Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1967 (6.7.1962)
- Date
- 1962-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PUEYRREDON 2190 — 1? izq- £a JkmxxnaJshJCiJzliia T E. 832613 *no XXIII. BUENOS AIRES. VIERNES 6 DE JUEIO I)E 1962 No. 1967 Gelenkter Antisemitismus II. Sw.: — Es ist eins müssige Frage, ob es Länder gibt, die frei von Antisemitismus sind. Die Antipathie gegen die Juden hat ihren Ursprung in alten Vorurteilen. Aber es sind nicht nur Vorurteils, die den Judenhass schüren, der gewiss zu einem guten Teil „gefühlsmässig“ fundiert ist. Antisemitismus ist eine Krankheit, von der die meisten Völker befallen sind, unter der aber in erster Linie nicht die Erkrankten, sondern die Juden leiden. Judenhass bleibt eines der ernstesten Symptome der Fäulnis, von der das gesellschaftliche Leben unseres Jahrhunderts zersetzt ist. Es wäre ein Fehler, wollten die Juden glauben, sie seien nur Ob- I jekte des Antisemitismus, bedauernswerte Opfer einer , negativen Einstellung der I Majorität gegenüber ihrer, der jüdischen Minorität. So einfach allerdings liegen die Dinge nicht. Viele kleine und umfangreiche Abhandlungen sind über den Antisemitismus geschrieben worden. In langen Analysen wurde das Problem in seine vorhandenen und fiktiven Bestandteile zerlegt. Es wurden zwischen den verschiedenen Formen des Antisemitismus unterschieden, die sich eher mit den Motiven als mit den Ursachen beschäftigen. Es wurde vom religiösen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen, intellektuellen und rassischen Antisemitismus gesprochen. Aber wenn man Versucht, ein Fazit zu ziehen und all die klugen und umschreibenden Worte auf einen Nenner zu bringen, so bleibt immer das gleiche, disharmonische Lied des blinden Hasses: ,.Der Jude ist schuld“. Er ist schuld am Kapitalismus wie am Kommunismus, an allen negativen Erscheinungen, die irgendeiner Gruppe nicht gefallen, an allem Bösen und an allen Schwierigkeiten, am Pazifismus wie an den Kriegstreibereien, am Expressionismus wie am Realismus, am Mädchenhandel nie am schwunghaften Schmuggel mit Drogen oder Waffen. Wo es gilt, Kritik an betrüblichen Vorgängen zu üben, wird .,der Jude“ verdächtigt, obwohl all diese traurigen Vorgänge nichts mit ,,den Juden“ zu tun haben. Als die Welt noch im Zei chen der Sklavenwirtschaft stand, hat das Judentum freiheitliche Gesetze für die Grundprinzipien des selbst heute noch gültigen Arbeitsrechtes aufgestellt, um nur eines von vielen Beispielen herauszugreifen. Als die grossen Staatsleule der Völker den Kriegsgott feierten, haben die Propheten Israels vom ewigen Frieden gesprochen und der Menschheit Ideale geschenkt, die heute noch nicht von schöneren und höheren ersetzt werden I konnten! Diese Debat‘e wird von j jüdischer Seile immer wieder in der trügerischen Hoffnung j eröffnet, dass die Antisemi WIE ¡CH ES SEHE Wohin sie der Hass führt von JEHUDA GOTTHEIMER i. Lebensmaxime Der Hass als ein bewegendes, politisches Prinzip, als Lebensmaxime für ein Volk ist ein Produkt unseres an Dekadenz - Erscheinungen überreichen Jahrhunderts. Grausam war das Erwachen der Menschheit nach einer beinahe 40jährigen Epoche des Friedens, die durch den Beginn des Er slen Weltkrieges jäh unter brochen worden ist. Als das Deutsche Kaiserreich die Waffen streckte, herrschte ein Chaos. Das zaristische Russland war bereits ein Jahr zuvor zusammengebrochen und in die Hände der Kommunisten gefallen. Als man damals davon sprach dass dies zehn Tage gewesen seien, die die Welt erschütterten, konnte niemand voraussehen, wie lange dis Sowjets regieren Werden. In diesen beiden Fakten aDer, — in der Beseitigung des Zarismus und die Begründung der kommunistischen Herrschaft sowie in der Vernichtung des kaiserlichen Deutschland —. ist der Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung zu suchen. Die Welt