Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 2038 (15.11.1963)
- Date
- 1963-11-15
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PUEYRREDON 2190 — l? izq. £cu Jewxxiw+JsAjGielilcL £. E. 82-2613 ASO XXIV BUENOS AIRES, VIERNES 15 DE NOVIEMBRE DE 1963 No. 2038 Ein wichtiger Vorschlag des Konzils Vatikanstadt. — ,,Es ist ungerecht, die Juden als Volk des Gottesmordes zu bezichtigen oder sie als ,von Gott verfluchtes Volk’ anzusehen'', heisst es in einem Dokument, das unter den Konzilvätern verteilt wurde. Dieser Text trägt den Titel „Haltung der Katholiken zu den Nichtkatholiken und im besonderen zu den Juden“’. Sein Inhalt ist. wie es heisst, „rein religiös, verfolgt ausschliesslich geistige Ziele und wurde für die Einheit der Christen ausgearbeitet“. Das Dokument bildet das vierte Kapitel dei; ökumenischen Schemas; bisher wurde seine Diskussion noch nicht von der Versammlung aufgenommen. Wie ein Communiqué des Sekretariats für die christliche Einheit besagt, hat das Kirchenkonzil eeine Aufmerksamkeit den Juden nicht als Rasse oder Nation zugewandt, sondern als auserwähltes Volk des Alten Testaments Und angesichts der wachsenden Bedeutung, die dem heiligen Erbe der Kirche. beigemessen wird. Der vorliegende Text ist nach Aussage des Sekretariats nichts anderes als „ein Ausdruck der weltumfassenden Liebe, die Johannas XXIII. zu dem Wunsche bewegte, dass ein solches Dokument dem Konzil unterbreitet werden sollle“. Aus diesem Grunde, so betont das Sekretariat, kann dieses Dokument nicht als prozionistisch oder antizionistisch ■bezeichnet werden, denn diese Blickpunkte sind politisch und somit seinem Zwecke fremd. Es wird hinzugefügt, dass die Verwendung dieses j Dokuments „als Argument bei Diskussionen oder zur Erhärtung gewisser politischer Forderungen oder zur Bekämpfung der politischen Forderungen anderer, völlig unberechtigt ist und den Absichten seiner Verfasser zuwideriä uft.“ Das Dokument stellt klar, dass die Verantwortung für den Tod Christi nicht den Juden zur Last fällt, sondern der gesamten sündigen Menschheit. Die Rolle, die die Juden gespielt haben, schliesst die Schuld der gesamten Menschheit nicht aus, und in keinem Falle dürfen die Fehler, die ,von jüdischen Führern begangen wurden, weder der Gesamtheit des jüdischen Volkes vcn damals, noch dem jii-! dischen Volk von heute an-! gerechnet werden. | Des weiteren wird eine; Aufforderung an die Geistlichkeit ausgesprochen, damit die Kreuzigung nicht zum Anlass diene. Hses oder Verachtung der Juden zu predigen. Das Dokument stellt abschliessend fest, dass heute ebenso wenig wie im Jahre 1962 di« Möglichkeit vorhanden ist. einen Repräsentanten de.3 Jüdischen Weltkongresses zum Konzil zuzulassen. EIN HISTORISCHES EREIGNIS „Mit diesem Dokument, das ein historisches Ereignis darstellt, leintet das Oekumenische Konzil einen wertvolle« Beitrag zur Verständigung unter den gros.sen Religionen in unserer Welt und zur gegenseitigen Achtung zwischen den Menschen aller Glaubensbekenntnisse“, heisst es in einer Erklärung des „Amerikanischen Jüdischen Comités” zur Verteilung eines Kapitels über das ökumenische Schema an die Konzilväter, das von den Beziehungen zwischen Juden und Christen handelt und den der „Treulosigkeit“ angeklagfen Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Dan Communiqué würdigt das „tiefe religiöse und menschliche Empfinden“ des Kardinals Augustin Bea, der die Leitung des Sekretariats für christliche Einheit innehat und welcher dieses Dokument ausarbeitete. Weiter heießt es, dass ■ ein jeder die Bemühung zur Wiedergutmachung eines Unrechts begrüssen müsse, ■ elches „im Gegensatz zu den von beiden Religionen gemeinsam bekannten geistigen Idealen“ begangen worden ist. indem der Erwartung Ausdruck verliehen wird, dass unabhängig von der Aufnahme, die das Dokument im Kirchenkonzil finden wird, seine Veröffentlichung in Zukunft dazu dienen dürfte, um die Aufreizung zum Hass gegen die Juden zu