Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 2018 (28.6.1963)
- Date
- 1963-06-28
- Page
- [Seite 12] (sequence 12)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Ich Himmler, er war auch .Reichshauptamtsleiter* der NSDAP, was neben dem unaussprechlich echeusslichen Deutsch des Titels bedeutete, dass Frauendorfer Spitzenfunktionär im NS-Ausrottungsprogramm war. Wie sehr sich der „alte Kämpfer“ verdient gemacht hatte, beweist, dass er „Inhaber dee goldenen Parteiabzeichens“ war, wie man dies im Nazi-Jargon zu nennen pflegte. Dieses goldene Parteiabzeichen bekamen nur die Treuesten der Treuen, diejenigen nämlich, die beim grossen Verbrechen vom ersten Tage an dabei gewesen waren. Nur nebenbei sei noch darauf hingewiesen, dass Frau endorfer auch der Herausgeber der parteiamtlichen „NS-Sehulungebriefe“ war, die dazu dienten, die Parteigenossen regelmässig mit dem Gift der offiziellen Mörderdoktrin zu verseuchen und vor allem antisemitisch aufzuhetzen. Dass die CDU Frauendorfer zu ihrem Schatzmeister machte, Ist ihre Sache. Jeder muss wissen, was er von sich selbst zu halten hat und wie er sich einschätzt. Was aber die parteioffizielle CSU-Korrespondenz zu dieser beschämenden Affäre zu sagen hatte, ist keineswegs allein Sache der CSU. das geht alle an, die sich den Sinn für politische Sauberkeit bewahrt haben. Man lese: „Man muss jedem Bürger", so schrieb diese Korrespondenz, „besondere mit Slick auf seinen jugendlichen Lebensabschnitt, das Recht und die Möglichkeit zugestehen, diese Irrtümer zu korrigieren. Das gilt sowohl für ehemalige Kommunisten als auch für ehemalige Nationalsozialisten. Auserdem muss der Grundsatz gelten: ,Der Feind unserer Tage ist der lebendige Kommunismus. nicht der tote Nationalsozialismus . Frauendorfer ist ein nach dem Ge von KURT KAISER-BLUETH setz und nach dem Sehiedsurteil seiner Partei nicht belasteter Mitarbeiter der neu en Demokratie“... Soviel Worte, soviel peinlichste Fehlleistungen! Dieser Frauendorfer war ja | nicht ein Mitläufer, der sei ne missgeleitete Vergangenheit korrigiert hat. Er war einer von denen, die die Hand am Steuer des fürchterlichsten Systeme hatten, welche die Krallen der Bestie tagtäglich schärften, um sie in voller Kenntnis der Dä.ige auf die wehrlo sen Opfer loszulassen. Von allen Verbrechen wussten sie, an allem Grauen, dae sie über die Welt brachten, sind sie mitschuldig. Ob man sie, seihst wenn keine direkte Schuld an ihren Händen klebt, hätte vor Ge. rieht stellen müssen oder nicht, soll hier nicht diskutiert werden. Dass eine Partei indessen, die sich demokratisch und republikanisch nennt, ein so furchtbar vorbelastetes Individuum mit dem zentralen Ehrenamt eines „Schatzmei sters“ betraut, steht bereits auf einem anderen Blatt, wenn es auch, wie schon gesagt, eine interne Angelegen heit dieser Partei ist. Doch man muss mit lauter Stimme und mit Leidenschaft dagegen protestieren, dass das parteioffizielle Organ einer Regierungspartei in der Bundesrepublik erklärt, dass dieser Frauendorfer * „ein nicht belasteter Mitarbeiter der neuen Demokratie“ sei. Wer so denkt und schreibt, beweist, dass ihm die Demokratie niemals Herzenssache war und er mit den zerstörerischen Kräften des Unhei’s der Jahre 1933—45 noch selbst verbunden und versenwisteri ist, selbst wenn er sich über diesen traurigen Zustand vielleicht nicht im klaren ist. Wer so denkt und schreibt, betrachtet den Nationalsozialismus nicht als einen einmaligen, fürch terlichen und entehrenden Absturz einer Nation in letzte Tiefen und als