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Jüdische Wochenschau · 1963-07-26 · 2022 (26.7.1963) · p. [Seite 9]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
24 (1963)
Issue
2022 (26.7.1963)
Date
1963-07-26
Page
[Seite 9] (sequence 9)
Language
German, Spanish
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Viernes, 26 de JnUe de 1963 LA SEMANA ISSA) ITA Año XXIV. — No. 2322 — 9 Th*ö4oir ifewtf PÜEYRREDON 2190 1 St. * * T. E. O c < 9 Die Persoenlichkeit Blumenfelds von DAVID BEN GVRION David Ben Guricn nannte Blumenfeld in seiner Ge denkrede einen echten Revolutionär, natürlich nicht einen der einen Umschwung im Staat mit Mitteln der Gewalt anstrebt, sondern einen der auf eine viel tiefere Revolution aus ist, die ausserordentliche Fähigkei ten voraussetzt. Blumenfeld war ein höflicher liebenswerter, edler Mann, ein Mensch, der in seinem Temperament alles andere als stürm iß ch und verwegen war — und dennoch war er ein ideologischer und sittlicher Revolutionär, der grösste in der zionistischen Beweguug. sagte Ben Gu rion. Nicht der Antisemitismus, der in Westeuropa auf Herzl und Nordau einwirkte, nicht die verwurzelte jüdische Tradition der °®teur°^’ sehen Juden wie bei Weizmann und seinen Freund«h sondern eine ideologische Revolution, die aus Beooach tung und tiefer Eckenntm des Wesens des Juden tums und des Deutschtums stammte führte Blumenfeld zum Zionismus. Die Jugendfreunde Blumenfelds waren keine Juden. Er eagta von 5 dass er die siebente Generation der emanzipiet- Sn deutschen Juden repräsentierte. Typisch fur ’hn ist, das.s er in eu^r ziomst srhen Versammlung aen Zionismus zu erklären ver suchte und Judennot Und An_ tisemitismus dabei ^ube hauot nicht erwähnte. 0 waren nicht die Motive die Rückkehr Blumenfelds zum Judentum. Der Antrieb kam aus der Erfassung d essentiellen geistigen und sittlichen Untere chiedszwi sehen Deutschen und Juden zwischen der hundertiahr - gen deutschen und der tau sendjährigen jüdischen Ge "CIm weiteren Verlauf seiner Ansprache erklärte Ben Gurion, dass Blumenfelds einzigartige Leistung in e nem Erfolg zu sehen ist, dass und wie er die Erkenntnisse, zu denen er gckonv men war, anderen deutschen Juden zu vermitteln wusrie, die der Assimilation verfal len waren, und dass er eie, ohne den Antisemitismus als Argument für ihre Trennung vom Deutschtum heranzuyiehen. gewann, kl^nschem die sich deutsche Staatsbur ger jüdischen Glaubens nannten, ob sie nun .fromm waren oder freiemmg, öffnete er die Augen, dass sie nicht Deutsche, sondern Juden seien. Er forderte von ihnen mit aller Folgerichtigkeit. dass sie als Weg di Rückkehr nach Zion wähllen. Wie charakteristisch war es für Blumenfeld, sagte Ben Gurion, wir, er dem Geographen Philippson, der «len Nahen Osten kannte, auf dessen Einwand erwiderte. dass man mit Palästina nichts anfangen könne, weil, wo es dort Wasser ge be, das Land malariaverseucht sei. und wo kein Wrrser vorhanden wäre, der Boden unfruchtbar sei. Blumenfelds Antwort u-ar. dass Phlippsons Behauptung nur beweise wie richtig die zionistische Wahl war. Denn wenn wir in ein Land zu riiekkehren sollten, das so entwickelt und so reich wäre w’ie zum Beispiel Dänemark, würde man er ms wahrscheinlich nich geben, und überdies haben wir nur dann als Volk eine Zukunft, wenn wir das Land durch unsere Arbeit erobern. Vielleicht hat Blumenfeld sei her damals die ganze tiefe Wahrheit in se ner Antwort nicht erfasst, aber es unter liegt keinem Zweifel, dass er die tiefste Wahrheit der zionistischen Idee ausgesprochen hat — die chaluzische. die schöpferische, die erlösende Wahrheit. „Wenn ich diesen echten Zionismus, der in unseren Tagen eine Revolution im jüdischen Volk und in seinem Land hervorgerufen hat — nich* jenen Zionis mus, der sich jetzt fälschlich so nennt und seines Inhalts entleert ist — umschreiben wollte, so würde