verhüten. EINE NEUE AERA Paris. — Der Präsident deis Jüdischen Weltkongresses, Dr. Nachum Goldmann, erklärte, das Judent um empfinde Befriedigung über das dem Oekumenißchen Konzil unterbreitete Dokument, in dem bestätigt wird, dass die Juden nicht die Schuld für den Tod Jesu Christi tragen. Dr. Goldmanns Erklärung lautet wie folgt: „Das jüdische Volk ist bewegt und befriedigt von den Aussichten, dass daß Oekumenische Konzil eine Erklärung annehmen dürfte, in der die katholischen Gläubigen ermahnt werden, von .jenen religiösen Lehren Abstand zu nehmen, die zur Verachtung, zum Hass und zur Verfolgung der Juden Anlaßs geben* 1. Diese Erklärung ßtellt nicht nur für die christliche Welf ein wichtiges, historisches Ereignis dar, sondern es ist eine Massnahme von höchster Bedeutung für die Entfernung alter Uebel und der Feindßeligkeit, unter denen H&ILE SELASStt ALS VERMITTLER Jerusalem. — Der aethiopieche Kaiser Haile Selassie äusserte. er würde „glücklich sein, als Vermittler zu fungieren“, um möglicherweise eilen Frieden zwischen den arabischen Staaten und Israel herbeizuführen. In einem Interview, da« er in Pariß einem Berichterstatter des israelischen Staatsrundfunks Kol Israel gewährte, erklärte er: „Ich bin überzeugt, dass der arabisch-israeläsehe Streit auf friedlichem Wege gelöst werden kann.“ Auf die Frage, ob er die Aufnahme direkter Gespräche zwischen Arabern und Israelis für möglich halte, entgegnete er: ..Ich würde glücklich sein, mich denen zur Verfügung zu stellen, die meine Vermittlung in Anspruch zu nehmen wi-Vßchen, um den internationalen Frieden und die Sicherheit zu gewährleisten.“ Der Kaiser wies auf seine freundschaftlichen Beziehungen zu Israel hin und betonte, dass sein Land bemüht sei, die Bande mit dem jüdischen Staat enger zu gestalten. (ITA) WIE ICH ES SEHE: Nackte Gewalt der Feigheit von JEHUDA GOTTHEIMER Nack dem Pogrom In einer Reihe von Artikeln wurde die Geschichte der November - Ereignisse des Jahres 1938 dargestellt, Erkenntnisse niedergeschrieben und Folgerungen gezo gen. Urnere Leidensgeschichte war mit diesen Begebenheiten nicht abgeßchlossen. Die grosse Tragödie des deutschen Judentums hatte als solche ihren Höhepunkt erreicht, die des europäischen Judentum», noch nicht eigentlich begonnen. Ueber die Nazi-Herrschaft, auch über ihre Judenverfolgungen. wurde in den vergangenen Jahren sehr viel geschrieben. Eine einheitliche Daißtellung des jüdischen Schicksals jedoch wur de bis heute nicht veröffentlicht. Hierfür gibt es viele, ernste Grtii;de. Erlebnisberichte liegen in grcßsen Anzahl vor. auch Monographien über das Schicksal einzelner kleiner wie grosser Gemeinden. Die Geßchichte des Unterganges des europäischen Judentums zu schreiben, hierzu gehört, wie mir scheint, eine größere Distcnzjerung als diejenige, die wir von den Ereignissen haben können. Vielleicht gibt es heute oder später eine Perßönlichkeit, die nicht allein mit der Sachkenntnis und dem Wissen eines Historikers, mit der Ergebenheit e.'r.es nach Erkenntnis ringenden Menschen, sondern auch mit der gestaltenden Kraft eines Dichter« ausgerüstet und begabt ist, um diese« Gesche hen der Nachwelt zu überteln. Hier besteht nicht die Absicht, die Artikelserie fortzusetzen, um eien Ersatz für ein fehlendes Geschichtsbuch zu liefern, obwohl auch dies nützlich wäre. Nur einige Bemerkungen sollen noch gemacht werden, weil vielleicht noch ein wenig von der heiligen Unruhe in vielen von uns nachklingt, die von der Erinnerung an daß schreckliche Geschehen in der Kristallnacht vor 25 Jahren ausgelöst worden ist. Holland, Israel und EWG Den Haag. — Hollands Aussenminister Joseph Lun;, machte die ..unüberwindliche Opposition der arabischen Staaten” für das Scheitern der israelischen Bemühungen verantwortlich, zu einer irgendwie gearteten Verbindung oder einem Handelsvertrag mit dem Gemeinsamen Eurpäiscben Markt zu gelangen. In Beantwortung eines Antrags des liberalen De putierten Dr. Cornelius Berkhouwer, der