einen vollrer Verpflichtung hätten die Deutschen selbst diese Be Schränkung freiwillig auf sich nehmen müssen! Und noch zum Schluss, ein Wort. Uber den „heutigen Feind, der nicht der tote Nationalsozialismus, sondern der lebendige Kommu nismus“ sei: Dass der Nationalsozialismus in Wahrheit noch nicht tot in Deutschland ist, bedarf keiner detaillierten Dokumentierung aus der bundesdeutkommenen Bruch mit jeder! sehen Tagesgeschichte, obzivilisatorischen und menschlichen Tradition, sondern als! einen Geschichtsabschnitt wie jeden anderen, für den j es Argumente für und wider : gibt. | Die erschreckende Menta- | lität, die aus diesem Komj mentar der parteioffiziellen! CSU - Korrespondenz zum! Skandal des ehemaligen NSj DAP - Prominenten Max i Frauendorfer spricht, ist es, i die im Ausland und vor alj lern bei den Völkern, die unj ter dem Nazi-Terror so un-1 säglich gelitten haben, das! Misstrauen nicht verschwin- \ den lässt, das sie dem neuj en deutschen Staat gegen-1 über empfinden, ein Miss-1 trauen, das bleibt, mögen die Staatsmänner auch noch so viele Protokolle der Freundschaft und der Zusammenarbeit unterschreiben. Was die Alliierten verga ssen, nämlich dem besiegten Deutschen als selbstverständliche Pflicht aufzuer legen, niemals mehr die Männer, die in der braunen Diktatur eine tragende Rolle gespielt haben, in das öffentliche Leben der jungen Republik eindringen zu las. sen, mit wieviel mehr innewohl es Dokumente dieser Art leider mehr als reichlich gibt. Der Kommentar der offiziellen Parteikorresponaenz der CSU allein bej weist es. dass der National- | Sozialismus noch nicht defij nitiv tot ist. Nein, er ist nicht tot, er hat sich nur su- ' blimiert. Sublimiert in eii nem bemerkenswerten und ausserordentlich gefährli- ' chen Sinne, wie es sich aus : dem angeführten Kommentar ergibt. Proteste und ihre Folgen New York. — Die sowjeti sehen Führer uhd die Pres- I se „haben sich unter dem! Einfluss der Kritiken aus j dem Ausland veranlasst gej fühlt zu leugnen, dass es in der Sowjetunion Antisemitismus gibt“, so berichtet die „New York Times“ aus ' Moskau. Der Korrespondent j hebt hervor, der Wechsel 1 der den Juden gegenüber j verfolgten Politik sei auf die öffentliche Beschwerde, dass j schätzungsweise 60 Prozent der wegen Wirtschaftsverbrechen verurteilten Personen Juden gewesen seien, zufückzuführen (ITA) USA-Gelder für Feinde Israels Washington. — Die Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten erhielt Kenntnis von der Ueberweisung eines Betrages von 4 Millionen Dollar an eine antiisraelische Organisation im Rahmen einer Politik, welche die Beschwichtigung Nassers bezweckt. Diese Anklage erhob Boshrod Howard ein regi strierter Agent der Regierung des Imam von Jemen, der vor der Kommission die Forderung erhob, jegliche Hilfe für die VAR einzustellen, bis Nasser seinem Versprechen gemäss die ägyptischen Truppen aus dem Jemen zurückgezogen habe Howard wurde nicht ersuch: den Namen der antiisraelischen Organisation zu nennen, und er tat es auch nicht von selbst. Senator Wayne Morse, Demokrat für Oregon und Präsident der Kommission kündigte an, er werde diese Aufklärung vom State De partment fordern, denn , Beamte der Regierung, die Nasser um jeden Preis beschwichtigen wollen, schieben die ganze Verantwortung für die Spannung im Mittelosten Israel und den amerikanischen Juden in die Schuhe. Aus diesem Grunde haben sie seit Jahren insgesamt 4 Millionen Dollar Staategelder an eine antiisraelische Organisation gezahlt“. Er teilte mit, er wolle eine