Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 24 (1963)
- Issue
- 1997 (1.2.1963)
- Date
- 1963-02-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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BLICK IN DIE WELT von HAAOLO SCHWARCZ PUEYRREDON 2190 — 1? izajfcJeM&naJs-X&jzli&CL T E. 832613 ASt) XXIV BUENOS AIRES, VIERNES 1? DE FEBRERO DE 1963 N\ 1997 WIE ICH ES SEHE Wie er an die Macht kam Die nationalsozialistische Propaganda hat den 30. Januar 1933 zum Tag der „nationalen Erhebung“ erklärt. Das sei die nationalsoziali stische Revolution gewesen. Goebbels hat durch seine überlaute Propaganda diese liegende geschaffen, die von der Mehrheit allzu willig und allzu gläiii'bg nachgeplappert wurde. Sie wurde so Oft wiederholt, bis die meisten sie glaubten. Iti Wirklichkeit hatte dieser tragische Vorgang vom Sturz der Weimarer Republik nichts mit einer nationalen Erhebung zu tun. Wie ein nichtjüdischer Histori ker. der sich ungewöhnlich gründlich mit dieser Zeit beschäftigte, feststellte, war die Wahrheit viel prosaischer. „Trotz seiner Massenan. häugerschaft, so schreibt er, ist Hitler 1933 nicht durch eine unaufhaltsame revolutionäre oder nationale Bewegung an die Macht getragen worden, ja nicht einmal durch einen populären Wahlsieg, sondern aufgrund schoflen politischen Paktierens mit der ,alten Verbrecherclique1, die er in früheren Monaten rücksichtslos angegriffen hatte. Hitler hat die Macht nicht ergriffen; er ist durch Hintertreppenintrigen in sein Amt geschoben worden“. — Auch dieser Historiker kommt zu dem Ergebnis, dass dieser nazistische Erfolg durchaus nicht unvermeidlich gewesen ist. Die mangelnde Urteilsfähigkeit seiner Gegner und Rivalen tragen die Verantwortung für diese Entwicklung. Die deutschen Parteien haben nichts Ernstes unternommen, um die Republik vor Hitler zu retten. Selbst die Arbeiterparteien haben nicht den Weg gefunden, im Angesicht der ihnen drohenden gemeinsamen Gefahr eine einheitliche Aktion einzuleu ten. Anstatt sieh weiterhin gegen die Auslieferung der Macht an die Nazis zu sträuben. waren es die Rechtsparteien. die ihnen den Weg Beigaben, obwohl die ab weisende Politik wenige Wochen zuvor zu der empfindlichsten Niederlage der Nazis bei den Wahlen geführt hatte, die sie jemals erlitten haben und bei denen sie nicht weniger als zwei Millionen Stimmen einbiissteu. Die Tatsache, dass ernste von JEHUDA GOTTHEIMER und erfahrene Politiker sich I publik. Er wurde vom Interder Hoffnung hingaben, dass es dem Vizekanzler von Papen gelingen würde, Hitler in Schach zu halten, offenbart die Unfähigkeit der Rechten, Politik zu machen. In der ersten Regierung Hitler hatten die Nazis überhaupt nur drei Ministerien bekommen. Das Stimmen Verhältnis war 8:3. Hierauf bauten Hindenburg. von Papen und Hugenberg ihre Hoffnungen auf, die braune Flut eindämmen zu können. In wenigen Tagen sollte es bereits klar werden, dass alle diese Spekulationen der Reaktion wertlos waren. Hitler löste den Reichstag auf, obwohl sich vor allem Hugenberg hiergegen sträubte. Jetzt hatten die Nazis die Macht in der Hand und würden von ihr rücksichtslos Gebrauch machen. Jetzt werde es ihnen gelingen, die absolute Mehrheit zu er reichen, um die sie lange Jahre hindurch vergeblich gekämpft hatten. Goebbels schrieb triumphierend in sein Tagebuch: „Jetzt ist es leicht, den Kampf zu führen, denn wir können alle Mittel des Staates in Anspruch nehmen. Rundfunk und Presse stehen uns zur Verfügung. Wir werden ein Meisterstück der Agitation leisten. Auch an Geld fehlt es natürlich diesmal nicht.