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Jüdische Wochenschau · 1962-12-07 · 1989 (7.12.1962) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
23 (1962)
Issue
1989 (7.12.1962)
Date
1962-12-07
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German, Spanish
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■.nauM ......... Viernes, 7 de Bieiembre de 1962 J ü DISCHE WOCHENSCHAU An« XXIII. — Ne. 1989 — Theodor PUEYRREDON 21901. St. Religionsi. Die jüdisch« Gemeinde von heute, in unseren neuen Amerikanischen Wohnländern, unterscheidet sich we.rent- Jäch von derjenigen Gemeinde, aus der die Juden Mitteleuropas einst nach diesem Kontinent verschlagen wur den. Einmal die grosse Kraftquelle jüdischen Lebens in seiner Mannigfaltigkeit, eine „Körperschaft öffentlichen Rechts“ mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet vermochte sie selbst in den Zeiten des Abfalls und der Gleichgültigkeit gegenüber jüdischen Werten all diejenigen, die in ihr verblieben — und dies war die grosse Mehrheit — einen starken moralischen und seeliscnen Halt zu geben. Sie war die grosse Wegbegleiterin der jüdischen Familie in guten wie in schlechten Tagen. So war die Gemeinde ein entscheidender Faktor für den Fortbestand des Judentums in der modernen Zeit mH ihren verschiedenartigen Einflüssen und Strömungen. II. Anders ist das Bild der Gemeinde auf unserem Kontinent: Sie entwickelt sich in absoluter FreiwilligKeit und vermag fast nur solche jüdische Menschen an sich zu fesseln, die ihren Bestrebungen Sympathie und weitgehendes Verständnis entgegenbringen. Doch auch unter so ganz anders gearteten Bedingungen fehlt es nicht an Opferbereitschaft und Enthusiasmus, und wenn z. B. die fünf Gemeinden zentraleuropäischer Herkunft bei uns in Buenos Aires ihre Einrichtungen ausbauen, so wird jedermann diese Bemühungen vor allem im Interesse der neuen Generation wärmstens begrüssen. Doch leider gibt es Ermüdungserscheinungen. Oftmals klagen unsere Gemeinden, deren Mehrheit auf ein Vierteljahrhundert des Bestehens zurückblicken kann, über Nachlassen der Gottesdienstbesuche, über fehlen, des Interesse an den Kulturabenden, über zu geringe Beteiligung am jüdischen Unterricht. Gelegentlich erfährt die eine oder andere Gemeinde eine gewisse Zunah me durch neueintretende Mitglieder; doch im wesentlichen gibt es nur einen internen Austausch. Ein sehr erheblicher Teil unserer Menschen gehört keiner dieser fünf Gemeinden an, sondern der einen oder anderen gemeindeähnlichen Organisation, deren hervorragende philanthropisch« und kulturelle Leistungen, ihre oftmals auch gute Jugendarbeit, zuweilen auch ausgesprochen religio se Tätigkeit (Feiertagsgottesdienstei, keineswegs hinter der Aktivität der Gemeinden zurückstehen. III. In der wichtigen Epoche zwischen dem Weltkrieg und dem Beginn der Naziherrschaft, in jenen rund 14 Jahren der „Weimarer Republik“, waren unsere einstigen Gemeinden in Zentraleuropa mehr und mehr dazu Ubergegangen, ihren Aufgabenkreis zu erweitern. Längst waren Kultus und religiöse Tätigkeit im engeren Sinne rieht mehr die alles beherrschenden Arbeitsgebiete geblieben. Ein weitreichender Sozialetat, eine Fülle von Probemen jüdisch-kultureller, philanthropischer, allgemein-humanitärer Natur, hatten gebieterisch ein starkes Interesse der Gemeindeverwaltungen in Anspruch genommen. Arbeitsvermittlung und Stellennachweis, Ausbau von Afers- und Kinderheimen, Jugendberatung, Hilfe für notleidende Künstler, Darlehenskassen für schwer-kämp lende Gewerbetreibende Und Kaufleute und die Sorge um die durch Krieg und Inflation geschädigten Mittelschichten hatten vor allem Gross- und Mittelgemeinden, auch z. B. in Oesterreich, vor ernste und weitreichende Entscheidungen gestellt. Und je mehr das sich entv.’kkelnde „Jüdische Nationalheim“ in Erez Israel infolge seiner kolonisatorischen und kulturellen