ßich für eine holländische Initiative zur Unterstützung des Anschlusses Israels an den Europamarkt einselzte, erklärt« Luns vor dem Parlament, daaj die Regierung Hollands ihrerseits bereit sei, Israel bei der Ueberwindung seiner ökonomischen Schwierigkeiten zu helfen. (ITA) Mit einem Kommando, wie die Mord- und Brandtaten begonnen habt«, wurden sie auch wieder eingestellt. Trotzdem schrieben alle deutschen Zeitung auf Goebbels’ Befehl von ..spontaner Volkswut“. Diese Art der Berichterstattung und Verfälschung der Wahrheit konnte schon nicht mehr überboi tcn werden. Mit einer tollkühnen Dreistigkeit wurden die Lügen über die .empörten’ Massen und deren .gesunde’ Reaktion auf die .jüdischen Provokationen“ in die Welt hinausgeschleudert, die verblüffen mi’ßsten. Jeder zweite Deutsche wusste die Wahrheit au»s sicherer Quelle und, wer sie nicht' wusste, dem trat sie durch den Ablauf der Gegebenheiten so sinnfällig in Erscheinung, dasß Zweifel an der vollkommenen Durchorganisierung und sorgfältigen Vorbereitung des Pogroms bei niemandem bostehen kennten. Bei sehr vielen, die sonst mit den Wölfen heulten, machte sich doch — wenigstens vorübergehend — das Gewissen bemerkbar. Das hatten sie doch nicht erwartet, auch diejenigen , nicht, die stramme Nazis j gewesen sind. Aber niemand hatte den Mut, seine Stimme zu erhebe«. Gelegentliche, stille Proteste blieben wertlos. Brandstiftungen und Plünderungen hörten nach einem Tage auf. Aber die Verhaftungen gingen weiter. Die Jagd auf jüdische Männer Neonazis in USA New York. — Die nordamerikanische Nazipartei unter Führung von George Rockwell steht „auf einer Rolltreppe, welche in die Vergessenheit führt“, wie es in einer von der Bne Brit-Liga gegen Diffamierung durchgeführten Unter,-,uihung heisst. Der Bericht stellt fest, dass die Partei eine „Bande von Strolchen“ ist und eher eine Belästigung als eine Bedrohung der Oeffentliehkeit darstellt. — (ITA) da,s jüdische Volk und der jüdisch« Glauben zu leiden hatten und die den Juden durch zweitausend Jahre hindurch unvorstellbare Leiden, Verfolgungen und furchtbare Tragödien verur sacht haben. Die Herzen aller Juden schlagen höher angesichts dieser neuen Hoffnung auf eine Aera des Verständnisses und der Toleranz, die so nötig ist für den Frieden und das Wohlergehen der ganzen Menschheit.“ CHRISTLICH- JUEDISCHE BEZIEHUNGEN Jerusalem. — p»s dem Kirchenkonzil über die Um gestalting der Beziehungen zwischen Katholiken und Juden vorgelegte Dokument! wurde von Kultusminister Zorach Wahrhaftig wärm- ' stens begrüßst. Er nannte | dsß Schriftstück „einen mu tigen Schritt auf dem Wege! zur Abschaffung eines Vorurteils und zur Berichtigung von Missverständnissen, die zwei Jahrtausende lang die Ursache jüdischer Leiden waren. Der Minister gab der Hoffnung Ausdruck, dtss es von den Konzilvätern angenommen werden würde. London. — Oberrabbiner Israel Brodie erklärte, alle jene, die die Ankündigung de^s Dokuments über christlich - jüdische Beziehungen gelesen hätten, welches dem Oekumenischen Konzil unterbreitet wurde, müssten dankbar bewegt sein. Er wies darauf hin. d£ßs dieses Dokument eine gründliche Prüfung des Anteils der Juwurde fortgeßetzt. Diesmal wurden Frauen und Kinder nicht geholt. Das sollte erst im Rahmen der grossen Transporte geschehen, die während des Krieges erbarmungslos einsetzten. II. Einige Einzelheiten Nach einem Bericht spielten «ich die Ereignisse des 9. und 10. November 1938 in München unter den Augen der obersten Partei und Staatsführung folgendermascen ab: Nach dem Brandbuch der Städtischen Feuerwehr kam der erste Feueralarm am 9. November um 23 Uhr 59. Terroristen hatten das Schaufenster eines Texlilgeschäftes in der Augustinerßtrasse zerschlagen und die' Auslagen n Brand gesteckt. Der Eintrag vermerkt als Brandursache: .Antijüdische Kundgebung’. Drei Minuten später kam Grcßsalarm von der bereits lichterloh brennenden Synagoge. Die Feu erwehr rückte nach und nach mit fünf Löschzügen aus, da