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Jüdische Wochenschau · 1963-12-20 · 2043 (20.12.1963) · p. [Seite 12]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
24 (1963)
Issue
2043 (20.12.1963)
Date
1963-12-20
Page
[Seite 12] (sequence 12)
Language
German, Spanish
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Correo Central B Argentino FRANQUEO pagado Concesión 908 TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 - - . .. . ANO XXIV ISRAELITA BUENOS AÍRES, VIERNES 20 DE DICIEMBRE DE 1963 No. 2043 EL EJEMPLAR IO en toda la República PCEYRREDON 2190 1* i»|. T. E. 83 2613 Buenos Aire« Pl’ ..?r±L™era,ur Untersuchung von NS-Verbrechen Der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Professor Dr. Theodor Heuss war ein politischer Mensch; er war ein Politiker. Ais Heuss vor kurzem starb, wurde diese Tatsache eigentlich am wenigsten unterstrichen. Die menschliche er sich ,,als Schwabe“ eng 'erblinden fühlte. Er war ein Freund des von den Nazis ermordeten Dr. Otto Hirsch, von dem zu sprechen Heult; nicht müde wurde. Heuss hielt auch einen Vortrag ln der Hebräischen Universität, wo er von Martin Buber begrÜGSt und von ■Reife, die Heuss als Bundes- —___ President und als Perstn- I Ernst Simon verabschiedet lichkeit in den letzten Jahwurde. — ren seines Wirkens und sei- Heuss war einer der Männe* Lebens erreicht hat, ner, die über einen engen, liess seine politischen Leikleinmütigen Nationalismus m Nach dem grossen Tilsiter Einsatzgruppen - Prozess in Ulm im Mai 1958. als Ange- : hörige der SS-Einsatzkom- ' mandoj wegen vielfachen grausamen Mordes an wehrlosen Juden vor Gericht standen und abgeurteilt wurden, sahen die deutschen Justizbehörden — wenn auch! mit reichlicher Verspätung j — ein, dass man eine zen- 1 , trale Behörde schaffen müs-; se, um die Aufspürung von Massenmördern nicht dem Zufall zu überlassen. So; i entstand in Ludwigsburg ■ 1958 die Zentralstelle zur; Untersuchung ven NS-Ver- 1 brechen für die Bundesre-' publik und Westberlin. Seit- |! dem arbeitet sie unter Leii tung des Oberstaatsanwalts | Erwin Schüle. ln mühevoller Kleinarbeit ,; haben Schüle und seine gei : radezu idealistischen Mitarbeiter dafür gesorgt, das.? wenigstens diejenigen Mas- 1 1 Genmörder Hitlers, deren man habhaft werden konnte, vor Gericht gestellt werden. Diese Arbeit ist schon deshalb nicht leicht, weil die ,,Interpol“ — also die von ALFRED WO LFM A ¡SIS Internationale Polizei —, die ja eigentlich dazu da ist, die Fahndung nach Schwerverbrechern in allen Ländern zu koordinieren, wenn es um Nazimörder geht, es ablehnt, bei der Fahndung mit- . Behörden zur Verfügung ge zuhelfen, da sie der selta-; stellt.“ mentationszentrum Yad Washem —, aber auch bei anderen Institutionen und bei einzelnen Zeugen befindet. Diese Unterlagen werden i dann von uns den deutschen mus gesprengt. Er war ein Kämpfer der Menschheit, um deren Zukunft er besorgt war. Er war ein Mann der Gesinnung, von der er nicht und niemals abwich, auch nicht, als ihn die vertierten Nazis in ein KZ warfen, misshandelten, beleidigten und zu Tode quälten Die Einzelheiten dieses wahrhaft heldenhaften Lebens und Sterbens mag man in dem ausgezeichneten Buch von Grossmar.n nachlesen, vor allem die aufwühlende Szene im KZ, als der Völkerbunc’skomm'ssar mit Ossietzy — oder dem, was von ihm übrig war — sprach. Heuss hat später als Bundespräsident in ,,besonderer Würdigung der Persönlichkeit von Carl von Ossietz- Prof. HEUSS bei David Ben Gurion waehrend ky“ der Familie geholfen. des Besuches, den der fruehere Bundespraesi- -1 dent in Israel