Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 2030 (17.9.1963)
- Date
- 1963-09-17
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PIJEYRREDON 2190 — 1? Iza. Jüz Jemand JsAjae¿ila T. E. 832613 ASO XXIV BUENOS AIRES, MARTES 17 DE SEPTIEMBRE DE 1963 No. 2039 Kein jüdischer Widerstand? Gegen den Versuch, die Ermordeten schuldig zu sprechen Es fehlt nicht an Versuf chen, die Geschichte der I jüngsten Vergangenheit, der Hitler-Periode, umzuschrei- ( ben und umzudeuten. Ulu- , striertcnserien wie die von I Jürgen Thorwald ,,In der ■ Mühle der Kollektivschuld“, sind nicht allzu ernst genomj_ _ __ men worden; ander,? zwei j geliefert worden waren. Bücher, die im vorigen Jahr auch auf dem deutschen Bü von KURT R. GROSSMANN, New York ger-Terror traf die Juden in ] nichtung der Juden gelang Deutschland mit voller ' Wucht erst nach der Nacht zum 10. November 1938, obwohl genug Juden, insbesondere politisch tätige, schon früher in solche Lager einchermarkt erschienen; das eine von dem englischen Historiker A. J. P. Taylor, ,,Die Ursprungs des Zweiten Weltkrieges“, das andere von einem amerikanischen Professor für europäische und amerikanische Geschichte am State College in San Franzisko, David L. Hoggan: ,,Der erzwungene Krieg“. Hoggan macht dem damaligen polnischen Aussenminister Joseph Beck den Vorwurf, Hitlers Vermittlungs - Vorschläge üoer Danzig nicht gefolgt zu se,-n; durch zuwenig Nachgeben «ei er unter anderem am Ausbruch des Krieges schuldig. Diese die Hitler-Tragödie I verzeichnende Literatur ist jüngst durch Veröffentli-! chungen erweitert worden, ' die den Juden vorwerfen, j wie Schafe zur Schlachtbank gegrngen zu sein. Hierzu ge-! hören z. B. Bruno Bettelj heims „The Informed Heart“ und ein Beitrag des britischen Historikers H. R. Tre-1 vor-Roper in der Zeitschrift ' „Commentary“. In dem Wochenmagazin „The New Yorker“ hat die Soziologin Hannah Arendt eine Artikelserie unter dem Titel „Eichmann in Jerusalem“ geschrieben, die inzwischen als Buch herausgekommen ist und demnächst beim Piper-Verlag in München deutsch erscheint. Seit W'ochen werden Artikel veröffentlicht, die in ihrer Mehrheit Hannah Arendts Thesen von der Schuld der jüdischen Führung, vom fehlenden Widerstand der jüdischen Massen und ihre Sicht der historischen Zusammenhänge entweder kritisieren •der richtigstellen. Wenn man die Frage des mangelnden Widerstandes der Juden analysiert, muss man den gesellschaftlichen Status der Juden und vor allem die Haltung der Umwelt berücksichtigen. Die Verfolgung der Juden fand in Etappen statt. Die erste begann 1933 durch diskriminierende gesetzgeberische Akte. Der Konzentrationsla- DIE JUDEN WURDEN GETAEUSCHT Als ich im Jahre 1959 in einem Studienwerk in Vlotho an der Weser über die Judenverfolgung vor einer | Gruppe von Betriebsfunktioi nären sprach, fragte mich j ein Teilnehmer: „Da die Juden wussten, dass man sie : kritisch betrachtet, hätten I sie doch Deutschland ver- | lassen müssen. Warum ta- | ten sie cs nicht?“ Die For-; mulierung macht das Opfer für die Verfolgung verant- ■ wörtlich. In Wirklichkeit | aber war es so, um zunächst I bei den Juden in Deutschland zu bleiben, dass die Mehrheit von ihnen der gesellschaftlichen Gruppe des Mittelstandes angehörte, die sich Widerstand gegen den Staat nie hatte vorstellen können und deshalb nicht darauf vorbereitet war, Widerstand zu leisten. Meinem Fragesteller in Vlotho antwortete ich: „Die Tragödie der Juden in Deutschland war, das,s sie an Gesetz und Recht glaubten.