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Jüdische Wochenschau · 1963-07-12 · 2020 (12.7.1963) · p. [Seite 1]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
24 (1963)
Issue
2020 (12.7.1963)
Date
1963-07-12
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German, Spanish
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PUEYRREDON 2190 — 1? izq. /& JèmxïK&Jsà&j&lila T. E. 83-2613 ANO XXIV BUENOS AIRES, VIERNES 12 DE JULIO DE 1963 No. 2020 Vom Mittelosten nichts Neues Die Situation im Irak spitzte sich in den letzten Tagen weiter zu, nachdem einige energische, d. h. blutige Versuche der irakischen Zentralregierung gescheitert waren, den Kurdenaufstand ge waltsam zu unterdrücken. Die Kurden, auch ein Volk ohne Heimat, bilden einen weiteren Unruheherd, da \ niemand gewillt ist, das Pro. blem dieser Minorität innerhalb der verschiedensten Völker des Nahen Ostens zu lösen. Die Kurden selbst erklären, sie seien ein Volk von rund acht Millionen Menschen, während allgemein angenommen word, es gäbe nur drei bis vier Mil lionen Kurden, von denen beinahe zwei Millionen im nordöstlichen Irak leben. Durch die Aufteilung des Gebietes der Kurden unter die verschiedenen Länder findet man heute kurdische Minoritäten auch in der Türkei, Iran, Syrien sowie den Sowjetrepubliken Armenien ' und Asserbeidschan. Die Kurden leben in unwirtlichen Gebirgsgebieten, die das Eingreifen der Re gierungsge walten erschweren. Aus welchen Gründen ein solches Eingreifen das gebotene Mittel zur Befriedung des Landes sein soll, ist nicht erfindlich. Die Unausgeglichenheit der ver schiedenen Bevölkeruugsteile auf einem Gebiet inner halb der arabischen Staaten stellt nur eines der vielen ungelösten Probleme dar, die infolge der grossen weit, politischen Träume der arabischen Potentaten Jahrzehnt um Jahrzehnt ungelöst bleiben. c In dem von dauernden inneren Unruhen zerrütteten Transjordanien haben Wah. len stattgefunden, die zur Bildung eines neuen Parlaments führen sollen. Bekanntlich ist Transjordanien eine der letzten arabischen Monarchien, die sich verzweifelt gegen den unerwünschten, aber Vorhände nen Einfluss der grossen Nachbarn (Aegypten und Syrien) und der Grossmächte (England, Amerika und Russland) zur Wehr setzt. Man neigt allgemein zu der Auffassung, dass die Wahlen an dem Kern der ungelösten Probleme nichts ändern werden, zumal die staatliche Macht in der Hand des Mo narchen liegt, dessen Politik und Haltung keinerlei Kritik durch die Wahlen unterwor. fen ist. Sollten die Wahlergebnisse zeigen, dass die Fortführung der königlichen Politik nicht möglich ist, so würde das Parlament eben aufgelöst und bestenfalls 1 nochmals gewählt werden. Eine Befriedung durch die | Wahl, wie sie dieses kleine j Land brauchen würde, ist kaum erwartet. — j Zur selben Zeit, in der nassersche Agenten in den verschiedenen Ländern be achtliche Aktivitäten entfalten. beruhigt der ägyptische Diktator die Welt indem er Interviews für grosse Zeitungen gibt, in denen er sich zwar nicht als Friedensapo stel ausgibt, die Rolle des rächenden Kriegsgottes aber einmal aufgegeben hat. In Paris sagte Nasser dem Berichterstatter der Abendzei. tung ,,Le Monde“, dass sich die Politik Aegyptens Israel gegenüber weder auf Krieg noch auf Frieden aufbaue. Es gäbe auch keine Pläne, durch einen Krieg das ,Pa lästina-Problem' zu entscheiden. Auf die zweifelnden Fragen de« Journalisten be von B. B. SAMUEL tonte Nasser, er wäre ihm dankbar, wenn er ihm eine Lösung des Problems Vorschlägen würde... Natürlich, so meinte Nasser wäre es das Ziel Aegyp tens, die Aufrüstungen ein. zustellen, um alle freiwerdenden Mittel dem friedlichen Aufbau zuzuwenden. Der ägyptische Marschall Amar habe — immer nach Nasser — in Moskau