkol wird am 24. März in London erwartet. Sein Be. such wird offiziell als privat bezeichnet, doch wird er während seines Aufenthaltes Besprechungen mit Premierminister Harold Wilson, Aussenmini ster Michael Stewart und anderen Mitgliedern der englischen Regierung füh ren. (ITA)