Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2085 (9.10.1964)
- Date
- 1964-10-09
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Ein 3§eisier tÍ€»s Wrow*tes Es gibt Schriftsteller, die man schätzt. Dichter, die man liebt, und Autoren, zu denen man sich bekennt. Der Autor, zu dem man sich bekennt. umfasst die beiden ersten Kategorien: sein Werk ■wird geschätzt und geliebt, aber mehr als dies, durch sein Wort werden wir auf unsere Existenz hin angesprochen und zu Entscheidungen im Geiste und im Leben aufgerufen. Max Brod gehört für viele von uns zu den ganz wenigen zeitgenössischen Autoren, zu denen wir uns vorbehaltlos bekennen können: menschlich und jüdisch, literarisch und weltanschaulich. Max Brod hat in seiner Jugend nur ein Werk geschrieben, welches er ,,Ein Bekenntnisbuch“ im Untertitel benannte. Es war dies sein vor über vierzig Jahren erschienenes philosophisches Buch: ..Heidentum, Christentum, Judentum“. In diesem Buch legte der junge Dichter und Denker sein Bekenntnis zum Judentum ab, aber in einem tieferen und wesentlichen Sinne sind eigentlich alle Bücher Max Brods Bekenntnisbücher. Der Dichter und Denker bekennt sich in ihnen zu einem jüdischen Humanismus, den er in seinem Leben verwirklicht hat. In seiner 1960 erschienenen Autobiographie nennt Max Brod dieses sein Leben „Streitbares Leben“. Wer den Menschen Max Brod, diesen ausserordentlich gütigen und liebenswürdigen Zeitgenossen, kennt, ist vielleicht erstaunt, über diese Kennzeichnung, denn Streit im trivialen Sinne ist diesem konzilianten Manne völlig wesensfremd. Aber dieses Wort will hier, mit einem anderen spezifischen Gewicht versehen, verstanden werden: Streit oder Kampf um Wahrheit ist das Motorische im Leben Max Brods gewesen und geblieben. Es ist ja kein Zufall, dass die grossen Gestalten seiner berühmten hi storisehen Romane: Tycho Brahe, Reubeni, Galilei und Jesus von Nazareth (,,Der v»n SCHALOM BEN CHORIN Meister“), in einer Tetralogie „Kampf um Wahrheit“ zusammengefasst sind, und eigentlich gehört auch die Biographie Heinrich Heines mit in diese Reihe der Brodschen Darstellungen der Wahrheitssucher. Der Antipode der der Wahrheit Verpflichteten scheint mir in Brods ausgebreitetem Werke die schillernde Gestalt des „Armen Cicero“ zu sein. Streitbar war Max Brods Leben in einem Bereich, der den Streit heiligt: im Reiche des Geistes, wie es in den Sprüchen der Väter heisst- .Jeder Meinungstreit, der um des Himmels willen geführt ■wird, hat am Ende Bestand.“ So zieht sich etwa durch dieses Leben die tiefgehende Auseinandersetzung mit Franz Werfel, der ja zu Brods literarischen Entdekkungen gehörte. Während Werfel mehr und mehr zum Christentum tendierte, vertiefte Max Brod sein jüdi- ■ sches Bekenntnis, das für ihn von der zionistischen Verwirklichung im Lande Israel nicht zu lösen ist. Ater auch mit seinem genialen Freunde Franz Kafka, den die Welt nur durch Max Brod kennt, führte Brod einen überaus seltsamen Streit, nämlich den um den Bestand von Kafkas Werk. Bekanntlich hat Kafka verfügt, dass sein Nachlass verbrannt werde. Zugleich aber hatte er diesen Nachlass seinem besten Freunde Max Brod vermacht. Und dieser hatte ihm eindeutig erklärt, dass er niemals das so hoch geschätzte Werk des Freundes vernichten würde. Wenn Kafka also wirklich auf der Vernichtung bestanden hätte, hätte er sein dem Untergang geweihtes Werk entweder selbst vernichten oder es in andere Hände geben müssen Nach dem Tode Kafkas begann wiederum ein Streit oder Kampf um die Anerkennung des unbekannten und verkannten Genies. Es ist in der Literaturgeschichte wohl einmalig, dass ein so produktiver und an Einfällen über- OLAMENU“ TEL AVIV POB 3002 ISRAEL NEUERSCHEINUNGEN DES VERLAGES GOLD: Geschichte der Juden in der Bukowina l.f Groesoktavformat — 180 Textseiten — 42 Bildertafeln 239 Illustrationen GOLD: Geschichte der Juden in der Bukowina II., Grossoktavformat — 232 Textseiten — 51 Bildertafeln 457 Illustrationen Ganzleinenband $ 20.00 — Luxusausgabe $ 35.00 SUBSKRIPTIONS-EINLADUNG GOLD: Geschichte der Juden in Wien I., Hauptredaktion: Dr. Y. L. Bato, Dr. N. M. Gelber ERMAESSIGTER SUBSKRIPTIONSPREIS: Vor Erscheinen $ 15.