jüngst einen Kredit von 40 Millionen Dollar erhalten, die ausschliesslich für wirtschaftliche Aufgaben bestimmt seien. Ausserdem habe Aegyp. ten ein Abkommen mit der Sowjet-Union über die Lie fering zusätzlicher Waffen abgeschlossen. Krutschew werde in diesem Jahr nach Aegypten kommen Aber abgesehen vor. diesen freundschaftlichen Beziehungen zu den Kommunisten habe sich das Verhältnis Aegyptens zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika in letzter Zeit erheblich verbessert. Die Prahlereien Nassers, an denen viel Wahres ist, denn er wird immer noch von West und Ost umwor ben, können über die weiteren Misserfolge seiner innerarabischen Politik kaum hinwegtäuschen. Die Zweite Arabische Republik, die eigentlich schon gegründet, je denfalls aber proklamiert war, ist weiter heftig umstritten. Aus diesem Grunde können die Pariser Gespräche Nassers nur als Ab j lenkungsmauöver angesehen und bewertet werden. In Damaskus erwartet man inzwischen einen neu en nasseristischen Staatsstreich, den wie vielten eigentlich? Die syrische Regierung hat Panzertruppen in die Hauptstadt einfahren lassen, um strategisch wich tige Plätze zu besetzen. Die syrische Armee allerdings ist sich über den Zukunftsweg des Landes, ja oder nein Satellitenstaat Nassers. nicht einig. Die Generäle, die dieses Land beherrschen. sind in mindestens zwei Lager geteilt. Die einen sind für, die anderen gegen Nasser. Inzwischen verblutet das Land. Täglich können neue Gewaltakte die Lage — wenigstens vorübergehend — verändern. WIE ICH ES SEHE' Die heftige Diskussion von JEHUDA GQTTHEMER Wohl selten ist eine Dis kussion mit dieser Verbisenheit und Vehemenz geführt worden wie diejenige, die das Drama des jungen deut sehen Autors Rolf Hochhuth „Der Stellvertreter“ entfesselt hat. Rolf Hochhuth stell, te die Frage, aus welchem Grunde der Papst Pius XII. angesichts des ungeheuerlichen, von den Nazis begangenen Unrechts insbesondere im Angesicht der Ermordung von Millionen Juden, geschwiegen ha;, anstatt seine Stimme zu erheben und zur Menschlichkeit aufzuru fen. Gegen das Schweigen wendet sich der junge Dramatiker, gegen die Kälte des Herzens und die diplomati sehe Gleichgültigkeit gerade desjenigen, der wie kein Zweiter nach christlicher Auffassung dazu berufen gewesen wäre, den Weg des Rechtes zu verteidigen, unabhängig davon, ob seine Anstrengungen den gewünschten Erfolg gehabt hätten oder nicht. Viele der voi-getragenen Argumente sind an dieser Stelle bereite ' mitgeteilt worden (vgl. „Ein Mann machte Geschichte“ in der Ausgabe der J. W. vom 21. Juni d. J.); aber diese De batte ist äusserst vielseitig; auch vom jüdischen Standpunkt wird noch manches vorzutragen sein. Gerade ein Dramatiker, der den Mut hat, zeitnahe Geschehnisse von überra. gender Bedeutung künstlerisch zu gestalten, wird sich immer einer heftigen Kritik aussetzen. Die Tatsache der Reaktion weitester Kreise auf das Werk Hochhuths be weist wie kein anderes Argument, dass er eine Frage aufgeworfen hat, die einer künstlerischen, aber auch einer wissenschaftlichen Dar Stellung wert gewesen ist. Ueberaus zahlreiche Leser aus den Kreisen vieler grosser Zeitungen haben sich zu Wort gemeldet und Stellung genommen, sachlich und leidenschaftlich. gerecht und polemisch, für und gegen Hochhuth. Wir werden uns mit dem Autor als solchem nicht beschäftigen, dem nicht nur wir, sondern alle Menschen Dank schulden, dass er auf eine der vielen unbeantworteten Fragen unserer Gegenwart eine Ant wort zu geben suchte. Wenn nur diese Diskussion ausgelöst worden wäre, hätte Hochhuth sich damit schon verdient gemacht; denn die. se Diskussion zeigt, in welchem Umfange auch jetzt 1 noch sehr viele Menschen \ mit der nicht überwundenen | Vergangenheit