der Brandmeister höchste Explosionsgefahr meldete. Das Feuer griff bereits auf das benachbarte Schulhaus des Israelitischen Kultusgemeinde über. Die SA schürte dagegen den Brand mit Benziut Sie hatte die Schläuche den ersten Lötschzuges zerschnitten. All dies ist durch die Aussagen des Städtischen Branddirektors und des damaligen Hauswartes, der Ende 1945 vernommen wurde, erwießen. Zwischen zwei und drei Uhr nachts bekämpfte die | Feuerwehr vier weitere ■ Brände in zwei grcßsen Ge- ' schäften nahe dem Marien-! platz, im Betsaal der Jüdi-! sehen Gemeinde und in der j Villa eines jüdischen Fabrikanten. die — im Innern völlig zerstört — bis auf die Fundamente niederbrannte. Die zum Löschen und Helfen herbeigeeilten Nachbarn wurden vertrieben. Die zu . Hilfe gerufene Polizei blieb rntätig. als eie erkannte, wer die Terror-Anschläge leitete und durchführte. Aber es geschah bald Schlimmereß. Gegen zwei (Schluss auf Seite 2) den am Prozess gegen den Begründer des Christentums und seinen Tod aufgrund der christlichen Schriften verlangt, deren bisherige Auslegung so bece Folgen hatte und so oft zu Greueln und Unmenschliehkeit führte, deren Höhepunkt die nazistischen Verbrechen bildeten. „Wir müssen beten, dass die zum Stpdium der christlichen Doktrin versammelten Kirchenfürsten nicht nur die Juden vom Stigma des Gottetsmordes reinwaschen, sondern dass sie auch alle gutgesinnten Menschen dazu auffordern werden. ihren Glanben im Sinne Gottes zu bekennen und außzuiiben, damit sie der göttlichen und menschlichen Liebe teilhaftig werden.“ EIN TRAGISCHER IRRTUM Rom. — Oberrabbiner Elin Toaff rühmte die vom Vatikan dem Kirchenkonzil zugeleitete Erklärung als ein Dokument „von grosser historischer und moralischer Bedeutung für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Er setzte in einer Pressekonferenz ausziuander, daßs mit der in diesem Dokument enthaltenen Verneinung der Schuld der .Juden an der Kreuzigung Christi der tragische Irrtum der Vergangenheit zugegeben wird, durch den Tausende und Abertausende von Juden Verfolgungen und den Tod um ihres Glaubens willen erdulden mussten. Rabbiner Toaff unterstrich, dass ..wir dem Pa»v? Pani VI.. der das Dokument dem Konzil zuleitete, danken und das Andenken des verstorbenen Papstes Johannes XXIIL ehrt. l müssen. weil dieser persönlich die Uebergabe de,s Dokuments an das Konzil wünschte“. Der Antisemitismus habe allerdings stets nach einer Rechtfertigung gesucht und einen bequemen Vorwand in den Chris fliehen Lehren gefunden. die die Juden als „Gottesmörder“ anklagten, so fuhr Rabbiner Toaff fort' wobei er als Beißpiel anführte, dass erst kürzlich in einer italienischen Zeitung der Satz zu lesen war. dass die Juden „auch heute noch Gottesmörder“ seien. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass die klaren Worte deß Vatikans dazu beif ragen würden, de« Antisemitismus auf moralischem und religiösem Gebiet zu bekämpfen. Um die Palaestina-Flüchtlinge Vereinte Nationen. — Die USA versichert.« neuerlich, dass sie ihre Bemühungen um die Lösung de,; 15 Jahre alten Problems der palästinensische« Flüchilinge fortsetzen. In einer diesbezüglichen politischen Erklärung vor der Sonderkommission der GeneraWor Sammlung betonte der USA-Botschafter in Nigeria, Mercer Cook, dass „wir unsere Unterhandln gen weiterführen, weil wir glauben, dasß der Frieden im Mittlere.. Osten gefährdet ist,'solange diese tragische Situation andauert.“ Diese Erklärung folgte auf eine Reihe von Einwänden der arabischen Delegationen, die liestritte«, mit den USA „ßtille Unterhaltungen“ geführt zu haben. Cook nahm von den arabischen Protes en kaum Notiz und stellte fest, drss die zum ersten Mal offiziell bestätigten „stillen Unterhaitu gen” im Frühjahr und Sommer in den mittelöstlichen Hauptstädten stattfanden und u. a. das Ziel verfolgten, Israel zu beweeine gewisse Zahl von Flüchtlingen aufzunehmen, die bei den Kämpfen vom Jahre 1943 ihre Wohnstätten verlassen haben. (ITA)