war nicht vorbereitet, als der Umsturz erfolgte. Hilfslos stand man dem Phänomen des Bolschewismus gegenüber, dessen Führer von der deutsch-kaiserlichen Heeresleitung nach Russland geschleust worden waren, um den Zaren zu stürzen. . Auch das war nur ein Reflex der allgemeinen Verwirrung und der Unklarheit über den weiteren politischen Weg und die Zukunft Europas. Hilfslos standen die Siegermächte der Entwicklung in den besieg- Synagogenschaender verurteilt Miami. — Ein Beamter der Stadtverwaltung von Mitmi wurde für zwei Versuche, eine kleine Synagoge dieser Stadt in die Luft zu sprengen, für die beiden gegen ihn erhobenen Anklagen zu je drei Jahren Ge fängnis verurteilt. Der 26jährige Donald Brauch wurde schuldig erklärt, Sprengstoff i.i seinem Besitz und diesen benutzt zu haben. Das Gericht beriet weniger als drei Stunden, nachdem ihm die Beweise vorge:egt wurden, unter denen sich Tonbandaufnahmen von Unterhaltungen befanden, die zwischen Branch und Ste fan Plumacher, einem Geheimagenten, der sich als Komplize ausgab, geführt worden waren. In diesen Gesprächen kann man die ordinäre Sprache und brutalen antisemitischen Aeusserungen des Branch hören. Die Tonbandaufnahmen wuiden von dem Rechtsanwalt Richard Gerstein dem Staatsanwalt des Dade Bezirks vorgelegt, um den Beweis zu erbringen, dass sieh Branch mit dem Geheimpolizisten verschworen hatte, um am vergangenen 23. April die Anschei Emes-Synagoge zu sprengen. Branch wird sich am 23. Juli nochmals vor Gericht für das Sprengstoff-Attentat auf das Haus des Direktors des Miami Ilcrald. Don Shoemaker. im vergangenen Februar zu verantworten haben. Für diese Anklage kann Branch mit einer zusätzlichen Strafe von 20 Jahren Gefängnis rechnen. (IT.\i ten Staaten gegenüber. Sie i I verstanden nicht die Bedeuj tung einer Umwälzung, die ■ durch den Krieg ausgelöst i werden war und nun alles in! ihren Strudel riss. Es gab nichts, das an die Stelle des Alten, des Gestürzten treten konnte. Man wusste zwar, dass niemand dem Gewesej nen nachzutrauern brauchte aber das schlechte Wasser war ausgeschüttet worden, bevor überhaupt irgendein anderes Wasser zur Stelle war. Not und Elend waren die Folgen. In den beiden be siegten Ländern des Ersten Weltkrieges entwickelten sich Staaten nach neuen Prinzipien, autoritäre Staaten, Diktaturen, die mit den gleichen Methoden arbeiten und nach der Macht über die übrige Welt streben sollten. Deutschland versuchte zwar nach der ersten Katastrophe, den Weg einer freiheitlichen Demokratie zu bej schreiten. Hierfür jedoch i fehlten die inneren wie die I äusseren Voraussetzungen, i Die Siegermächte verstan j den das Gebot dir Zeit nicht.. Anstatt der jungen und schwachen Republik zu helfen, machten sie Schwierigkeiten. Den neuen Män-! nern wurden die Fehler ih-! rer Vorgänger vorgeworfen, deren Gegner sie selbst gewesen sind. Auf dem Nährboden der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, des Mangels an Arbeit und Brot wuchs der Hass gegen diejenigen. die angeblich an dieser Not schuldig waren oder von Dimagogen als die Verantwortlichen hingestellt wurden. So entstanden die Lügen vom ..Dolchstoss in den Rükken“, von ,,Ini Felde unbesiegt“, von der Schuld der Franzosen, die von Hitler als Affenvolk bezeichnet wurden, von der Minderwer- | ligkeit der östlichen Völker, vom ,.deutschen Adel des l Blutes“ und vom Einfluss ten hiermit überzeugt werden könnten. Antisemitismus ist für viele aber ein glänzendes und, einträgliches Geschäft. Politische Abenteurer, die nach Macht streben. greifen gern zum alten Waffenarsenal des Antisemitismus, besonders dann und dort, wo die Entwicklung wenig zufriedenstellend ist, wo Schwierigkeiten auftreten, wo Wirtscnaftskrisen herrschen, wo die Bevölkerung unzufrieden ist, wo die Verantwortlichen, anstatt ihre Unfähigkeit einzustehen, sich einen Schuldigen suchen. Dann greift man zur bewährten Methode und legt wieder die alte Platte auf: ,.Der Jude ist schuld.