Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2107 (12.3.1965)
- Date
- 1965-03-12
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE um PUEYRREDON 2190 — 1* Izq. Jfc.JentxutaD[sAj&elUa T E. 832613 Ano XXVI. BUENOS AIREH VILRNES 12 1>E MARZO DE 1965 N* 2107 Eine schwere Entscheidung Die deutsche Bundesregierung steht vor einer, für sie ganz offensichtlich besonders schweren Entscheidung, welche Antworten auf das provokative Verhalten des ägyptischen Präsidenten gegeben werden sollen. Stundenlange Kabinettsberatungen, Be sprechungen mit den Botschaftern der westlichen Grossmächte und Fühlung, nähme mit einzelnen Persönlichkeiten, deren Auffassung der bonner Regierung .wichtig ist, haben nicht vermocht, eine schnelle Stellungnahme herbeizuführen. Gewiss hat der offizielle Sprecher, Staatssekretär Karl Günther von Hase, bereits vor mehreren Tagen mitgeteilt, dass die Hilfeleisiun. gen an Aegypten eingestellt werden, zu dieser Informa tion allerdings Kommentare gegeben, die ebenso wie die Erklärungen des Bundeskanzlers zu diesem Punkt eher das Wesen und den Inhalt dieser Massnahmen verschleierten denn erläuterten. Nicht mit Unrecht wurde darauf hingewiesen, dass der Adenauer-Nachfolger Erhard die Hallstein.Doktrin als eine unbequeme Erbschaft übernehmen musste, mit der jedes andere Land durch den Abbruch der Beziehungen bedroht wird, wenn es mit Ostdeutschland diplomatische Verbindung aufnimmt. Wenige Male wurde vor Jahren diese Doktrin, die in Wirklichkeit eine Zwangsmassnahme ist, praktiziert, so z. Bgegenüber Jugoslawien, ohne jedoch irgendwelche positiven Ergebnisse zu zeitigen. Man kann auch verstehen, dass ein Land zaudert, bevor es zu weitgehenden Schritten wie den Abbruch diplomatischer Beziehungen gelangt, zumal in diesem Fall die Möglichkeit gegeben war, dass andere arabische Staaten sich mit Nasser solidarisch erklären oder seinen üirketiven folgen müssen. Aber all das haben die deutschen Politiker doch vorher auoh ge wüst- Sie hätten die Lage überprüfen müssen, bevor sie sich in solche Abenteuer einlassen. * Unwillkürlich wird man an Vorfälle der wilhelminischen Epoche erinnert, wo durch schlechte Politik und die grossprecherischen Reden des Kaisers eine internationale Krise im Mittelmeer ausgelöst wurde, die erstmalig den Weltfrieden bedrohte- Die augenblicklichen Spannungen hätten vollkommen vermieden werden können, wenn nicht Nasser, sondern Erhard fest und entschlossen seinen Kurs verfolgt hätte. Bonn, sonst sehr selbstbewusst, wurde „weich“, und der Kanzler gab nach. Der Isra. Israels Sicherheit Washington. — Der nordamerikanische Staats Sekretär Dean Rusk äu. sserte sich in einem Fernseh-Interview über die j Lage im Mittleren Osten j dahingehend, dass die ' Vereinigten Staaten sehr : an der Sicherheit Israels ' interessiert seien. | Israel habe, so erklärte Rusk, ebenso wie alle anderen Staaten da? Recht, gegen die Angriffe seiner Nachbarn verteidigt zu werden- (ITA) von B. B. el Vertrag wurde gebrochen, als wäre diese einseitige .Kündigung' eine Selbstverständlichkeit- Nasser wünschte es und Erhard folgte ihm. Nur hatte Erhard nicht damit gerechnet, dass der Appetit jedes Diktators beim Essen wächst- Als Oesterreich dem Dritten Reich ein verleibt wurde, war es plötzlich eine klare und selbstverständliche Sache, als das Sudetenland der CSR gesetz widrig entrissen wurde, liess man diesen schändlichen Verrat durch einen englischen Lord sanktionieren, rettete den Frieden, den die Nazis garnicht wollten und schonte die englischen Nerven. Und dann kam die übrige CSR an die Reihe, aber Hitler war immer noch nicht zufrieden, obwohl er zum zweiten Male beteuerte, dass keine territoriale Ansprüche mehr gestellt werden... Die deutsche Bundesregie- SAMVEL rung hat nichts aus dieser Geschichte gelernt- Oder will sie geflissentlich übersehen, dass Nasser ein Diktator ist der sich in seinen Aspirationen nicht oder wenig von anderen