—, nach Erscheinen $ 25.— BILDPROSPEKT KOSTENLOS DURCH: Edition „OLAMENU“ TEL AVIV, P.O.B. 3002, ISRAEL Alle Publikationen erscheinen in deutscher Sprache Die Preise sind in U$A-Dollar angegeben. Ganzleinenband $ 20.00 — Luxusausgabe $ 35.00 reicher Autor wie Max Brod wertvolle Jahre seines Lebens und die ganze Fülle seiner Energie der Erschliessung des Werkes eines anderen gewidmet hat. Max Brod hat Kafkas Durchbruch erkämpft, aber dieser eindeutige Sieg löste wiederum eine Kette von Kämpfen aus. Ganze Schulen bildeten sich, die sich gegen die Interpretation Kafkas durch Max Brod stellten und ihm, dem einzigen Menschen, der Kafkäs verschlüsselte Stenographie zu entziffern vermochte und die Romane, Novellen. Skizzen Tagebücher und Briefe Kafkas für die Weltliteratur sicherte, ein Missverstehen Kafkas vorwarfen. Mit menschlicher Gelassenheit, aber geistiger Schärfe trat Brod in diesen Kampf ein, um das Bild des Freundes, wie es sich ihm in Werk und Leben erschloss, zu bewahren. In der authentischen Interpretation Brods, wie sie in der Kafka-Biographie und in den Schriften „Franz Kafkas Glauben und Lehre“ und „Franz Kafka als wegweisende Gestalt“ zum Ausdruck kam, ist Kafka kein Nihilist und Pantragist, sondern ein gläubiger Mensch, der noch in der letzten Gottverlassenheit der Möglichkeit des Wunders, der Rettung durch Gnade, der Ueberwindung der Einsamkeit offenbleibt. Bedenkt man, dass die wenigen Freunde des Prager Kreises, die Kafka persönlich kannten und heute noch unter uns weilen, im wesentlichen der Deutung Brods zustimmen, so muss der unbefangene Betrachter überaus skeptisch werden gegenüber den oft verstiegenen Kafka- Interpretationen, wie ¿ie heute von Katheder-Philosophen und Literarhistorikern in West und Ost vertreten werden. Die literarischen Kontroversen um Kafka, die Max Brod wie ein Schatten seit Jahren folgen, haben aber nicht die eigene Produktionskraft des Dichters zu lähmen vermocht. Neben der schon erwähnten umfangreichen Autobiographie hat uns Brod auch in den letzten Jahren eine Fülle von eigenen Schöpfungen geschenkt, die sein so überaus ausgebreitetes und vielschichtiges Werk nach allen Richtungen hin ergänzen. Seit einem Vierteljahrhundert lebt Max Brod in Israel, in dem Land, für das er als Zionist schon seit Jahrzehnten gewirkt hat. Am 14. Mai 1939, wenige Stunden vor der Besetzung der tschechoslowakischen Republik durch Hitler, verliess er mit seiner Frau, die nicht mehr unter uns weilt, Prag mit dem Reiseziel Erez Israel, wo er wenige Tage später ankam. In Tel Aviv wirkte er dann, wie noch heute, als Dramaturg der Habima und als Musikkritiker der „Jediot Chadaschot“. Er hat im Lande tiefe Wur zeln geschlagen, auch die hebräische Sprache ist ihm zugewachsen; schon als Dreissigjähriger schrieb er ja ein Gedicht „Hebräische Lektion“, und ein grosser Teil seiner Werke ist in hebräischer Uebersetzung in Israel erschienen. Max Brod war auch der einzige nicht hebräisch schreibende Schriftsteller, dem der Bialik-Preis der Stadt Tel Aviv zuerkannt wurde. Trotz dieser fraglosen Verbundenheit mit der Heimat seiner Wahl und seines jüdischen Schicksals blieb er der Atmosphäre seiner Geburtsstadt Prag innerlich tief verbunden. Der Roman „Rebellische Herzen“ (1957) hat noch einmal in einem gross angelegten Gemälde das Panorama Prags