Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2085 (9.10.1964)
- Date
- 1964-10-09
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9616703-9614256-9614666--3544-9614667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
\ > PUEYRREDON 2190 — 1” iza. £& JkmxÁn&JMXÁeüía T. E. 832613 Año XXV. BUENOS AIRES, VIERNES 9 DE OCTUBRE DE 1964 N? 2085 Die Araber und das Konzil Als man einen bekannten katholischen Priester, der die antisemitischen Aktionen in Südamerika inspiriert, danach fregte, wie er seine antijüdische Haltung rechtfertige, wo doch der Papst das jüdische Volk von der Anklage des Gottesmordes freisprechen wolle, entgegnete er: das würde niemals geschehen. Der bisherige Verlauf des II. Vatikanischen Konzils gibt ihm offensichtlich recht. Inzwischen haben die jüdischen Weltorganisationen in einem gemeinsamen Beschluss; erklärt, in keiner Weise intervenieren zu wollen, da es sich um ein internes Problem der Kirche handelt. Es steht zu erwarten, dass alle Juden sich an diesen Beschluss halten, und dass alle — noch so gut gemeinten — Einzelaktionen unterbleiben. von B. B. SAMUEL Ländern ganz deutlich erklärt, dass eine positive Einstellung zu den Juden und eine Freisprechung des jüdischen Volkes, — auch nur der heute lebenden Juden —, Unwillen in den arabischen Ländern hervorrufen würde. Dass es sich hierbei ausschliesslich um politische Rücksichtnahmen handelt ist eindeutig. Die Bischöfe in den arabischen Ländern haben vermieden, religiöse Bedenken vorzutragen; sie h"ben sich bewusst darauf beschränkt, von dem Unwillen ,der arabischen Völker“, also von der möglichen Position ausserkirchlicher Kräfte, zu sprechen. Damit wird nur noch evidenter, in welchem Umfang politische Rücksichtnahmen die Entscheidungen des Konzils beeinflussen. Die verschiedenen kirchlichen Kreise, die gegen eine Revision der katholischen Stellungnahme in der jüdischen Frage sind, motivieren ihre Einstellung verschieden, sind sich aber im Endergebnis durchaus einig. Gerede in den letzten Tagen hat eine arabische Zeitschrift heftige Angriffe gegen Papst Paul VI. gerichtet, der gute Beziehungen mit den Juden anstreben würde und sogar für die verfolgten russischen Juden gebetet habe. Für die Araber würde er dagegen nicht beten, obwohl Araber und Christen in Israel verfolgt werden. Man könne die Einstellung des Papstes unklar aus seiner westlich orientierten Haltung erklären, aus seinen guten Beziehungen zu den USA, die im übrigen eine eigene Religion haben und Israel beschützen würden. Die amerikanischen und kanadischen Kardinale aber, die eine neue Haltung gegenüber den Juden unterstützen würden, stünden ohnehin unter zionistischem Einfluss.... Schon an diesen Aesserungen der in arabischen Ländern stationierten hohen geistlichen Würdenträger und dem offenen Druck der arabischen Länder auf das Konzil durch mannigfache Kanäle und nicht nur durch Zeitschriften kann man unschwer erkennen, dass bei den Beratungen über eine Korrektur der kichlichen Haltung gegenüber den Juden politische Erwägungen in den Vordergrund gespielt wurden. WIE ICH ES SEHE — Die Religion der Gottlosen -.- ■ -von JEHUDA G0TTHE1MER An „Verbrüderung“ kann man denken, wenn die Katholische Kirche einen ersten, entscheidenden Schritt in diese Richtung getan hat. Im übrigen sind die katholischen Priester immer bereit gewesen, diese Verbrüderung zu pflegen, wenn die Juden sich taufen lassen. Dann wechselt der ehemalige Jude als nunmehr Getaufter aus den Reihen der (verfolgten) Gottesmörder in die Schar der Geläuterten über und ist seine Schuld losgeworden. Um diesen Preis haben oder hatten sich Juden zu allen Zeiten, und nicht erst im 20. Jahrhundert, ihr Entreebillet in den Frieden der christlichen Gesellschaft erkaufen können. Aber die Juden haben es stets vorgezogen, die Scheiterhaufen zu besteigen, um ihrem Glauben, ihrer Tradition, ihrem Volke und ihren Vätern treu zu bleiben. Auf dem Konzil wird immer wieder unterstrichen, dass es sich bei der Neufestlegung der Haltung gegenüber den Juden um eine rein religiöse Frage handeln würde. Allerdings