Selbstherrlichkeiten unterscheidet? Einmal mehr hat es sich gezeigt, dass niemand ein Unrecht begehen kann, ohne die Folgen auf sich zu nehmen- Der Bruch des Israel-Vertrages hat die Situation für die Deutschen keineswegs erleichtert, wie sie hofften, sondern sie in neue Komplikationen 1. ineingestossen. Offensichtlich hat man in Bonn noch garnicht verstanden, welcher Fehler begangen wurde- Denn trotz vorliegender israelischer Ablehnung wurde nochmals die Offerte gemacht, statt der Waffen andere Waren Israel zur Verfügung zu stellen- Man unterstreicht damit nur erneut das Verlangen Nas. sers, dass Waffen nicht geschickt werden. Auch zur Frage der Hilfeleistungen an Aegypten wurde bisher von Bonn keine klare Position bezogen. Alle Möglichkeiten blieben offen. Jeder zweite Satz, der zu diesem Thema in Bonn gesagt wird widerspricht dem ersten. Man gibt Erklärungen mit Vorbehalten und unverständlichen Klauseln ab. Das ist genau das, was alle diejenigen suchen, die im Trüben zu fischen gewohnt sind- Im übrigen versprach Erhard, dass die laufenden Verpflichtungen eingehalten werden, wenn die Aegypter versprechen, die Rückzahlungen vorzunehmen. Warum werden also die laufenden Verpflichtungen gegenüber Aegypten erfüllt, diejenigen gegenüber Israel jedoch nicht? Im Augenblick dürfte dies der Weg des geringsten Widerstandes sein; aber nur im Augenblick... WIE ICH ES SEHE .- - -. ---..- | Zeitnahe Frühgeschichte t--»«<■ JEHUDA GOTTHEIMER „Denn Haman, Sohn Hamdatas, der Agadi, Bedränger der Judäer, hatte wider die Juden im Sinne, sie zu vernichten, und liess Pur werfen, sie zu verderben und zu vernichten “ (Ester 9, 24) Am Schluss der wundersamen Geschichte der Königin Esther und ihres Oheims Mordechai ergeht die Weisung an die Judäer, von Jahr zu Jahr an festgelegten Tagen der Ereignisse zu gedenken, die sich damals am Hofe des Königs Ahasveros in der persischen Hauptstadt Susa abgespielt haben. „Und diese Tage der Purim sollen nicht aufhören unter den Judäern, und ihr Gedächtnis ende nicht bei ihren Nach, kommen“. So begehen denn Juden seit tausenden Jahren das Purim Fest, der einzige der jüdischen Feiertage, der in gelöster Freude abgehalten wird. Der historische Hintergrund ist Gegenstand historischer Betrachtungen und Untersuchungen. Der König Ahasveros wird mit dem bekannten Perserkönig Xerxes gleichgesetzt, der von 485 bis 465 v d.ü Z. gelebt hat, Sohn des Darius, die beide durch ihren Kampf gegen die griechischen Republiken bekannt sind- Man hat über die Entstehung des Buches Esther viel geschrieben; es wird angenommen. dass es zur Zeit der Makkabäer verfasst wor¬ und ihren Wahrheitsgehalt anzuzweifeln. Allmählich hat die wissenschaftliche Forschung den Nachweis dafür gebracht, dass die Bibel auch ein überaus wichtiges historisches Quellenbuch ist, dessen Darstellungen sich durch grosse Genauigkeit auszeichnen und zum Verständnis der alten Geschichte nicht nur des Landes Israel, sondern des Orients beigetragen hat. Aus dem Buch Esther geht hervor, dass es zur Zeit der grossen Perserkönige im persischen Reich zahlreiche jüdische Ansiedlungen gegeben hat, was inzwischen durch Funde von zahlreichen Steintafeln bestätigt wurde- Diese jüdische Diaspora in Persien und Medien trug bereits alle Zeichen einer echten Galut- Die Juden müssen stark assimiliert gewesen sein, denn sowohl Mordechai wie Fsther sind keine Namen hebräischen oder aramäischen Ursprungs. sondern wahrscheinlich die Namen der babylonischen Gottheiten Marduk KEUSCHE den ist. Die Judenverfolgung, von der im Buch Esther berichtet wird, ist aus anderen Quellen nicht bekannt. Manche bezeichnen die Esther- Geschichte als eine Sage, eine Auffassung, die jedoch abwegig ist- Interessante Ausführungen hierzu macht Simon Dubnow im 1. Band seii ner „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“, die hier erwähnt seien, weil sie für jeden zugänglich und leicht verständlich sind und nachgelesen