ich mich zweier Begriffe bedienen: Das jüdische Selbstverständnis vnd die chaluzische Auffassung“ — sagte Ben Gurion. Aeusserliche Moment?, die bei jeder Einwanderung ei ne Rolle spielen, wolle Ben Gurion nicht durchaus negieren. den wirtschaftlichen und den politischen Druck und so weiter. Die Einzigartigkeit und die geschichtliche Grösse Blumenfelds cind aber in der Tatsache begründet, dans sein Zionismus nicht aus äusseren, sondern aus inneren Quellen genährt wurde, auß seinem seelischen Reichtum, der um den Unterschied zwischen dem Jude-Sein und dem Deutsch-Sein wusste. Nicht der Entzug und nicht die Erteilung von Rechten ändern das Wesen des Menschen, und Jude-Sein ist das Ergeb niß einer tausendjährigen Erbschaft und Ueberlieferung. Blumenfeld begriff, dass die Rückkehr nach Zion nicht nur eine geographische Veränderung oder etwa das Eintauschen der Ga lut und der Zerstreuung für die Heimat sein können, sondern die Umgestaltung der Natur selbst, der Landschaft der Heimat. Er verßtand, dass der Anspruch auf das Land nicht allein von dem durch die Väter vererbten Rechte abhängt, sondern von der Schaffung eines neuen Landes, einer Landwirtschaft, Industrie Schiffahrt, der hebräischen Sprache, der jüdischen Kultur vermittels der ßchöpferischen Kräfte, die jedem Juden in newohnen. Auch die Umformung des Antlitz.es des jüdischen Volkes durch das Schmieden einer neuen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gemeinschaft gehört dazu — eines Volkes, daß nicht von anderen abhängig sein soll, sondern alles durch seine physischen und geistigen Kräfte neu erstehen läsßt. 2. AUSSPRACHEABEND Auch der von der THG vorbereitete 2. Ausspracheabend vereinte ein sehr interessiertes Publikum, das vom Vorsitzenden, Dr. Ilar di Swarsensky. herzlich begrtisst und auf die kürzlich begangenen Jahrzeilen von Herzl und Bialik hingewiecen wurde. Während Dr Swarsensky daran erinnerte, wie klar Herzl vorausgesehen habe das.-, das historische Gesetz jüdischen Schicksals zur einzig mögli chen Lösung, nämlich der des Judenstaates, führen werde, unterstrich Rabb. Dr. Meir Rosenberg mit ei nigen Worten die beßondere Bedeutung Bialiks. Sei Herzl von der äusseren Schicksalsgestaltung bewegt, so wäre der Dichter Bialik getrieben worden von der Tatsache der zerbrochenen alten jüdischen Kultur in un serer Zeit. Die neue Generation fand n der sogenannten „Freien Welt“ nicht das was sie ßuehte. Keine neue jüdisch-nationale Kultur wäre bis heute gebildet vvor den, die der alten gleichkäme. So stünde Bialiks grossartiges dichterisches Werk vor uns, als der Versuch der Bewahrung von Schätzen al ter Kultur in einer neuen Ai’ßdrucksform. Der Ehrengast des Abends, Georg Fleseh, Direktor des Lateinamerikanischen Departaments des Keren Hajessod in Jerusalem, der sich in wichtiger Mission auf dießem Kontinent befindet, begann seine fesselnden Ausführungen mit dem Hinweis Israel braucht fuer seine Industrie mehr Spezialisten, die in Sonderkiirsen ausgcbildct werden. auf die Wichtigkeit der Alija aus Laieinamerika für beide Teile, für die, welche von dort ohne zwingenden Grund jetzt nach Israel kä men und für den jüdischen Staat selbst, der gegenwärtig eine grosse Elnwanderungsweile absorbiere. Trage Ißrael aber die ungeheuren Kosten der Landecver teidigung allein, so müsse es diejenigen der Masseneinwanderung und deren Einordnung zusammen mit dem ganzen Volke tragen. Der Redner entwarf ein Bild der Situation im Miitleren Osten, der bei weitem nicht nur von arabischen Völkern bewohnt werde, erinnerte an aktuelle Kriegshandlungen in jener Zone. Aus dem Hause Blumenfeld Der Altmeister der deut sehen Zionisten, der entscheidend auf den Gesinnungßwandel junger und al ter ^Tuden in Deutschland ein gewirkt hat, ist am 21. Mai mit Kurt Blumenfeld dahingegangen. Seine irdischen Reste wurden von Tel Aviv aus der Klinik des