Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 2012 (17.5.1963)
- Date
- 1963-05-17
- Page
- [Seite 5] (sequence 5)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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'12 f Vi.rnes, 17 de Mayo de 19G.3 LA SEMANA ISRAELITA Año XXIV. No. 2012 Vorbereitungen und Organisation Musik in Buenos Aires (1. Fortsetzung) H. Sw.: — Jeder tut gut daran, politische Entschei düngen genau zu überdenken. Nachdem ich mich mit einigen Freunden beraten hatte, mit anderen in Fühlung getreten war, nahm ich di° an mich gerichtete Einladung an. Die Vorbereitungen der Re.'ce lagen in Händen des jungen und äu sserst gewandten Journalisten Klaus Sommer, der eine führende Stellung in der Presceabteilung der bonaerenser Botschaft der Bundesrepublik bekleidet. Er war sichtlich zufrieden, dass ich ihm mein Ja übermittelte. Sie werden ein neues, ein anderes Deutschland kennen lernen, meinte er. Dann ging er zu den technischen Punkten über. Wir haben da einen ausführlichen Fragebogen, wie sollte es bei uns Deutschen auch ander« sein, bemerkte er diplomatisch, um auf diese Weise eine etwa scharfe Reaktion oder Ablehnung abzufangen. Wir alle haben aber inzwischen in anderen Ländern auch einen Büro kratismus kennen gelernt, der mitunter noch ärger als preussische Fragebögen ist. Pass- oder ähnliche Probleme eind für argentinische Bürger nicht gegeben, die heute ohne Visum fast alle europäischen Länder bereisen können. Der Fragebogen war wirklich umfassend. Man wollte einfach alles wissen, Herkommen und Bildung, Interessen und Beschäftigung. Das find Fragen, die ohne weiteres leicht beantwortet werden können. Die — mir unsichtbare — Karteikarte oder vielleicht sogar „meine Akte“ wurde durch meh rere Daten bereichert. Heute hat doch jeder in verschiedenen Li ndern seinen ERLEBNISSE UND ERKENNTNISSE EINER REISE präsumptiven Steckbrief. Dass solche Akten geführt werden, wusste ich vorher, wurde mir aber später in der Bundesrepublik bestätigt, nicht direkt selbstver stündlich;, wohl aber konnte ich dies aus einigen Bemerkungen meiner Gesprächspar'ner entnehmen, die ausgezeichnet über mich und nicht erst ab g rotem informiert waren. Ich fand hierin keine besonders bc merkenswerte Tatsache. In gewisser Hinsicht war es mir angenehm mrn brauch le nicht darüber mehr zu sprechen. Dann kam eine eigenartige Frage, die man mir mit einigen Entschuldigungen vorlegte und jenem freundlichen Lächeln, das besagen soll: bei gegenseitigem guten Willen werden wir auch hierauf eine Antwort finden. Journalist Sommer ist auch Diplomat, sicherlich auch ohne einen diplomatischen Pass. Er sprach also nicht seine Frage, sondern lächelte sie mir zu: „Wie ist Ihre Einstellung zu Deutschland?“ Das ist auch eine Frage dieses Fragebogen - Verhörs? entgegnete ich. Er lächelte mir ein Ja entgegen und meinte, ich werde „feindlich“ einfügen. Sehr geschickt, junger Mann, dachte ich, sagte es aber damals nicht so krass, wie ich es jetzt schreibe. Wenn meine Erstellung mit dem Wort „feindlich“ wirklich charakterisiert wäre, würde ich bestimmt Eure Einladung nicht annehmen. Dass ich ein erbitterter Gegner des Naziregimes b‘n, weiss jeder, wie weit dies die Feindschaft gegen die Bundesrepublik einschliesst, coli vor der Reise jedenfalls nicht gesagt werden. Feindlich ist auch eine zu primi¬ Dputffli05 Theater IN BUENOS AIRES TEATRO ASTRAL CORRIENTES 1639 — T. E. 46-9964 SAISON 1963 BEGINN 27. MAI — Spielplan mit 8 Premieren „WENN DER STORCH KOMMT“ Komödie von A. Roussin „DIE HEILIGE FLAMME“ Drama von S. Maugham „WUNSCHTRAEUME“ Lustspiel von Beatrice Ferrolli „GEFAEHRLICHE KURVE“ Schauspiel von J. B. Priestley „HOTEL DU CCMMtRCE“ Komödie von F. Hochwälder „VOM TEUFEL GEH0L1“ Drama von K. Hamsun „LEONCE UND LENA“ Lustspiel von Georg Büchner „2 EINAKTER“ (Hörspiele) von F. Dürrenmatt oder „OBERST CHABERT“ von Hans J. Rehfiseh „SEINE MAJESTAET LAESST BITTEN“ oder „Die hellgelben Handschuhe“ Musikalische Komödien von W. Kollo Neben dem ständigen Ensemble aus Buenos Aires wurden 3 Regrseure und 4 Schauspielerinnen und Schauspieler als Gäste verpflichtet. Die Vorstellungen werden in diesem Jahr im TEA TRO ASTRAL, Corrientes 1639, an folgenden Tagen stattfinden: Jeweils Montag um 21 Uhr. Donnerstag und Freitag 19 Uhr, Sonnabend 17 Uhr und Sonntag um 15 Uhr. Der ABONNEMENTSVERKAUF an der Kasse des „Teairo Astral“ hat bereits begonnen. Die Theaterkasse ist werktöeli.