sollte es sich bereits im vergangenen Jahre deutlich zeigen, dass dies vielleicht die Wunschvorstellung einiger Geistlichen sein mag, die wie der Kardinal Bea einen Kampf um die Gerechtigkeit führen. Starke politische Einflüsse machten sich alsbald geltend, die bisher die Oberhand behielten. So glaubt offensichtlich die lateinamerikanische Kirche auf dem Standpunkt verharren zu müssen, um keine Berichtigung früherer Vorstellungen oder Doktrinen vorzunehmen. Die breiten Massen, die heute allgemein einer echten Religiosität ermangeln, könnten den Schluss ziehen, dass die Kirche sich nicht allein in der Judenfrage, sondern auch in anderen Hinsichten geirrt haben könnte. Hierdurch würde die Autorität der Kirche und des sie beherrschenden Klerus erschüttert werden. Dass eine solche Einstellung mit religiösen Problemen nichts mehr zu tun hat, ist klar. Hier werden ganz allgemeine politische Betrachtungen vorgenommen, die jeden anderen Gesichtspunkt zurückdrängen. Selbstverständlich werden derartige Gedankengänge nicht offiziell mitgeteilt. Das liegt sozusagen in der Natur der Sache. Demgegenüber haben die Bischöfe in den arabischen Offensichtlich durch die Wiedereröffnung der Beratungen des Oekumenischen Konzils angeregt, hot die Diskussion über religiöse Zeitfragen und allgemeine Probleme in den letzten Mona ten neue Impulse erhalten. In langen und bemerkenswerten Ausführungen hat der katholische Schriftsteller und Politiker Walter Dirks, Mitherausgeber der Frankfurter Hefte, unter dem Titel „Bittere Frucht“ und dem erläuternden Nachsatz „Der Bolschewismus und die Geschichte des Christentums“ zu einem Thema Stellung genommen, das nicht nur die Christen oder die Kommuni sten, sondern alle an den geistigen Strömungen unserer Zeit interessierten Kreisen beschäftigen dürfte. Zunächst fragt der zitierte Autor, was ,wir mit dem Bolschewismus zu schaffen“ haben, um dann sich selbst die Antwort zu geben, dass der Bolschewismus für das christliche Abendland von 1917 an bis in die letzten Jahre hinein „satanische Macht, die Gegenkirche, die Satanskirche“ gewesen ist. Dieses drastische Gefühl habe sich dann in den letzten Jahren abgeschwächt, man habe sich an das Sowjetregime gewöhnt, es sei Tauwetter in Moskau eingetreten, aber auch durch die menschlichen Konturen der Gestalt Krutschews, durch Gewöhnung, durch konkrete Kontakte, Gespräche und Verträge sowie durch den Besuch, den der Schwiegerson Krutschews, Adschubej, beim Papst Johannes XXIII. abgestattet hat, sei eine Entspannung bemerkbar. Man solle auch nicht übersehen, dass inzwischen an die Stelle des immerhin schon bekannten Sowjetregimes das unbekannte, undurchdringliche China als der unerbittliche Gegner des Westens aufgetreten sei, eine Entwicklung, durch welche Russland verständliche, menschliche, ja abendländische Züge anzunehmen beginnt. Im weiteren Verlauf dieser Ausführungen wird unterstrichen, dass bei allen möglichen Schwankungen in der Bewertung der sowjetischen Macht und russischen Politik „die Sowjets Ketzer und Schismatiker: Irrgläubige und Abtrünnige“ für den Katholiken waren und bleiben. Ketzer und Abtrünnige seien aber keine Teufel sondern Menschen, die nach dem Konzil als Halb - Christen oder getrennte Christen den wahrhaft Frommen nahestehen ... Tyl kurzen Zügen entwirft Dirks ein Bild der Entwicklungsgeschichte der russischen Christen. Er erwähnt die erste grosse Spaltung durch Konstantin, der nicht nur die weltliche, sondern auch die geistliche Macht von Rom nach Byzanz verlagerte und Byzanz zum ,.zweiten Rom“ machte (Griechisch - katholische Kirche). Allmählich habe sich dann die russische Kirche entwikkelt, und Moskau sei zum „dritten Rom“ geworden. DE GAULLE UND DIE ABARER Paris. — Die arabischen Länder haben sich entschlossen, ihre Beziehungen zu Frankreich zu verbessern. Sie h 'ben König Hussein von Transjordanien beauftragt, sie in dieser Sache zu vertreten. Hussein wird im November zu einem offiziellen Besuch nach Paris reisen und mit Präsident de Gaulle konferieren. Wie für gewöhnlich gutinformierte Quellen berichten, unter