Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 26 (1965)
- Issue
- 2101 (29.1.0965)
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
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PLEYRKEDON 2190 — l9 izq- I E. 8 3 2 6 13 Ano XXVI. BUENOS AIRES. VIERTES 29 l>E ENERO DE 1965 N» 2101 war wi i Die beiden hanzösisiheii Parlamente, K-immer mul Senat, haben unlängst erstmals seit langen Jahren einmütig für ein politisches Gesetz gestimmt, dessen Text von einem Führer der gaullistischen Mehrheit, Sohmittlein, und einem der massgeblichen Sprecher der Opposition. Coste Floret, unterzeichnet war. Diesem Antrag von Mehr, heit und Ot.Position hat die Regierung durch den Mund ihres autorisierten Sprechers ihre volle Zustimmung gegeben. Es handelt sich um die Verlängerung der Frist für die Verfolgung von Kriegsverbrecher!. In Wahrheit ist das neue, von den Parlamenten verabschiedete Gesetz, keine Verlängerung, es ist, in seiner absoluten Klarheit, weit mehr. Denn es erklärt, dass Verbrechen gegen die Menschheit dieser Art unverjährbar sind und immer unter das Schwert des Strafgesetzes fallen. Wie verlautet, hat diese Einmütigkeit der französischen Parlamentarier — nicht ein Stic'me hat sich gegen d s Gesetz ausgesprochen, und es gab nicht eine freiwillige Stimmenthaltung — in der deutschen Bundesrepublik einen starken Eindruck hervorgerruen. Inzwischen hat sioh die Welle der Proteste in den westlichen Ländern gegen die geplante Verjährung der NS Verbrechen in der Bundesrepublik, die auf den Mai 1965 fallen würde, beträchtlich intensiviert. Uebeiall finden stark besuchte Protestversammlungen statt, auf denen prominente politische Führer die Verjährung der NS-Verbrechen als eine Unerträglichkeit bezeichnen, gegen die man sich mit allen Mitteln wehren müsse. Bei der Beratung in der französischen Kammer hatte der Abgeordnete Schmittlein. Mit-Unterzeichner des Antrags der endgültigen Nichtverjährung von Kriegsverbrechern erklärt, dass die absolute Gewissheit bestehe, dass n<>oh viele tausende nazistischer Kriegsverbrecher, darunter zahllose Mörder, frei unterlaufen... In Bonn laufen in den zuständigen Mlmister'en täglich Protest Telegramme und Protest-Briefe gegen die Verjährung aus allen Ländern der Welt ein. CHIIM.ES roksmer Washington. — Die Beziehungen der Vereinigten Staaten mit Aegypten und Israel gehörten, wie man glaubt, zu den Themen, welche auf einer eingehenden Besprechung zwischen dem Präsidenten Johnson und seinen Milarbeitern im Weissen Haus erörtert wurden. Der Sprecher des Weissen Hauses, George Reedy, teilte mit, dass die Diskussion sich hauptsächlich auf die Beziehungen bezog, die „wir mit unseren Alliierten pflegen, wobei die Ereignisse in Afrika, Mittelost und Südostasien besondere Berücksichtigung fanden'*. Ausser Präsident Lyndon Johnson waren bei die ser Konferenz Staatssekretär Dean Rusk, Verteidigungsminister MoNarrara und der Direktor der CIA, John __ irr Ai B.B.S- — Mit Sir Winston Churchill ist eine jener grossen Gestalten dahmgegan- «sn. wie sie in einem Volke während eines Jahrhunderts nur einmal auf treten. Eine mit vielen ausgezeichneten Begabungen begnadete Per. «sönlichkeit, schillert sein Charakterbild in der oftent liehen Kritik, die aber in dom Augenblick schwieg, als er sich ins private Leben zurückzog. Schon zu Lebzeiten war Churchill eine legendäre Erscheinung geworden, sein Tod Löste echte Trauer in a ler Welt aus, denn er ist in seiner eigenen Sicht und seiner Haltung zu den Pioble men unserer Epoohe einer der wenigen Weltbürger ge wesen, die sich selbst für die tran-ze Menschheit verantwortlich fühlen. Und hierin liegt seine wahre, seine menschliche Grösse. Dieser Mann, der so hart sein konnte, war als Schrittsteller, Historiker, Maler em wirklicher Künstler aber nicht von jener weltfremden Art, die so häufig — gewollt oder nicht -- das Künstlerische aus dem Alltag zu he foen sich bemüht. Ihm wurde der Nobelpreis für Literatur zugesprochen, obwohl ihm