und der Prager Journalistik und Redaktionsphäre heraufbeschworen. Die geliebte Stadt bildet auch den Hintergrund der rührenden Novelle „Jugend im Nebel“ (1959), und seinen weitgehend autobiographischen Roman „Die Rosenkoralle“ (1981) nannte er selbst im Untertitel ,,Ein Prager Roman“. Prag bildet auch den Hintergrund der spannenden Biographie des Textdichters Kare! Sabina, der das Libretto zu der tschechischen Nationaloper „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana verfasst hat. Diese zwiespältige Gestalt hat Max Brod (1962) der Vergessenheit entrissen. Eine alte Dankesschuld gegenüber einem verehrten Zeitgenossen trug Max Brod in seinem Roman ..Mira“ (1958) ab, denn im Hintergründe steht hier die Gestalt des Dichters Hugo von Hofmannsthal. Mit „Mira“ hat Max Brod noch einmal eine der unvergesslichen Frauenge stalten geschaffen, an denen sein Werk so reich ist, von „Die Frau, nach der man sich sehnt“ bis zu Carola, der Mädchenname, in „Die Frau, die nicht enttäuscht" und dem unvergesslichen „Annerl“. In dem Roman „Mira“ findet sich das Bekenntniswort: „Was immer man anpackt, man muss dafür sterben können, sonst gilt es nicht“. Hier zeigt sich diese unerbittliche Streitbarkeit in den letzten Dingen, die sich im Leben Brods mit einer scheinbar nachgiebigen Hai tung vereinigen lassen. Im Unwesentlichen elastisch, im Wesentlichen aber felsenfest. Was ist das Wesentliche im Leben und Werk dieses Dichters und Denkers? Es ist das Bekenntnis zum Guten trotz der Erkenntnis des Bösen. Brod idealisiert den Menschen nicht, und doch weiss er, dass wir im Akt der Entscheidung zum Guten Kräfte in uns entfalten können, die uns erheben. In einem frühen Gedicht schrieb er: „Etwas, was in uns allen ist, Wird dich höher tragen!“' In seinem leider viel zu wenig beachteten philosophischen Hauptwerk „Diesseits und Jenseits“ hat Max Brod klar Umrissen, was in uns ist und uns höher zu tragen vermag, die Möglichkeit zur DSC — diruptio structuare causarum: die Durchbrechung der Kausalstruktur. Die Welt ist ein Kampf aller gegen alle, — nicht nur die Menschenwelt, auch die Natur. Selbst für den Weltraum gilt das Recht des Stärkeren. Der Mensch aber hat die Freiheit zum Guten; er allein kann die Kausalstruktur der Macht im Akt der Liebe, die sich dem Schwächeren zuwendet, durchbrechen. Damit kann er das überwinden, was Max Brod in seinem ersten Bekenntnisbuch „unedles Unglück" genannt hat. Das edle Unglück, das Verfallensein des Menschen an Tod und Vergänglichkiet, der tragische Abstand zwischen Schöpfer und Geschöpf, kann von uns nicht überwunden werden. Aber im innermenschlichen Bereich ist die Möglichkeit der „DSC“ gegeben, wobei wir wissen müssen, dass die gute Tat einen Verstoss gegen die Weltordnung darstellt: „Es ist unmöglich. Mensch zu sein, dennoch bleibt uns nichts anderes übrig.“ (Max Brod, Eine Königin Esther 1918). Diese Haltung des „Trotzdem“ wurde für Max Brod die Quintessenz seines Judentums. Während das Heidentum, in seiner Sicht, einem Optimismus huldigt, der grundsätzlich alles Uebel als überwindbar ansieht, und das Christentum einem „Pantragismus“, der dem Menschen die Möglichkeit zur guten Tat eigentlich raubt und ihn RATlIRi Geschichte einet Marranen und Diamantnehandel sind für viele Juden die einzigen oder die wesentlichen Gesichstpunke, die sie mit jüdischem Leben in Antwerpen in Verbindung bringen. Ueber die Vergangenheit und die Geschichte dieser wichtigen belgischen Hafen- und Handelsstadt und vom wechselvollen Geschick und der Struktur ihrer jüdischen Gemeinde, jedenfalls bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges reichend, kann die Informations- oder Wissenslükke bei denjenigen nunmehr geschlossen werden, die flämisch