werden sollten. Bekanntlich hat man sich in der Aufklärungsepoehe daran gewöhnt, die Beruhte der Bibel als wunderschöne Erzählungen zu bezeichnen MILITAERPARADE Tel Aviv. — Einer Anregung Levi Eshkols folgend, soll die grosse Militiirparade am Unabhängigkeitstage nicht in Jerusalem, sondern in Tel Aviv stattfinden. Als Grund werden die in Jerusalem herrschen den Waffenstillstandsbedingungen angegeben, de. nen zufolge keine volle Entfaltung der israelischen Militärmacht müg lieh wäre, da die neuen Einheiten der Luftwaffe nicht an der Parade teilnehmen könnten. (ITA) und Istar, Im übrigen berichtet die Megilla Esther selbst, dass die Königin ursprünglich Hadassah hiess (Esther, 2, 7). — Der König Ahasveros hatte einen Kanzler, der ein hemmungsloser Judenfeind war und einen Befehl zur Ausrottung und Ausplünde. rung aller Juden erwirkte, nachdem sich der Jude Mordechai in treuer Erfüllung der jüdischen Gesetze nicht vor ihm beugen wollte- Auch der äussere Anlass, der diese Judenverfolgung auslöste, dürfte auf den Wahrheitsgehalt der diesem biblischen Buch zugrundeliegenden Berichte hindeuten. Zu allen Zeiten wurde die Esther-Geschichte als ein typisches jüdisches Galut. Schicksal angesehen und empfunden. Aus diesem Grunde war dieses Buch immer aktuell und ist es geblieben. Ein Jude weigerte sich, sein Knie vor Haman zu beugen. E i n Jude hat ihn gekränkt, hat gegen das von ihm erlassene Gesetz verstossen. Alle Juden sollten dafür büssen. Nicht der eine soll für seine Tat, für sein Vergehen gegen die von Haman bestimmte staatliche Verordnung zur Rechenschaft gezogen werden, sondern alle sollen für diese Tat eines Einzelnen untergehen. Bereits damals also, vor rund 2.500 Jahren, wurde die ganze jüdische Gemeinschaft für die Haltung eines Juden verantwortlich gemacht- Hierin muss man also aufgrund unserer mehrtarsend. jährigen Galut - Erfahrung eines der unwandelbaren Gesetze unserer Geschichte erblicken. Denn heute ist es nicht anders als damals- Die von Haman beim König erwirkten Befehle zur Liquidierung der jüdischen Bevölkerung in seinem Reich begnügten sich aber nicht mit dieser Blutrache, son-- dern zielten von vomeherein (Schluss auf Seite 2) Kiriegsveriirfichen verjähren nicht Abkuifriat mit lieber waelligutmier Mehrheit abgelehnt Bonn. — Die juristische Kommission, die mit der Vorbereitung des Gesetzes zur Aufhebung der Verjährungsfrist der Kriegs verbrechen betraut war, lehnte in ihrer überwiegenden Mehrheit das Inkrafttreten der Ablaufsfrist ab Bekanntlich sollte nach 20 Jahren jedes Verfahren gegen Kriegsverbrecher der Nazizeit eingestellt werden, und die Frist sollte am 8. Mai dieses Jahres ablaufen Die einzigen, die sich für Durchführung der Ver. jährnngsbestimmungen einsetzten, waren die Abgeordneten der Freien Demokraten, einer Partei, die in der Koalitionsregierung Erhards eine Minorität darstellt. Es waren sowohl in Deutschland, als auch im Auslande energische Proteste dagegen erhoben worden, dass zahlreiche Nazimörder auf diese Weise der gerechten Bestrafung entgehen sollten. Erhard selbst nahm an der Debatte nicht teil. Ein sozialdemokratischer Abgeordneter machte ihm zum Vorwurf, dass er dir Autorität seiner Persönlichkeit und die Ueberzeugungskraft seiner Worte nicht in den Dienst der Sac’ae gestellt habe. Immerhin sprachen sich von den 499 Mitgliedern der Kammer nur etwa 100 gegen den Vorschlag der Aufhebung der Verjährungsfrist aus. Die Kommission gab bekannt, dass sie sich nunmehr ausschliesslich der Lösung dieser Frage widmen und mreihalb von 20 Tagen ihren endgültigen Bericht erstatten werde. von M. KILAI Es wäre nicht gerecht, den Eindruck zu erwecken, als wenn die Berliner Presse nicht genügend Raum der Einstellung der Waffenlieferungen Deutschlands an Israel gewidmet hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Man kann sogar sagen, dass die Berliner Presse die Einstellung der Waffenlieferungen an Israel in