Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 2013 (24.5.1963)
- Date
- 1963-05-24
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE um PUEYRREDON 2190 — l9 iz«. ANO XXIV JaJkiftxat&^XsAjCielUa BUENOS AIRES, VIERNES 24 DE MAYO DE 1963 T. E. 83-2613 No. 2013 Ein neuer Staatenbund Sicherlich hat der afrika , nische Kontinent eine stürmt■ sehe md erstaunliche Entwicklung hinter sich, die mit keinem anderen Erdteil verglichen werden kann. Hier vollzog sich in wenigen Jahren, was auf anderen Kontinenten Jahrhunderte in Anspruch genommen hat. Natürlich könnte man auf diesen Hinweis mit Recht antworten, dass die Zustände in den jungen afrikanischen Ländern im einzelnen, wie auf dem Kontinent ins gesamt, danach auch recht primitiv sind und sich noch im Anfangsstadium einer Entwicklung befinden. Wie dem auch immer sei, es gibt mehr als 30 Länder in Afrika, aller, selbständige von dm United Nations anerkannte Staaten, die sämtlich ihren Sitz im Rate der Völker haben und ihre Stimme im Konzert der Nationen erheben können. Ihre Meinung wiegt so viel wie die des Britischen .Königreiches und jedes der grossen oder kleinen afrikanischen Länder hat bei der Abstimmung das gleiche Gewicht wie die USA oder die Sowjetunion. Jetzt wollen die afrikanischen Länder eine „Organisation der afrikanischen Staaten“ schaffen wie es eine solche der amerikanischen schon seit längerer Zeit gibt. Da die afrikanischen Länder sich sowohl wirtschaftlich wie politisch auf verschiedenen Stufen befinden, ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten. Schliesslich ist die Tatsache der geographischen Nähe oder des Zufalls. auf einem Kontinent zu leben, noch kein ausreichender Grund, um politische, ideologische, wirtschaftliche oder sonstige Schwierigkeiten zu überwinden. Dies ist ein Gebot der politischen, sozialen, religiösen und natürlichen Vernunft, kann aber niemals auf einen bestimmten Kontinent begrenzt bleiben. Natürlich tut man gut daran, die Drahtzieher für dieses neue Staatengebilde, für diese neue Föderation und politische Kraft zu suchen. Iu erster Linie erscheint Abdel Gamal Nasser, der unentwegte Sucher nach neuen Fronten für seine eigene Macht. Er hat die „dritte“ Front organisieren wollen, um gemeinsam mit Nehru und Tito zu operieren in der Hoffnung, noch mehr Hilfsgelder von Osten und Westen zu erhalten, als man diesem edlen Dre;gestirn der nominellen Neutralen schon ohnehin von allen Seiten zukommen lässt. Nasser gehört aber nicht nur zu den Neutralen oder jetzt zu den Afrikaren, sein wichtigstes Tätigkeitsfeld ist der Mittlere Osten die Arabische Liga, die i. oder die 2. Vereinigte Arabische Republik. Nasser ist als Politiker ein beachtlicher Künstler. Er ist überall dort, wo Unzufriedenheit um sich greift, aus der man Kapital schlagen kann. Jetzt lässt er sich als grosser Mann in Addis Abeba feiern, als der Vorkämpfer der afrikanischen Unabhängigkeit, obwohl sein eigenes Heimatland Aegypten abhängiger a'a alle anderen Länder durch die Politik Nassers geworden ist, abhängig von den Amerikanern. ohne deren Hufe an Geld. Waffen und Lebensrnitteln Aegypten verloren von B. B. wäre. Aber Aegypten ist heute auch in russischer Schuld. Hat doch die Sowjetuion durch ihren tschechischen Satelliten Aegypten subventioniert und dafür auch gewisse politische Gegendienste, vor allem vor den UN, versprochen. Je denfalls steht die Lage Nassers im diametralen Gegensatz zu seinem allgemeinen Auftreten auf der politischen Weltbühne. Neben Nasser versucht Nkruma, der Präsident Ghanas, einen entscheidenden Enflivss auf die .afrikani sehe“ Politik auszuüben, obwohl es eigent.ich noch viel zu früh ist, um von einer afrikanischen Politik sprechen zu können. Nkruma ist auch einmal als der Befreier und Demokrat ausgezo gen, um die Wohltaten der Menschheit und Menschlichkeit seinem bis dahin unterdrückten Lande zu bringen. Inzwischen