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Jüdische Wochenschau · 1964-12-04 · 2093 (4.12.1964) · p. [Seite 1]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
25 (1964)
Issue
2093 (4.12.1964)
Date
1964-12-04
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German, Spanish
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PUEYRREDON 2190 — 1? izq. JOiJeMjaMi^lkAiCijeiiic, T E. 83-2613 Ano XXV. BUENOS AIRES, VIERNES 4 1>E DICIEMBRE DE 1964 Nv 10 93 An Grausamkeiten iibertroffe Durch den vor dem Schwurgericht des Landgerichts in Düsseldorf gegenwärtig stattfindenden Strafprozess über das Ermordungslager Treblinka wird inhaltlich der Auschwitz-Prozess in Frankfurt a. Main an Grausamkeiten übertroffen soweit dies überhaupt möglich ist. Zehn ehemalige Unterführer der SS haben sich wegen Mittäterschaft bzw. Beihilfe an der Ermordung von über 700.000 Juden zu verantworten. Im Gegensatz zu den im allgemeinen feigen Angeklagten der sonstigen anderen KZ-Prozesse haben mehrere Angeklagte — die übrigens nicht von den sonst in SS- Prozessen tätigen Verteidigern vertreten werden — wenigstens endlich einmal offen ihre Schandtaten eingestanden. „Ja, etwa 200 Menschen werden es gewesen sein, die ich durch Genickschuss tötete", gab z. B. der angeklagte SS-Mann August Wilhelm Miete, an. Der ehemalige SS-Unterscharführer Willi Mentz gab zu, er habe etwa „200 kranke und gebrechliche Personen im Lagerlazarett erschossen“. Nur so. so hob er hervor, wäre ein „reibungsloser Ablauf“ der Mässentötung möglich gewesen. Die beiden angeklagten SS-Fiihrer schilderten, wie sich die Opfer vor die vorher von ihnen ausgegrabenen Gruben hinstellen mussten, dann von hinten erschossen wurden und in die Gruben fielen, die bereits mit früher erschossenen Menschen gefüllt waren. Der SS-Angeklagte Franz Suchomel erzählte wie er einen aus Warschau in Treblinka angekommenen Transport „abfertigen“ musste. „Die Ankömmlinge mussten binnen 45 Minuten nach ihrer Ankunft auf der Rampe in der Gaskammer sein, da. mit die ganze Organisation nicht durcheinanderkommt.“ Da die höhere SS-Fiihrung eine schnelle Durchführung der Ermordungen angeordnet habe, hätten die Gaskammern kaum ausgereicht, und es hätte Tag und Nacht „gearbeitet“ werden müssen. „Seien Sie nicht so sentimental“, erwiderte der Lagerleiter dem Suchomel, als er sich über den Dienst beschwert habe. Inzwischen wird versucht, im Lande Nordrhein-Westfalen das Verfahren gegen den Staatssekretär im früheren Reichsverkehrs - Ministerium, Albert Ganzenmüller wieder aufzurollen, den höchsten Verantwortlichen für die von Dr. ROBERT M. W. KEMPNER schnelle Transportierung der jüdischen Opfer von Warschau nach Treblinka. Vorläufig erhält er noch Pensionszahlungen von erheblicher Höhe, wie aus einer Anfrage des Abgeordneten Dr. Neuberg'er an den Landtag hervorgeht. Vorläufig hat noch keine Hauptverhandlung gegen diejenigen Beamten des Ribbentropschen Auswärtigen Amtes stattgefunden, die, wie aus dem Eichmann Prozess bekannt ist, ihre Zustimmung zur Durchführung der „Endiösung der Judenfrage“ gegeben haben. Sie sind gegen hohe Kaution in Freiheit. Dagegen wurde in Frankfurt a. Main nach einem längeren Hin und Her auf dem Flughafen der Angestellte Rudolf Thorn nach Eingrei. fen des Hessischen Ministerpräsidenten Dr. Georg August Zinn vom Dienst suspendiert. Als kürzlich ein hoher kirchlicher Würdenträger auf dem Flughafen ankam wurde er als „VIP“ von | einem Manne offiziell bej grösst, der ihm nicht unbe- | kannt vorkam. Er war der ofj fizieile Begriisser Rudolf; Thorn, zu Hitlers Zeiten Gestapobeamter in Frankfurt! und zuständig für die Verfolgung von katholischen Priestern und früheren Zenfrumsleuten. Er soll an der Verbringung eines Priesters in das KZ, und Quälereien an katholischen Widerstandskämpfern schuldig sein. Das Wiederauftauchen schwer belasteter Personen aus der Nazizeit beweist die Richtigkeit der These, dass die Verlängerung der Verjäh. i rungsfrist notwendig ist. Wäre diese heute schon afcgelaufen, — der Ablauf droht tatsächlich