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Jüdische Wochenschau · 1964-09-25 · 2083 (25.9.1964) · p. [Seite 8]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
25 (1964)
Issue
2083 (25.9.1964)
Date
1964-09-25
Page
[Seite 8] (sequence 8)
Language
German, Spanish
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eaa o .2 a.' S 'S h S î ¿«a W W <Ü FRANQUEO PAGADO Concesión 908 TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 Año XXV. RUENOS AIRES, VIERNES 25 DE SEPTIEMBRE DE 1964 N* 2083 10.- EL EJEMPLAR en toda la República PUEYRREDON 2190 1? izq. T. E. 83 2613 Bnenos Aires Die Chance zum Ueberleben Der Auschwitz-Prozess ist iiner der grössten Prozesse, die jemals dnrchgeführt wor. den sind. Mit nicht erlahmender Ausführlichkeit berichtet die Presse, vor allem in Deutschland, über das Fortscha-eiten des Verfahrens. Ob die allgemeine Oeffentlichkeit diesen Vorgängen die gebührende Beachtung schenkt, ist umstritten. Immerhin versucht man, vor al. lern der Jugend einen kleinen Einblick in das Geschehen zu vermitteln, das noch -vor 20 Jahren eine grausame deutsche Realität war. Die Haltung der Angeklagten hat sich kaum geändert. Nach einer offensichtlich von der Verteidigung herausgegebenen Richtlinie leugnen sie weiterhin alle Schuld. Sie bevon JAKOB KATZ-ROGASEIS nen auch solche, die durch | ihre Mitteilungen Angeklagi te zu entlasten versuchen, dann aber zugeben müssen, an dem Geschehen nicht ganz unbeteiligt gewesen zu sein. Wie weit die Verfilzung j von Schuld und Schande geht, ist kaum zu beschrei- : ben. Immer wieder erhält I man den Eindruck, dass eij gentlich nicht nur die 22 oder jetzt 21 Angeklagten : sich verantworten müssten, sondern eine Vielzahl... j Ein Beispiel für die von den Angeklagten eingesehlaj gene Taktik zeigt die Metho-; de: Ein in Flensburg geboi rener Zeuge, namens Marek Montag wurde als polnischer Widerstandskämpfer nach zelheiten, verstrickten sich auch in Widersprüche. Heute begnügen sie sich mit der lapidaren Feststellung, die Beschuldigung sei nicht wahr. Eine Zeugenaussage und Vernehmung verdeutlicht noch mehr die Verteidigungsmethoden. Ein aus Paris kommender Zeuge, der einige Jahre in einem Ghetto in Polen war und dann nach Auschwitz geschickt worden ist, gibt eine eindringliche Schilderung: „Ich bemühte mich, bei der Selektion ei. nen guten, kräftigen Eindruck zu machen, um nicht als Muselmann (das war der Ausdruck für völlig Entkräftete) zu erscheinen. Deshalb achtete ich nicht darauf, wer I der Zeuge denn wisse, dass! Häftlinge im Krankenbau für den Gastod ausgesucht worden seien. B. weicht aus: : ,,Das nehme ich an.“ Der Angeklagte wehrt sich auch dagegen, die Todesopfer in die Krematorien begleitet zu ha- ben, denn „ich war kein Geheimträger (Geheimnisträ. ger) und durfte deshalb nicht das Krematorium betreten. Ich war nur ein kleiner SS- Mann aus Rumänien.“ j B. will auch nicht wahr-; haben, dass er im Lager mit 1 Wertsachen von Häftlingen | Geschäfte gemacht habe. | ..Wenn der Zeuge sagt, ich; habe mit den Stuben- und | Blockältesten Geschäfte ge. macht — das habe ich nicht j nötig gehabt. Ich habe nur dem Kapo zu sagen brauchen, i besorge mir zehn Dollar streiten nicht, dass die von j Auschwitz geschickt. Aus der -— ■— dann hat er das £«.rnai.ht“ den Zeugen geschilderten Zu- | Laserzeit kennt er den Angevon den SS-Männern auf die °ar\n nac er 5t® gemacnn _v „u uow»*,. ei uen Auge . ,_ _Und B. versucht auch zu beweisen, dass er über die in Auschwitz verübten Vergasungen empört gewesen sei. stände geherrscht haben: nur , klagten B.. von dem er sagt: sie selbst wollen als unbe- | war bekannt als Mörder teiligte Pflichterfüller bei lmd Schläger.