ihnen die tunesische Zeitung „Jeune Afrique“, betrachten die Araber General de Gaulle als den westlichen Staatsm-nn, der am wenigsten gegen die Araber eingenommen ist. (ITA) Das Erbe des zweiten Rom sei kaum geändert worden. „Die Weltlosigkeit der russisch-christlichen Religiosi- | tat, die sich freilich bruchlos j mit viel naiver bäuerlicher; und adeliger Weltlichkeit | verband, geht auf die Theologie von Byz nz und damit auf das Schisma (Spaltung) von 1054 zurück“, wo sich Byzanz von Rom losgelöst hatte. Dem späteren Bolschewismus sei aber die besondere, vom Westen abweichende Entwicklung der russischen Kirche zugute gekommen. Denn in Russland habe es nicht den ausgeprägten Kampf zwischen der Kirche und den Z'ren gegeben, der für eine lange Entwicklungsepoche des Westens charakteristisch gewesen ist, als der Papst und der Kaiser um die Hegemo- I nie auch auf weh liebem Gebiet stritten. Zumindest im Volksbewusstsein war der Zar immer ziurFw'-1 'i»”Ni''h- ’ ste geistige und geistliche Die Juden in der Welt New York. — Die Zahl der Juden in der Welt betrug schätzungsweise gegen Ende des Jahres 1963 insgesamt 13.100.000. Hiervon lebten in den Vereinigten Staaten, Russland und Israel ungefähr 75 Prozent, wie die im Jahrbuch des American Jewish Committee veröffentlichte Statistik ausweist. Nach diesen Ziffern wird die jüdische Gemeinschaft in USA auf 5.600.000 geschätzt, von denen fast die Hälfte im Staat New York mit 2-381.000 Juden im Gebiet von New York und Vororten wohnt. Die zweitgrösste jüdische Kollektivität lebt in Sowjetrussland mit etwa 2.400.000 Seelen, wie man schätzt. Hierzu kommen noch 320.000 Juden in anderen Ländern des sowjetischen Blocks. Die jüdische Bevölkerung Israels figuriert an dritter Stelle mit 2.143000 Seelen. Nur vier weitere Länder besitzen eine jüdische Bevölkerung von mehr als 200.000. Dies sind Frankreich mit 500.000, Grossbritannien mit 450.000, Argentinien mit 450.000 und Kanada mit 250.000 Juden. Andere grosse jüdische Gemeinden gibt es in Brasilien; 130000, in Südafrika: 116.000, Marokko: 100.000 Iran: 80.000 und Australien: 67.000 Juden. (ITA) Eine jüdische Erklaerung New York. — Die Leiter bedeutender jüdischer nationaler und internationaler Institutionen haben eine „gemeinsame Erklärung an die jüdische Gemeinschaft“ abgegeben, in der sie die Hoffnung aussprechen, dass das Oekumenische Konzil auf seiner Tagung in Rom einen Beschluss fassen wird, um „auf wirksame Weise den Antisemitismus und alle Quellen für Vorurteile“ zu beseitigen und „einem besseren Verständnis zwischen allen Völkern den Weg zu ebnen“. Anlass zu dieser Erklärung gaben die Debatten auf der dritten Sitzung des Kirchenkonzils über die vorgeschlagene Deklaration zu den katholisch-jüdischen Beziehungen. Die Erklärung besagt, dass die Juden historisch „die Träger einer besonderen religiösen Verpflichtung gewesen sind“, und dass „selbst unter dem grössten Druck ihnen kein Opfer zu gross war, um ihren einzigartigen Ch rakter zu bewahren“. Im weiteren heisst es: „Die Sorge um das gemeinsame Schicksal aller Menschen ist tief in unserem geistigen Erbe verwurzelt. Daher stellen wir mit Genugtuung die Entwicklung des Wachstums harmonischer Beziehungen zwischen den grossen Religionen fest, die in lebenswichtigen humanitären Fragen neue Positionen beziehen und gemeinsame Schritte beschliessen. Der ständig zunehmende Kontakt unter den Völkern der modernen Welt hat neue Dimensionen auch in den menschlichen Beziehungen geschaffen, an denen die Juden in vollem Masse Anteil haben. Der Jude steht heute wie in der Vergangenheit fest zu seiner geschichtlichen Verpflichtung und ist entschlossen, seinen Glauben und sein Erbe zu bewahren. „Es wäre unschicklich für die jüdische Gemeinschaft, die nicht zum Christentum oder der ökumenischen Bewegung gehört, Vorschläge zu den auf dem Konzil behandelten religiösen Doktrinen anzubieten. Aber es ist unsere Hoffnung, dass dieses Konzil die harmonischen Beziehungen zwischen den Weltreligionen fördern wird durch seine Bemühungen, nach Lösungen für die Probleme der Menschheit zu suchen. Alle Menschen guten Willens fühlen sich ermutigt durch die auf diesem Konzil laut gewordene Erkenntnis, dass gewisse kirchliche Lehren verschiedentlich in der Vergangenheit als Quellen des Antisemitismus gedient haben. ES steht zu hoffen, dass der schliessliche Entscheid des Konzils zur wirksamen Beseiitgung des Antisemitismus und aller Quellen von Vorurteilen, sowie zu einem besseren Verständnis zwischen allen Völkern beitragen wird.