-h von 10—12 und 15—19 Uhr, Sonnabend von 10—12 Ulir geöffnet. tive Formulierung, die weder meine noch die Einstellung vieler anderer umschreiben würde. Bitte notieren Sie also: äusserst kritisch. Der Fragebogen gab sich damit nicht zufrieden. Er wollte die Gründe dieser „äusserst kritischen“ Einstellung festhalten. Schreiben Sie, weil „er den Tritt, den er und alle bekommen haben, nicht vergessen kann“. Sommer schrieb es getreulich nieder. Mit Sicherheit kan: ich nicht behaupten. dass dies» Antwort mir meinen Besuch auch von Seiten vieler Gesprächspartner erleichterte. Aber meine Vermutung ist beinahe eine Gewissheit. Ich will nicht verschweigen, dutss mir die vornehme und zurückhaltende Art des Herrn Klaus Sommer vieles erträglicher gemacht hat und zur Ueberwindung man eher Aversionen beitrug. Auch die folgenden Aussprachen mit dem deutschen Geschäftsträger in Argentinien, Botschaftsrat Dr. Werner Brückmann („Ich freue mich, dar: Sie fahren“) sowie mit den Legationcräten Dr. Walter Kopp und dem Pressechef Dr. Klaus Timmermann waren wie immer angenehm und von freundschaftlichem Geist getragen. In Umkehrmg eines gefährlichen Satzes könnte man heute sagen: Ja, wenn alle Deutschen wie diese Männer wären, dann würde es niemals Probleme gegeben haben. Immerhin ist es gut zu wissen, dass eich manche Verhältnisse doch gründlich geändert haben. Die wesentlichen Fragen erstreckten sich aber auf die Interessengjbiete und Probleme, über die ich bei meinem nur 14tägigen Aufenthalt Einzelheiten zu erfahren wünschte. Diese Angaben wurden vorher gemacht, um die Möglichkeit zu schaffen, den Besuch des Eingeladenen gründlich vorzubereiten. Es ist interessant und sei hier bemerkt, dass es in der Bundesrepublik eine besondere Organisation gibt, „Inter-Nationes“ genannt, die alle offi zielten Besucher empfängt und ihnen ein bis in die Einzelheiten ausgearbeiteleo Programm übergibt, das ihren vorher gaäusserten Wünschen und Interessen genau entspricht. Mein Vorschlag wurde angenommen. Ich gab an, mich über folgende Fragen unterrichten zu wollen: 1.) Das Leben und die Situation der in Deutschland wohnenden Juden. — 2.) Die Hai tung der Bundesrepublik gegenüber dem Staate Israel. 3.) Des Problem der Wiedergutmachung. — 4.) Die wirtschaftliche Situation der lateinamerikanischen Länder und die Europäische Wirtschafts - Gemeinschaft (EWG). — 5.) Gibt es neonazistische Kräfte, Tendenzen und Bewegungen? — 6.) Kriegsverbrecher - Prozesse, ihre Durchführung und ihre Wirkung. — 7.) Das literarische Schaffen im neuen Deutschland). — Man wird zugeben müssen, dass dies ein reichlich grosses Programm ist. Es wäre vielleicht vermessen zu behaupten, dass ich alles gesehen und studiert habe, was mit den aufgeworfenen Fragen in Zusammenhang steht. Hierzu wären auch vier Wochen wahrscheinlich zu wenig. Immerhin darf man feststellen, dass dank der guten -Vorbereitungen und des guten Willens all derer, mit dneen ich in dieser 1 nupp berechneten Zeit zusammen war, die Bildung eines Urteils ermöglicht oder erleichtert wurde. Mein von Inter-Nationes ausgearbeiietes Programm nahm weitgehend auf mein persönliches Wohlergehen Rücksicht. Es waren reichlich viele Ruhe und Erholungspausen eingelegt, die ich sämtlich gestrieiien habe. Pausenlos war ich unterwegs. Sicherlich war dies anstrengend, jedenfalls für meine Begleiter, die mir überall von Inter-Nationes