“ Das Geld mussten die deutschen Industriellen hergeben. Ob sie es gern taten. sei dahingestellt, aber sie taten es. Göriug, damals der aktivste der Paladine Hitlers, lud eine Anzahl der Schlotbarone ein, unter ihnen Krupp von Bohlen und Walter Funk, der später noch eine grosse Rolle als Wirtschaftsminister spielen sollte. Die Rolle des Gastgebers hatte der ehemalige republikanische Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht übernommen. Hitler sprach von den bevorstehenden Wahlen, die wahrscheinlich die letzten in den nächsten 100 Jahren sein würden. Deswegen wäre das verlangte Opfer umso leichter zu ertragen. Er forderte drei Millionen. Das Geld sollte unter die Koalitionspartner aufgeteilt werden. Aber jeder wusst? natürlich, dass die Nazis den Löwenanteil für sich beanspiu chen werden. Schacht ist einer der Totengräber der Weimarer Re Golda Meir in Tanganjika Dar es Salaaüi. — Israels Aussenminister Golda Meir traf hier aus Madagaskar kommend zu einem fünftägigen Besuch ein. Im Flughafen wurde sie vom Finanzminister und anderen hohen Beamten, sowie vom israelischen Botschafter empfangen. Sie wurde in die Residenz des Präsidenten Nyerere begleitet, wo sie als offizieller Gast der Regierung Wohnung nahm. Während ihres Aufenthaltes in Dar es Salaam Unterzeichnete- Frau Meir gemeinsam mit dem Finanz minister der neuen Republik, Paul Bomani, ein Abkommen über technische Zusammenarbeit zwischen Israel und Tanganjika. Bomani nannte diesen Vertrag „eine Bestätigung der Vorteile, die Tanganjika seit einem Jahr durch die Mitarbeit und Ililfe von Israel empfängt.“ Viele Studenten aus Tanganjika werden gegenwärtig in Israel ausgebildet und einige von ihnen haben ihre Kurse schon beendet und arbeiten heute am Aufbau des jungen afrikanischen Staates mit. Ferner hat Israel zahlreiche Fachleute nach Tanganjika entsandt, die auf den Gebieten der Landwirtschaft, Errichtung von Dörfern, wirtschaftlichen Entwicklung, Gesundheitswesen und Jugenderziehung als Instrukteure beschäftigt sind. UTA) ■9- LWJUJU* nationalen Militärtribunal in Nürnberg, vor welchem die Hauptverantwortlichen wie Gering, Rosenberg, Frick, Jodl und andere standen, zui allgemeinen Bestürzung freigesprochen. in se'neu Memoiren „76 Jahre meines Lebens“ gibt er über diese merkwürdige Versammlung eine etwas abweichende Darstellung. Er sei auch eingeladen gewesen. so schreibt er. D:e Veranstaltung habe für ihn, Schacht, manche Ueterraschungen gebracht. Vor allem war er von derr. Erscheinen des Herrn Krupp von Bohlen beeindruckt, d.v* sich noch vier Wochen vorher geweigert habe, einer Veranstaltung zu folgen, bei der Hitler reden sollte. Derselbe Kruppe wäre nun der erste gewesen, der Hitler' seine volle Bereitschaft zur Unterstützung der HiHersehen Regierung zugesagt habe. Jedenfalls bestätigt aueh Schacht, dass die Industrie die von Hitler verlangten Wahlen mit einem sehr hoj lien Betrag — drei Millionen! Reichsmark — finanzierte, i für die Rechtsparteien, ver- 1 steht sich. Dass Schacht in 1 seinen Erinnerungen veri sucht, die Verantwortung! auf Dritte abzuwälzen, wird I man verstehen. Er hat nicht I den Mut, seine Fehler ein- | zugestehen. Er behauptet, j „die Demokratie schaufelte i sich selbst ihr Grab“ wobei j er natürlich unerwähnt; lässt, dass er vorher bereits | die Demokratie selbst ver- ¡ raten hatte. Nicht ganz zu Unrecht bemerkt Schacht: „Dass Hitler die Diktatur errang, verdankte er den Abgeordneten der Reichstagsmitte, die ihm das Ermächtigungsgesetz bewilligten. Unter diesen Abgeordneten befand sich eine nicht geringe Anzahl von Männer, die merkwürdigerweise heute wieder (Schacht schrieb diese Zeilen 1952 oder 1953) au führender