ist er zum ,Führer' seine; Volkes kraft eigenen Rechtes geworden. Seine Haltung ist nicht durchsichtig und wird deswegen von vielen Seiten angegriffen. Eigentlich ist die Beteiligung Nassers eine Garantie dafür, dass die Absichten der afrikanischen Föderation. wie sie ihm vor schwebt, fehlschlagen werden. So war es mit der asia- WIE ICH ES SEHE i. Gebet unterbrochen Grosses Aufsehen erregte das Vorgehen des Papstes Johannes XXILL, der während des Gottesdienstes am letzten Karfreitag die Wiederholungder Gebete angeordnet hat, weil sie wiederum die Worte über die „perfiden“ Juden enthalten hatten. Papst Johannes XXIII. hatte erst vor kurzem diese antijüdische Formulierung streichen lassen. Aus welchen Gründen der alte Text dennoch zum Vortrag gekommen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Dass sich der Papst während des Got tesdienstes hiergegen widersetzte und die Wiederholung aller Gebete verlangte, unterstreicht einmal mehr, welche Bedeutung der Papst der Eliminierung solcher Stellen aus den Gebeten bei misst. Die Unterbrechung des Karfreitaggottt-sdienstes. also der religiösen Zeremonie an einem der höchsten katholischen Feiertage, ist als eine weithin sichtbare, öffentliche Demonstration des Papstes anzusehen, durch welche allen Gläubigen in der Welt zum Bewusstsein gebracht werden sollte, dass Worte über die „perfiden“ Juden von der höchsten kirchlichen Autorität nicht geduldet werden. Nachdem der Zwischenfall von allen Zeitungen veröffentlicht worden ist, haben Millionen Menschen, unter ihnen Millionen Katholiken SAMUEL tischen Konferenz in Bantung, an der Nasser auch teilgenommen hat, weil er beinahe zu Asien gehört, so war es mit der Arabischen Liga, so war es bei der VAR. Dennoch wird man aufmerksam verfolgen müssen, welche Wege die afrikanische Föderation ein schlägt. Zunächst ist es zu schweren Differenzen zwischen zwei Gruppierungen wegen der Beteiligung von Togo gekommen. Aber das dürfte noch die geringste Streitfrage bilden. Wahrscheinlich werden die dort versammelten Völker nur Resolutionen gegen Südafrika oder gegen imperialistische Tendenzen anehmen, die" keinen gro fßen praktischen Wert haben, denn kein afrikanischer Staat ist in der Lage, einem anderen zu helfen, auch Aegypten nicht Für Israel ist die Frage der Konferenz der afrikanischen Völker von grossem Interesse, denn Israel ist mit einigen dieser neuen Staaten in Freundschaft verbinden. Israel hat in ver tschiedene junge afrikanische Länder auf deren Wunsch Experten im Rahmen des Programms der Hilfe für weniger entwikkelte Länder geschickt. In Israel studieren zahlreiche afrikanische Studenten, die zur Kenntnis nehmen dürfen, dass der Papst einen religiösen (und damit keinen) Antisemitismus duldet, dasß die Kirche jede feindliche Politik gegen andere Gemeinschaften ablehnt, dass alte Behauptungen zurückgenommen worden sind und heute nicht mehr gelten. Wie weit die katholische Bevölkerung in der Welt, vor allem auch die Volksmassen in den lateinamerikanischen Ländern, diese Kunde und Leh re des Papstes zu beherzigen bereit sein werden, hängt zu einem guten Teil vom Klerus selbst ab, der in diesen Staaten an der politischen Meinungsbildung nicht unbeteiligt ist, wie jeder weiss. II. Die Kreuzigung Jahrhunderte hindurch wurde behauptet, es seien die Juden in der rön.lßehen Provinz Judäa gewesen, die Jesus gekreuzigt haben. Für den Tod Jesu wurden alle jüdischen Geschlechter, soweit sie unter christlicher Herrschaft lebten, verant wörtlich gemacht. Dass die. se Darstellung vom Tode Jesu nicht den Tatsachen entsprechen kann, wussten selbstverständlich alle ge lehrten Kircher.männer, war Päpsten und Bischöfen sowie den lernbegierigen Mönchen bekannt. Es fängt sehen damit an dass die Toderi'trafe bei den Juden nicht durch Kreuzigung vollzogen worden ist, dass vielvon dem jungen jüdischen Staat begeistert