ihm so vertrauten verstorbenen Dr. Felix Dinziger nach Jerusalem überführt und dort, wie es ihm gebührte, in einem feierlichen, man könnte fast sagen, Staatsbegräb niß von dem Hause der nationalen Institutionen zum Friedhof Sanhedria überführt. Salman Shazar, der erst am Tage vorher das Treugelöbni.s als Staatspräßident abgelegt hatte, war mit seiner Gattin unter den Leidtragenden, und es war das erste Mal, dass er nach ßeiner Einführung öffentlich in Erscheinung trat. Mit den führenden Persönlichkeiten der Regierung vereinten sich die überlebenden zio nistischen Veteranen aus Deutschland. Selbstverständlich hielt ihm neben anderen Rednern 6ein alter Kampfgenosse aus der Jugendzeit, der frühere Minister Pincha.s Rosen (Felix Rosenblüth) einen warm empfun denen Nachruf. Ueber den Meister, über sein Leben, über seine Wirkung werden Berufene an verschiedenen Stellen urteilen. Er selber hat sich eigentlich ein bleibendes Denkmal gesetzt durch sein erst kürzlich im Leo Baeck- Institut erschienenes Buch: „Erlebte Judenfrage“, das eine Art Selhstbiographie ist und seine Unterredun gen mit führenden Persönlichkeiten (Albert Einstein. Walter Rathenau u. a.) schildert. Was weniger bekannt ist, ist ceine Herkunft von Rabbiner Dr. NEE FELD aus Ostpreussen, und darüber kann nur urteilen, wer selber in jener Gegend gelebt hat. Sein Vater, der Amt.sge richtsrat Rudolf Blumenfeld, war der Sohn eines jüdischen Lehrers und Predigers in Schweignitz (Niederschlecien). Blumenfeld schwamm mit Samuel Hold heim über die Weichsel in der Gegend von Thorn auf preussisches Gebiet, um sich dem Militärdienst im zaristischen Polen zu entziehen. Diese mir seit langem bekannte Ta'ßache hatte mir Kurt Blumenfeld gerade noch vor einigen Monaten bei seinem letzten Besuch bestätigt. Der jüdische Lehrer nann te seinen Sühn Rudolf, und es war ganz selbstverständlich, dass Rudolf die Universität bezog. Er studierte j Jura, aber im Gegensatz zu den me'ßten jüdischen Juristen, denen es damals und auch später bequemer und nützlicher erschien, sieh als freie Rechtsanwälte zu betätigen, entschloss er sich, als Jude in den juristißchen Staatsdienst einzutreten. Er gehörte auch einer schlagenden und Farben tra-! genden Verbindung an, wie j das in jenen liberalen Jah ren und auch schon vorher nicht selten vorkam. Aber als diese Verbindung in der. Zeiten des beginnenden Antisemitismus keine Juden mehr aufnahm, schickte Blumenfeld sein Farbenband zurück und trat aus. (Jüdische Verbindungen entßtan den erst später). Unter dem Einfluss dieses beginnenden Antisemitismus der achtziger Jahre wurde er sich langsam des Judeni tums bewuest und dachte auch ans Elternhaus zurück. Er erinnerte mich in mancher Hinsicht, auch im , Erscheinen Haltung und Sprache, an meinen grossen Lehrer Prof. Hermann Cohen (Marburg), der eben falls der Sohn eines jüdischen Lehrers war und gegen seinen antisemitischen Kollegen Heinrich von Treitßchke als bewusster Jude auftrat. An Zionismus war freilich damals noch nicht zu denken. Blumen feld war damals Amtsrichter in der ostpreussischen Kleinstadt Oletzko, die spä ter Marggrabova hiess und nach der Volksafcßtimmung 1920 sogar Treuburg genannt wurde. Heute gehört sie zu Polen und heisst wie der Oletzko. Blumenfeld liess sich an das grosse Amtsgericht in der Mittelstalt Insterburg vernetzen, wo in jeder Hinsicht andere kulturelle Möglichkeiten bestanden. Hier wurde 1834 sein Sohn Kurt geboren. Insterburg war eine merkwürdige Gemeinde, sehr jung, der erste Jude David Kloessner aus Chad ziesen in Posen iiess sich eret 1834 hier nieder, erst seit 1865 bestand eine Syn agoge. Die allmählich zuziehenden Juden stammten teils aus anderen östlichen Provinzen Preussens, teils aus den nahen Gebieten Polens und Litauens. Auffal iend war, wie die zweite Generation dieser östlichen Juden eich rasch assimilierte, von