viel schärferen Worten verurteilte, als die Presse im Bundesgebiet. Aber trotzdem trat dieses Ereignis gegenüber der lokalen Berliner Sensation in den Hintergrund, die durch die Schauspielerin Eva Kerbler-Lion verkörpert wurde. Nicht nur die Berliner Presse bat sich mit der Habima- Schauspielerin beschäftigt- Eva Kerbler-Lion, eine geborene Oesterreicherin, ist seit drei Jahren in Tel Aviv engagiert und Mitglied der Hataima- Sie ist schon vorher durch die Filme ,Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ oder „Blumen für Bettina“ bekannt. Seit einigen Monaten weilte Frau Kerbler bei einem Gastspiel in Wien. Während dieses Gastspiels nahm sie die Einladung des Berliner Schiller- Theaters an, um im „Nach dem Sündenfall“ von Arthur Miller aufzutreten. Seit Mitte Januar befindet sich Frau Kerbler in Berlin und probt die Marilyn - Monroe- Rolle „Maggie“ für dieses Stück. Nun hat die Leitung der Habima Frau Kerbler aufgefordert, sofort ihr Arbeit in Berlin einzustellen, da es ein Verbot fiir alle Habima-Mitglieder gibt, nicht in Deutschland aufzutreten. Man kann sieh die Komplikationen vorstellen, die diese Anweisung aus Tel Aviv für Frau Kerbler wie die Leitung des Schiller - Theaters gebracht haben. Da dieser Zwischenfall in die Zeit der ernstesten Differenzen zwischen Bonn und Jerusalem fiel, galt er als eine politische Sensation. Die Presse in Berlin hat sich täglich mit diesen Vorgängen beschäftigt; obzwar Pressestimmen laut wurden, die meinten, man sollte nicht Kunst mit Politik vermengen. haben die meisten Pressestimmen grosses Verstand. nis für Israel und besond-ws für Frau Eva Kerb’er in dieser Angelegenheit gezeigt- Noch mehr ist das Verheben von Theaterdirektor Boies!aw Pacing' hervor/ubeben Frau Kerbler war bei D'”'1og fest engagiert. Fs gab keinen Grund, aus dms°m Vertrag herauskommen zu können. Nach einigen Tarren des Hin. und HerteWonleerkonflikt (z. Zt. Berlin y rens seitens Herrn Bariog mit der Habima in Tel Aviv hat das Schiller-Theater Frau Kerbler freigegeben Herr Barlog sagte auch, dass keine Regresspfliehten geltend gemacht werden, obzwar das Theater einen grossen materiellen Schaden dadurch erlitten hat. Herr Barlog hatte Verständnis dafür, dass Frau Kerbler ln einen Gesinnungskonflikt geraten ist- Bei diesem interessanten Zwischenfall ist es zu bedauern, dass die meist Unschuldigen als erste die Betroffenen sind- Das Schiller-Theater unter der Leitung von Boleslaw Barlog hat in der europäischen Theaterwelt den Ruf, als eines der ersten Theater in Deutschland den Mut gehabt zu haben, vorzugsweise nicht nur jüdisches Personal einzustellen, sondern auch Stücke, die während der Nazizeit als „jüdische“ verpönt waren, aufzuführen. Der Regisseur und Schauspieler Fritz Kortner ist nicht nur ein Mitarbeiter von Boleslaw Barlog, sondern auch sein Freund. Ernst Deutsch, der gerade in diesen Tagen in Israel weilt und dort mit allen Ehren empfangen worden ist, feiert im Schiller-Theater von Barlog seine ständigen Triumphe. „Nathan der Weise" wurde monatelang im Schiller-Theater aufgeführt. Dass ein Mensch wie Barlog, der während des Krieges nachweisbar sehr vielen jüdischen Künstlern betgestanden hat und ihnen massgeb. liehe Hilfe leistete, den ersten Preis bei einem antiisraelischen Konflikt als DeuUc'-er bezahlen muss, empfindet jeder Jude und Israeli als eine sehr unangenehme Begleiterscheinung. Nazismus in der DDR New York. — Wie hier verlautet, soll seit Ulbrichts Ae. gypten Besuch der Antisemi, tismus in der DDR merklich zugenommen haben. Der Bericht hierüber stammt von einer jüdischen Persönlich, keit Westdeutschlands, deren Name nicht bekanntgegeben wird, um seine Beziehungen zu Informationsquellen jenseits der Mauer nicht zu gefährden- Während man vor der Rei se Ulbrichts noch Unter, schiede zwischen Juden und Israelis gemacht hatte, sind diese Einschränkungen abgeschafft und es herrscht offe ner Antisemitismus. (ITA)