sind, weil sie dort lernen und erleben können, wie ein an Naturschätzen armes Land durch Fleiers, die Einsatzbereit schaff seiner Bürger und durch geistige Anstrengungen sowie durch die praktische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse sich vorwärtsentwickeln und darüber sogar anderen hei, fen kann. Die Freundschaft Israels zu einer Reihe afrikanischer Länder passt selbstverständlich nicht ins Konzept Nassers und anderer, die nur ihre eigenen makabren poli tischen Ziele verfolgen, ohne an den Fortschritt ihres Landes und den anderer Völker zu denken. Es bleibt zu hoffen, da.s-, die afrikanischen Völker höhere Kriterien für ihre Zukunft anlegen, als diese ihnen von einigen Machtpolitikern insinuiert werden. Die menschliche Reife ist von jeglicher Macht unabhängig. Aber sie ist die Garantie für echten Fortschritt. Hier liegt ein Schnittpunkt auf dem Wege, der entweder in Krieg oder Chaos oder zu Fortschritt und Frieden führen kann. Die afrikanischen Völker werden ein Zeugnis ihrer Reife abzulegen haben, das für ihre Zukunft wesentlich werden kann, aber auch daß Leben anderer, nichtafrikanischer Nationen berührt. mehr die Kreuzigung bei j den Römern üblich war, die! im übrigen in allen ihren I Provinzen — und nicht nur | in Judäa — die gerichtliche j Obrigkeit darstellai. Nur sie; konnten die Todesstrafe vollziehen. Der römische Landpfleger Pontius Pilatus wird von zeitgenössischen Schriftstellern alß grausamer Despot geschildert. „Seine Räubereien und Metzeleien“ sowie seine „unzähligen ungesetzlichen Hinrichtungen“ werden in der Literatur erwähnt; er wurde schliesslich abberufen und musste .sich in Rom wegen Missbrauchs der Amtsgewalt rechtfertigen. Es soll hier nicht in eine Diskussion über die heute noch beweisbaren oder nicht beweisbaren historischen Fakten eingetreten werden, so interessant und wichtig dies auch wäre Es mag genügen, auf die umfangreiche Literatur hinzuweisen, insbesondere auf das Werk Professor Joseph Klausners „Jesus von Nazareth“, das auch in deutscher Sprache (im Jüdischen Verlag Bar, lin, 1934), erschienen ist. Klausner schiidet sehr ausführlich und mit grossem wissenschaftlichem Apparat die Verurteilung und die Kreuzigung, mit der die Juden nichts zu tun gehabt ha ben. Klausner schreibt am Ende seines Kapitels über die Gerichtsverhandlung (Seiten 469 bis 483): „Jedenfalls sind die Juden als Volk für den Tod Für Frieden in der Welt JEHUDA GQTTHEIMER SIE WOLLEN GLEICHGESTELLT SEIN Dr. W.: — Etwas mehr aV, 18 Jahre sind vergangen, seit der Zweite Weltkrieg für die Deutschen zu Ende gegangen war. Dieses Volk reagierte auf seine Niederlage, wie es auf seine erste Niederlage reagiert hat: es tat so als ob die ganze Sache die Deutschen nichts anginge. Sofort waren die Schuldigen an dieser Katastrophe wie an der vorhergehenden gefunden. Das erste Mal waren es die Volksfeinde und die Juden, das zweite Mal auch. Man wagte dies nur nicht auszusprechen, denn die zweite Niederlage war viel grösser und beschämender als die erste. Ausserdem war die Lage so hoffnungslos, dass man auf die Unterstützung anderer angewiesen war, um nicht zu verhungern. Natürlich hatte man auch nach dem Ersten Weltkrieg"von den Quäkern jede Hilfe angenommen, aber mit warmen Suppen und weissen Semmeln war diesmal das Problem nicht gelöst. Die Deutschen schalteten um und schlugen eine neue politische Saite an: Niemand war dabei. Jeder war unschuldig. Niemrad war ein Nazi. Wen der Reisende durch Deutschland auch antraf, jeder beteuerte, selbstverständlich, dass er immer „dagegen“ gewesen sei. Es war schwer, wenn nicht unmöglich, einen Nazi zu treffen. Dann kam nach vielen Jahren, ßehr spät, das grosse oder kleine Reinemachen. Wir Deutschen, Kinder einer demokratischen Republik, zahlen für das Unrecht, das man an den Juden begangen hat. „Man“ hatte dieses Unrecht begangen, natürlich nicht wir. Heuss. cer