ringen. | Hochhuths Frage beschäf tigt sich nicht nur mit der i Vergangenheit und rüttelt | die Gegenwart auf; er gibt auch eine Belehrung, eine Weisung, eine Warnung den künftigen Geschlechtern, der neuen Generation, die nicht mehr dabei war, aber im Schatten dieser Ereignisse lebt. Keineswegs gilt dies al- | lein für die neue Jugend in Deutschland, sondern für ' jede neue Jugend besonders | anch für die neue jüdische Jugend, die ebenso wenig wie alle anderen Jugenden! von diesen Geschehnissen | weiss, und die ebenso wie I alle anderen Jugenden da-; hin neigt, die gesamte Pro- | blematik nicht als ihre eige j ne anzusehen. | Mitunter musste man beim Ablauf dieser Diskussion; den Eindruck gewinnen, als | habe Hochhuth eine neue! Entdeckung gemacht, wenn | er die Haltung der Katholi-! sehen Kirche oder des damals verantwortlichen Pap- ' stes kritisiert. In Wirklichkeit gibt es über die Stel- I lung der Katholischen Kiri che zum Nationalsozialismus . ebenso wie über das Schwei- 1 gen des Papstes in der Ver DIE NEUEN MAENNER ISRAELS: Ministerpraesident Levi Eshko ueberreicht dem Staatspraesidenten Shazar die Liste des soeben gebi deten Kabinetts, in dem es allerdings nicht viele Veraenderunaen gib Blick in die Welt von HAROLD SCHWARCZ Die Spannungen zwischen den Rotchinesen und dem Kreml haben in den letzten Wochen zugenommen. Man hat bereits von einem möglichen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden kommunistischen Ländern gesprochen. — Der englische Gesellschaftsskandal sollte mit aller Gewalt zu einer politischen Affäre gemache werden, weil auch ein russischer Diplomat verwickelt sein soll. Sensationslust Geschäft, Politik und sonstige Leidenschaften haben sicli eines makabren Stoffes angenommen, der selbst kein ausreichendes Thema für einen schlechten Film sein sollte. — Der Besuch des nordamerikanLsehen Präsidenten Kennedy in verschiedenen europäischen Ländern hat den USA gewisse Sympathien eingebracht. Die Begegnung mit dem Papst könnte von grosser Bedeutung werden. Konkrete Ergebnisse wurden nicht erzielt. De Gaulle war für Kennedy nicht zu sprechen. Der frühere französische Ministerpräsident Camille Chautemps ist, 78 Jahre alt gestorben. Chautemps spielte in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine bedeutende Rolle. Seine Haltung war zeitweise heftig umstritten. ... . Eine Sonderkommission aus Kardinälen ist mit den vorbereitenden Arbeiten zur Aufnahme der Verhandlungen des Oekumenischen Konzils beschäftigt, das durch den Papst Paul VI. weitergeführt werden soll, nachdem es durch den Tod des vorhergehenden Papstes unterbrochen wurde. — „ .... , Adenauer und De Gaulle, bisher in 'dien politischen Fragen einig, sollen plötzlich Meinungsverschiedenheiten über Probleme des Europäischen Marktes auszutragen haben. — ..... i- Auf den Internatinaolen Filmfestspielen in Berlin wurde ein in Israel gedrehter Film „Der Keller“ gezeigt, der allgemeine Aufmerksamkeit erregte Der Film zeigt ein jüdisches Verfolgungsschicksal und wird nur von einem Schauspieler gespielt. — Waffen für Israel Tel Aviv. — „Israel nä hert sich seiner Unabhängigkeit auch in Hinsicht auf die Produktion von Koheten“ erklärte Meir Mardor, der Chef der Abteilung für Experimente in der Leitung der israelischen Waffenherstel lung, bei einem Interview, das er der Zeitung Haaretz1 gegeben hat. — (ITA) folgungszeit eine umfrngreiche Literatur, die lange vor dem Hochhuthschen Drama geschrieben worden ist. Der Nobelpreisträger Albert Ca. mus, bedeutender Schriftsteller und Dramatiker, der die Zeitschrift Combat1 der französischen Widerstands bewegung herausgegeben und die Menschen gegen Despotismus und Gewaltanwendung aufgerufen hatte sagte 1948 in einer Rede, die er — also noch zu