“ Die Nazis mit ihrem schrittweise sich verschlimmernden System, w o_o das schliesslich zur Ver- [ in verantwortlichen °Stellun te, gebrauchten alle Mittel der Täuschung, um ihre furchtbaren Pläne zu verwirklichen. Die Juden, die angeblich wie Schafe zur Schlachtbank gingen, glaubten zum Beispiel, bestimmte Zwang,sarbeiten verrichten zu müssen, und erst zu spät erkannten sie, dass auf Erden der Teufel wütete und Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder physisch vernichtete. Es ist zweifellos wahr, dasß in diesem Prozess der Ghettosierung, der Ueberforderung menschlicher Kraft, da die tödliche Schlinge des Verhängnisses immer enger und enger zugezogen wurde, Juden, um ihr eigenes Leben zu retten, das Leben anderer verkauften. Es gab unter ihnen manche, die vor dem göttlichen und vor weltlichen Gerichten verdammt werden würden, aber ihr Tun war veranlasst durch die grausame Methode, die von den Nazis in ihrem Vernichtungsfeldzug gegen das Volk des Alten Testamentes angewandt wurde. In einer solchen Situation hat die überwältigende Mehrzahl der Juden ihr Schicksal mit einer Würde ertragen, die nicht durch die Handlungen einzelner herabgesetzt werden kann. Es gab aber genug Juden gen, die eher vorzogen, Selbstmord zu begehen, als unter Zwang schuldig zu werden, weil sie keinen anderen Weg sahen, um aus der Teufelsmühle auszubrechen. REBELLION WAR AUSSICHTSLOS Widerstand gegen die damals grösste Militärmacht zu leisten, die imstande war, in achtzehn Tagen Polen, in wenigen Wochen Belgien und Frankreich zu unterwerfen, und gegen die auch die Masse gutgesinnter, nichtjüdischer Menschen, trotz ihren Widerstand,? - Gruppen, nicht viel auszurichten vermochte — das wäre nur möglich und sinnvoll gewesen, wenn die Juden (dasselbe gilt für die Nichtjuden) in höherem Grad geistig auf diesen Widerstand vorbereitet gewesen wären. Das war aber tatsächlich nur eine Minderheit, wie etwa die Mitglieder der zionistischen Arbeiterorganisationen und des nichtzionistischen „Bund“ in Polen. Die Geschichte lehrt, dass eine rebellierende Minderheit in einem wohlorganisierten Regierungssystem mit starker Exekutive nie durch Anwendung von Gewalt gegen die jeweiligen Machthaber erfolgreich sein kam. Eine Rebellion aber gegen (Schluss auf Seite 24) WIE ICH ES SEHE Mit groesseren Hoffnungen von JEHUDA GOTTHEMER Medikamente für Argentinien Das argentinische Rote Kreuz akzeptierte das Angebot des israelischen Aussenministeriums, Medikamente für die Opfer der kürzlichen Ueberschwemmungen in Bue nos Aires und in der Küstenzone zu schicken. In zwischen traf am vergangenen Sonnabend in Ezeiza ein Flugzeug der Air France ein, das 20.000 Ampullen Antitenanus Serum an Bord führte, das Angestellten der Israel- Botschaft in Buenos Aires übergeben wurde welche zu diesem Zweck im Flughafen anwesend waren. Das Serum wurde unverzüglich durch die israelische Botschaft den Behörden des Roten Kreuzes zugestellt Dem kommenden jüdischen Jahr dürfen wir mit grösseren Hoffnungen entgegenblicken. Natürlich ist es weder einfach noch möglich, sichere Prognosen zu stellen. Im nationalen wie internationalen Leben gibt es zu viele unbekannte Faktoren, die keine Voraussage gestatten, sodass es vernünftiger ist, sich an das Geschehene zu halten und auf Grund von Tatsachen über die eigene Situation nachzudenken. Der Beginn eine,? neuen Jüdischen Jahres gibt uns hierzu Veranlassung genug, denn in allen jüdischen Häusern der weiten Welt wird dieser Tag als ein feierlicher Augenblick im Leben betrachtet. Nicht im Ungestüm unverbrauchter Jugendkraft, sondern mit der Reife von die Macht der Erinnerung steigt in ihnen empor; und plötzlich — oft gegen ihren Willen — stehen sie wenigctens für kurze Augenblicke wieder im Kreise der Familie und im Banne des Neubeginns. Sie überlegen und besinnen sich, woher sie ka- , men, sie prüfen vielleicht, I wo sie sind, sie ahnen mitunter, wohin sie der weiter« Lebensweg führt. Das ist der Kreislauf des Geschehens, di« Entwicklung des Individuums wie der Gemeinschaft. — Wenn wir, von solchen Ueberlegungen getragen, einen Rückblick auf das Schicksal der Juden auf dem lateinamerikanischen Kontinent werfen, werden wir kaum zur Bildung einer einheitlichen Auffassung über ihre Menschen, die selbst ebenso Zukunftsaussichten gelangen wie ihr Volk