zur Verfügung gestellt worden sind. In einem Fall ha be ich sogar zwei Begleiter „verbraucht“, da es für ei nen zu viel war. Bei aller Bescheidenheit darf ich bemerken, dacs mir einige andere Umstände zugute kamen, um ein so umfangreiches Programm zu bewältigen. Wichtig ist natürlich, dass ein Besucher die Landessprache bchericoht, was bei den meisten eingeladonen Gästen, von dene:-. mir manche auf der Reise begegneten, nicht der Fall ist. Sodann habe ich mich Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, mit den Fragen beschäftigt und auseinandergesetzt, die ich zum Gegenstand meiner Interessen während dieser Reise gemacht haben. Die Reise wurde also nicht unvorbereitet angetreten. Für einen Spezialsten ist das Erkennen der Probleme leichter als für den, der sich nur oberflächlich für Dinge interessiert. Schliesslich spielt neben der Sachkenntnis und dem Beherrschen der Sprache auch die Vertrautheit mit den geographischen Gegebenheiten eine grosse Rolle. In diesem Sinne habe ich wenig Neues zu «eben bekommen, obwohl selbst vertraute Dinge und Erscheinungen durch die mir auf diese Weise gegebenen Möglichkeiten in anderem Licht erschienen sind. Man konnte mehr sehen a’s der gewöhnliche, selbst sehr gut vorbereitete Tourist. Bevor dieser Bericht eigentlich erst beginnen kann, muss ich die Technik von Inter - Nationes schildern, weil dies für den Ausser.ctehenden von Interesse sein dürfte. Die .eigentliche' vorbereitende Stelle war das Burfüespresce-Amt in Bonn, in meinem Fall die Südamerika-Abteilung, die heute unter der Leitung des Herrn Bayer steht, der rund 20 Jahre in Brasilien gelebt hat, also ein ausgezeichneter Kenner der lateinamerikanischen Verhältnisse ist. In den letzten Jahren war Bayer Pressereferent in Rio de Janeiro; sein Posten wird heute ven Dr. Duncker bekleidet, der sowohl sein Nachfolger wie sein Vorgänger ist. Dr. Duncker, ein in Chile geborener Deutscher, war früher Leiter der Südamerika-Abteilung des Bun despresse-Amtes, mit dem mich seit Jahren recht freundschaftliche Beziehungen verbinden. Herr Bayer ist ein grosser Kenner des Pressewesens. Eine Unterhaltung mit ihm ist ein Gewinn. Er ist ein erbitterter Gegner der Nazis, in deren Reich er auch nicht einen Tag gelebt hat. Im Bundespresseamt fanden die letzten Vorbereitungen für meine Reise statt. Dort kam ich auch zum ersten Mal mit Inter-Nationes in Be rührung, wo mir das „Rahmen-Programm“ übergeben ivurde, das dann von den Zweigstellen der Inter-Nationes in den von mir besuchten Städten bis in alle Einzelheiten ergänzt worden ist. Wohin ich auch kam, überall erwarteten mich die Mitarbeiter von Inter-Nationes auf dem Flugplatz oder am Bahnhof. Die grössten Bequemlichkeiten und Erleichterungen, über die sich jeder Tourist freuen würde, standen zur Verfügung. Wohin ich g r.g, wurde ich von den Beauftragten der In(er Nation*« begleitet, die ich NICANOR ZABALETA IM TEATRO COLON Vier Spanier sind es, die den Ruhm ihrer Instrumente in alle Weh tragen: der Cell .rt Pablo CasaLs — dieser noch weit darüber hin weg als Philosoph, Philanthrop und Jniversalmusi- ' ker — Gaspar Casado auf dem gleichen Instrument; Andrés Segovla, der die Gitarre vom Folklore zurück in den Konzertsaal führte, und der Harfenist Nicanor Zabaleta, der uns nach mehrjähriger Abwesenheit einen neuen Besuch afojtat tei. Trotzdem uns Zabaleta noch gut als Meister seines Inst uments iu Erinnerung ist, frappiert er stets aufs neue durch seine phänomenale Technik, durch die intime Art, der Harfe subtile, säuselnde Töne zu entlokken, deren Frequenz er freilich bis zum tosenden fortissimo zu steigern weiss. Man hat bei ihm den Eindruck, dass er die Saiten nicht greift, sondern sic liebkost. Nicanor Zabaleta machte sein triumphales „come back“ in einem Rezital, dessen Programm Kompositionen von Bochsa, Karl Ph. E. Bach, Händel, Vivaldi (in Bearbeitung von Johann