“ Man macht es sich leicht und spekuliert damit, durch Verleumdung, politische Hetze und Entfachung niedriger Instink'e von der eigenen Unfähigkeit abzulenken und die eigene Schuld zu vertuschen, indem man einfach auf die Juden zeigt: sie sind schuld. Sie waren an der Pest und an den ..Brun nenvergiftungen“ schuld, sie tragen die Verantwortung für Trockenheit und Missernte, für Deviser.sturz wie für die Spekulationen. Begleitet vom Säbelgerassel wird dem Volk eine Lösung serviert, die eine Mischung von Ueberheblichkeit und Brutalität darstellt. Der Volksbetrug, von denen begangen. die an der Macht sind, wird anderen zugesehoben, denen, die nicht mehr an der Macht bleiben konnten: ihnen wird Konspiration mit den Juden vorge worfen, bis dann die nächste Regierung kommt, neue Skandale aufdeckt und alles vom neuen Eindruck begangener Verfehlungen überdeckt wird. Für manche mag es überraschend sein, dass es hier in Argentinien zu einem hemmungslosen Ausbruch des Antisemitismus gekom men ist. obwohl die Entwicklung vorauszusehen war; nur wollten viele nicht wahrhaben, was ihnen unbequem zu hören war. Es war wieder die alte Melodie, die man in Europa so oft hörte: Bei uns ist so etwas nicht möglich .. Dabei seilten wir doch gelernt haben, dass eine Inflation der günstigste Judenhass absurd, sagt Innenminister Dr. Adrogue ■ Innenminister Dr. Carlos Adrogue gab vorgestern I Abend eine Erklärung ab, die über den Rundfunk und! das Fernsehnetz übertragen wurde. U. a. führte er! folgendes aus: ..Dis schwierige Lage, in der sich das Land ge- | genwärtig befindet, wird noch durch die Spannung | erschwert, die von antidemokratischen Eieme iten I geschaffen wurde, welche die Nachfolge des Nazis-! nius und dazu noch seinen niedrigsten Ausdruck, den 1 Antisemitismus, übernommen haben. Ohne aut einen oder zwei Fälle einzugehen, die die Justiz aufkirren wird, da sie die einzig hierzu berufene Instanz ist, steile ich fest, dass di- Angriffe auf unsere jüdischen Mitbürger, auf die ihrem Kult geweihten Gotteshäu ser, auf die von ihnen geschaffenen Wohlfahrts-Organisationen, ihre Institutionen und Privat Wohnungen der argentinischen Lebensauffassung unwürdig, und bei dem heutigen Stand unserer Zivilisation unannehmbar sind. Der Antisemitismus ist ausserdem in einem über wiegend katholischen Land wie Argentinien absurd denn er steht im Widerspruch zu den Worten und Gefühlen Seiner Heiligkeit des Papstes Johannes XXIII. und der hohen kirchlichen Würdenträger Argentiniens. Es erübrigt sich, auf die fruchtbaren und emsigen Bemühungen von Hunderttausenden unserer jüdischen Mitbürger hinzuweisen, um die Unverantwortlichkeit dieser Angriffe zu unterstreichen, die unser Vater.and beleidigen und der Welt ein entstelltes Bild von Argentinien bieten. In meiner Eigenschaft als Innenminister erkläre ich allen denen, die argentinischen Boden bewohnen, und allen, die seine Bürger sind, dass die Landesregierung die Verpflichtung übernimmt, diesen schändlichen Aktionen ein Ende zu setzen, und ich versichere, dass die Bundespolizei, aus Ueberzeugung und aus Pflicht eingeschrilten ist und dies auch weiterhin tun wird, um diese Ziele in die Tat umzusetzen.