politischer Stelle des westdeutschen Bundes stehen und die parlamentarische Demokratie als das A und O des deutschen Verfassungslebens preisen." Diese Kritik ist sicherlich nicht unberechtigt, ob sie aber ausgerechnet Herr Schacht aussprechen musste, dürfte recht bedenklich erscheinen. Bevor es zu den Reichstagswahlen kam, sorgten die Nazis für einige grundlegende Aenderungan im deutschen staatlichen Leben. Göring erklärte es zur Auf gäbe jedes Polizisten, .staatsfeindlichen Organisationen“ gegeniiber-keine Gnade walten zu lassen. Wer anders handelt, verletzte seine Pflicht. Damit war der staatlich organisierten Willi kür zum ersten Mal das Tor j geöffnet worden. Nun kam; es nicht mehr darauf an, ob Schuldige oder Unschuldige bestraft, d. h. erschossen wurden. Denn Göring erklärte: „Jeder Beamte muss sich vor Augen führen, dass mangelnde Tatkraft strenger beurteilt werden wird als ein Irrtum bei seiner Pflichterfüllung“. Nach diesem Prinzip wurde dann etwas mehr als ein Jahr später verfahren, als beim sogeaaunteu RöUm Putacb vie- Fedaiin Tel Aviv. — Es wurde offiziell verlautbart, dass zwei Israelis durch Infiltranten, sogenannte Fe daiin, verletzt worden sind. Einer dieser Fe. daiin kam aus Transjordanien, der andere aus dem Gaza-Streifen. Die Eindringlinge wurden zurückgejagt. (ITA) le Unschuldige infolge „Irrtums“ erschossen worden sind. Da offensichtlich die preussisehe Polizei den Nazis nicht sicher genug war, stellte Göring 50.000 Mann ein, davon 25.000 SA-Leute und 15.0i)0 SS-Leute. Das Terror Regiment konnte damit beginnen. Zunächst wurde dann das Liebknechthaus in Berlin, die Zentralverwaltung der Kommunistischen Partei, gegen jedes Recht besetzt. Angeblich wurde Material über eine bevorstehende kommunistische Revolution gefunden, dessen Veröffentlichung so- A>ü’ der kommunistischen Tagung in Ostberlin trat der Gegensatz zwischen der Sowjetunion und China mit aller Schärfe hervor. Für die roten Chinesen liegt Russland nicht nur von ihrem geographischen Standort aus betrachtet im Westen. — Dei Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer muss heute als einer der grössten Vorkämpfer für die Vereinigten Staaten von Europa angesehen werden. Wie so manche politischen Utopien und Phantasien nähert sieh auch die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ ihrer Verwirklichung. — USA-Pr.äsident Kennedy richtete einen Appell an die westlichen Völker zu stärkerer Einigkeit, die in Anbetracht der aus dem Osten drohenden Gefahren notwendig sei. — Eine der merkwürdigsten politischen Karrieren Unserer Zeit hat der brasilianische Präsident Joao Gotilart gemacht, der gegen starke Widerstände als Vizepräsident an die Macht kam und nuiv sogar die Wiederherstellung des Präsidialsystems durchsetzte. Der argentinische Aussenminister, Dr. Carlos Muni*, wurde während seines Amerika-Besuches vom Präsidenten der Vereinigten Staaten empfangen. In der Unterhaltung trat die Gleichartigkeit der Ziele, die von beiden Ländern verfolgt werden, mit einer zufriedenstellenden Klarheit hervor. —; Der bekannte nordamerikanische Gross-Industrielle Henry Ford II. besuchte verschiedene lateinamerikani-' sehe Länder. Bei dieser Gelegenheit sei in Erinnerung gerufen, dass Henry Ford L, der Gründer dieser weltbekannten Automobilfirma, seine antisemitische Schrift „Der internationale Jude“ offiziell widerrufen hatte. Trotzdem werden Uebersetzuiigen noch immer verkauft.1 Die Zionistische Executive tagte in Jerusalem. Es standen die Probleme der Auswanderung von Juden aus einigen Ländern auf der Tagesordnung, in denen sie ge-: fährdet sind. — - Gleichzeitig