den preussischen Juden ganz zu schweigen. Die arrivierten Juden legten, eben so wie die Familie Blumenfeld, Wert auf Verkehr in christlichen Kreisen, während die kleinemi Leute unter sich blieben. Die Folge war schon damals eine auffallend grosse Zahl von Mischehen und sogar Taufen, auch bei Juden, deren Väter noch auß Litauen oder Polen gekommen waren. Es war ein aussichts loser Kampf einiger bewusster Juden, wie des bedeutenden Kanzelredr.ers Rabbiner Dr. Max B:ermann (später in Heilbronn) mehr Jiidischkeit in die Ge meinde zu bringen. Als in Insterburg sehen ] 1908 eine Bne B’rith-Loge, die Libanon-Lcge. gegründet wurde, noch vor der Loge in Königsberg, so war das eine jüdische Leistung. Sie brachte die besser gestellten Juden einander näher und entfremdete sie den Freimaurern und sonstigen nicht jüdischen Gesell schaftskreißen. Und wer zu einer Sitzung in die Loge ging, tat damit allein sehen etwas Jüdisches, ganz gleich, was er dort machte. Als dann einige junge Leute, unter ihnen Kurt Biumenfeld, vom Zionismus ..angekränkelt“ wurden wurde manches besser. In der Zeit nach; der Jahrhundcrtw nde ivurj de ein Jugendverein ..Ha i sehafar“ gegründet. Später; wagte man nogar ganz of- | fen die Gründung einer zio- ' nistischen Ortsgruppe. | Als ich kurz nach dem er-! sten Kriege nach Insterburg kam, fand ich eine ven Par teikumpfen aufgewühlte Gemeinde vor. Bei Gemeindewahlen spielten die Gegensätze C.V. und Zionismus eine Rolle. Es bestand ein Jugendverein ,.Blau-Weiss“, alß Gegenpol wurde ein Ju gendverein der ..Kameraden“ gegründet. Die meisten Jugendlichen gingen später unter dem Einfluss von Kurt Blumenfeld durch die Sehudie nichts mit Israel zu tun hätten (Irak — Kurd n, Aeavptcn — Jemen), an die noch keir.ccwegs gelungenen B-smühvngen Hassers. Syrien Und d*n Irak unter s„ine eigene Herrschaft zu bekommen, um ein orlemalisch-afrikanisches Weltreich zu gründen sowie an den starken Gegensatz, der auf der Konferenz von Acdis Abeba zwischen Aegypten und afrikanischen Staaten entstanden sei, die ihrerseits absolut zu Israel halten wollen, Ueber diese verschiedenen Strömungen, die keineswegs die vielgepnese ne arabische Einigkeit dax'~ stellten, brachte Chawer Fleseh interessante Detai’c. Auf mehrere Fragen eingehend. schilderte der Redner die oftmals verwunderliche Haltung von Männern wie Nehru und Tito gegenüber Israel, wobei er euch auf die Verbesserung der Beziehungen Israels zur Türkei hinwies. le des K.J.V. und haben iari ausnahmslos den Weg nach Israel gefunden; auch der vor zwei Jahren verstorbene Knessetabgeordnete n d Arzt Dr. Kar.owitz gehörte zu ihnen. Der damals rchon alte Blumenfeld, der im Gegensatz zu seinem Sohn kci ne Kämnfernatur war, bekannte sich eindeutig zum Zionismus, war trotzdem, oder gerade vielleicht deshalb. Vorsitzender der Repräsentanten - Versammlung und bei der von Kurt Blumenfeld veranlassten Gründung des Keren Ilayc red unterschrieb er zusammen mit dem zionist:seh:n Arzt Dr. Michael Posner. Wie sein Leben, so war sein Tod. Es war im Winter 1921. Er ist auf einer Sitzung der zionistischen O'-. gruppe plötzlich mit den Worten ..Oh Gott!“ verschieden. Am nächsten Tage er schien Kurt aus Barl n. Die Beerdigung auf dem neuen Friedhof vor d-rm Zieg-lt-r gestaltete sich, \v;e es damls beim Zusammenleben von Deutschen und Juden üblich war. zu einer machtvollen Kundgebung. Jede Sehe nahm den Verstorbenen für sich in Ar.-pruch, der Arntsgerichtsprä^dent. der den gewissenhaften preussiseh’n Beamten pries aber auch mehrere Vertreter cer Juden, di-> offen unri ehri "h den Juden und Zici Uten rühmten. Der Enkelsohn Rafael hat ein doppeltes schweres Erbe daß des grosse*1 Vrre -s Kurt und das des Grossvn- Ws Rudolf, rmch dom er Rafael hei.st. D:-e Verdiens o von Vater und mögen Kindern und Enkrin beistehcr.

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