Leistungen das gesamtjüdische Interesse erforderte, desto mehr wuchs die Verpflichtung der Gemeinde, einen nicht unwesentli ehen Teil ihres Budgets dem dringenden gesamtjudischen Verlangen nach Anteilnahme nachzukommen. Keren Hajessod, Hebräische Universität und andere Institutionen gehörten allmählich zum Aufgabenkreis der Gemeinden, die ja schon seit langem an anderen jüdischinternationalen Organisationen wie ICA, ORT OSE, etc. beteiligt waren. IV. Um 1929 herum besassen wir in Deutschland so etwas wie „Volksgemeinden“, d. h. solche Gemeinden, die sich bemühten, in lebendiger Verbindung mit dem Jüdischen Dasein in aller Welt und vor allem in Erez Israel in einem Höehstmass von Konzentration und jüdisener Gesamttreue, jüdisch-nationale Arbeit zu leisten, was nichts anderes bedeutete, als keine echt-jüdische Fo.de rung unerfüllt zu lassen. Die „Volksgemeinde“ war nie und konnte es nicht sein, wie ihre Gegner fälschlicherweise behaupteten, eine antireligiöse oder religiös'gleichgnltige Gemeinde. Im Gegenteil: Da durch die Entwick Jung im 19. Jahrhundert die Religion längst ihre zentrale Stellung eingebüsst hatte, da für weite Teile der westiich€n Judenheit das Judentum zu einem blossen Bekenntms geworden war, mittels dessen man die nationale Basis verleugnen zu können glaubte, war es eine Lebens notwendigkeit, die nationalen Grundlagen alles Judeseins wiederherzustellen aus der klaren Erkenntnis heraus, dass nur wahres jüdisches Volksbewusstsein wie durch die Jahrtausende gemeinsam mit dem übrigen geistigen Leben auch das religiöse Leben tragen und sichern könne. Mit anderen Worten: »Das religiöse Judentum wird auf nationalen Grundlagen ruhen müsse«, oder es wird überhaupt nicht sein.“ ,. Lange vor dem Sehicksalsjahrt 1933 batte diese zio¬ ♦ T. E. 83 - 2613 Volks nistische Erkenntnis über den Kreis dieser Gruppe hinaus viele einsichtsvolle Juden erfasst; sie konnien nur nachsichtig lächeln über eine ,,Nur-Glaub?nsgerr.ein- Schaft", deren „Glaube“ meist recht schwach fundiert war. V. Die Sfaatsgründung Israels, durch welche die Gesamtheit des jüdischen Volkes überall dort, wo es in Freiheit lebte, zur Mitträgerin des Aufbauwerkes geworden ist zur Begleiterin des jungen Landes auf dem Wege zu einer grossen Zukunft, fordert von den Gemeinden und allen Organisationen, die solche oder ähnlich gelagerte Funktionen ausüben, dass sie selbst und durch ihr vorbildliches Beispiel alle ihre Mitglieder den Anforderungen der nationalen Fonds, d?n Bestrebungen der jüdischen Weltorganisationen gerecht werden und die Gesamtaufgaben mit allen Kräften fördern. Und es muss in aller Klarheit ausgesprochen werden: Eine jüdische Gemeinde von heute, welche die nationalen Grundlagen des Judentums zu leugnen versucht, welche die erhabenen Forderungen der nationalen Fonds als zweit- oder gar drittrangig an- NACHRICHTEN AUS ISRAEL NEUSIEDLUNG AUF DEM BILBOA Im November dieses Jahres werden sich Angehörige des „Nachal“ (aus Freiwilligen zusammengesetzte militärische Einheiten, die in den Grenzgebieten Landwirtschaft betreiben) und der Jugendbewegung „Bne Akiba“ am Gilboa niederlassen und dort die erste landwirt sehaftliche Siedlung in diesem Gebiet gründen. Ebenso wie bei einer anderen Naebal-Siedlung — Korasin — werden sich an diesem Unternehmen drei Partner beteiligen: Nachal (die Armee), der Keren Kaj-met und der Keren Hajessod. ARAD Bis jetzt w'urden mehr als 200 Kandidaten für Niederlassung in Arad registriert. Diese Zahl überschreitet die gegenwärtige Aufnahmefähigkeit von Arad, da dort laut Plan momentan nur 130 Wohnungen fertiggestellt werden. Mit dem Bau von weiteren 500 Wohnungen wird bald begonnen werden Heute gibt es in Arad bereits über 800 Arbeitsplätze. Nur der Mangel an Wohnungen hält die Aufnahme neu er Einwanderer auf. Mar hofft, dass Arad im kommenden Frühling mehr als 1.000 Einwohner zählen wird