abgestattet hat. denschaften und Neigungen verg.i.sen. Auf diesen menschlichen Qualitäten be ruhte auch die grosse Popularität. die Heuss im Naehkriegsdeutschland erreichte. Seine Lebensgeschichte ist in der Bildbicgrephie von Hermann Proetist (Verlag Kindler) niedergelegt, die einen klaren UeberbHck über die Entwicklung von Heros vermittelt. Die liberale. humanistische, demokratische Gesinnung zeichnete Heuss ein langes Leben hindurch aus. Bemerkenswert war auch seine Stellung zu den Juden. Er .ist der Schöpfer des Wortes und des Begriffes der ,,Kollektivscham“, die das deutsche Volk gegenüber den Juden wegen der schändlichen Verbrechen der Hitlerzeit empfinden sollte. Ob diese Kollektivscham, von der Heuss zu oprechen pflegte, der historischen Unrechtosituation gerecht werden kann, ist heftig umstritten gewesen und geblieben. Nach Beendigung seiner hinausgewachsen waren und sich verpflichtet fühlten, an den höheren Zielen der Menschheit mitzuarbei'en. Er fühlte sich nicht nur verpflichtet, sondern berufen, dac an den Juden geschehene Unrecht des nazistischen Gewallutnates \v:edergutzumachen, aber nicht auf der Ebene der mater el len Ausgleichszahlungen, sondern auf einer höheren Ebene echter Menschlichkeit. Das werden auch die Juden steto anerkennen, die für diese Bemühungen ein grosseo Verständnis haben. Ein anderer Mann war Carl von Ossietzky, dessen Biographie von Kurt R. Grossmann im Kindler-Verlag erschienen ist. Dem Autor wurde hierfür der Albert Schweitzer-Buchprero verliehen. Ossietzky — ein deutscher Patriot, lautete der volle Titel. Dieses mit grosser Sachkenntnis und Sorgfalt geschriebene Buch ist kein Bericht über das Leben Er hat damit dem Mann gehuldigt, der für seine Ideen zu sterben bereit gewesen ist, den Mann der Kompromisslosigkeit, der Unbedingtheit und der Treue zu seinem Ideal. Aus diesem Holz war der Pazifist von Oscietzy geschnitzt, nicht aber der Humanist Heuss, der 1933 um der Einheitlichkeit seiner damaligen Partei (der Staatspartei) willen für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Gewiss äst dieses Gesetz nicht erlassen, weil Heuss hierfür stimmte, aber auch deshalb. Hieran hat Heuss selbst immer gelitten. Er fühlte diesen Fehler. Präsident Heuss hat während eines langen Lebensabends für Demokratie and Freiheit wirken können. KZ- Häftling Carl von CGsietzky, Nobelpreisträger für den Frieden, der ihm während der KZ-Haft verliehen wurde, war durch die Lauterkeit seiner Person und seiner Gesinnung eine jener Fackeln die ein wenig Licht in der finsteren Zeit der Barbarei auf die Zukunft warfen, obwohl der Kampf einets Mannes, der wie kaum _ein anderer Deutscher die i hoffnungslos erschien, und zehnjährigen Präsidentschaft ungeheuerliche menschliche; an dessen leuchtender lohtf» Heuss ¿einen Studien Katastropha erlebte, die der , Me lebte Heuss ¿einen Studien und Interessen. Er besuchte Israel. Seine Ansprachen fanden viel Beaer.tung. Er weilte unter den Reiingern in Schave Zirm mit denen Katastrophe Nationalsozialismus bedeutet hat. Osßietzky war ein Freund des Friedens. Er hat te längst die engen Grenzen des euroDäischen Naticnalisi Menschlichkeit und seelische Grösse sich jede Jugend orientieren kann, auch wenn sie sich nicht mit allen seinen Ideen einverstanden er- I Teil in verschiedenen Archi klären kann. — ' ven wie unserem Doku j men Auffatssung Vst. dass die Ermordung jüdischer , Säuglinge oder Greise nur deshalb kein rein kriminelles Verbrechen sei, weil ei-; ne politische Führung diesen Völkermord angeordnet; hat. Und für politische Vergehen erklärt sich „Inter- , pol“ für nicht zuständig. Ini folgedessen also hatte pg die Zentralstelle in Ludwigsburg beuonders schwer, ihre ebenso wichtige wie notwendige, : aber leider auch unpopuläre 1 Aufgabe zu erfüllen. Doch ein Jahr später erhielt eie wertvolle Hilfe ai’G Israel. Nachdem zuvor stets die örtlichen Kriminalpoiizeistelien in Israel den deutschen und österreichi- Gchen Untersuchungsbehörden auf deren Ersuchen Rechtshilfe bei der Suche nach überlebenden Zeugen geleistet hatten, ergab sich ' nunmehr die Notwendigkeit, auch in Israel eine zentrale 1 Stelle zu schaffen, die sich ausschliesslich in Zusammenarbeit mit der Zentralstelle in Ludwigsburg und der entsprechenden Kriminaldienststelle in Oesterreich mit den Fällen der noch greifbaren einzelnen NS- Mörder befasst. 1959 wurde also auch in Israel eine, wie sie heisst, „Untercuehungsstelle für nationalsozialistische Gewalti verbrechen“ geschaffen. Sie ist eine auf Landesebene ar- ' beitende Behörde, die im Polizeihauptquartier in Tel Aviv ihren Sitz hat und direkte Vollzugsgewalt in sämtlichen drei Bezirken Israels aUGÜbt. Leiter dieser Sonderbehörde ist Kriminaldirektor Dr. Eytan Otto Liff.. ein ehemaliger Rechtsanwalt, der nach dem ,,Anschluss“ 1933 aus Wien ins damalige Palästina einwanderte. Ich frage ihn, wie denn nun die Arbeit seiner Behörde im einzelnen auesehe. Er antwortete bereitwillig: „Wir sind nicht nur Ludwigsburg bei den Vorermittiungen behilflich, sondern arbeiten auch direkt mit den deutschen Gerichten zusammen. Dabei erfüllen wir hier die Aufgaben, die in der Bundesrepublik und in Oesterreich von den Untersuchungsgerichten durchgeführt werden. Wir führen aber unsere UnterGuchungen hier nur nach und entsprechend den Ersuchen, die je nach dem Stand des , e nzelnen Verfahrens in , Deutschland von Ludwigs-; bürg oder von dem jew'eili- 1 gen Untersuchungßrichter , bei dem zuständigen Land- : gericht — oder auch vom . Gerichtsvorsitzenden — nach Anberaumung der Verhandlung an uns herangetragen W'erden. Unsere Aufgabe ist es, hier in Israel die iiberle- , benden Zeugen ausfindig zu; machen und sie auf Grund des Rechtshilfeersuchens aus Deutschland zu vernehmen, j Ausserdem versuchen wir, ' auch saftiges Beweismaterial zu finden, das sich zum „Wie geht denn nun die Vernehmung der jüdischen Zeugen in Israel vor sich?“ „Wir vernehmen die Zeugen in ihrer Muttersprache Ich glaube aber dass eine Gesellschaft — und damit meine ich die neue Demokratie in der Bundesrepublik — selber mit den eigenen Massenmördern fertig werden muss. Was wir hier tu« können, ist lediglich, dea deutschen Behörden auf Grund ihres Rechtshilfeersuehens bei ihren Ermittlungen behilflich zu sein. Ich möchte Ihnen bei dieser Gelegenheit ganz offen und ehrlich sagen, dass ich der und schicken dann diese von Zentralstelle in LudwigGbur* den Zeugen unterschriebe nen Protokolle im Original an die deutschen Behörden, i die. urs im betreffenden Fal- : le um Rechtshilfe baten. Darüber hinaus fügen wir diesen Protokollen einen ausführlichen Bericht der Vernehmung in deutscher Sprache bei. in dem wir auch die wesentlichen Punkte zur Erleichterung der Arbeit der deutschen Untersu.chungsbehörden behandeln.“ Ob die Zusammenarbeit mit den deutschen Stellen wirklich reibungslos klappe? Der Kriminaldirektor antwortet ohne Zögern: „Unsere Zusammenarbeit mit der Zentralstelle in Ludwigsburg und mit den deutschen Gerichten ist — ohne Uebertreibung — ausgezeichnet und läfGt tatsächlich nichts zu w'ünschen übrig, wobei besonders zu begrüssen ist, dass UntersuchungGrichter aus der Bundesrepublik nach Israel kommen, um hier bei unserer Zeugenvernehmung anwesend zu sein. Dadurch wird das Verfahren in Deutschland beschleunigt.