wie kaum einem anderen auch der Nobelpreis für den Frieden gebührt haben würde. Denn niemand anders als Winston Churchill hat die zivilisierte Welt vor dem sicheren Untergang durch die Na,zibarbarei bewahrt und damit erneut die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass eine neue eine bessere Welt des Friedens errichtet werde. Beinahe unübersehbar sind Aeaiter und Titel, die Churchill in seiner langen, von vielen Erfolgen gekrönten, aber auch an Enttäuschungen reichen politischen Laufbahn bekleidet und besessen hat. Churchill war das, was man mit einem Non.Konfor misten bezeichnet. Er war ein Mann eigener Prägung, eigenen Willens, eigener Gedanken und einzigartiger Bereitschaft. Wie in vielen an_ deren Fällen hörte man auf das Wort dieses Mannes erst, als die Gefahren an die Küsten Englands brandeten. Ais man ihn rief, begriff er woh1 als einziger oder einer der Wenigen die ungeheure, aber einmalige Aufgabe, die ihm gufiel: nicht nur Grossbritannien, sondern die ganze zivilisierte Welt vor der Sklaverei zu retten. Unbeirrbar hat er dieses Ziel verfolgt uni in seinem yielbäiidigen Geoohiohtswerk hierüber später berichtet. Churchill war zum Symbol der Freiheit geworden. Das war seine grösste, seine historische, eine einmalige menschliche Leistung: ein einziger Mann gab einer ganzen Welt das Selbstvertrauen, die Hoffnung, den Glauben an den Sieg und an die Freiheit wieder. Als alle schwankten, als andere zweifelten, als Euroi pa unter den vernichtenden ■ Schlägen der braunen Armeen zusammenbrach, als England ohne Verteidigung Stündlich den Angriff de« Feindes erwartete, wankte nur einer nicht: Churchill. Zu solchem Glauben und Mut. die ihn beseelten, gehört eine überragende menschliche Grösse. Das macht ihn unsterblich.! Churchill war mehr als; ein politischer .Führer*, als J ein Staatsmann, als ein Stra tege, als ein Politiker: er war in seiner Stunde, in dem Augenblick, wo es darauf ankam, zur Grösse eines Apostels der Freiheit, der Menschlichkeit, der Demokratie und d«r Hoffnung auf eine bessere Zukunft geworden. Churchill war von dem Glauben an die menschlichen Ideale erfüllt, ja so ergriffen, dass er selbst zu ihrem Symbol geworden ist Noch stand Russland an der Seite des Dritten Reiches, noch war Nordamerika neutral, schon war Frankreich besiegt und das übrige Europa ¡iberrannt, England war allein, Churchill war allein. Aber diese Einsamkeit und jene einmalige Verantwortung machten aus dom Politiker und Staatsmann Churchill den Bannerträger der Menschlichkeit. Vielleicht war ihm das Vertrauen des 1. Am 8. Februar 1920 schrieb der damalige britische Kriegsminister Winston Churchill im „Sunday Hera ld": „Wenn aber, was leicht sein kann, in unserer Zeit an den Ufern des Jordan ein Judenstaat unter dem Schutz der britischen Krone entstehen wird, der drei bis vier Millionen Juden fassen könnte, würde ein Fall in der Weltgeschichte eintreten, der in jeder Hinsicht eine Wohltat wäre und mit den wahrsten Interessen des britischen Reiches übereinstimmen würde." Das waren Formulierungen, wie sie für Churchill, diesen einzigartigen .nüchternen Idealisten“ oder idealistischen Realisten typisch gewesen sind. Politischer Weitblick verband sich mit menschlicher Wärme, die das viel geprüfte jüdische Volk inmitten von Verfolgungen im europäischen Osten aus diesen Worten herausspürte und die Hoffnung und Trost verlieh. Der auch von Churchill vorausgesagte Judenstaat ist erstanden; dass allerdings die Regierung der britischen Krone ihre feierlich iiberHonnnenen Pflichten vergessen würde', das hat auch ein Churchill nicht ahnen können. Wenn man diese politische Stellungnahme Churchills aus dem Jahre 1920 analysiert, so muss seine Formulierung „an den Ufern des Jordan“ auffallen. Wir berühren damit eine der ernsten Streitfragen, die in der Mandatszeit zu schweren inneren Konflikten geführt hat die aber vor allem die dem jüdischen Volk durch den Völkerbund zugestandenen Rechte begrenzte und den