Abschrift der Erklärung Howards dem State Department zuleiten, das der Kommission Aus kunft erteilen müsse, denn ..die von Howard erhobene Anklage erheische eine offizielle Antwort“. (ITA) Marokkos neue Verfassung David Amar, der General Sekretär der Föderation der jüdischen Gemeinden Marokkos, erklärte unlängst in New York, das die neue Verfassung Marokkos mit der Gleichberechtigung und Freiheit aller Religionen einen grossen Fortschritt in der moslemischen Welt bedeu te. Amar verlangte in seinem Vortrag im American Jewißh Committee verfassungsrechtlich» Garantien für den Bestand und die Tätigkeit der jüdischen Gemeinden. König Hassan II., der sich damals ebenfalls in New York befand, sprach im Ueberseeklub. Er erklärte, dass die Juden die Rechte und Verpflichtungen aller anderen marokkanischen Himmlers Stabschef Vor 19 Jahren wurde Karl ] Wolff von den Amerikanern j in Italien dingfest gemacht. | war> wur(je er bisher wegen Er hat sogar die unbedingte i-se;rer Verbrechen in Italien, Kapitulation der deutschen , p0jen un(j anderen Ländern, Armee dort mitunterschrieer a}jejn oder gemeinvon JAKOB KATZ-R0GASEN ben. Wer war dieser Karl Wolff? — Er war sogar einmal Nachfolger von Best in der Leitung der Gestapo und des SS - Sicherheitsdienstes. Er war einer der engsten Mitarbeiter Himmlers und hatte es bis zum Chef des Persönlichen Stabes des Reichßführers SS gebracht. Während des Krieges war er | u. a. der höchste SS- und Polizeiführer. Obwohl jeder wusste, dass Wolff seit 1944 gefangen Aus Aegypten zurück London. — Ein deutscher Raketenspezialist ist aus Aegypten nach Deutschland zuiückgekehrt. wie der westdeutsche Minister für Wissenschaft Dr. Lenz, in Bonn erklärt hat. Man erwartet, dase andere Wissenschaftler folgen werden, aber Namen wollte der Minister nicht nennen. Lenz ist der Ansicht, dass die deutschen Wissen schaftler nach Deutschland zurückberufen werden müssten, doch er befürwortete eine stille Lösung“, indem man diesen Leuten durch Vermittlung Posten in der Industrie verschafft. Der Minister erwähnte auch eine Gruppe von Is raelis, die in Deutschland Ausbildung erhalten, und sprach davon, dass die arabischen Länder dies mit dem grössten Misstrauen betrachten und einen kollektiven Protest in Bonn zu erheben beabsichtigen. (ITA) er sam mit anderen SS-Führern an Juden und Angehörigen weiterer Völker begangen hatte, nicht zur Verantwortung gezogen. Wolff lebte als Kaufmann in Bayern. Er war der Auffassung, dass ihm nichts .passieren* werde. denn er wagte sich schon wieder reichlich weit vor. Der Fall Wolff, der jetzt also vor das Schwurgericht München gebracht wird, dürfte einmal mehr zeigen, mit welcher Nachlässigkeit die Frage der Kriegsverbrecher-Prozesse zwar nicht ven leitenden Stellen der Staatsanwaltschaften behandelt wird, wohl aber von den Hilfsorganen und man chen Gerichten. Wie wäre es sonst möglich, dass ein Mann wie Wolff, der einen hohen und verantwortlichen Posten eingenommen hat bisher völlig unbehelligt geblieben ist. Man kann sich nicht darauf berufen, man habe nicht gewusst, wer dieser Wolff sei. denn dies war al len Stellen durchaus und seit langem bekannt. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Brief, der wieder zum Vorschein kam udn der in den Nürnberger Prozessen bereits eine wichtige Rolle gespielt hat. Der Brief ist ein wichtiges Dokument, das die Grausamkeit, Verworfenheit und niedrigen Instinkte der Nazi - Hierarchen offenlegt. Karl Wolff schrieb an den damaligen Staatsesekretär im Reichsverkehrsministerium, Theodor Ganzenmüller, das folgende: „Lieber Parteigenosse Gan, zenmüiler! Im Namen des Reichsführers SS danke ich Ihnen vielmals für Ihren Brief vom 28. Juli 1942. Mit besonderer Freude habe ich von Ihrer Mitteilung Kenntnis genommen, dass nun schon seit 14 Tagen täglich ein Zug mit je 5.000 Angehö rigen des auserwählten Volkes nach Treblinka — und so weiter fährt... Ich habe von mir aus mit den beteiligten Stellen Fühlung genommen, eodass eine rei bungslose Durchführung der gesamten Massnahmen gewährleistet erscheint...“ — Aus dem Brief ergibt sich nicht nur die Mordlust der Nazis und ihrer Helfershelfer. Von dem traurigen Sarkasmus, der gegen jede Menschenwürde verstösst, wollen wir -nicht sprechen. Dass aber so lange Zeit verstrichen ist, um einen solchen Mann zur. Verantwortung zu ziehen, dürfte hinrei chend klarstellen dass irgendetwas in der Justiz des neuen Deutschland nicht in Ordnung ist. Aus dem Brief ergibt sich einmal mehr die Mitschuld der Reichsbahn ohne die viele der Massenmorde überhaupt nicht möglich gewesen wären. Das hat der Eichmann - Prozess bereits klar erwiesen Aber die zahl reichen ehemaligen Reichebahnräte, die heute wichtige und höchste Positionen in der Bundesbahn bekleiden, dürfen noch immer ungeschoren herumlaufen, obwohl sie sich durch ihre Mithilfe mindestens ebenso schuldig gemacht haben wie die primitven Henker, de nen man befohlen hat, die Juden zu .liquidieren*. Nur nebenbei sei bemerkt, dass der eheamlige Herr Staatssekretär Ganzenmüller. der durch seine Tätigkeit bei den Judendeportationen die Freude der hoch sten SS-Führung ausgelöst hat. heute unangefochten im Rheinland lebt und bisher nicht angeklagt oder in anderer Weise zur Verantwortung gezogen wurde... Bürger teilen, warnte aber davor, daes sich dies ändern könnte, wenn sich die Juden selbst als Bürger eines anderen Landes bezeichnen solltet!. Man sieht darin eine Warnung gegen den Zionismus und Israel. Der Prozess gegen ho he Beamte in Casablanca nimmt seinen Fortgang. Der Kabinettschef des Gouverneurs von Casablanca wird beschuldigt, 2.500 Pfund für di« Ausstellung von Pässen j angenommen zu haben. Ein anderer Beamter wurde be- | schuldigt, 170 Pfund angej nommen zu haben, um 110 I Pässe für jüdische Studen- I ten nach Frankreich auszu- | stellen. Der Staatsanwalt j forderte hohe Strafen, wäh-! rend die Anwälte erklärten, I dass keine Bestechungen I notwendig wären, wenn das Gesetz in Wirklichkeit gleich ] angewendet würde. j In Marokko wurde eine i neue „Partei zur Sicherung! der Verfassungsrechte“ ge- I gründet. Sie hat das Ziel, i die Monarchie mit König I Haesan II. Zu unterstützen. : Zu den Gründungsmitglie dern gehört Dr Leon Ben- ■ zaquem, früherer Postminij ster und führendes Mitglied : der jüdischen Gemeinde, i Der neuen Partei, die eine liberal-demokratische Grundlinie einhalten will, haben sich zahlreiche Juden angeschlossen. Als Verteidiger Heydes abgelebt Frankfurt. — Der Frankfurter Rechtsanwalt Dr Erich Schmidt-Leichner ist durch Beschluss des Zweiten Strafsenats des Frankfurter Oberlandesgerichts als Verteidiger de,3 Euthanasiepro fessor Dr. Werner Heyde, alias Sawade, ausgeschlossen worden. Heyde muss sich in Kürze vor dem Schwurgericht Limburg wegen Mitwirkung an der Tötung von mehr als 100.000 Geisteskranken und Häftlingen von Konzen trationsla gern verantworten. Gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts ist keine Beschwerde mehr zulässig. — (AWZ) Registro de la Propiedad Intelectual No. 735 RH Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831