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Jüdische Wochenschau · 1962-09-28 · 1979 (28.9.1962) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
23 (1962)
Issue
1979 (28.9.1962)
Date
1962-09-28
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German, Spanish
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Vieroes, 28 de Septieiribre d« 1902 SK MA NA ISRAELIT A Ano XXIII. — No. 19<9 -- J5 Das Jahr 1912, das dem \ Jahr der Marokko - Affäre; mH ihren gefährlichen Span i nungen folgte, brachte andere, neue Komplikationen: i lm Februar kam der briti-1 sehe Kriegsminister Lord j Haldane zum letzten Mal nach Berlin in der Hoffnung, •Mi einem Ausgleich mit Deutschland zu gelangen, durch das dem beiderseitigen Flottenwettrüsten ein Ende gemacht werden könnte. Englands ehrliche Bemühungen schlugen fehl. Während des ganzen Sommers war Europa von einem Weltkrieg bedroht; zum ersten Mal geeinigt, stand der Balkan im Begriff, loszuschlagen. lm Oktober 1912 griffen die christlichen Balkan- , Staaten Serbien, Montenegro, Rumänien, Bulgarien und Griechenland die mohammedanische Türkei an und errangen einen vollen Erfolg, der die Türkei den grössten Teil ihres europäischen Besitzes kostete. (Im 2. Balkankrieg, 1913, rauften sich die Sieger um die Beute; alle standen gegen Bul garien, das vernichtend geschlagen wurde). Eine Botschafterkonferenz zu London setzte den Balkankrie gen ein Ende, aus denen ein neuer Staat, Albanien, hervorging. Doch die gesamteuropäische Spannung dauerte fort. »IE JUEDISCHE WELT IM JAHRE 1912 Im zaristischen Russland inszenierten das Justizministerium und die berüchtigten „Schwarzen Hundert“ einen grossen sog. Ritualmordprozess, wobei ein gewisser Mendel Beilis der Tötung eines 12jährigen Jungen beschuldigt wurde. Eine furchtbare antisemitische Heize griff weit über Russland hinaus und liess erst nach, als im folgenden Jahre selbst jenes käufliche Gericht die Unschuld des Angeklagten zugeben muss te. (Beilis starb 1934 in New» York). Auch aus- Rumänien kamen ungünstige Nachrichten über die jüdisch» Bevölkerung. und immer wieder wandten sich einflussreiche jüdische Persönlichkeiten Amerikas und Englands an die Königin Elisabeth von Rumänien (als Schriftstellerin unter dem Pseudonym Carmen Silva bekannt), um ihre Vermittlung zugunsten einer Besserung der jüdischen Situation zu erbitten. Dagegen konnte die junge zionistische Bewegung auf praktische Erfolge hinweisen. Die ein' Jahr zuvor erfolgte Umbildung der Weltleitung, die von Köln a. Rh. nach Berlin übersiedelt war und unter der tatkräftigen, ganz auf praktische Arbeit ausgerichteten Führung von Prof. Otto Warburg stand, 'bewährte sich ausgezeichnet und ermöglichte die langsa me Ausdehnung des zionistischen Siedlungswerkes, das im Jahre 1908 unter Dr. Artbur Ruppins Leitung begonnen hatte. Interessant ist auch, dass die Zahl der or ganisierten Zionisten in der Welt, errechnet nach den Schekelgeldern, vor nunmehr fünfzig Jahren 120.000 betrug. Damals kam es zu einer Einigung im Lager der Orthodoxie, die sich einen Weltverband schuf. Am 27. Mai 1912 erfolgte zu Kattowitz die Gründung des Weltver bandes „Agudas Jisroel“, der sich aus vielen Ländergruppen zusammensetzte. Ursprünglich sollte die Agudah keinerlei politischen Charakter haben, sondern nur der Wahrung der religiösen Interessen des streng Ihoratreuen Judentums dienen. An ihrer Spitze standen hervorragende, aufrichtig religiöse Menschen wie Jacob Rosenheim, Rabb. Pinehas Cohn, Dr. Meir Hildesheimer, Dr. Leo Deutsehlaender u. a. Doch später trat diese grosse Organisation in einen offenen Gegensatz zum ■“ '’«mus, insbesondere sei¬ ES GESCHAH VOR SO JAHREN nen religiös - konservativen Flügel, den „Misrachi“, und diese Kämpfe dauerten bis in die Zeit der Naziverfolgnngen an. Das amerikanische Judentum spielte damals noch längst nicht jene bedeutsame Rolle,,in die es die Nachkriegszeit dann führen sollte. Jrl jenem Jahre 1912 übernahm Prof. Woodrow Wilson die Präsidentschaft der USA, die im Kriege erneuert wurde und diesen Mann vor weltgeschichtliche Entscheidungen stellte. Dieser wahre Friedensfreund, 1919 mit dem Nobelpreis für Frieden ausgezeichnet, zählte den New Yorker Rabbiner