ersten Bruch der internationalen Verpflichtungen durch England dargestellt hat: die Abtrennung Transjordaniens vom Mandatsgebiet für die Errichtung der jüdischen Heimstätte. Auf dem umstrittenen Fall als solchen kann hier nicht in aller Breite eingegangen werden. Wiederum war es eigenen Volkes in dieser Notstunde und vor a’letn d:e Hoffnungen aller die Frei heit liebenden Menschen ein Halt, ein Ansporn, eine unsichtbare Hilfe, um die moralischen Kräfte zu entfalten. die nach Jahren von „Blut, Sehweiss und Tränen“ allen Völkern den Bieg brachten. — Demokrat der besten eng tischen Tradition, Real-Politiker und Schöngeist, Imperialist und Humanist, kühler Rechner und Künstler vereinigte Churchill durch seine Genialität diese vielen, konträren menschlichen Eigenschaften zu einer eigenarti. gen Harmonie. Ein solcher M-'inn musste ein Freund der jüdischen Renaissance sein, denn er erkannte das Lebensrecht des jüdischen Volkes an, dessen ungesund" Lage zu beseitigen er seine wertvolle Unterstützung lieh Er selbst bezeichne te sich Churchill, dem bei der Lösung des Konfliktes mit den arabischen Prinzen Frfisal und Abdullah die entscheidende Rolle zufiel und der kurzerhand aus dem transjordanischen Teil des Mandatsgebietes ein arabisches Emirat machte. IT. Der Jordan spielt in der Entwicklung des Landes, das er durchfliesst, eine überragende Rolle. Die Wasserfrage war für den Aufbau und die Entwicklung Palästinas vom ersten Augenblick eine der zentralen Fragen. Die berühmte Peel-Ko.nmission, die mit wissenschafthcner Gründlichkeit ihren Bericht über Palästina' im Jahre 1937 dem britischen Parlament vorgelegt hat, widmet der Bewässerung einen bre.ten Raum und unterscheidet vier Bewässerungsmöghch. keiten: Bewässerung durch Flüsse, Quellen, Brunnen und Behältnisse. Die Kommission kam zu der lapidaren Feststellung: „Der Jordan bietet die einzige Chance für Flussbewässerung“. Mit besonderem Nachdruck hat Prof. Chaim Weizmatm, der langjährige Präsident schon früh als einen Zionisten, was ihn allerdings als Kolonialminister nicht daran hinderte, einen grossen Teil des britischen Mandats gebieies Palästina, das den Juden durch die Balfour-Deklaration als Heimstätte versprochen und zugesiohert war, durch eine Handbewegung abzutrennen und ei nem arabischen Wüstenreiter zum Emirat zu geben, weil England in diesem Augenblick keine Konflikte wünschte. Mit ehrlichem Interesse und einer offenen Zuneigung hat Churchill den Staat Israel begriisst und war bis in die letzten Lebensjahre seiner Linie treu geblieben, ein aufrichtiger Freund der Juden zu sein. So wird der Namen Churchill als einer der grossen Förderer des jüdischen Freiheitskamofes auch in unsere Geschichte eingehen. — der Zionistischen Organisation und erste Staatspräsident Israels, immer wieder darauf hingewiesen, dass der jüdische Staat so gross sein, wird, wie ihn die Wissenschaft macht. Tatsächlich hat die Wissenschaft von den Anfängen der Kolonisation bis zum heutigen Tag eine nicht nur hervorragende sondern entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Landes in allen Phasen und auf allen Gebieten gespielt. Die wissenschaftliche Forschung und die technisohen Errungensehaften haben die Voraussetzungen und den äusseren Rahmen dafür geschaffen, dass durch die Dynamik und die Energie, den Fleiss und die Opferbereitschaft der Pioniere das öaniederliegende Land belebt wurde. Mit den einfachsten Mitteln wurde begonnen. Entsumpfung und Bewässerung des Landes und die hierfür so wichtige Aufforstung wurden zu den wesentlichen. Aufgaben des Jüdischen Nationalfonds erklärt der mit den Spargroschen der brei ten jüdischen Massen das Land ins Volkseigentum zurückkaufte und seiner Rekultivierung erschloss. Damit war die Frage der Bewässerung als eine allgemeine jüdisch-nationale Verpflichtung erkannt. Denn ohne Wasser gibt es kein Leben ohne Wasser gibt es kei ne Landwirtschaft. Die blühenden Felder und Gärten Israels legen den lebendigen Beweis drfür