Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 25 (1964)
- Issue
- 2073 (17.7.1964)
- Date
- 1964-07-17
- Page
- [Seite 12] (sequence 12)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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O £ °aZ FRANQUEO PAGADO Concesión 908 fc a « ¡r « £ <S*?g < o TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 ABo XXV. BUENOS AIRES, VIERNES 17 DE JULIO DE 1964 No. 2p73 ISRAELITA EL EJEMPLAR en toda ta República PUEVEREDON 2190 19 izq. T. E. 83 2613 Buenos Aires KURT R. GROSSMANN (New York): Di-DprM dh orM nitin Blick in die Welt von HAROLD SOHWARCZ UL.I1UL11 ULLULII UI1U II *1. ULI lUU I 1 ViriUI IUI 111 Es dauert knapp eine Stunde. Von dem lebhaften, mit Fahnen geschmückten Hannover bringt uns der Wagen durch sommerliches Grün und ländliche Ortschaften plötzlich in die Einsamkeit — die Einsamkeit der Toten. Kein Wegweiser ist aufge. stellt, um die Gedenkstätte von Bergeti-Belsen leichter zu finden. Der Mann, der uns , und Tränen künden die stei. begleitet, Rudolf Stichnothe. ne. die nicht SDrechen kiin Wenn Steine reden... seine Begabung? Die Gräber mit den 30.000 unbekannten Toten haben all das verschlungen, was wir von jedem Einzelnen wissen möch. ten. Wieviel Leid ist auf diesen dreissig Hektar angesammelt! Und wieviel Klagen ne, die nicht sprechen können und es doch tun! ■ Dort steht der weithin sichtbare Obelisk aus Stein. Hinter ihm die Riesenwand mit den Gedenksprüchen in vielen Sprachen — hebräisch, jiddisch, französisch, englisch, tschechisch, ungarisch, polnisch. Sie künden alle nur eines: sie mahnen und warnen; sie ehren und sagen der Menschheit, sie möge nie vergessen. Unsterbliche Opfer, ihr sänket dahin! Wofür? Wofür? Warum mussten Kinder ruhen zweitausend unbej hier sterben? Warum musskannte Tote“, oder tausend j ten Frauen gemordet werein Landschafts und Garten architekt, weiss seinen Weg zu finden. Nicht das erste Mal zeigt er Besuchern aus dem Ausland das, was n der Stätte des Grauens üb %- geblieben, in einen würdigen Ehrenhain verwandelt wor. den ist. Bergen-Belsen war nur e i n Lager von vielen des Schreckens und Grauens. Dort vegetierten, bewacht, misshandelt und gemordet von den braunen Henkern, Menschen aller Völker. Die! Massengräber mit ihren dra j matischen Inschriften: „Hier oder achthundert oder nur einer, sind bleibende, mahnende Symbole einer Epoche, von der alle wünschen kön. immi, dass sie nie, nie viiederkehre. I>a stetie ich sinnend vor Oem Grab, auf dem die Wor- _j£—kUnden; „Hier ruht ein unbekannter Toter“. Wer mag er oder sie oder gar es gewesen sein? Welche Hoffnung hatte dieses Menschen, kind, als es in die Welt eintrat, die ihm so viel Böses antat? War es ein Tscheche? War es ein Norweger, ein Franzose, ein Russe oder — ein Jude? Niemand kann Auskunft geben. Was war sein Streben, sein Wollen, den? Warum gab es einen Mann wie den KZ-Komman. danten Kramer oder eine Irma Giese, die Leben geben sollte und es doch in bestialischer Weise nahm? Ich komme von de n Steinen nicht los und höre sie spre chen. Sie künden das "Leii die Qual. Ringsherum spriesst das Grün, stehen die Kiefern mit ihren neuen Trieben, als wollten sie mir sagen; trotzdem, trotzdem... zwei Stunden Wanderung auf den gepflegten Wegen der Gedenkstätte Bergen - Belsen, die auch den Gleichgültigen zwingen, die Toten in Würde zu achten, ist notwendigerweise ein Weg in das Zurück. Sollen wir ihn gehen oder sollen wir vergessen! An jenem Vormittag, da ich das erste Mal auf Bitten meiner New Yorker Freunde die Gedenkstätte Bergen-Belsen besuchte, ehrfurchtsvoll vor den symbolischen Grabsteinen stehe, unter denen sich keine Toten befinden, vor dem Grabstein für die jüdischen Opfer, an dem Kreuz, das die französischen Mütter ihren hier gemordeten Söhnen zur Ehre und zum Gedenken errichtet haben, an dem grossen Denkmal mit den vielsprachigen Inschriften, dann an dem Frauengrab mit angeblich