in etwa einem halben Jahr — so könnte gegen wiederaufgetauchte Verbrecher strafrechtlich nichts mehr unternommen werden. Inzwischen fand in Rendsburg in Schleswig-Holstein ein Treffen von rund tausend ehemaligen Angehörigen der Waffen.SS statt Ihre Hilfsorganisation HIAG versucht, günstige Fensionsbedingungen für di® Mitglieder der Waffen SS durchzudrückerg Sie geht davon aus, dass die sogen. Waffen-SS rnit der politischen SS — die sie für Unmenschlichkeiten verantwortlich macht. — nichts zu tun gehabt habe. Dies mag in einzelnen Fällen durchaus zutreffen, entspricht aber generell nicht einmal der Ansicht des Heinrich Himmler. Dieser hat die SS als einheitlichen politischen „Orden“ bezeichnet, dessen alleiniger Führer er war. Zum 90. Geburtstag des britischen Staatsmannes Sir Winstou Ch'irchill haben auch zahlreiche jüdische Persönlichkeiten und Institutionen ihre Glückwünsche zum Ausdruck gebracht. Während seiner hingen poli tischen Lauibahn hat sich Churchill immer für das Recht des jüdischen Volkes eingesetzt und wird damit auch in die jüdische Geschichte als eine der grossen Persönlichkeiten eingehen, die bei em Freiheitskampf der Juden um ihr Land mitgewirkt haben. Die politischen Umstände haben zu verschiedenen Epochen im Leben Churchills dazu geführt, dass er ais britischer Staatsmann eine Haltung einnehmen musste, die nicht immer mit den Zielen der Zionistischen Bewegung und dem Kampf um die Befreiung Palästinas übereinstimmten. Im Gegensatz zu vielen anderen verantwortlichen englischen Staatsmännern hat Churchill auch im Widerstreit jüdisch-englischer Interessen niemals die berechtigten Forderungen der Juden ausser Betracht gelassen. Churchill war der Mann, der in der schwärzesten Stunde der Menschheit, als jeder Widerstand gegen die Naziarmeen aussichtslos erschien, die Führung in seine Hand genommen hat und den Kampf aufnahm, der schliesslich zur Vernichtung des Dritten Reiches geführt hat. Ohne Zweifel ist Winston Churchül eine jener seltenen Persönlichkeiten, die vielseitige Begabungen zu einer bewundernswerten Harmonie verbinden. Staatsmann und Denker, Schriftsteller und Historiker Sports mann und Künstler hat Churchill in den entscheidenden Augenblick nicht nur politischen Weitblick bewiesen, sondern auch die ihm übertragenen Aufgaben mit einer beispielhaften Energie und einem mitreissenden Lebensmut durchgesetzt. — WIE ICH ES SEHE— " Die im Trüben fischen son JEHUDA GOTTHEMER i. In den letzten Wochen ha ben die arabischen Länder ihre bekannten anti-israelischen Aktionen wieder einmal in verstärktem Umfang aufgenommen. Alle Bemühungen, den Fortschritt und die Entwicklung Israels aufzuhalten, sind gescheitert. Trotz unzähliger Drohreden, die nicht nur von Nasser und dem Algerier Ben Bella gehalten worden sind, konnte die Festigung internationaler Beziehungen mit einer grossen Reihe befreundeter Staaten nicht gehemmt wer den. Die arabische Führung hat versucht, durch umfassende Boykottmassnahmen die israelische Wirtschaft niederzudriicken, was ein eindeutig nicht gelungen ist, obwohl der grosse Schaden, der hierdurch angerichtet wurde, nicht bestritten zu werden braucht. Zu welchen Schritten die heutigen arabischen Herren bereit sind, haben verschiedene Anlässe der Weltöffentlichkeit gezeigt, die zunächst erstaunt dann verwundert und schliesshch erschreckt von den Cowboy- Methoden Kenntnis nehmen musste, mit-denen das internationale Leben belastet wird. Es hat sich im Laufe der Hussein und Ludwig Erhard Bonn. — König Hussein von Transjordanien und Bundeskanzler Ludwig Erhard führten Gespräche, die wie man glaubt, entscheidend für die Mittelostpolitik der Deutschen Bundesrepublik sein dürften. Diese Unterhaltungen werden im Zusammenhang mit dem für kommenden März angesagten Besuch des Präsidenten Nasser in diplomatischen Kreisen als der Beginn einer Revidierung der deutschen Politik angesehen. Die westdeutsche Regierung wird von Israel zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen gedrängt. Bis. her hat Bonn sich in dieser Frage reserviert