tagte das Koordinationscomite in Jerusa-1 lern, das die Arbeiten der Regierung und der Zionistischen Organisation auf den Gebieten der Einwanderung und Einordnung sowie auf anderen gemeinsamen Arbeitsgebieten harmonisiert. An der Sitzung nahmen David j Ben Gurion, der israelische Ministerpräsident, und Dr. , Nahum Goldmann, der Präsident der Zionistischen Or-| ganisation teil. — Botschafter überreicht Kredentialien Der argentinische Botschafter vor der Regierung Israels, Herr Luis F. Castells über-' reicht dem israelischen Staatspräsidenten Jizchak Ben Zwi seine BeglaubigungsschiW ben. Unter den israelischen Funktionären, die dieser Zeremonie beiwohnten, sieht man den früheren Israel-Botschafter in Argentinien, Dr. Arie Levavi. sowie Dr. Joel Baro.1 mi, den Direktor der Lateinamerikanischen Abteilung des Ausseoministeriums Israel»! fort in Aussicht gestellt worden ist, jedoch nie erfolgte. Dagegen ging drei Tage später, am 27. Februar 1933, der Reichstag in Flammen auf. Die Schuld wurde sofort den Kommunisten zur Last gelegt. Am Tage nach dem Brand erliess Hitler ein von Hindenburg unterzeiehnetes Gesetz zum „Schutz von Volk und Staat“, durch welches alle persönlichen, durch die Verfassung garantierten Freiheiten und persönlichen Rechte aufgeho ben wurde. Das erwartete Verbot der KPD erfolgte nicht. Die Nazis befürchteten, hierdurch der Sozialdemokratie die kommunistischen Stimmen bei den bevorstehenden Wahlen zuzu führen. Sie wollten, dass die Arbeitermassen weiterhin ihre Stimmen auf die beiden, immer noch rivalisierenden Arbeiterparteien verteilen. Der Wahlkampf wurde mit einer unerhörten Rücksichtslosigkeit geführt. Nun hatten die Nazis alle staatlichen Machtmittel, die sie in den Dienst ihrer Sache stellten. Göring schrie in eine Massenversammlung hinein: „Meine Mahnungen werden nicht angekränkelt sein durch juristische Bedenken tiad Bürokratie. Ich ha be keine Gerechtigkeit auszuiiben, sondern nur zu vernichten und auszurotten. Das wird ein Kampf sein gegen das Chaos, und diesen Kampf werde ich nicht nur mit polizeilichen Mitteln führen“. Deutlicher konnte die bevorstehende Willkürherrschaft nicht angekündigt werden. Und dann kam die Wahl. Trotz des ^ungeheuren Aufwandes. den die Nazis mithilfe der Gelder der deutschen Grossindustrie machen konnten, erhielten sie! nicht die erhofften mehr als 50 Prozent. Sie gewannen zwar 5,5 Millionen Stimme» bei einer Wahlbeteiligung von nahezu 90 Prozent. Von den abgegebenen 39,3 MAS? lionen Stimmen entfiele« auf die NSDAP 17,2 Millionen. also 43,9 Prozent. Da«' Zentrum gewann 200.000, die Sozialdemokraten erhielten 7,1 Millionen Stimmen; st«! verloren nur 66.400 Wähler.) (Schluss auf Seite 2) -i Italien zahlt Entschaedigungen Rom. — Der italienische Senat ratifizierte ein deutsch-italienisches Abkommen aus dem Jahre 1961, das vorsieht, dass die westdeutsche Regierung 10 Millionen Dollar für die Entschädigung italienischer Naziopfer zahlt, unter denen es viele Juden gibt, die während des Krieges deportiert worden sind. Die Regierung Italiens muss in den kommenden sechs Monaten die Bestimmungen zur gesetzlichen Durchführung der Verteilung dieser Fonds unter den Opfern und ihren Erben erlassen. Zu diesem Zweck wird sie den Kontakt mit einer parlamentarischen Sonderkommission und wahrscheinlich mit verschiedenen Organisationen aufnehmen, welche die Deportierten repräsentieren, u. a. auch mit dem Verband italienischer jüdischer Gemeinden. Während der Senatsdebatte wies Senator Caleft’i darauf hin, dass „die Leiden der Opfer durch die Entschädigungszahlen natürlich nicht wiedergutgemacht werden können.“ (ITA)