grosse und wunderbare Demokrat, meinte, man kft.i-e nicht von Kollektivschuld, sondern nur von Kollektivscham sprechen. Viele verstanden das nicht, denn wer braucht sich kollektiv zu schämen, wenn er unschuldig wäre? Die Zeit verstrich. Deutschland wurde wied-'r eine bedeutende Macht. Die Visitenkarte über den Umweg der Wiedergutmachung des den Juden angetanen Unrechts braucht man nicht mehr. Das spiegelt sich in der Praxis der Entschädigungsämter und der Gerichte deutlich wider... Jetzt kommt aber der Hönepunkt: der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland muss darum bitten, dass „den jüdischen KZ-Friedhöf_*n der gleiche Schutz und die gleiche- Pflege wie den Soldaten-Friedhöfen des Zweiten Weltkrieges garantiert“ werde. Dr. van Dam schreibt: „Gewährt den Toten, den Märtyrern und den Opfern der Verfolgung ihre ritzte Ruhe und ohne Diskriminierung, schafft endlich ein Bundesgräbergesetz, das den gleichen Schutz den KZ-Friedhöfen wie den Soldatenfriedhöfen bietet.“ Wenn Herr van Dam eolches schreiben muss, kam man sich selbst die Umstände ausmalen, die solche „Appelle“ erforderlich machen. SALMAN SHAZAR ISRAELS NEUER PRAESIDENT Jerusalem.—SalnianShai BHWliBBiLi zar wurde zum Präsidenten von Israel gewählt. Er erhielt 67 von den 107 Stimmen in der ersten Abstim- Jesu viel weniger verantwortlich als etwa die Griechen für den des Sokrates. Und wer würde gegenwär tig daran denken, den Tod des Griechen Sokrates an seinen heutigen Landsleuten zu ahnden? An den Juden aber wird seit 1900 Jahren Rache für den Tod des Juden Jesus genommen; mit Strömen von Blut haben sie dafür bezahlt, und dessen ist noch Immer kein Ende“! — Wie gesagt, wurden diese Worte 1934 niedergeschrieben. bevor die grausamsten Verfolgungen über die europäische Judenheit dahin brausten. — III. Die Politik der Paepste Die Haltung der Päpste gegenüber den Juden war im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedlich. Alle Päpste haben versucht, die Juden zum Christentum zu bekehren. Mit dem Scheitern dieser ständigen Versuche wandelte sich oftmals die Einstellung, die von den Päpsten eingenommen worden ist. Seit Gregor I. (ab (Schluss auf Seite 2t r.iung, die in der Knesset über die Wahl des Nachfolgers für den verstorbenen Staatspräsidenten Jizchak Ben Zwi stattfand. 33 Stimmen wurden für den Kandidaten der Opposition, Peretz Bernstein, abgegeben. Sieben Abgeordnete enthielt:n sich der Stimme. Inzwischen hat Shazar in einer Sonder - Sitzung der Knesset sein hohes Alnt iib:rnommen. X Schneor Salman Shazar, der im Herbst in Jerusalem seinen 74. Geburtstag ferirn wird, ist e'n feuriger, hinreissender Redner, e.n Wahrzeichen der zionistischen Bewegung mit ihrer gro::en Kongress-Tradition und vereinigt profundes aus den Quellen der schriftlichen und der mündlichen Ueberlieferung stammendes jüdisches Wissen mit einer grossen mitteleuropäischen Allgemeinbildung. Seit dem Ersten Weltkrieg war er mit allen geistigen Strömungen des Judentum-, vertraut und vor allem mit dem Sozialismus im Zionismus verbunden, ein kämpferischer Geist, der stets verstand, sieh in Wort und Schrift voll nuanciert und in klaren Formulierungen zum Ausdruck zu bringen. Sein ungewöhnliches Gedächtnis für Personen und Fakten und seine publiz’sti sehe Gewandtheit sicherten ihm frühzeitig eine geachtete Position unter den Organisatoren und Ideologen der zionistischen Arbeiterbewegung, mit der zusammen er eine Schlüsselposition in der Zionistischen Organisation eirnahm. Am 6. Oktober 1889 in Mir, Bezirk Minsk, in Ra-ss land als Kind geachteter, gebildeter und wohlhabender Eltern geboren, genoss er seine Ausbildung in seiner Kindheit vor allem in den traditionellen jüdischen Fächern und wurde bereits im Alter von 15 Jahren als Lehrer approbiert. Als er 1906 a!>s Delegierter an der Konferenz der Poale Zion in Minsk teilnahm wo (Fortsetzung auf Seite 4)