“ Aus einem harmlosen Aufgaben mitgej Transport gerade angekom. wirkt haben. Die Angek ag- , mener Juden aus Lotz habe ten behaupten weiter, dass sie nicht geschlagen schikaniert, ins Gas geschickt, geschossen oder gemordet haben. Das waren eben andere. die nicht auf der Anklagebank sitzen. Sie leugnen auch noch angesichts der sehr konkreten Aussagen der Zeugen, auch wenn sie die Angeklagten mit Namen nennen können und wiedererkennen. Unter den Zeugen erscheier 1944 eine Frau, die ihren Bruder im Lager erkannt und etwas zugerufen habe, herausgeholt und erschossen. Der Angeklagte b. weiss eine Antwort: „Herr Vorsitzender, 'ich *habe nie Leute begleitet ins Krematorium; ich habe nie eine Frau erschossen.“ Die Angeklagten sind fad geworden im Laufe des Pro. zesses. Früher verloren sie sich hin und wieder in Eineinzelnen Häftlinge deutete. Der Angkelagte B. hatte ei.! nen Stock, aber ich bin bei : der Voruntersuchung nicht gefragt worden, ob er mit ■ dem Stock oder mit einem Finger deutete.“ „Es geht nicht darum, ob! man Sie fragte. Ich will wissen, ob Sie dies noch heute j aufrechterhalten“, erklärt 1 der Vorsitzende. "j ,.Ich halte aufrecht, was ich heute sagte. B. war dabei.“ - | „Was geschah mit den ausgesuchten Leuten?“ > „Sie blieben stehen, die an. deren_ gingen in den Block : zurück.“ 1 „In Auschwitz war es schlimm, sehr schlimm“, sagte der Zeuge, aber ihn träfe keine Schuld, er hat nichts Strafbares gemacht, obwohl nicht nur dieser Zeuge, son. dern auch andere dessen Grausamkeiten bestätigen. Denn auch der nächste Zeuge, jetzt Kaufmann in Paris, 1929 aus Polen gekommen und naturalisierter Franzose, belastet den Angeklagten B. Der Zeuge war mit vielen anderen französischen Juden verhaftet und 1942 nach Auschwitz gebracht wor. Noch keine Auslieferung von SEM ERA SK ES ST EIS Es ist bekannt, dass viele, die unter dem Nationalso. zialismus unermessliche Blutschuld auf sich geladen haben, in Ländern Zuflucht genommen haben, die bisher Verbrecher dieser Art mit der Begründung nach Deutschland nicht ausliefern, dass es sich um politische Verbrechen gehandelt habe. Wenn man an wehrlosen Frauen und Kindern Versu che mit Todesfolge durchführt, so sind das keineswegs Kriegsverbrechen, sondern rein kriminelle Straftaten. Das in jedem Fall zweifelsfrei zu belegen, ist Aufgabe der deut. sehen Behörden. Nun liefert aber die Reg erung Ghanas Schumann nicht aus, weil zwischen ihr und der Bundesrepublik Deutschland kein Ausiieferungsvertrag abgeschlossen ist. Es wäre die Aufgabe der deutschen Regierung, mit allem Nachdruck darauf zu bestehen, dass schnell ein umfassender Auslieferungsvertrag abgeschlossen wird. Das müsste rasch möglich sein, wenn sie keinen Zweifel darüber offenlässt, wie sehr ihr an einer deartigen vertraglichen Regelung gelegen ist. Die Regierung Ghanas hat auf eine Intervention wissen lassen, dass sie am Abschluss eines derartigen Vertrages interessiert ist. Nur so könnte auch die groteske Situation beendet werden, dass Bonn einem Land Entwicklungshilfe gewährt, das einen in Deutschland gesuchten Mörder in Kenntnis des Sachverhalts besoldet. Schumann ist bekanntlich im staatlichen Gesundheitsdienst von Ghana tätig. Mengele, der flüchtig war, hat vor geraumer Zeit die Staatsbürgerschaft Paraguays erworben. Nun sehen die zuständigen deutschen Stellen keine Möglichkeit, eine Aus. lieferung durchzusetzen. Bei der Regierung Paraguays wurde von dritter Seite interveniert und darauf hingewiesen, dass Mengele die Staatsbürgerschaft zweifellos nur dadurch erwerben konnte, dass er seine Vergangenheit verschwieg. Man hat der Erwartung Ausdruck gegeben, dass nun Mengele die Staatsbürgerschaft aberkannt und er daraufhin nach Deutschland ausgeliefert wird. Neuerdings wird in Zweifel gezogen, ob sich Mengele nach wie vor in Paraguay aufhält. Sicherlich wird der im Weglaufen ausserordentlich erfahrene Mengele inzwischen wieder ein neues Versteck gesucht haben. Warum aber untersucht man nicht einmal die Frage, aus welchen Gründen die deutschen diplomatischen Vertretunzen immer zu spät kommen. Wer kann annehmen, dass auf den deutschen Botschaften und Konsulaten Leute wie Eichmann und Mengele Unbekannte gewesen seien. Wäre dies aber der Fall, dann hat es in einer unverständlich leichtfertigen Weise an Information der Beamten gefehlt. Es lohnte sich, dieser Frage einmal nachzugehen. „Was geschah später mit den. Dort hat der Zeuge zuihnen?