BAUMWOLLERNTE Die Baumwollernte hat Anfang September eingesetzt. In diesem Jahr wurde Baumwolle auf 150.000 Dunam bewässertem und 15.000 Dunam unbewässertsm Boden angebaut. Man rechnet mit einer Ernte von 15.000 Tonnen Fasern. BAUTAETIGKEIT Im Jahre 1961 w'urde der Bau von 23.940 Wohnungen vollendet, gegenüber 28.620 im Jahre 1960. Mit Bezug auf den Baubeginn ist das Verhältnis zwischen beiden Jahren ganz anders, denr. 1961 wurde der Bau von 38.140 Wohnungen in Angriff genommen, 1960 nur von 24.630. Wenn man beide Komponenten in Erwägung zieht, ergibt sich, dass die Bautätigkeit im Jahre 1961 ein Rekordausmass erreicht hat. Die öffentlichen Körperschaften, das heisst insbesondere die Regierung und die Jewish Agency, haben mehr Wohnungen errichtet als private Bauunternehmer. nämiieh 13.230 gegenüber 10.710 Anders Hegen die Dinge, wenn man die Fläche der neuen Wohnun gen in Betracht zieht: die durch die öffentliche Bautätigkeit errichteten Wohnungen sind im Durchschnitt kleiner als die von privaten Unternehmern gebauten, jedoch in beiden Kategorien bildeten Dreizimmerwohnungen den grössten Prozent satz. EXPORT VON ERDNUESSEN Auch die Erdnussernfe hat vor kurzem begonnen. Im laufenden Jahr wurden Erdnüsse auf einer Fläche von 37.000 Dunam angebaut. Man schätzt den zu erwar tenden Ertrag auf 12.000 Tonnen. Es ist beabsichtigt, die Hälfte der Ernte, sowohl geschälte als auch ungeschälte Erdnüsse, auszuführen. Noch vor der Ernte wurden mit dem Ausland Verkaufsverträge iibar 4.200 Tonnen abgeschlossen, wobei Preise erzielt wurden die um 5 Prozent höher als die vorjährigen waren. Die goldene : Herzl-Medaiile! New York. — Louis Lips- , ky, der älteste Zionistentühj rer in USA, empfing die goi j dene Herzl-Medaille, die alli jährlich von der -Zionistischen Organisation Nordamerikas dem verdienst vollsten Mitarbeiter an der zionistischen Sache verliehen wjird. An dem Bankett, bei dem auch des 15. Jahrestages der UN-Abstimmung für die Schaffung eines jüdischen Staates gedacht wurde, nahmen .1 000 jüdische Führer und bekannte jüdische Persönlichkeiten teil. Dr. Nachum Goldmann, der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Jeg te den Anwesenden nahe, ..sich für ein« repräsentative zentrale Organisation der amerikanischen Judenheit einzusetzen“. Er forderte sie auf, die Erziehung und kulturelle Betätigung als wichtigste Aufgabe 211 betrachten und wandte sich gegen die „dumme“ Ansicht, dass der Zionismus „seine Bedeutung im jüdi sehen Leben eingebüsst habe.“ (ITA) sieht und die grosse Einheit des jüdischen Lebens, die Ausrichtung auf das zionistische Ideal verwirft, eine solch« Gemeinde befindet sich auf einem gefährlichen Irrwege. Ist doch das Gefühl, nicht ein Volk, sondern, im Sinne von Theodor Herzl, ein Volk zu sein, die höchste und bedeutsamste Lehre, die wir Juden aus der grössten Katastrophe unserer Geschichte gezogen haben -ollten. Es wäre Wahnsinn und käme einer Schädigung oer gesamtjüdischen Interessen gleich, wollte man dort anfangen, w’o man vor fast dreissig Jahren aufgehört Hatte. Die Kulturwelt sieht uns als das eine und einzigartige jüdische Volk, dessen Lehre ein unlösbarer Bestandteil seines Wesens ist, und das über den künstlich-konstruierten. angeblichen, niemals existenten Gegensatz zwischen Nation und Religion für immer hinaus ist Weidas Rad der geschichtlichen Entwicklung zuruckscbrauben will zu einem ..konfessionellen Judentum“, macht sich vor Juden und Nichtjuden zu einer tragikomischen Erscheinung. VT. Niemand verlangt von einer Gemeinde, dass sic zu parteipolitischen, innerzionistischen Fragen PteiHmg nimmt; sie soll nicht zum Schauplatz von Kämpfen werden. die mit den eigentlichen jüdischen Wessnsfrasen nichts zu tun haben. Doch eines sollte jeder Mensch wissen, dem die Ehre zuteil wird, für eine jüdische Gemeinde in unserer Zeit wirken zu dürfen: Die Epoche, da