ein langes Schicksal haben, tritt das , neue Jahr (Rosch Hascha-; na) in unsere Mitte. j Es ist interessant zu beob- . achten, dase wir dieses „Neue Jahr“ als etwas Per- ] sönliches empfinden, nicht als ein abstraktes Datum. ' wie es schliesslich jeder Tag | ist. Aber die innere Bezie-. hung, die wir zu diesem! Neubeginn durch Erziehung, ' durch Tradition, durch Sen-! timent,? oder durch verstandesmässige Erwägungen gewinnen oder gewonnen ha ben, hebt diesen Tag hervor. Selbst diejenigen Juden, die dem religiösen Gedanken oder Leben ferner als andere stehen, unterbrechen den Rhythmus ihres Alltags; [ können. Niemand darf sich einreden, dres es ihm gut ergeht, wenn er sich seinen inneren wie äusseren Frietief verwoben mit dem Leben, der Gegenwart und der Zukunft derjenigen Völker ist, in deren Mitte die Judenheiten existieren. Dieses Grundgesetz unseres Galut- Daseins ist bisher noch niemals übersprungen, vergessen oder ausser Kraft gesetzt worden, auch nicht durch die Illusionen denen viele sich gern hingeben. Wir Juden sind davon durchdrungen, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt, dass es im Leben andere gestaltende, wirkende und treibende Kräfte als die materiellen gibt, dass es der Glaube ist, der Berge versetzen kann. Der Glaube —, aber nicht die Illusion! Deswegen sollten wir uns alle angewöhnen, die Dinge zu betrachten, wi? sie nun einmal sind, und nicht so hirstellen, wie wir sie uns wünschen. Wir müssen verstehen, dass unser Leben und damit unsere Zukunft den durch Wohlstand oder j immer eng eingemauert w Gleichgültigkeit „erringt“.! das Sein und Schicksal der Wir haben aus unserer an t Umgebung ist. Wie ein ein- Leiden überreichen Ge-; zelner Mensch nicht inmitschichte erfahren, dass wir ten eines Unglücks glücklich unsere eigene Lage niemals i zu sein vermag, so gilt die- Schwankungen se Regel auch auf die Ge nach den der Volksstimmungen beurteilen dürfen. Zunächst sollen wir wissen, dass jüdische,? Schicksal in der Galut meinschaften übertragen. Die lateinamerikanischen Völker leben am Rande oder bereits inmitten einer tief- Es fehlt der gute Willen Dr. VT.: — Anerkennenswert ist der Willen der Gesetzgeber, die Entschädiguags- und Wiedergutmachungsgesetzgebung durch ein Schlussgesetz zu einem guten Abschluss zu bringen, bestehende Lücken des Gesetzes auszufüllen und aufgetaucht« Ungerechtigkeiten auszugleichen. Ueberhaupt wird man rückblickend sagen dürfen, das,? der Gesetzgeber, dass Regierung und Parlament die gute Absicht gehabt haben, zu helfen, Recht anstelle des grausamen, nazistischen Unrechtes zu setzen und — soweit die? in Anbetracht der historischen Tatsachen und Geschehnisse möglich ist —, wieder gut zu machen, was an den Juden geschehen ist, nur weil sie Juden waren . Wenn man aur dis letzten Jahre Wiedergutmachungspraxis zurückblickt, so wird man gerechterweise sagen müssen, dass manch’ materielles Unrecht ausgeglichen wurde. Aber dieser Fakt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass häufig neues Unrecht durch die Verwaltungspraxis und die Gerichte geschaffen worden ist. Die Wiedergutmachung i,?t zu einem guten Teil eine Angelegenheit der Bundesländer, nicht des Bundes selbst, also abhängig von den Landesregierungen der verschiedenen Staaten (Bundesländer), die den „Bund“ bilden, dessen zentrale Regierung in Bonn sitzt. Diese Bundesländer haben ihre eigene Ent,Schädigungspraxis ausgebildet. Es gibt entschädigungsfreundliche und -unfreundliche Länder. Unter die Gruppe der entschädigungsfreundlichen kann man zumindest Berlin rechnen, dann wird man schon lange überlegen müssen, ob noch ein Amt unter diese Kategorie fällt. Besonders entschädigungsunfreundliche Länder sind Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg. E,? wäre lohnend, sich einmal die näheren Umstände anzusehen, die zu einer so unfreundlichen Haltung der genannten und anderer Aemter führen, unter denen