verhalten, weil es befürchtet, die arabischen Staaten könnten hierauf mit der Anerkennung Ostdeutschlands reagieren. Ein Sprecher, der Regierung umging die Fragen, ob Erhard und Hussein das Thema der diplomatischen Beziehungen mit Israel berührt hätten. Einige hiesige Beobachter vermuten, dass Westdeutschland in Erwägung zieht, die bittere Pille der Anerkennung Israels den Arabern durch finanzielle Hilfe zu versüssen, (ITA) i bald 17jährigen staatlichen Existenz Israels erwiesen, dass weder mit militärischen noch mit ökonomischen kriegsähnlichen Handlungen der von den Arabern erwünschte Erfolg einer Niederlage für Israel bisher erreicht wurde. Daraufhin haben die Araber mit Hilfe der umfangreichen, ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Mittel eine allgemeine Offensive gegen das jüdische Volk in der Welt gestartet, wobei sie mehrere Ziele . gleichzeitig zu verfolgen sich bemüht haben. Zunächst einmal wollten sie auf eine ganz neue, bis dahin nicht erprobte Weise die Aufmerksamkeit auf sich und die Stimmung gegen Israel lenken. Was in direkten Bemühungen gegen den Staat Israel nicht durchgesetzt werden konnte, sollte auf dem Umweg antisemitischer Hetze erreicht werden. Hatten doch die arabischen Propagandisten viele Jahre Zeit genug, von den Nazis und anderen Judenfressern zu lernen, wie leicht es ist, die Bevölkerung einiger Länder gegen die Juden anzustacheln, und auf welchen Wegen mit Hilfe des Antisemitismus politische Geschäfte gemacht werden können. Selbstverständlich wissen die Araber selbst, dass für einen Antisemitismus und für eine Feindschaft zwischen Juden und Arabern im Grunde auf keinem Gebiet Raum ist. Denn selbst in der sogenannten Palästinafrage wäre bei gutem Willen eine Verständigung auf friedlichem Wege möglich. Nie. mand kennt besser als die obersten Chefs der arabischen Völker die Möglichkeiten, zu einem Ausgleich mit den Juden zu "gelangen, und niemand weiss besser als sie, dass hierdurch ein ungewöhnlicher Aufschwung des gesamten Vorderen Orients eingeleitet werden würde. Aber man hat sich in der Wirrnis widerstreitender in. ternationaler Interessen verirrt und ist heute der Spielball der verschiedensten Machtfaktoren zwischen Washington, Moskau und Peking geworden, sodass es äusserst schwierig ist zu einer Normalisierung der Verhältnisse zu gelangen. Deswegen haben die Araber zu dem ganz ungewöhnlichen Mittel gegriffen, das andererseits naheliegend ist, Israel dadurch zu schwächen, dass sein .Hinterland“ angegriffen wird. Dabei haben die arabischen Agenten es geschickt verstanden, gewisse antisemitische Strömungen auszunutzen, zu züchten und zu finanzieren. Solches Wirken ist natürlich nur dann einigermassen aussichtsreich, wenn das zum Objekt gewählte Land eine Krise durchmacht oder vor sonstigen inneren Schwierig, keiten steht. Da sich der südamerikanische Kontinent in einer langen Evolution befindet, um seinen Uebergang zwischen landwirtschaftlichen ländern zum Zeitalter der Hochindustrialisierung zu finden, und von der Infiltration kommunistischer Gedankengänge und Einflüsse bedroht ist, meinten die arabischen Analytiker der augenblicklichen Situation mit ihren Propagandaslogans auf diesem Erdteil den ersehnten Erfolg zu haben. Sicherlich befindet sich alles im Zustand der steten Wandlungen, sodass es un. möglich ist, für alle Zukunft Diagnosen zu stellen. Wenn der Erfolg der arabischen (Schluss auf Seite 2) Arabischer Vertreter in den UN Algier. — Die offizielle Nachrichten-Agentur Al geriens gab bekannt, dass die Arabische Liga den Präsidenten Ben Bella beauftragt hat, ihre Position in der Palästina- Frage auf der diesjähri. gen Generalversammlung der Vereinten Nationen zu vertreten. (ITA) VERMEHRUNG VON KRlEGSVHtBREQIEN Dr. W.: — Die Regierung der Bundesrepublik hat alle Ratschläge und Ermahnungen in den Wind geschlagen, die Frist zur Verjährung der Kriegsverbreehen zu verlängern, um zu vermeiden dass Kriegsverbrecher nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können. Die Schrecklichkeit und Grausamkeit der