achthundert begrabenen Toten und an den vielen einzelnen Grabplatten, denke ich an die Zeit, da solches Morden und solche Qualen möglich waren. Alle Probleme und Fragen kommen erneut ins Bewusstsein: Warum fressen Menschen Menschen? Was treibt das Individuum, trotz aller Religions¬ und Menschenrechtsgesetze | Ich verarbeite für einige Mi- | nuten das Gesagte. Können sie es nicht? Dann würde es nicht gut um das neue Deutschland und die Deut, sehen bestellt sein. Natürlich können Steine nicht sprechen, aber diese in Bergen- Belsen stellen die einzige Verbindungsbrücke vom Heute zum Gestern dar. Sie legen Zeugnis davon ab, dass die grossen Nachkriegsprobleme, welche uns die Jahre von 1933 bis 1945 hinterlassen ha. ben, zuerst und vor allem moralischer Art sind. Von Bergen-Belsen wandern meine Gedanken nach Bonn, wo ich mich seit einigen Wochen aufhalte mit dem Versuch, die Schlussphase der Wiedergutmachung aüs den Angeln des Fiskalismus und Formalismus, auf die Ebene der Ehrenschuldtilgung heben zu helfen. Die Wiedergutmachungsfra. ge steht leider am Kreuzweg, Ja in einer Krise, Vertrauenskrise, schrieb der „Rheini- •sche Merkur“; unu Bergen- Belsen, wie Dachau, Auschwitz und jedes andere Lager in und ausserhalb Deutschlands, sprechen mit ihren den Bruder zu vernichten? 1 tausendfachen Steinen, mit XJnd wie schnell verdrängen 1 ihren verscharrten Körpern wir das Grausame, weil das I zu uns. Was sagen sie? lieben um sozusa^n immer- 1 solaI1ge Fragen der mora- “ ““ ,OTfnsetau Ind materiellen Wie ANTISEMITIMUS IN RUSSLAND Genf. — Die internationale juristische Kommission, die viele Monate lang die Berichte über die Lage der Juden in Sowjetrussland analysierte und studierte, kam zu dem Schluss, dass die russische Regierung selbst für die Judenverfolgungen verantwortlich ist. In einem diesbezüglichen Bericht erklärt die Kommission, dass die judenfeindlichen Kundgebungen insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet festzustellen sind, wo die Sewjetfunktionäre die Juden als „Prügelknaben“ benützen und sie angeblicher krimineller Handlungen beschuldigen, die die Wirtschaft des Landes schädigen, wobei sie in Wirklichkeit die Juden nur vorschieben, um „bedeutende Leute“ zu schützen. Die Kommission, die eine unabhängige Gruppe von Rechtsanwälten und Juristen aus freien Ländern ist und im Auftrag der UN die Frage der russischen Judenverfolgungen studiert, fertigte eine 45 Seiten starke Studie der Wirtschaftsvergehen in Sowjetrussland an. Darin wird festgestellt, dass die im Jahre 1961 erlassene Gesetzgebung gegen solche Vergehen in krassem Gegensatz zu den neuen liberalen Tendenzen stehe. Nach dieser Gesetzgebung sind die Wirtschaftsverbrecher „vorwiegend Leute, die ihre Sympathien im Ausland haben und sich nicht in den sozialen Staat einordnen wollen.“ Der Bericht stellt weiter fest, dass die russische Presse bei der Beurteilung moralischer Uebelstände in der Sowjetunion die Aufmerksamkeit der breiten Massen stehauf die Juden lenkt, weil das Hauptbestreben der sowjetischen Politik darin besteht, immer günstige Opfer zu inden. Die wirlichen Tatsachen sehen ganz anders aus; schuldtragend an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist die Korruption, die angefangen bei der Partei bis zu der wirtschaftlichen Verwaltung führt und die Ideologie bedroht. Es ist tragisch, dass das russische Judentum als Aushängeschild für die Raffgier und kriminelle Korruption jener Leute benützt wird, deren Machenschaften öffentlich anzuprangern viel zu gefährlich wäre. Die Juden sind die Opfer höchster staatlicher Interessen, der Notwendigkeit, glauben zu machen, dass das kommunistische System fehlerlos und fortschrittlich ist. Die Arbeit der Juristen trug in verdienstvoller Weise dazu bei, die Gesetze der Gerechtigkeit in der ganzen Welt zu stärken. Mehr 4i.00f> Juristen von 100 Ländern unterstützen sie in diesem Bestreben. dert. Um die Antwort