“ i Nährboden für die Giftpflan-! ze des Antisemitismus ist. I Das zeigt sieh hier wieder. Während das Volk deutlich sagte, wer nach seiner Mei nung Schuld und Verantwortung an dieser Entwicklung trägt, haben die Angeklagten den Spiess umgedreht und finden, wie sie glauben, den schwächsten Teil, die Juden. Antijiidische Parolen waren immer populär. Warum sollen sie es nicht auch heute sein? Nach bewährten Rezepten werden einige Verbrecher, die entweder wirklich Juden sind oder zu solchen deklai riert werden, als Expon-n- | ten des Judentums ange- 1 prangert. Das haben die Nazis schon getan: ein Katis-! ker wurde aus der Anonymi tät seines Lebens gerissen '■ und zum Schwerverbrecher! gestempelt, um durch diesen | einen Uebeltäter das ganze | Judentum zu treffen. Alle , Juden werden für die tatsächlichen oder behaupteten Vergehen einzelner verantwortlich gemacht. Als man dagegen die Deutschen nach dem Krieg als ein Volk der Mörder bezeichnete. protestierten nicht nur sie dage gen, dass man sie alle für; die Verbrechen der Nazis j verantwortlich machen wiir-! de. Man solle nicht verall-; gemeinern. Aber die Juden werden heute bereits wieder der Juden. denen nun schlechthin alle Fehler und Verbrechen, alle bösen Eigenschaften und Verantwortung angehängt wurden, die man nur ersinnen kann So entstand der hemmungslose, blinde Antisemitismus der Nazis, der seinen furchtbaren Ausdruck im Rassenhass gefunden hat. Durch eine schreiende Propaganda und-mit allen Machtmitteln eines grossen Staates wurde schliesslich der Hass gegen die Juden zur Lebensmaxi me des Volkes gemacht. Der Weg zu Massenmord und Massenraub war freigelegt. Der Hass, der zunächst gegen die Juden gesät wurde, griff dann auf alle anderen über, die nicht zur Herrenrasse gehörten: er wandte sich gegen die Franzosen ebenso wie gegen die Polen; denn Hass kennt kei ne Grenzen. Die Nazis hassten die ganze Welt, die sie erobern wollten. Antisemitismus in vielen Ländern. Die Gefühle des Hasses werden geschürt. Man sucht vielerorts einen Schuldigen, um vor der Oef fentlichkeif und mitunter vor sich selbst sein Versagen zu verbergen. Wieder soll der Hass zur Lebensmaxime erhoben werden. Hat man wirklich nichts ijünzugelernt. dass Hass alle Grenzen überschreitet und neues Unheil über alle zu bringen droht? II. Heu’e begegnen wir einem neuen Aufflackern des Oradour Dass Hass keine Grenzen kennt, soll noch einmal durch ein Beispiel in die Erinnerung zurückgerufen werden. Wir brauchen uns nicht mit der Aufstellung einer These zu begnügen. Die Ge schichte der letzten Jahr zehnte liefert uns viele Beispiele für die vernichtende Kraft des Hasses, der sich nicht auf ein Objekt, etwa (Schluss auf Seite 2von einem gelenkten Antisemitismus beleidigt, ohne dass die berufenen Stellen auch nur gegen die schwersten Ausschreitungen Vorgehen würden. Die Waffe des Antisemitismus ist ein zweischneidiges Schwert, das selbst die Nazis zerschlug, die ihrerzeit über eine beinahe unbegrenzte Macht verfügten. Schon hört man deren Leitsätze, selbst in offiziellen Verlautbarungen, so u. a., dass nicht der Dieb, sondern der Bestohlene die Schuld trage, dass nicht die Juden Angegriffene, sondern Angreifer seien. Es fehlt nicht viel, und die Juden werden des Kommunismus bezichtigt werden, obwohl sicherlich keine andere Gruppe mit solcher Entschlossenheit ein kommunistisches Regime ablehnt wie wir, zumal die kommunistischen Doktrinen mit den Prinzipien des Judentums unvereinbar sind. Diese Welle des Antisemitismus diene allen zur W irnung. Die Antwort auf jeden Antisemitismus wird stets ein mutiges, effenes und volles Bekenntnis zur Grösse und Erhabenheit unseres Judentums sein. Handels-Mission aus USA Tel Aviv. — Nach Abschluss eines vierwöchigen Besuches in Israel arbeitete eine offizielle Handelsmission aus USA Pläne aus, in deren 362 israelische Unternehmen als interessante Objekte für nordamerikanische Exporteure und Kapitalisten empfohlen werden. Wie es scheint, waren die Mitglieder der Delegation der Ansicht, dass ein Aufenthalt von vier Wochen zu kurz sei um die in Israel vorhandenen Möglichkeiten zu erschöpfen, so dass wahrscheinlich die Ensen düng einer weiteren Mission in Vorschlag gebracht werden dürfte damit diese ausgedehntere Studien durchführt. Die jetzige Mission fertigte eine Liste vou rund 150 Unternehmen an, die für Kapitalanlagen von Geldgebern aus USA besonders geeignet erscheinen. (ITA1