man Grundfragen des Judeseins ausweichen konnte, ist für immer vorbei. Und berücksichtigt man ferner die seit Beginn der Emanzipationsepoche vor etwa 150 Jahren angerichtete religiöse Verwüstung, das Chaos innerhalb des traditionellen Lebens, das Fehlen der Autorität, die Tatsache, dass sehr viele nicht mehr die religiöse Ueberzeugung bei der jüdischen Fahne hält, sondern nur jüdischer Lebenswille, also jüdisches Natioialbewusstsein. dann wird man nicht auf ausgetretenen Pfaden von 1925 etwa gehen dürfen, sondern deutlich aussprechen müssen: Wird dieser jüdische Lebenwsille genährt an jüdischem Kulturgut, an Kenntnis der hebräiscrven Sprache und der jüdischen Geschichte, an brüderlichem Gefühl und Arbeit für die Gesamtheit des Volks, dann wird er auch der religiösen Tradition weitgehend Rechnung tragen und dadurch Volk und Religion erhalten helfen. . Kann und wird sieh dieser jüdische Lebenswille in Israel und in der Diaspora frei auswirken, so werden die aus ihm aulsteigenden schöpferischen Kräfte dem ganzen Volk eine neue, höhere Lebensform aufprägen. Das religiös-fortschrittliche Judentum beruft sich auf die sehr bedeutende Figur von Rabb. Leo Baeck s. A., nicht immer mit Recht. Baeck. gewiss religiös liberal eingestellt, lebte tief in religiös-überlieferten Lebensformen. Das häufig zitierte Wort vom jüdischen Lebensstil stammt von ihm. Den religiösen Radikalismus verovarf er mit dem Satz: „Kein echter Liberaler kann ein Radikaler sein.“ Viele, die sich auf ihn berufen las-en gern ausser Acht, dass der damals erst 24jährige Rabbiner von Oppeln sich von den berüchtigten Protestraobinern von 1897 distanzierte, dass er schon um 1920 eine direkte Beteiligung der damaligen deutschen Judenheit am Aufbau von Erez Israel forderte, dass er den Keren Hajessod (unsere heutige Campafia Unida) aus voLcm Herzen bejahte, dass in seiner Berliner Wohnung zwischen 1926 und 1928 entscheidende Besprechungen um die erweiterte Jewish Agency stattfanden, dass ihn Hefe Freundschaften mit namhaften zionistischen Persönlichkeiten verbanden, und dass wichtige Männer an der .spitze des „Centraivereins“. der „Vereinigung für Liberales Judentum“ und des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ in jener Epoche vor 1933 Baecks Haltung und reinen jüdischen Weg zum ganzen Volke hin mit aller Schärfe ablehnten, was ihn nicht zu beeinflussen vermoente. Sein Telegramm an Chaim Weizmann (1937) sei unvergessen: „Lieber einen kleinen Judenstaat als keinen; Erez Israel ist niemals zu klein für unsere grosse Liebe.“ vn. Jede echte jüdische Jugenderziehung schliesst in sich die Verpflichtung der Gemeindeführung ein, alles zu tun, um die Wanderung möglichst vieler junger Menschen nach Israel und ihre dortige Einordnung zu fördern. D'^se Verpflichtung ist ein Teil der jüdisch nationalen und jüdisch-religiösen Gesamterziehung. Man hüte -ich davor, die jüdische Jugend zu verwirren, sondern sage ihr offen: Treue und Loyalität zum Gcburts- oder Wvimlande, im jüdischen Volke zu allen Zeiten se,bs verständlich, steht in keinem Gegensatz zur vollen Hingslie an das jüdische Volk über die Landesgrenzen hinaus. Der moderne Staat versteht dies, d.enn er weiss, dass ein Mensch mit ganzem Herzen einer Gruppe zugetan sein kann, ohne die andere, die ihm so viel bedeutet, zu vernachlässigen. Die besten Juden aller Zeiten waren ganze Juden, im vollsten nationalen Sinne des Wor-es, und sehr gute Bürger, wo immer ihnen dies zu sein ermöglicht wurde. Nur, wer für die Erhaltung des jüdischen Volkes und tur die Bessergestaltung seiner Lebensbedingungen aroeit-L nur ein solcher Jude arbeitet auch für die Erhaltung und Erhöhung der jüdischen Lehre, für die relig-öse Wiedergeburt und für die Entwicklung eines blühenden Gemeindelebens. Das bedeutet ,,Jüdische Volksgemeinde“, . . CURT W11JK

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