“ Die jüdischen Institutionen, die an den Beratungen unter dem Vorsitz von Label Katz, dem Präsidenten der Bne Brith, teilnahmen, waren das American Jewish Committee, der American Jewish Congress, der Jüdisch Kanadische Kongress, die Bne Brith, das Jüdische Arbeiter-Comite, der Beratende Ausschuss für gemeindliche Beziehungen, der Rabbiner-Verband von Nordamerika, der Verband nordamerikanischer jüdischer Gemeinden, die United Synagogue und der Jüdische Weltkongress. Alle Organisationen werden gleichzeitig diese Erklärung der Oeffentliciikeit zur Kenntnis bringen. Herr. Dem Väterchen Zar, der ein heiliger Herr war, zu widerstehen, wurde als religiöser Frevel angesehen. Hierauf bauten die Bolschewisten ihre Macht auf. Sta'in war Kaiser und Papst in einem: „seine unfehlbare leninistische Wahrheit garantierte das vollkommene Heil“. Verurteilend bemerkt Dirks: „Der Bolschewismus ist die Fratze des Reichs, aber ohne den hybrischen Reichsversuch wäre er nicht — eder wäre nicht so virulent und nicht so verführerisch“. Schliesslich wird der westliche Anteil am Bolschewismus, der dialektische Mate rialismus, auf seinen Zusammenhang mit dem Christentum betrachtet. Hier findet Dirks christliches Versagen, weil „kirchliches Amt und gemeinchristliches Bewusstsein die Entdeckung der Weltlichkeit der Welt zu verhindern“ suchten. Auch darin, dass sich der menschliche Geist in der Wissenschaft, in der Philosophie und in der Technik ausserhalb der Kirche emanzipierte anstatt in ihr, iiusserte sich ein Versagen, das sFh über Jahrhunderte verteilt. Da die weltliche M cht der Kirche durch d'e Nationalstaaten entglitt, versuchte s*e, an der Bevormundung des kulturellen Bereichs festzuhalten, was zunächst zum heimlichen, dann zum offenen Abfall der freien Geister geführt habe. So habe sich die geistige Befreiung der Menschen als unchristliche Aufklärung vollzogen. Sodann sei, so führt Dirks aus, der Bolschewismus der stärkste Versuch, das Schisma von 1G54 rückgängig zu m chen, „als politische Religion, in der die östliche und die westliche Entwicklung zu einer Einheit alles Sinnes und aller Macht zusammengezwungen werden sollen“. Schliesslich gelangt Walter Dirks zu der Feststellung: „Als solcher ist der Bolschewismus die bittere Frucht des Christentums... Also geht der Bolschewismus uns an. Wenn wir ihn bekämpfen müssen, so muss diese Einsicht den Geist unseres Kampfes prägen..." Diese Darstellung, der wir hier einen breiten (und doch recht kurzen) Raum einräumten, ist ebenso aufschlussreich, wie sie zur eigenen Stellungnahme und zum Widerspruch auffordert. Dabei sind wir durchaus nicht interessiert, Polemiken zu führen, sondern haben nur die Verpflichtung, unseren eigenen, jüdischen St-ndpunkt herauszukristallisieren, was (Schluss auf Seite 2) Israel muss stark bleiben Tel Aviv. — General Jizchak Rabin, Generalstabschef der Israel-Armes, vertrat den Standpunkt, dass Israel weiter seine Militärmacht stärken müsse, um die Araber in ihren Angriffsabsichten zu hemmen Er sprach auf einer Sitzung über (jie Landesverteidigung die „an irgendeinem Ort“ in Israel abgehalten wurde General Rabin wies auf einen kürzlich in der ägyp. tischen Ze tung „El Achram“ erschienenen Artikel hin, in dem es hiess, die Araber könnten Israel jetzt nicht angreifen, weil es zu stark sei, und fuhr fort: „Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass dieser Eindruck unter den Arabern nicht erschüttert wird. Nur Israels Stärke hat unsere Feinde davon abgehalten, ihr« Drohungen m die Tat umzusetzen und uns atizuereifen weil wir unsere Pläne zur Bewässerung des Ne^ow durchführen wollen.“ (ITA)