das kleine Amt Detmold eine besonders unrühmliche Rolle spielt. Aber in Deutschland nimmt sich niemand die Mühe, diese Aemter zu untersuchen. Wen interessiert dort schon die Frage der Wiedergutmachung und der Entschädigung? Wen betrifft e,?, ob einer oder zehn alte Nazis in diesen Aemtern Unterschlupf gefunden haben? Es gibt ohnehin zu wenige Menschen, die bereit wären, ihre Arbeitskraft ausgerechnet auf diesem Gebiet einzusetzen. Das sind kein« Nebenfragen. Weil sich niemand hierfür interessiert, sehen die Verhältnisse von aussen zufriedenstellend. von innen her aber äusserst kritisch aus. Weil sich niemand dafür interessiert, können die Entschädigungsämter, deren Aufgabe es ist, nationalsozialistisches Unrecht wiedergutzumachen, sich auf Gestapo-\kten berufen, um die Wiedergutmachung zu verhindern. Die Regierung sollte einen Kontrollausschuss zum Schutz ihrer eigenen Wiedergutmachungsgesetze gegen die missbräuchliche Handhabung durch ehemalige oder heutige Nazis schaffen! gehenden sozialen Umwälzung, deren Zeugen wir sind Es gärt um ure herum. Ständige Rebellionen, Umwälzungen, Unruhen. Umstellungen charakterisieren den Alltag beinahe aller lateinamerikanischer Republiken. Ein ungeheures Suchen nach einer festeren Lebensgrundlage, nach neuen politischen und sozialen Fundamenten, nach einem anderen als dem bisherigen Weg im nationalen wie im internationalen Leben kann beobachtet werden. Die bisherigen, die Gesellschaft formenden Kräfte werden von neuen, unbekannten bedrängt, abgegriffene Ideen werden ais Neudie negativen Tendenzen und die Tiefpunkte im Leben von Völkern für verantwortlich. Es ist jüdisches Galut- Schicksal, gerade für diejenigen Faktoren Schuld und Verantwortung auf gebürdet zu erhalten, mit denen wir als gesellschaftliche Schicht, soziale Gruppe, religiöse Gemeinschaft oder nationale Minderheit die geringste Beziehung haben. Die Umwelt hat sich daran gewöhnt, — und dies nicht erst in unserer Zeit, sondern seit Jahrhunderten, — von jedem einzelnen Juden als Teil eines Ganzen zu sprechen: man sagt „Die Juden“ auch wenn man von einem nur heiten aufgeputzt, die man spricht. Auch diese ungeden .unterentwickelten“ Nai wollt? und meist ungerechte tionen vorsetzen zu können glaubt, neue echte Erkenntnisse gewinnen Gestalt, kurzum: eine gewaltige Unruhe erschüttert unseren Kontinent und wühlt seine Völker auf. In solchem, aufgewühltem Gesamt-Verantwortung, sie bedeutet jüdisches Schick- Gal. Wenn man alle diese Faktoren in ein Bild formt, dann , erblicken wir hierin unse-! ren Alltag. Solange dieser Kontinent von grösseren Er- Meer bleibt niemand unberührt, weniger noch ehe Gemeinschaft, deren Schicksal es ist, mit Krisensituationen in Verbindung getjetzt zu _ ___ werden. Nicht wir machen j politischen Bewegungen die aus uns Rebellen, nicht wir | Bevölkerungen vor ständige stempeln uns zu „Fermen- .Veränderungen stellten, körnten der Deskompositicn“, I Schütterungen wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Natur verschont war, lebten die Juden ruhig und unangefochten. Solange hier keine nicht wir erklären uns für (Schluss auf Seite 2> Das Oekamenische Konzil Rom. — Papst Paul VI. richtete ein Sondersschreiben an den Kardinal Eugen Tisserant, das im Zu sammenhang mit der Wiederaufnahme des Oekumenischen Konzils steht und!n dem er eine Erweiterung des Sekretariats für die christliche Einheit verfugt An dieser Stelle gibt der Papst seiner Besorgnis um die neuen Kontakte mit nichtchristlichen Gruppen Ausdruck. In Vatikankreisen wurde betont, dieser Pärnus be ziehe sich auf die jüdische, mohammedanisch? u-.d andere Religionen. Wie erinnerlich war es der verstorbene Papst Johannes XXIII., der das Konzil einberief und dem Kardinal Augustin Bean in seiner Eigenschaft a’,3 Organisator des Kcnzils die Aufgabe über trug, eine Erklärung auszuarbeiten, in der di? Katholische Kirche den Antisemitismus verureitt. (ITA)