Lebzeiten des Papstes Pius XII. — ge. halten hatte: „Während jene- Jahre des j Schreckens habe ich lange 1 Zeit darauf gewartet, dass I sich in Rom eine laute Stim- I me erhöbe. Ich, der Ungläu! bige? Eben deshalb! Denn ich wusste, dass der Geist verloren gehen musste, wenn er angesichts der Gewalt, nicht den Schrei der Verdammung ausstiess. Es heisst, diese Stimme sei lautgeworden. Aber ich schwöre ihnen, dass Millionen Men sehen wie ich selbst sie nicht gehört haben, und dass sich deshalb in allen Her! zen, ob gläubig oder ungliiu- | big, eine Einsamkeit einni- : stete, die immer weiter um sich griff, je mehr die Zeit verstrich, und je zahlreicher die Henker wurden. „Seither wurde mir er. klärt, die Verdammung sei wirklich und wahrhaftig er folgt, aber in der Sprache der Enzykliken, und diese Sprache ist nicht klar. Die Verdammung war ausgesprochen worden, aber sie wurde nicht verstanden! . Di« Welt erwartet von den Christen, dass sie den Mund auftun, lau‘ und deutlich, und ihre Verdammung ganz unmissverständlich aussprechen. dami; nie auch nur der geringste Zweifel im Herzen des einfachsten Man. nes zu keimen vermag; dass sie sich aus der Abstraktion befreien und dem blutiiber strömten Gesicht gegenübertreten, das die Geschichte in unseren Tagen angenommen hat.“ — Die klare von Albert Ca mus geforderte Sprache ist bis heute nicht geführt wor den nicht von der Kirche, nicht von arideren, die hätt te« deutlich sprechen müssen. Noch immer wird von einer Gesamtscham, wie der ausweichende Ausdruck heisst, aber nicht von Schuld und Schande, vom Unrecht und Verbrechen gesprochen, damit auch nicht der „eiifachste Marn“ Zweifel dar an hat, was Recht und was Verbrechen war und ist. Hochhuth hat nicht nur das Verbrechen gezeichnet, vielmehr zugleich auch die Frage der Verantwortlichkeit aufgeworfen. Er hat sehr gut daran getan, denn er hat die Menschen aufgewühlt uud aufgefordert, ein Bekenntnis abzulegen und die Geschehnisse von einst nicht einfach auf sich beruhen zu lassen, was so bequem und l angenehm, vor allem im Zei- 1 chen des Wirtschaf swunders ist! Nicht allein Camus, auch katholische Schriftsteller haben li ogst vor Hochhuth die gleiche Frage aufgeworfen, aus welchen Gründen die Kirche nicht offen und entschieden gegen den Hitlerismus protestiert habe. In diesem Zusammenhang sollen Giovanni Papini, Georges Beruanos und Reinhold j Schneider genannt werden, I der ebenfalls durch sein ' Bühnenwerk „Der grosse | Verzicht“ zu diesem Thema i Stellung nahm. Hochhuth selbst weist auf die Tagebü-! eher des Grafen Kessler hin. in denen /on einem Ge- | spräch mit dem ehemaligen : deutschen (katholischen) j Kanzler Brüning berichtet wird: I „Hinter der Verständigung mit Hitler stehe nicht der j Papst (gemeint Pius XI.). ] sondern die vatikanische Bii - rokratie und ihr Augure Pa- | celli (der spätere Papst Pius . XII.). Ihnen schwebe ein autoritärer Staat und eine au- 1 toritäre, von der vatikani : sehen Bürokratie geleitete j Kirche vor, die miteinander einen ewigen Bund schlössen“. — Dass der Abschluss des Konkordates mit der soeben ' gebildeten nationalsozialisti. | sehen Regierung ein schwe- I rer politischer Fehler gewesen ist, durch welchen! niemand anders als die von I den Nazis besch mpfte Kirche der Regierung Hitler 1 den Weg in die Weltpolitik erleichterte, wird heute kaum noch bestritten. Auch in dieser Frage war es Hein, rieh Brüning, desofort vom ..Fallstrick des Konkordats“ sprach und dessen verhäng nisvolie Wirkungen voraussah. Bereits 1933 versuchte der damalige Kard'nalstaatssekretär Pacelli (der späte, re Papst Pius XII ) dem britischen Botschafter die Notwendigkeit des Konkordats (Schluss auf Seite 2>

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