zu finden, frage ich meinen Begleiter: „Wer besucht diese Gedenkstätte, wieviel Menschen kommen? Im April — Bergen-Belsen wurde von den Engländern am 15. April 1945 befreit — sind es viele. Aber über das ganze Jahr sind es wenige Besucher Es kommen Delegationen aus Norwegen, Israel, Frankreich usw., und es kommen Menschen aus Deutschland, die! etwa 60 Prozent der Besucher | stellen. Ich sehe mich um. Auf den Wegen gehen einige deutsche Familien. Warum sind sie gekommen? An dieser Stätte aber fragt man nicht, denn jeder scheint mit sich beschäftigt. Dort kommen etwa zwanzig junge deutsche Soldaten. Ein junger Leutnant führt sie und spricht zu ihnen. Sie sind offenbar auf einer Dienstreise, denn draussen auf dem weiten Parkplatz stehen ihre vollgepackten Lastwagen. Sie müssen also ihre Fahrt unterbrochen haben, um der Gedenkstätte einen Besuch abzustatten. Ein anderer Autobus mit einer Anzahl deutscher Männer steht draussen. Ich höre eine Diskussion. Irgend einer der Gastteilnehmer hat eine Einwendung gemacht. Er wird ein wenig barsch angefahren: „Du gehörst nicht zu unserm Verein... ‘‘ Mir fällt unwillkürlich Tucholskys Gedicht „In den Verein bin ich getreten, weil mich ein guter Freund gebeten“ ein. Mein Begleiter zeigt mir, wo vor etwa zwanzig Jahren das Lager stand, das man abbrennen musste, weil Typhus und Hunger noch nach der Befreiung 23.000, nach anderer. Quellen 30.000 Menschen dahinraffte. Mein Be. gleiter sagt ein Wort, das schwer auf mir lastet. „Steine können nicht die Gewissen der Deutschen bewegen“. dergutmachung ungelöst blei. ben oder in die Engpässe der Polikasterei, den Irrgarten des Legalismus getrieben werden, solange zertretenes Recht nicht aufgerichtet ist, solange diese Frage mit ihren exklusiven moralischen Imponderabilien angesichts Bergen.Belsen nicht gelöst wird, solange können die psychologischen Barrieren, die diese einmalige Menschheitstragödie errichten musste und für die Steine zeugen, nicht weggeräumt werden. Das aber wollen wir! Vielleicht würde es leichter sein, zum Beispiel in dem geplanten Dokumentenzentrum in Bergen-Belsen mit den entscheidenden Männern der deutschen Regierung die Verhandlungen Uber die letzte Phase der Wiedergutmachung zu führen, als in den Beamtenstuben Bonns. Vielleicht würde allen Beteiligten eine Pilgerfahrt nach Bergen-Belsen gut tun, um das Gewissen in eine reale Beziehung zu den auf der Tagesordnung stehenden Problemen zu setzen. Dieses Deutschland, in dem ich gross geworden bin. ist immer eine grosse Hoffnung für mich gewesen. Selbst in Deutschlands dunkelsten Tagen hatte es glücklicherweise seine „unbesungenen Helden“, über die ich geschrieben habe und von denen Konrad Adenauer am 27. September 1951 vor dem Bundestag sagte, dass sie die Ehre ihres Vaterlandes gerettet hätten. Ich weiss — und meine Reise durch Deutschland hat mir viele Beispiele dafür gegeben —, dass Wie. dergutmachunga - Müdigkeit, oft ein Wiedergutmachungswiderstand, bei fielen Deut, sehen vorhanden ist. In solcher Situation kommt es auf die politische und moralische Führung des Landes an. Hier muss sich der Staatsmann vom Politiker unterscheiden. In Brasilien zeigen sich Strömungen einer energischen Opposition gegen den neuen Präsidenten, General Humberto Castello Branco, die vom Gouverneur Cartos Lacerda ausgehen. Der neue Ministerpräsident des C'ongo, Moise Tschombe, hat sein Kabinett zuäammengestellt. — Die Ministerpräsidenten des British Commonwealth sind in London zu einer Besprechung unter dem Vorsitz des englischen Premiers Alex Douglas Home zusammengetreten. Die Mehrheit der 18, das Commonwealth bildenden Staaten, wird von farbigen Ministerpräsidenten vertreten. Der holländische Aussenminister M. A. H. Luns hatte, in Moskau eine wichtige Besprechung mit Krutschew, dem er einen neuen Plan über den Gebrauch der Atomkraft unterbreitete. — Aus zuverlässigen Quellen verlautet, dass Rumänien von den