ab, was gerade auf diesem Gebiet geleistet worden ist. Die Notwendigkeit der Erschliessung der Wüste des Negew legte dem Staate Israel die utiausweichbare Verpflichtung auf. seine geringen Wasservorkommen auch diesem Zweck nutzbar zu machen. So entstand das Projekt der Wasserleitung aus dem Norden des Landes in den Süden. Ein phantastisches Projekt, an das die Welt nicht glaubte, das vor allen Dingen von Israels eifersüchtigen und feindlichen Nachbarn nicht für möglich gehalten worden ist Als sie jedooh erkennen mussten, dass dieser Plan keine leere Ankündigung bleiben würde, sondern in die Tat umgesetzt wird, begannen ihre politischen Kombi, nationen, Machenschaften und Drohungen, um dieses Porjekt zu verhindern. Die arabische Behauptung, durch die Umleitung der Jordanwasser werde arabisches Land der Dürre preisgeben, entspricht nachweislich nicht den Tatsachen. Bisher waren es übrigens nur die Araber, die Flusswasser abgelenkt haben. In der heutigen Situation und unter den jetzt gegebenen Bedingungen ist die Frage der Jordanwasser für Israel ein Lebensproblem erster Ordnung. Deswegen sind die arabischen Drohungen, auf libanesischem Gebiet die Jordan-Wasser in einer Weise zu regulieren, dass sie nicht mehr israelisches Territorium erreichen, sehr ernst zu nehmen. Die ent sprechenden Erklärungen des israelischen Ministerpr" siden. ten Levi Eshkol, der ein Mann des Friedens und des Aufbaus ist, müssen daher mit aller Aufmerksamkeit berücksichtigt werden. II. Im Rahmen der anti-israelischen Politik, die unter der Leitung Nassers von der Arabischen Liga oder von den Konferenzen der Ministerpräsidenten arabischer Länder betrieben wird, spielen zwei Faktoren bisher eine wichtige Rolle: die antiisraelische Hasspropaganda, die bei allen Regierungen und in den UN betrieben wird, sowie der Boykott, den die Araber über Israel seit seiner Entstehung verhängt haben. Immer wieder wird, gemeldet, dass gross* und weltbekannte Firmen sioh diesem Boykott - Verlangen der Arabischen Liga unter, worfen haben, kürzlich erst das holländische Weltunternehmen Philipps. Trotzdem ist es Israel unter erheblichen Schwierigkeiten gelungen, die ernsten Folgen, die ein solcher Boykott hallen muss, auf verschiedenen Wegen abzu wen den. Nach bald 17 Jahren müssen die Araber zu der Feststellung gelangen, dass ihre Boykott-Anstrengungen kei nesfalls zu dem gewünschten (Schluss auf Seite 1» EMPQERUNG SM HOLLAND Amsterdam. — Ehe Polizei untersucht einen Zwischenfall in dem Dorf Aalten, das dicht an der deutschen Grenze gele gen ist. Dort beschmier ten Attentäter die Man ern einer Synagoge mit Hakenkreuzen und der Inschrift „Holland ohne Juden“ Die gesamte Bevölkerung des Dorfes bekundete ihre Empörung über diesen Vorfall In Aalten wohnen nur zehn jüdische Familien. (ITA) WIE ICH ES SEHE An den Ufern des jotuui — -««" JEHUDA GOTTHEIMER Trauer um Winston Churchill Jerusalem. — Als die Nachricht vom Ableben Sir Winston Churchills eintraf, unterbrach das Kabinett seine Sonntags-Sitzung. Ministerpräsident Eishkol, dem in der Knesset dL Persönlichkeit des grossen Staatsmannes zu würdigen obliegt, gab mit einigen kurzen Worten der Trauer das Ereignis bekannt. Präsident Salrr.an Shazar sandte Beileidskabel an Königin Elisabeth von England und Lady Churchill. Eshkol kabelte an den englischen Premier Harold Wilson. London. — Der englische Board of Deputies sandte die folgende Botschaft: „Im Namen der jüdischen Gemeinschaft bedauert der Board of Deputies der englischen Judenheit zutiefst den Tod von Sir Winston Churchill, des unermüdlichen Verteidigers und Heiden der Freiheit, und spricht Lady Churchill und ihrer Familie sein aufrichtiges Mitgefühl aus.“ Die Marquise Eva von Reading, Präsidentin des englischen Sektors des Jüdischen Weltkongresses, sandte an Lady Churchill folgendes Telegramm: „Wir sind von dem Tod des grossen Freiheitshelden und Freundes der ganzen Menschheit tief erschüttert. Wir trauern mit Ihnen und Ihrer Familie.“ (ITA)