Scb. Bachi, Fauré, Albéniz. Gianneo, Pittaluga und Guridi nannte. Lediglich die ..Sonatina (1947)“ von Luis Gianneo und die „Trois Etudes‘ ven Robert Nicholas Charles Bochsa — dem „Harfenisten Napoleons“ — sind direkt für Harfe ge- | schrieben. Bei allen anderen \ Werken handelt es eich um Transskriptionen. Einen Abend darauf spielte Zabaleta mit Orchesterbegleitung das c-dur Konzert vor Boieldieu und das „Concierto Screnata“ von Joaquin Rodrigo, dessen reizend-graziöser erster Satz in langen Passagen auf dem dem Orgelpunkt geschrie. ben ist. Juan Emilio Martini, der mit Energie und Umsicht das mittelmässig spielende Philharmonische Orchester dirigierte, war Zabaleta ein aufmerksamer Begleiter. Von der orchestralen Umrahmung des Konzerts verdient als gut gelungen die Wiedergabe der Passacaglia op. 14 de« Argentiniers Rodolfo Arizaga erwähnt zu werden, dessen origineller Dialog zweier Streichorchester sauber herausgearbeitet wurde. Dagegen liessen die Interpretationen der c-dur-Symphcnie von Boccherini und der opulenten „Suite in f“ von Albert Roussel mehrfach zu wünschen übrig. Zabaleta hatte an beiden Abenden einen Riesenerfolg — im Rezital musste er sich zu mehrfachen Zugaben verstehen — und auch Martini und seine Orchester wurden gefeiert. Curt B. M. Weissstein scherzhaft als meine .Beschatter' bezeichnete, wogegen alle heftig protestierten. Aber sie begleiteten mich so treu, dass sie mir wie ein Schatten folgten, oder auch manchmal ich ihnen. Da meine offizielle Reise — nach der ersten Rück spräche im Bundespresse- Amt — in Berlin begann, will ich zunächst hiervon berichten. Auf dem Flughafen in Tempelhof, einem der wenigen Flughäfen in der Welt, die mitten in einer Millionenstadt liegen, erwartete mich mein erster Begleiter. Er lisss mich durch Lautsprecher ausrufen. Es war Herr Günther Janower, der offensichtlich mir deshalb beigeordnet wurde, weil ich aus einem spanischeprechei.den , Lande kam. Janower lebte in der Verfolgungszeit in Bolivien und ging aus gesundheitlichen Gründen nach Berlin zurück. Er kann auch Spanisch sprechen, war natürlich zufrieden — ebenso wie ich —, dass wir uns in deutscher Sprache unterhalten konnten. Da ich in Berlin ein grosses „jüdisches“ Programm hatte, war ich erfreut, ihn zum Begleiter zu bekommen. Als wir uns näher kannten, war ich noch zufriedener. Bevor wir den Flughafen verliessen, fragte er mich, Ehrung für Aniievich London. — Der 20. Todestag von Mordechai Aniievich, des Kommandanten des Ghetto-Aufstandes in Warcchau im Jahre 1943, der mit den Mitgliedern seines Stabes Selbstmord verübte, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen, wurde in Warschau mit einer Pilgerfahrt von polnischen Juden und Nichtjuden begangen, deren Ziel das Hauptquartier der Ghettokämpfer in der Strasse Mlla 18 war. Dort wurden zahlrei: l.s Blumenkränze niedergel:gt. Auch die Israel-Botschaft in Warschau hatte einen Kranz geccliickt. (ITA) warum haben Sie in der Jüdischen Wochenschau etwr« gegen di» „Bolivianer“ ge. schrieben, die nach Deutschland zurückgegangen sind. Ich freute mich über die Frage und die Reichweite der Zeitung... Bevor mein eigentlicher Bericht beginnt, will ich noch ein Wort über die Reihenfolge meiner Darstellungen sagen. Ich will nicht chronologisch, sondern nach Materien informieren, weil mir dies sachlich gerechtfertigt und zweckmässiger erscheint. (Fortsetzung folgt) DANKSAGUNG Für die anlässlich des Ablebens meiner lieben Frau Frieda Schulimowitsch geb. Müller so zahlreich erwiesene Anteilnahme spreche ich auf diesem Wege meinen herzl. Dank, insbesondere Herrn Rabbiner Harf, aus, der uns in aufopfernder Weise zur Seite stand. A. SCHULIMOWITSCH Die Grabsteinsetzung für meinen unvergesslichen Gatten, Herrn CHIEL W0HLMUTH findet s. G. w. am Sonntag, der. 19. Mai, um 10 Uhr 30 in Tablada statt. DO/tA WOHLMUTH Manzana 57, tablön 322. Bei Regenwetter findet die Zeremonie ein» Woche später statt.