oder, hilfsweise, holländisch zu lesen verstehen; jetzt liegt eine flämisch geschriebene „Geschiedenis van de Joden in Antwerpen“ (Verlag S. M. Ontwikkeling, Antwerpen, Ende 1963) vor. Sie ist verfasst von Ephraim Schmidt, Antwerpen, und eingeleitet von dem (1880 in Riga geborenen emeritierten Rechtslehrer an der Reichsuniversität Gent, Professor Dr. Nico Gunzburg. Nach den dem Werk beigegebenen bibliographischen Notizen zu urteilen, ist das Buch das erste seiner Art, weil eine eigentliche, zusammenhängende Geschichte der Juden Antwerpens bisher nicht vorhanden gewesen zu sein scheint. voh Dr. E. G. LOWEM jüdische Gemeinschaft stand bei der Bevölkreung der Stadt und auch im Ausland in gutem Ansehen und vermochte sich durchzusetzen. Selbst die Massnahmen des spanischen Statthalters, des tyrannischen Herzogs Alba (1507 bis 1582), konnten nicht viel ausrichten. Ende des 16. Jahrhunderts ist in offiziellen Schrift heims}'na?°¡ Zwischen lebte die £ der österre» sehe und h< scb&ft. Wä strat mit Österreich^ den Verbleib fen musste, \ DREI EPOCHEN Sie beginnt, was der Verfasser im Vorwort betont, nicht früher als mit dem Jahre 1255, auf das ein jüdischer Grabstein hinweist, und endet mit 1944 — leider; denn man hätte sich gewünscht, bei dieser Gelegenheit über den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde, zu der Anfang 1940 über 50.000 Menschen gehörten und die jetzt wieder etwa 4.000 (mit mehreren Synagogen und Betsälen, Schulen und kulturellen und sozialen Einrichtungen) zählt, ein wenig unterrichtet zu werden. Bis 1830, als Belgien seine Unabhängigkeit erhielt, war in Antwerpen die Zahl der Juden gering. Wohl waren, als Folge der spanischen Inquisition, Juden — als Marranen — schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts ln die Stadt gekommen. Sie erwarben Aufenthaltsrecht und Arbeitsbewilligung. Spannungen mit der Umwelt, insbesondere mit Bischöfen, blieben zwar nicht aus, aber die kleine, wirtschaftlich tüchtige ANNA TICHO (Israel)-. Gfkbte Stm fefi R; passiv auf die Gnade Gottes verweist, ist nach Max Brod das Judentum die Position zwischen diesen Extremen, „das Wagnis der Mitte“ (Felix Weltsch): gegenüber dem edlen Unglück — bleibt es passiv, findet sich also mit Tod und Vergänglichkeit ab, gegenüber dem unedlen Unglück aber (soziales Unrecht, Krankheiten usw.) ist es voll aktiv. Diese Haltung, die nach Max Brod das Judentum auszeichnet, ist natürlich nicht auf das Judentum beschränkt. Immer wieder fühlt sich der Dichter angezogen von Gestalten der Geschichte, die den Kampf gegen das unedle Unglück auf ihr Banner geschrieben haben. So widmete Max Brod gerade jetzt mehrere Jahre dem Stu- Schenkt Euren Kindern BUECHER IN SPANISCHER SPRACHE AUS DEM VERLAG EDITORIAL CANDELABRO — Pasteur 341 dium der Werke des Humanisten Reuchlin, der ein Fürsprecher des Judentums in der Renaissance wurde und gegen Verleumdung und Verunglimpfung des Talmud aufgetreten ist, so das unedle Unglück des Antisemitismus in seiner Zeit bekämpfend. Der grosse Kreis der Leser, Verehrer und Freunde Max Brods erwartet mit Ungeduld dieses Werk. Max Brod hat die Gestalt Reuchlins, eines grossen Humanisten, zum Gegenstand seiner Forschung und Darstellung gewählt, — und «Ües nicht von ungefähr, denn der Autor selbst ist eine Verkörperung des Humanismus in unserer Zeit, die so sehr einer Betonung des Humanen bedarf. Brods Humanismus ist, w’ie der Martin Bubers, ein „gläubiger Humanismus“, und im Bekenntnis zu diesem gläubigen Humanismus bekennen wir uns zu Max Brod als einem der überzeugendsten Vertreter dieser so selten gewordenen Geistes¬ und Lebenshaltung in unserer Zeit. ** Dan i 1,82 für oesi “to n , I; Unter m 1 ia gs ^iüaiich in * ^tornaj., ni mit Sy* Sj?5 li® JABsp Der r'i“;; ¡A« ¿'22