und führenden Zionisten Dr. Stephen S. Wise zu seinen intimsten Freunden. DAS DEUTSCHE JUDENTUM VON 1912 Das damalige deutsche Judentum stand, zunächst äusserlich gesehen, auf der sicheren Grundlage voh Recht und Verfassung in al ien 25 Bundesstaaten und dem „Reichsland“ Eisass- Lothringen, während es in der Praxis Unterschiede gab. In Bayern, Baden, Hessen z. B. besassen die jüdischen Bürger gewisse Rech te, die ihnen anderswo noch nicht zuerkannt waren. Den 11. März 1912 begingen die Juden in Preussen, wo drei Fünftel aller deutschen Juden lebten, als einen Festtag zur Erinnerung an das berühmte Edikt, das der Staatskanzler Fürst Hardenberg hundert Jahre zuvor durch König Friedrich Wilhelm II. hatte unterzeichnen lassen, und durch das die Juden staatsrechtlich den übrigen Bürgern gleichgestellt wurden. (Ueber die späteren Emanzipationskämpfe ist an dieser Steile unter dem Titel ,,150 Jahre Emanzipation" ausführlich berichtet worden.) Die äussere Position war glänzend. Die kaiserliche Gnadensonne schien einigen ausgezeichneten Männern, die sich nicht vom Juden tum getrennt hatten: Albert Ballin, Emil und Walther Rathenau, Dr. James Simon und Geh. Justizrat Dr. Oscar Cassel erfreuten sich der Huld Wilhelm II., der den Hamburger Reeder als seinen Freund bezeichnefe. (Ein Jahr zuvor hätte Ballin unter der Bedingung der Taufe preussischer Handeisminister werden können.) Im gleichen Jahre 1912 verlieh der Kaiser dem Präsidenten der Berliner Handelskammer Wilhelm Herz anlässlich seines 90. Geburtstages den Titel „Wirklicher Geheimer Rat“ mit dem Prädikat Exzellenz. Das Gemeindeleben war ein reges, wenn auch einseitig beherrscht. Infolge des damals noch bestehenden einfachen Puralwahlrechtes besass die Mehrheit in allen Körperschaften (mit Ausnahme der orthodoxen Sondergemeinden natürlich) die Religiös-Liberale Partei, die seharf antizionistisch einge stellt war, da und dort den Gemeinde - Konservativen Konzessionen machte, der jüdisch national gesinnten Minderheit jegliches Mitbe stimmungsrecht dagegen versagte. So kämpften die zionistischen Gruppen in einigen Grossgemeinden innerhalb von „Neuen Jüdischen Gemeindevereinen“ gegen die Vergewaltigung durch die Mehrheit; erst die ,,Weimarer Republik“ machte der liberalen, assimilatorischen Vorherrschaft ein Ende. Da jedoch der Gegensatz zwischen denjenigen libera len, religiös-fortschrittlichen Juden, welche die Dinge ernst nahmen, also im we ¡■entlicben den Rabbinern der liberalen Richtung, und von Cl) HT W ILK den Laien, die oftmals „liberales Judentum“ zum Vorwand nahmen, um sich von allen jüdischen Bindungen zu befreien, der Kontrast unüberbrückbar schien, so entschloss man sich zur Aufstellung liberaler Nor men. 50 JAHRE „RICHTLINIEN“ Auf der Hauptversammlung der aus 8.000 Mitgliedern bestehenden „Vereini gung für liberales Judentum“ zu Posen im Sommer 1912 wurden, nach jahrelanger Vorbereitung, die sogenannten „Richtlinien“ angenommen und als Mindestbasis für jüdisch-religiöses Leben angesehen. Durch sie wurde eine hundertjährige Entwicklung sanktioniert. Alle deutschen liberalen Rabbiner mit drei Ausnah men, solchen Rabbinern, die sich dem Zionismus angesehlossen hatten, billigten diese Prinzipien, die vielleicht für die religiöse Entwicklung ausserhalb der Orthodoxie ein» Bedeutung hätten erlangen können, wenn sie vom Laienpu'blikum mit Ernst angenommen worden wären. Dies war nicht der Fall, und die ganze grosse, mit viel Geistesarbeit und jüdischer Begeisterung ins Leben gerufene , Riehtlinien-Bewegune“ versandete völlig; das breite jüdische „liberale“ Publikum nahm sie einfach nicht zur Kenntnis. In jenem Jahre 1912 errichtete man in Essen (Ruhr) eine Synagoge, die fortan als die schönste Deutschlands galt, während in Berlin, kurz vor Rosch haschana des gleichen Jahres die grosse liberale Synagoge in der Fasanenstrasse eingeweiht wurde. Bald danach erfolgte ihre Besichti gung durch Wilhelm II. Hierzu schrieb das „Berliner Tageblatt“ am 31. Oktober 1912: „Der Kaiser in der Syn Egoge Fasanenstrasse: Die vor kurzem eingeweihte Synagoe in der Fasanenstrasse zu Charlottenburg, die ein Werk des Architekten Hessel ist, erhielt heute Nachmittag um 2 Uhr 30 den Besuch des