“ „Herr Dr. Liff, wie stehen Sie eigentlich zu den Kriegsverbrecher - Prozessen, die Leute in Deutschland, wie der Hamburger Universitätsprofessor Hofstätter, neuerdings damit als überflüssig abzutun versuchen, dass sie behaupten, die Ermordung der Juden sei schliesslich nur .Kriegshiudlung“ , gewesen?“ i Dr. Liff schüttelt fassungs- ' los den Kopf. Die Gesinnung eines Hofstätter vermag er i wohl genausowenig zu begreifen wrie jeder Mensch, der sich eine Spur für Recht; und Anständigkeit bewahrt 1 hat. „Sehen Sie, die Verfolgung , und Bestrafung der Naziverbrecher sehe ich gar nicht primär als unsere eigentli- 1 che Aufgabe an, sondern in erster Linie als Aufgabe der | Deutschen, obwohl nahe An und ihrem. Leiter Erwin Schüle sowie seinen Mitarbeitern die grösste Anerkennung für ihreunermüdliche und verdienstvolle Arbeit zolle, die sie aus Ueberzeugung und Gerechtigkeitssinn , Übernommen haben. Ich ha- . be viel Erfahrung — schon aus der Zeit meiner Anwaltstätigkeit in Wien — mit allen möglichen Justizbehörden in vielen Ländern sammeln können, aber ich kann Ihnen versichern, dass Schäle und seine Mitarbeiter meiner Meinung nach sowohl fachlich wie gerade auch menschlich die besten und geeignetsten Männer für diese eo überaus schwierigen Aufgaben sind.“ Dr. Liff unterbricht sich, dann hebt er mahnend den Zeigefinger und lächelt verschmitzt, „Uebrigens stimmen gewisse Ammenmärchen, die einige Ihrer werten Kollegen verbreitet haben, :n keiner Weise, nach denen wir eine zentrale .Jagdstelle“ für Naziverbrecher in aller Welt sein sollen. Das ist blanker Unsinn! Unsere einzige Aufgabe besteht — wie gesagt — darin, den deutschai und österreichischen Justizbehörden bei ihrer schweren Kleinarbeit behilflich zu sein. Dabei schicken wir selbstverständlich nicht nur belastendes Material nach Deutschland, sondern auch entlastendes, wenn wir das bei unseren Ermittlungen erhalten.“ „Ich weiss, man muss diese ganze Materie objektiv und nicht' emotionell betrachten“, fügte er hinzu. „Wir versuchen ja auch, mit aller Objektivität zu arbeiten. Aber wir verspüren hier auch deutlich eine Sache: Wenn man immer nur die Millionenzahlen der Ermor deten liest, dann erscheinen diese Zahlen letztlich eher, doch nur als Statistiken. Wenn man sich jedoch mit den einzelnen Fällen näher zu befassen hat, dann packt gehörige von mir von den j einen das gr.nze Grauen je- Nazis umgebracht wurden, ner Zeit.“ Erhard verspricht Abhilfe Bonn. — Die israelischen Proteste vor der deutschen Bundesregierung gegen die Arbeit deutscher Wissenschaftler, die in Aegypten bei der Maisrnproduküon von Zeistörungswaffen beschäftigt sind, zeitigten jetzt ein Ergebnis. Bundeskanzler Ludwig Erhard wies das Innenministerium an, „die Arbeit deutscher Wissenschaftler in Spannungsgebieten“ zu unterbinden. Die israelischen Beßchwerden wurden schon vor über einem Jahr vorgebracht, als bekannt geworden war dass deutsche Wissenschaftler und Techniker eine wichtige Rolle bei der Herstellung unkonventionel ler Waffen spielen, die gegen Israel einge.setzt werden sollten. In einer Anweisung an den Innenminister verlangt Dr. Erhard die Abänderung der Passvorschriften in einer Weise, die verhindern soll, daßs deutliche Wissenschaftler gültige Pässe besitzen, wenn sie in „Spannungsgebieten“ arbeiten. (ITA> Registro de la Propiedad intelectual No. 735 194 Imnreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831

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