“ I nächst einige Wochen lang „Sie wurden vergast. Alle sagten es. Das waren keine Neuigkeiten. Ich konnte es jedoch nicht sehen.“ Ferner berichtete der Zeuge noch, dass B. auch dabei war, wenn auf der Rampe aus den neu angekommenen Transporten die Todesopfer ausgesucht wurden. Einmal habe er B. dabei beobachtet, wie er diese Unglücklichen — „es waren in der Mehrzahl Frauen und alle Kin. der sowie die älteren Männer“ — in eines der riesigen Krematorien begleitete. Massengräber für die Vergasten au&heben und die Leichen mit Kalk bestreuen müssen, bevor die zehn Meter langen und acht Meter breiten Gruben wieder zuge. schüttet wurden. G. war noch in zahlreichen anderen Kommandos beschäftigt, darunter zweimal im Kommando „Kanada“, das die neu ankommenden Häftlinge aus den Viehwagen treiben und ihr Gepäck auf die Rampe werfen musste. Blick in die Welt von HAROLD SCHWAR6Z Amerikas Ver teidigungsminüter Robert McNamara berichtete über einen neuen Zwischenfall in den vietnamesischen Gewässers, an dem nord&merikanische Schiffe beteiligt gewesen sind — , General De Gaulle unternimmt eine Reise durch zehn sijdamerikanische Länder und wdrd dabei mehr als 32.000 Kilometer zurücklegen. — Der griechische König Konstantin hat die dänisch® Prinzessin Anna in Athen geheiratet, naesdem bereits Wochen hindurch von der Romance in allen Zeitungen zu lesen war. — Jugoslawiens Präsident Tito erklärte seine Bereitschaft zur Mitarbeit am Gemeinsamen Sowjetischen Markt, dem Gegenstück zur Europäischen Wirtschaftsge. meinschaft — Anastas I. Mikoyan, der neue Präsident der Sowjetunion. sprach anlässlich des Besuches, den der indische Präsident Sarvepalli Radihakrishnan in Russland atasiafctete, über die neue Kriegsgefahr, die durch die westliche Haltung gegenüber Kuba heraufbeschworen werde. — Das Oekumenische Konzil in Rom beschäftigte sich in den ersten Arbeitstagen seines dritten Beratungsabschnittes mit einigen religiösen Fragen, die seit langer Zeit Gegenstand von Auseinandersetzungen gewesen sind. — Die Laos-Konferenz in Paris hat bisher keine brauch, baren Ergebnisse gebracht. Der neutralistische Ministerpräsident Souvanna Phouma hat mit Abreise gedroht, falls kein Verständigungswillen bei den Kommunisten bemerkbar wüirde. — Keine Absichten zur Annäherung -an den euro-päi sehen Kontinent haben bisher die Wahlprogramme der britischen Parteien gezeigt. — Die kleine Mittelmeermsei Malta, reu den Zehen" NeL sons englischer Besitz, erhält jetzt ihre Unabhängigkeit. Der Inselstaat wdrd als 19. und kleinstes Mitglied dem Commonwealth angehören. — Der chilenische Präsident Jorge Alessandri bat darum, von einer ihm zugedaohten Ehrung Abstand zu nehmen. — Der russische Diktator, Nikita Krutschew, verkündeta als Fortschritt den Besitz einer mächtigen Vernichtungswaffe, wie er sie bisher nicht gekannt habe. Später wurde diese Aeusserung in Abrede gestellt. — Zwischen Ungarn und dem Vatikan wurde ein Vertrag über die Aufhebung von Restriktionen gegenüber der Katholischen Kirche abgeschlossen. — Ein Angriff wurde auf hoher See gegen ein spanisches Schiff von unbekannter Seite durchgeführt; es wurde behauptet, dass Kubaner dieses Piratenstück verübt hätten, Kriegserklärung gegen USA war der Inhalt der Ausführungeni die der Präsident der „Volksrepublik Kongo“ in Bujumbura (Burundi) abgegeben hat. — Die Revolution in Siidvietnam, die sich gegen Ministerpräsident Khanh richtete, ist