Russen die Herausgabe der nach dem Krieg annektierten rumänischen Gebiete von Bessarabien verlangt habe. — Der Verteidigungsminister von Ecuador, General Aurelio Naranjo, der im vergangenen Jahr den Präsidenten Carlos J. Arosemena zum Rücktritt gezwungen hatte, wur. de seines Postens enthoben und als Vertreter seines Landes an den Interamerikanischen Verteidigungsrat nach Washington versetzt. — Angebliche Friedensfühler des kubanischen Diktators Fidel Castro wurden von den Amerikanern sehr kühl aufgenommen. — Die Sowjetunion hat die Schaffung einer UN-Friedens. truppe für Südostasien vorgeschlagen, nachdem der russische Standpunkt wieder einmal geändert wurde. — ¿js Der Präsident Pakistans, Ajub Khan, trat für ein Bündnis zwischen seinem Lande, der Türkei und dem Irak auf wirtschaftlichem uni kulturellem Gebiet ein. Hierdurch sollen die bestehenden Verträge nicht berührt werden. — Die russische Ueberlegenheit auf bioastronautiscliem Gebiet über die nordamerikaniseben ^Forschungen wurde in ben. Bei der FeTer ’cIes 2. Unabhängigkeitstages von Algier erklärte Ben Bella, dass die verschiedenen Rebellionen gegen seine Regierung niedergeschlagen worden seien. Die Kämpfe dauern aber noch an. — Maurice Thorez, der bekannteste Kommunistenführer Frankreichs, starb auf einer Erholungsreise im Alter von 64 Jahren. — Er muss für Massnahmen eintreten, die vielleicht unpopulär erscheinen, obwohl, wie mir meine deutschen Freunde bestätigt haben, bis. her kein Einziger ein persönliches Opfer für die Wiedergutmachung gebracht hat — mit Ausnahme jener Gruppe junger Deutscher von der „Operation Sühnezeichen“, die ihre prachtvollen jungen Menschen nach Frankreich, England, Norwegen, Israel als Botschaft der Versöhnung geschickt hat. Wer immer sich die kleine Mühe macht, nach Bergen- Belsen an die Gedenkstätte zu fahren und an Massen- und Einzelgräber zu treten, um die Toten zu ehren und erneut zu geloben, solange uns die Erde trägt, für die Grundsätze der Sittlichkeit, der menschlichen Würde und der Gerechtigkeit einzutreten und wer das Murmeln der Steine versteht, wird mit Er. staunen fragen: warum um das Wiedergutmachungsproblem in der letzten Phase so viele unnötige Schwierigkeiten entstanden sind, die hindern, es in Würde und als ein wichtiges Aktivum des neuen Deutschlands zur Zufriedenheit aller ohne Bitterkeit abzuschliessen Wir wollen uns bei dieser Wiedergutmachung an den Satz halten: Gerechtigkeit erhöht ein Volk, wie ein Minister vor Jahren erklärte. Bergen.Belsen mahnt und yarnt, diese Worte nicht zu vergessen. Möge die Stimme der zerstreuten Steine und Denkmäler bald gehört werden. Afre-arabische Bank Kairo. — Der ägyptische Staatspräsident Nasser hat ein Gesetz zur Gründung einer afro.arabischen Bank in der Form einer ägyptischen Gesellschaft herausgegeben. Wie in Kairo erklärt wurde, soll die neue Bank nach Angaben des ägyptischen Wirtschaftsministers mit einem Kapital im Betrag von zehn Millionen Pfund Sterling ausgestattet werden. Das Aktien, kapital soll aus einer Million Aktien im Nennwert von je zehn Pfund Sterling bestehen. 350.000 Aktien sollen vom kuwaitischen Ministerium für Finanzen und Industrie gezeichnet werden, 350.000 von der ägyptischen Bankorganisation und die restlichen 300.000 von arabischen und afrikanischen Regierungen und Einzelpersonen. (AWZ) Louis Segal gestorben New York. Louis Segal, ein alter jüdischer Arbeiter, führer und seit 1926 Sekretär des zionistischen Arbeiterverbandes, starb im Alter von 70 Jahren, Segal, der aus Polen stammt, war Organisator der Union der Weisswarenar. beiter von St. Paul, Vizepräsident der American Palestine Trading Company, ehrenamtlicher Sekretär des Arne, rikanischen Nationalfonds, Mitglied der Jewish Telegraphie Agency, der Jewish Agency und des Comités der Zionistischen Aktion. (ITA) Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831 Registro de la Propiedad Intelectual No. 735 104