Kaisers. Der Besuch galt vor allem dem Trausaal der Synagoge, der mit Kadiner Kacheln ausgelegt werden soll und vorläufig das dekorative Bild des Kachelbelages in farbigem Gips enthält. Um 2 Uhr 30 traf der Kaiser im offenen Automobil vor der Synagoge ein. Zum Empfang hatten sich der Vorstand der jüdischen Gemeinde, die Herren Jacobi, Kommer zienrat Eisner, Sanitätsrat Dr. Stern, ferner Herr James Simon eingefunden. Nach einer kurzen Begrüssung begab sieh der Kaiser in das Innere des Gotteshauses, wo er die einzelnen Räume und den Trausaal besichtigte. Der Kaiser, in dessen Gefolge sich Geheimrat v. Valentini und zwei Fiügeladjutanten befanden, sprach sich sehr lobend aus- und erklärte, dass der Bau einer der schönsten sei. den er jo gesehen habe. Er liess sich darauf das Allerheiligsto zeigen, eine Thorarolle aufwickeln und sich aus der Schrift vorlesen.“ An dieser neuen Gemein desynagoge amtierte auch fortan Rabb. Dr. Leo Baeek. der in jenem Jahre 1912 aus Düsseldorf, wo er fünf Jahre amtiert hatte, nach Berlin berufen worden war; durch drei Jahrzehnte, bis zu seiner Deportation zu Anfang des Jahres 1943, war er berliner Gemcinderabbiner, zugleich, ebenfalls seit 1912, Dozent für Midrasch. und Homiletik an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“. Im gleichen Jahre starb Baecks gelehrter Vater, Rabb. Dr. Samuel Baeck, Lissa (1837 bis 1912), als Verfasser einer jüdischen Geschichte und auch als Forscher bekannt; sein 50 .Todestag ist Anfang Juni gewesen. Und in dieser Verbindung soll erwähnt sein, dass zwei jüdische Schriftsteller, im deutschen Kulturkveis sehr populär, Arthur Schnitzler und Ludwig Fulda am 15. Mai bzw. 15. Juli 1912 ihre 50. Gebutrstage unter Anteilnahme der weiten Oeffentlichkeit (Festaufführungen ihrer Werke in den Theatern) begingen. MISSKLAENGE Nicht einen Augenblick lang gab es eine Unterbrechung der antisemitischen Hetzereien durch die Alldeutschen, den rechten Flügel der Konservativen, durch gewisse Gruppen innerhalb der Junkerkaste und der chauvinistischen Verbände. Als während dieses Jahres 1912 der damalige preussische Kriegsminister General von Heeringen. ein späterer Heerführer im Weltkrieg, im Reichstag von sozialdemokratischer Seite aus interpelliert wurde, weshalb Preussen sich noch immer nicht dazu entschiiessen könne, geeignete Anwärter jüdischen Glaubens als Reserveoffiziere zuzulassen, gab er, unter stürmischen Protestrufen der Linken und des Zentrums, doch unter lebhaftem Beifall der Rechten, die Erklärung ab. dass — „auf den Gedenktafeln der Gefallenen aus den Kriegen 1864. 66 und 70/71 die Namen Cohn und Manasse nicht zu finden wären“. Diese infame Lüge, die der Minister wahrscheinlich ohne Nachprüfung übernommen hatte, konnte nicht aufrecht erhalten werden. Doch kein offizielles Dementi vermochte den niederschmetternden Eindruck dieser Regierungerklärung. 100 Jahre nach der „Gleichberechtigung“, aus der Welt zu schaffen. Und es war im gleichen Jahre, als sich der grosse Philosoph Prof. Dr. Hermann Cohen, aus Marburg, wo er 36 Jahre lang als Ordinarius gewirkt hatte, nach Berlin, in den Ruhsstand zurückzog. In Preussen hatte Cohen als Jude keine ordentliche Professur erlangen können; so war er einst nach Marburg (Hessen) gekommen. Dies sind einige der bedeutsamsten Rückblicke auf das Jahr 1912, das vorletzte Jahr der Friedensepoche, deren Abschluss der Erste Weltkrieg war. Es dürfte lohnend sein, zuweilen auf 50 Jahre jüdischer Geschichte, die hinter uns liegen, zurückzuschauen. Das Leo Baeck Institut sucht DOKUMENTE-URKUNDEN CHRONIKEN DILDER über die Geschichte des ehemaligen deutschen Judentums sammelt das LEO BAECK-INSTITUT PUBLIKATIONEN DES LEO BAECK INSTITUTES SCHRIFTENREIHE WISSENSCHAFTLICHER ABHANDLUNG!* DES LEO BAECK INSTITUTES C. B. MOHR (PAUL SIEBECK) TU EBING EH YEAR BOOK VI I960 — VOM L.B.-INSTITUT HERAUSGEGEBEN: BY THE EAST AND WEST LIBRARY, LONDON mit einer Fülle hervorragender Beitrage in englischer und deutscher Sprache. (416 Seiten) WERDE AUCH DU MITGLIED des Leo Baeck-Instituts Anmeldungen bei Herrn CURT WILK, Moreno 2256. und im Büro der JUEDISCHEN WOCHENSCHAU. Pueyrredon 2190. 1. i*q. (83/2613)

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