gescheitert. — i Kind entzweigerissen hat. Am Der Zeuge schildert grau-; 17, Mai 1944 traf ein Kindersame Szenen. Es war im transport aus Frankreich ein. „Bei dem Transport, den April 1944, als Tag und Nacht : Die Kinder waren sechs, acht B. begleitete, kann ich zwei die Transporte aus Ungarn und zehn Jahre alt. Sie wur. Dinge nicht vergessen. Jeder , anrollten und das verdoppel- : den alle mit ihren Begleitern der Unglücklichen hatte ein! te Kanada . Kommando in Päckchen in der Hand Einer! zwei Schichten Tag und liess es fallen, ein anderer Nacht wochenlang die Unhob es auf. Der hatte nun glücklichen bei ihrer Ankunft zwei Päckchen. Ich dachte, in Auschwitz aus den Zügen G. schätzt, wenn der wüsste, was mit ihm geschieht, wird er dies nicht machen.“ Ausserdem erinnerte sich der Zeuge eines alten Mannes, der bei diesem Transport in die Gaskammern auf Befehl eines SS-Mannes von einem ande ren Häftling wie „ein Kartoffelsack“ mitgeschleppt werden musste. B. bleibt jedoch auch nach der Aussage dieses Zeugen treiben musste, dass nur etwa zwanzig Prozent der Ankömmlinge nicht sofort vergast wurden, sondern als Arbeitssklaven ins Lager kamen. Der SS-Arzt Dr. Mengele und andere SS. Aerzte hätten bestimmt, wer sofort vergast werden sollte. „Wenn sie aufgestellt waren, ’ wurden sie unter Stockhieben in die Krematorien getrieben. Wer zu schwach war vergast. Am besten kann sich der Zeuge noch an den Angeklagten B. erinnern. „Wo man ihn hinschickte, lief er herum, wie ein Tiger. Im dabei, niemals in Auschwitz und nicht mehr gehen konnj Häftlinge für den Gastod bestimmt, niemals diese Unglücklichen zu den Kremato, j rien gebracht zu haben. „In Auschwitz war es schlimm, / sehr schlimm.“ Zum „Selektieren“ sei er ein viel zu kleiner Mann gewesen, meinte der Angeklagte. „Ein Blockfiihrer konnte doch keine arbeitsunfähigen Leute selektieren! Das konnte nur ein Arzt.“ Staatsanwalt Kiigler stösst sofort nach und fragt, woher te, wurde auf Lastwagen geworfen.“ Einmal kam ein Transport aus der Ukraine. „Die waren schon alle tot. Wir brauch, ten drei Tage, um die Leichen herauszuwerfen Nur ein siebenjähriges Mädchen, das der tote Vater im Arm hielt, lebte noch. Es wurde mit den Leichen ins Krematorium gebracht, und die vom Sonderkommando erzählten uns, dass dort der Oberscharführer Moll das zehn Personen, die erpicht darauf waren, mit eigener Hand zu morden. B. ging auch auf die Rampe, wenn keine Transporte kamen." „Sahen Sie B. oft auf der Rampe?“ „Ja, ja. Ich sah ihn immer wieder auf der Rampe; er hatte immer einen Stock in der Hand!“ „Was befahl er Ihnen?“ Der Zeuge schildert, dass B. sie immer zur Eile angetrieben habe. „Er war so aktiv, dass ich es nicht beschreiben kann.“ „Einmal kam ein Zug mit dreitausend Menschen an. Es I Diese und viele andere gebar ihr Kind. Ich wickelte es in Kleidungsstücke und legte es neben der Mutter auf den Boden. Dann brachte ich der Mutter aus einem anderen Waggon ein Lebensmittelpaket. B. kam mit dem Stock auf mich zu und schlug mich und die Frau. .Was spielst du mit dem Dreck', schrie er mich an. Das Kind fiel auf den Boden, und er trat es zehn bis fünfzehn Me. ter mit dem Fuss fort, wie einen Fussball. Dann befahl er mir: .Bringe die Sch... hierher.“ Da war das Kind tot.“ G. berichtet noch, dass er die Mutter später auch tot aufgefunden habe. „Können Sie dies mit ruhigem Gewissen beschwören?“ fragt Landgerichtsdirektor Hofmeyer und erhält zur Antwort: „Ich kann aus reinem Herzen beschwören, dass es hundertprozentig schlimmer war, als ich es schilderte.“ Aber der Angeklagte be-„ streitet... waren alles Kranke. B. sagte: ,Du hast zehn bis zwanzig Minuten Zeit, sie aus den Wagen zu treiben.“ Eine Frau Grausamkeiten werden von Zeugen berichtet. Das alles geschah vor wenig mehr als zwanzig Jahren... 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