von den Nazis begangenen Schandtaten hätte allein schon verbieten müssen, jemals überhaupt nur daran zu denken, dass es für solche Verbrechen und abgrundtiefe Schlechtigkeit irgendwann einmal eine Verjährung geben könnte. Aber die Bundesregierung war anderer Meinung. Sie hat eine Bekanntmachung erlassen, dass die Verjährungsfrist nicht verlängert werden könne. Selbstverständlich werden selbst nach dem Inkrafttreten der Verjährungsfrist Verbrecher vom Schlage eines Mengele oder Bormann nicht ausser Strafe gestellt, denn gegen sie sind längst Verfahren eingeleitet worden. Diea gilt für alle, gegen die Ermittlungen laufen, auch wenn man ihrer noch immer nicht habhaft geworden ist. Ausserdem hat man gegen verschiedene Verbrecherkomplexe Ermittlungsverfahren eingeleitet z. B. gegen die Verbrecher, die bei der Ausmordung eines Lagers oder Ghetto beteiligt sind. Wenn man erst einen oder zwei der Schuldigen festgesetzt oder festgestelit hat, während es bislang noch nicht bekannt oder sicher ist, welche weiteren Personen angeklagt werden müssen, so gilt in solchen Fällen das Verfahren auch gegen diejenigen als fristgerecht eingeleitet, die erst später — nach Fristablauf — festgestellt oder gefunden werden. Die Bundesregierung hat sich offensichtlich nicht sehr glücklich gefühlt, als sie eine generelle Verlängerung der Fristen ablehnte und jetzt einen Aufruf an die .Weltöffentlichkeit“ erlassen, bei der Auffindung und i Fahndung der von den Nazis begangenen Kriegs verbrechen mitzuwirken. Der Aufruf hat den folgenden Wortlaut: j „Die überwiegende Mehrzahl nationalsozialistischer Verbrechen ist durch allüerte und deutsche Gerichte abgei urteilt worden. Bei einer weiteren Anzahl von Straftaten, wurde die Strafverfolgung eingeleitet. Entschlossen, nationalsozialistische Verbrechen zu sühnen und verletztes Recht wieder herzustellen, fordert die Regierung der Bundesrepublik Deutschland angesichts der Tatsache, dass die Verjährung der vor dem 9. Mai 1945 begangenen Verbrechen aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht verlängert . werden kann, nunmehr alle Regierungen, Organisationen | und Einzelpersonen im In. und Ausland auf, in ihrer Hand; befindliches Material über Taten und Täter, die bisher in c'er Bundesrpeublik noch nicht bekannt sind im Original, in Ablichtung oder auf Mikrofilm der Zentralstelle der I-andesjuscizverwaltung zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewalttaten in Ludwigsburg Schorndorfsr Strasse 28, unverzüglich zur Verfügung zu stellen. Alle Vertretungen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland nehmen für die Zentralstelle bestimmte Materialien zur Weiterleitung entgegen.“ Interessant an der Formulierung dieses Appells ist die Behauptung, „die Mehrzahl nationalsozialistischer Verbrechen ist durch allüerte und deutsche Gerichte abgeurteilt worden“. Allerdings ist diese Behauptung durch nichts bewiesen. Vielmehr dürfte es richtiger sein, umgekehrt zu formulieren. Denn die grosse Masse der Verbrechen wurde nicht gesühnt. Die deutsche Regierung möge die Zahl der Abgeurteilten bekanntgeben, unabhängig da von zu welchen Strafen sie verurteilt wurden. Und dann soll sie behaupten, dass diese paar hundert oder paar tausend Verbrecher allein in der Lage waren, Millionen Menschen za ermorden. Auch wäre es interessant, einmal ein Wort über die sogenannten .Schreibtisch-Mörder“ zu erfahren. Werden diese Herren unter die Verjährung fallen, z. B. Globke? Diese Schuld and dieses Odium will die Regierung nicht vom Volke nehmen und auf diese Weise kommende Generationen belasten? — Eine letzte Frage sei in diesem Zusammenhang aufgeworfen. Beinahe zwanzig Jahre hat man gebraucht, um einen solchen Aufruf kurz vor Toresschluss herauszugeben. Was verspricht m in sich davon? Ober meint mau in Bonn, es sei genug, den anderen Völkern Sand in die Augen zu streuen indem man solche Appelle herausgibt’ — Diese Aktion entbehrt der Ernsthaftigkeit, was mit Bedauern festzustellen ist. — i$l

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